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JFK – Tatort Dallas [1991]

Wertung: 6 von 6 Punkten  |   Kritik von Lars Adrian  |   Hinzugefügt am 29. Juli 2002
Genre: Thriller / Drama / Dokumentation

Originaltitel: JFK
Laufzeit: 183 min. (Director's Cut: 206 min.)
Produktionsland: USA / Frankreich
Produktionsjahr: 1991
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Oliver Stone
Musik: John Williams
Darsteller: Kevin Costner, Kevin Bacon, Gary Oldman, Tommy Lee Jones, Sissy Spacek


Kurzinhalt:
Die Welt stand still an jenem Freitag, dem 22. November 1963, als um 12:30 Uhr Ortszeit in Dallas, Texas (USA), US-Präsident John Fitzgerald Kennedy von mehreren Kugeln getroffen wurde und kurze Zeit später seinen Verletzungen erlag. Die Bestürzung der gesamten Weltbevölkerung war groß und alle Menschen waren froh, als der mutmaßliche Täter Lee Harvey Oswald (Gary Oldman) festgenommen wurde. Die Wut der Menschen ließ nach, als Oswald von Jack Ruby vor laufenden Kameras erschossen wurde, immerhin glaubte man, den alleinigen Schuldigen zur Strecke gebracht zu haben.
Jim Garrison (Kevin Costner) ist leitender Bezirksstaatsanwalt in New Orleans, wo Oswald einige Kontakte gehabt haben soll; immerhin wurde behauptet, er habe für Kuba propagiert. Doch Garrisons Aufgabe, die sich um die Aufklärung von Oswalds Hintergrund dreht, wird überflüssig, als Oswald stirbt.
Drei Jahre später, 1966, rollt Garrison mit seinen Mitarbeitern den Fall wieder auf und stößt dabei auf Vertuschungsaktionen, Intrigen und Verschwörungen, die bis hinauf in die höchsten Ebenen zu reichen scheinen. Clay Shaw (Tommy Lee Jones) soll maßgeblich an dem Attentat auf Kennedy beteiligt gewesen sein, das von Oswald allein anscheinend gar nicht ausgeführt werden konnte. Die Warren-Kommission, die von der Regierung nach dem Attentat mit der Aufklärung beauftragt wurde, hat - wie Garrison herausfindet -  Beweise manipuliert, Zeugen beeinflusst und viele aussagekräftige Spuren nie verfolgt.
Doch Garrisons Vorsatz, den Fall unter allen Umständen aufzuklären, gerät ins Wanken, als sowohl seine Arbeit, als auch seine Familie zunehmend unter Druck gerät. Er entfremdet sich immer mehr von seinen Kindern und seiner Frau Liz (Sissy Spacek), und nicht zuletzt sterben seine Zeugen nacheinander unter mysteriösen Umständen.
Die Chancen, den Fall gegen Shaw, der vorrangig angeklagt wird, zu gewinnen, und die Verschwörung zum Attentat auf Kennedy aufzudecken, sinken mit jeder verstrichenen Minute.


Kritik:
Als JFK – Tatort Dallas 1991 in die Kinos kam, sah sich Regisseur Oliver Stone im Kreuzfeuer der Kritik. Ihm wurde vorgeworfen, Fakten zu verdrehen, reine Spekulationen als Tatsachen darzustellen und vor allem stilistisch den Zuschauer zu manipulieren, indem er zum Beispiel Spielszenen in Schwarz/Weiß in den Film integriert und dadurch den Eindruck erwecken würde, es handele sich um tatsächliche Realaufnahmen.
Dem Erfolg des Filmes tat dies glücklicherweise keinen Abbruch: Bei einem Budget von relativ geringen 40 Millionen Dollar spielte er weltweit über 200 Millionen Dollar wieder ein, Video-/DVD- und TV-Auswertungen nicht mitgerechnet. Und in einer Hinsicht waren sich Kinobesucher und Kritiker einig: Handwerklich und schauspielerisch gibt es an dem Film nichts auszusetzen.

Ob man nun den in JFK gezeigten Theorien Glauben schenkt oder nicht, der Faszination des Filmes kann sich wohl niemand entziehen.
Meines Erachtens gab es weder vorher, noch danach, einen Film der auf derart brilliante Weise Realität und Fiktion zu einem stimmigen Gesamtkunstwerk verwoben hat.
Das Erstaunliche ist dabei, dass es dem Regisseur trotz einer äußerst komplexen Story, die die Kenntnis von bestimmten geschichtlichen Zusammenhängen voraussetzt, gelingt, den Zuschauer über drei Stunden bei der Stange zu halten und zudem noch bestens zu unterhalten. Der Zuschauer darf sich aber von dem Gezeigten nicht einfach berieseln lassen, sondern muss in jeder Minute aufmerksam sein.
Jedes Wort, jedes einzelne Bild ist wichtig. Ob Namen, Orte oder Personen: Wer etwas verpasst, versteht am Ende die Zusammenhänge nicht mehr.

Stone setzt einen ganz besonderen Stil ein, bei dem man das Gefühl hat, er möchte das Maximum an Informationen in einem Minimum an Zeit unterbringen. Spielszenen werden mit Dokumentaraufnahmen übergangslos miteinander verschmolzen, egal ob in Farbe oder Schwarz/Weiß. Die Schnitte sind schnell, die Kamera fängt das Geschehen jedoch immer passend ein. Bisweilen hat man das Gefühl, eine Filmcollage zu sehen.

Dazu gesellt sich ein phänomenaler Score von John Williams, der hier eine seiner besten Arbeiten abgeliefert hat. Ob es sich nun um sanfte oder ergreifende Themen, die die Trauer und Beklommenheit der Nation unterstreichen, militaristisch angehauchte Trommeln bei den Attentatszenen, oder beunruhigend-disharmonische Klänge bei der eigentlichen Konspiration handelt, selten war die Filmmusik so komplex, wie hier. Zurecht wurde Williams für den Oscar nominiert.

Auch die Besetzung des Filmes ist erstklassig:
Kevin Costner überzeugt als Verfechter von Recht und Gerechtigkeit um jeden Preis und kann in der Rolle von Jim Garrison nahtlos an seine Leistung in Der mit dem Wolf tanzt [1990] anknüpfen. Es ist schade, dass er seit einigen Jahren keinen Erfolg mehr hat. An seinen schauspielerischen Fähigkeiten liegt es sicher nicht.

Darüber hinaus konnte Oliver Stone eine Vielzahl von Top-Darstellern – überwiegend in Nebenrollen oder Kurzauftritten – für JFK gewinnen, die allesamt zu Höchstform auflaufen: Joe Pesci, Gary Oldman, Sissy Spacek, Kevin Bacon, Jack Lemmon und Walter Matthau um nur ein paar zu nennen. Insbesondere Donald Sutherland als mysteriöser General X, der Garrison mit Top-Secret-Information versorgt, wird dem Zuschauer noch lange nach dem Film im Gedächtnis haften bleiben. Diese Szene ist für mich der Höhepunkt des Filmes und hier wird seine Kernaussage in einem grandiosen Quasi-Monolog komprimiert.

Die größte Leistung des Filmes jedoch ist es, den Zuschauer zum Nachdenken und Diskutieren anzuregen. Die Folgerungen, die Garrison zieht, mögen vielleicht (oder wahrscheinlich) nur reine Spekulation sein, und Oliver Stone hat sich sicherlich eine Vielzahl dramaturgischer Freiheiten genommen. Dass es aber viele Unstimmigkeiten hinsichtlich des Attentats auf Kennedy gibt, kann man eigentlich nicht mehr leugnen. Und sogar die meisten Experten halten die Theorie vom Einzeltäter Oswald heute für unglaubwürdig. Weshalb die verschiedenen Regierungen der USA den Fall trotz der vielen Zweifel nie wieder aufgerollt haben, bleibt nachwievor unverständlich.

Wirklich bedauerlich finde ich nur, dass Stone seitdem nie wieder die Messlatte erreicht hat, die er sich als Regisseur und Drehbuchautor mit JFK selbst gesetzt hat: Zum Beispiel waren zwar Natural Born Killers [1994] handwerklich interessant, Nixon [1995] schauspielerisch gelungen und An jedem verdammten Sonntag [1999] recht unterhaltsam, aber gerade der völlig überschätzte U-Turn – Kein Weg zurück [1997] zeigt, dass Stone seinen Stil mittlerweile nur noch zum Selbstzweck einsetzt, ohne dass es wie in JFK zur Handlung passt und auch um den Mangel von tatsächlichem Inhalt zu kaschieren.


Fazit:

Egal, was man von den Verschwörungstheorien des Filmes hält, JFK – Tatort Dallas ist ein intelligenter und außerordentlich spannender Thriller, den man gesehen haben muss. Oliver Stone ist ein Meisterwerk gelungen, das in seinem Genre außer Konkurrenz ist.
Auch beliebte TV-Serien (z.B. Akte X), die ähnliche Konspirationstheorien aufweisen, wirken gegen diesen Film wie naive Kindheitsphantasien.


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