skip to content

Blog

Der Blog stellt eine Art Internettagebuch dar, in dem die Mitglieder der Redaktion ihre Gedanken mit den Lesern teilen. Er bietet Einblicke in den Alltag und in die Themen, die die jeweiligen Autoren am meisten beschäftigen.
Für den Inhalt sind die jeweiligen Autoren verantwortlich. Auch spiegelt die Meinung eines einzelnen Autors nicht die Meinung der gesamten Redaktion wider.


Zurück
"Nichts ist so beständig wie der Wandel"
Treffpunkt: Kritik (Heraklit von Ephesus).
Früher war es so, dass man von den Mitmenschen eher belächelt wurde, wenn man einen gelb-roten Ansteck-Button mit der Aufschrift "Atomkraft? Nein danke" getragen hat. Heute lächelt niemand mehr, im Gegenteil: mehrmals pro Woche wird man von fremden Menschen angesprochen, auf der Rolltreppe, im Fahrstuhl, in der U-Bahn. Man wird gefragt, ob man nicht irgendwo noch einen weiteren Button hat, den man abgeben könnte. Früher konnten sich die Machthaber in den arabischen Ländern ihrer Macht sicher sein, Ausgangssperren wurden verhängt, Nachrichtensperren durchgesetzt. Heute demonstrieren jeden Tag tausende Menschen für ihre Freiheit und ihr Mitbestimmungsrecht, auch wenn sie dafür mit ihrem Leben bezahlen.
Man hat das Gefühl, als wäre die Welt nicht mehr die alte. So viele Dinge ändern sich derzeit in einer Geschwindigkeit, dass es schwer fällt, nicht den Anschluss zu verlieren – und nicht zu vergessen, was früher war. Über Nacht wird verkündet, dass einer der meist gesuchten Terroristen der Welt getötet wurde, urplötzlich ist nach einer Naturkatastrophe ein Hochindustrieland stellenweise unbewohnbar und der Aufbau wird Jahre dauern. Änderung ist immer um uns, nur momentan hat man das Gefühl, man würde von ihr geradezu überrollt.
Dabei fällt es mit am schwersten, im Hinterkopf zu behalten, wie die Dinge früher gewesen sind, auch wie damals Loyalitäten verteilt waren.
Früher belächelt: Atomkraft? Nein danke.Fukushima beschreibt inzwischen nicht mehr nur eine Ortsangabe, es ist ein geflügeltes Wort geworden für eine lange angekündigte Zeitenwende, die von den Verantwortlichen lange Zeit ignoriert wurde. Selbst nach dem verheerenden Erdbeben und der nuklearen Katastrophe stellte die herrschende Politik auf stur beim Thema Atomausstieg. Doch die Proteste, Menschenketten und Demonstrationen wurden so überwältigend, dass ein Einlenken unausweichlich blieb, zumal mit den drohenden Wahlen im Land der Machterhalt im Vordergrund stand. Nicht das Wohl der Menschen, oder das Sichern der Zukunft. Dies haben selbst führende Politiker unfreiwillig zugegeben[1].
Nicht ganz zwei Monate ist es her, dass eine Naturkatastrophe und ihre Auswirkungen der Welt die Augen geöffnet haben, dass es keine Sicherheit beim Thema Kernkraft gibt. Dabei ist die Sicherheit ein verlockendes Gefühl, das sich im September 2001 bereits als Trugschluss herausgestellt hatte. Viel geändert hat sich in den letzten acht Wochen nicht, außer Versprechungen, man wolle den Atomausstieg beschleunigen. Würde man ihn seit Jahren nicht mutwillig in die Länge ziehen, wäre uns doch schon viel geholfen. Dieselbe Regierung, die Anfang des Jahres Zuschüsse für Hauseigentümer, die auf Solar-Energie umsteigen möchten, gestrichen hat, will nun wieder in erneuerbare Energien investieren. Es wird ein Atommoratorium festgelegt – über das inzwischen kaum mehr gesprochen wird –, bei dem zwar die ältesten Atommeiler vom Netz genommen werden, die radioaktiven Brennstäbe aber immer noch in der Anlage verbleiben (müssen). Bis diese soweit abgekühlt sind, dass die Anlage tatsächlich geschlossen werden kann, werden Jahre vergehen. Und das, obgleich immer noch nicht sicher ist, wo man mit dem radioaktiven Müll hin soll. Eine Endlagerung ist nicht in Sicht, Zwischenlager erweisen sich immer wieder als nicht sicher genug, und das, obwohl dort noch nicht einmal eine Naturkatastrophe zugeschlagen hat. Wie die Sicherheit in den Wiederaufbereitungsanlagen aussieht, wird in der Öffentlichkeit generell totgeschwiegen. Diese halten keinem Luftangriff oder anderen Attacken stand und beinhalten ebenso verhängnisvolles, strahlendes Material. 25 Jahre nach Tschernobyl[2] sind die vermeintlichen Lehren, die daraus gezogen wurden, nirgendwo mehr zu sehen.
Der erste grüne Ministerpräsident Deutschlands hat seine Alltagsarbeit noch nicht aufgenommen, da wird ihm von Seiten seiner politischen Gegner (nicht einmal im eigenen Bundesland) vorgehalten, er gehöre dem "politischen Arm von Krawallmachern, Steinewerfern und Brandstiftern" an[3]. Nicht, weil er sich permanent gegen etwas aussprechen würde, sondern weil er sich für einen bewussten Umgang mit der Umwelt ausspricht. Aus Angst, das eigene Fundament unter den Füßen zu verlieren, schüren die Verantwortlichen wieder die Angst vor schwindenden Arbeitsplätzen und bieten Firmen an, in benachbarte Bundesländer umzuziehen, um nicht unter den Folgen eines umweltbewussten, wirtschaftlichen Handelns finanziell leiden zu müssen. Dabei lassen sich mit erneuerbaren Energien oder dem Umrüsten auf sparsame Technologien viele neue Arbeitsplätze schaffen[4],[5]!
Aber wenn junge deutsche Erfinder sparsame, serienreife Batterien für Elektroautos entwickeln, die sich in Alltagstests bereits bewähren, von der Automobilindustrie jedoch abgewiesen werden, weil man dort die eigenen Erfindungen erst in vier Jahren marktreif haben möchte[6], muss man sich wundern, weswegen die ach so besorgte Politik nicht eingreift. Die Behauptung, der Markt reguliere sich selbst, trifft immer noch zu – nur wie früher bereits, reguliert er sich zur Gewinnmaximierung und nicht zum verantwortlichen Umgang mit Ressourcen.

Hört man die Parolen der verschiedenen Volksvertreter, die vor Fukushima in die eine, danach in die andere Richtung riefen und sich jetzt wieder im Kreis drehen[7], möchte man fast glauben, es habe sich gar nichts geändert. Oder es ändert sich etwas, wenn es von politischem Nutzen ist.

Nicht verfügbar: Das PlayStation Network. Auch was sich an Sonys PlayStation Network nun geändert haben soll, ist nicht klar. Der Dienst wurde vor Ostern vom Netz genommen, nachdem sich Unbekannte Zugriff zu den Daten der registrierten Nutzer verschafft hatten[8], diese Woche sollen Teile des Service wieder online gehen. Auf Grund des hohen Imageschadens verspricht Sony Vergütungen, Klagewellen gibt es dennoch bereits. Nur ist das System jetzt tatsächlich sicherer als zuvor? Ob die im Internet in Untergrundforen angebotenen Daten, die angeblich aus dem gestohlenen Bestand stammen sollen, und neben Namen, Passwörtern und Adressen auch vollständige Kreditkarteninformationen enthalten sollen[9], nun echt sind, ist immer noch nicht klar. Sony dementiert, doch hatte man dort auch eine Woche lang zu dem Ausfall geschwiegen. Nur, weil die Kreditkartendaten angeblich verschlüsselt waren, müssen sie doch nicht wirklich sicher sein, oder? Um die Hiobsbotschaft perfekt zu machen verkündete das Unternehmen, dass ein anderer Online-Service noch vor der groß angelegten Attacke bereits gehackt worden war, und dass aus einer drei Jahre alten Datenbank Informationsbestände gestohlen wurden, die unter anderem Bankdaten und Kreditkartennummern umfassen[10].
Niemand lässt sich gern zwei Mal übers Ohr hauen, und wenn ein Technikriese wie Sony, der zuletzt ins Fadenkreuz von Hackern gelangt war, austrickst werden kann, wie sieht es dann bei anderen Anbietern aus? Während selbst Datenschützer in Deutschland, die bereits gegen Googles StreetView und Microsofts Streetside vorgehen, daran denken, Sony für den mangelhaft sorgfältigen Umgang mit sensiblen Daten monetär in die Verantwortung zu nehmen[11], fragt niemand, wie sicher andere solche Dienste sind. Würde sich genügend kriminelle Energie einfinden, gezielt ein Unternehmen zu hacken, könnte man etwas dagegen tun? Auch Amazons ausfallsicherer Cloud-Service ging kürzlich offline[12], wobei einige Daten unwiederbringlich verloren gingen.

Die Zukunft beginnt nicht morgen, sondern heute. Die größten Veränderungen, so scheint es, erfahren wir derzeit darin, dass unsere geglaubten Sicherheiten sich als gar nicht so sicher herausstellen. Seien es Bauwerke, die allen möglichen Dingen Stand halten sollten, nur um von der Natur aufgezeigt zu bekommen, dass sie mehr im Petto hat, als wir ihr zutrauen. Über Ressourcen auf deren Verfügbarkeit wir setzen, obwohl wir ihr Vorkommen gar nicht beeinflussen können und sie derzeit verprassen, als gäbe es kein Morgen. Und schließlich bis zu den Sicherheiten, die von Menschen für Menschen geschaffen werden, und die nur so lange bestehen bleiben, bis jemand einen Weg hindurch findet.
Veränderungen sind Bestandteil unserer Welt seit ihrer Entstehung. Wir bauen auf Sicherheiten, die uns eine genaue Planbarkeit ermöglichen, immerhin haben wir uns unsere Zukunft bereits ausgemalt und wenn noch nicht mit Details, dann zumindest in einer groben Vorstellung. Dabei neigen wir dazu, die Welt um uns herum unseren Gesetzmäßigkeiten zu unterwerfen, anstatt uns selbst unterzuordnen. Wohin das führt, haben uns die Ereignisse dieses jungen Jahres mit seinen Katastrophen und Naturgewalten allerorts gezeigt. Vielleicht helfen sie auch, dass wir uns nicht weiter wie Herrscher über unsere Welt benehmen, denn als Gast. Zu wissen, dass nichts sicher ist, ermöglicht schließlich auch eine gewisse Planung. Vielleicht sogar eine vor- und umsichtigere.



Zurück
Ok. Diese Webseite benutzt Cookies, um das bestmögliche Browsing-Erlebnis sicherzustellen. Mehr erfahren.