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Inside Job [2010]

Wertung: 6 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 19. Juli 2011
Genre: Dokumentation

Originaltitel: Inside Job
Laufzeit: 120 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2010
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Charles Ferguson
Musik: Alex Heffes
Darsteller: Matt Damon, William Ackman, Ben Bernanke, Willem Buiter, George W. Bush, John Campbell, Satyajit Das, Jerome Fons, Barney Frank, Timothy Geithner, Alan Greenspan, Christine Lagarde, Andrew Lo, Lee Hsien Loong, Frederic Mishkin, Barack Obama, Eliot Spitzer, Dominique Strauss-Kahn


Kurzinhalt:
Im Jahr 2007 setzte eine Finanzkrise ein, die weltweite Auswirkungen haben sollte. Der Internationale Währungsfond bezifferte allein die Wertpapierverluste 2009 auf geschätzte Viertausend Milliarden US-Dollar. Die Kosten für die steigende Armut unter der Bevölkerung, die die Auswirkungen der Krise letztlich abdecken muss, sind unschätzbar höher.
Bis zu zehn Millionen Zwangsversteigerungen von hypothekenbelasteten Privatpersonen bis ins Jahr 2010 waren die Folge. Reelle Arbeitslosenquoten von 10% und mehr, Exporteinbrüche in manchen Ländern und Branchen von 30%. Es bildeten sich selbst in vermeintlich wohlhabenden Ländern wie den USA Dörfer bestehend aus Zelten, in denen Betroffene nach dem Verlust ihrer Arbeitsplätze und Wohnungen zusammenfanden, unterstützt von karitativen Institutionen.
Die Dokumentation zeigt mit vielen Interviews und Veranschaulichungen auf, wie es zu der Finanzkrise kam, wer dafür verantwortlich war, sämtliche Schutzmechanismen, die sie hätten verhindern können auszuschalten, und wie sie sich auf die Menschen und die Wirtschaft auswirkt. Dahinter steckt letztlich nicht vielmehr als ein wohl geplanten, Billionen schwerer Betrug ...


Kritik:
Es spielt eigentlich keine Rolle, ob einen als Zuseher die Oscar- und preisgekrönte Dokumentation Inside Job interessiert, man sollte sie zur verpflichtenden Aufklärung eines jeden Bürgers und einer jeden Bürgerin des Planeten machen, weil ihr Inhalt uns alle betrifft. Filmemacher Charles Ferguson recherchiert darin, wie es zur kostspieligsten Bankenkrise aller Zeiten im Jahr 2008 kam, wie lange darauf bereits hingearbeitet wurde, und wie Hintermänner nicht nur ihre Köpfe aus den Schlingen zogen, sondern sich daran auch noch bereichert haben. Aufbereitet ist die Dokumentation dabei eingangs wie ein Hollywoodfilm mit einem Vorspann, in dem bestimmte Interview-Partner Schlagwörter in den Raum werfen, die im Lauf der kommenden zwei Stunden erläutert und in Kontext gerückt werden. Hierbei rutscht einem als Zuschauer bisweilen ein bitteres Lachen heraus, weil die Äußerungen teils so grotesk und offenkundig sind, dass man kaum glauben kann, die Beteiligten würden dies vor der Kamera tatsächlich zugeben. Doch beginnt der Film, die Geschichte der Wall Street, der einflussreichsten Wirtschaftsstraße der Welt aufzurollen, zeigt auf wie die Finanzwirtschaft die Politik unterwanderte, um Schutzmechanismen, die jahrzehntelang funktioniert hatten, des eigenen Profits willen auszuhebeln, wandelt sich das Lachen zuerst in Schrecken und schließlich in Wut.

Die Kernaussage von Inside Job ist dabei nicht nur, dass die Finanzkrise hätte verhindert werden können, sondern auch, dass sie von eben denjenigen Menschen hätte verhindert werden können, die sich fortan zur Rettung der Banken vor die Kamera gestellt hatten, um Milliardenpakete im dreistelligen Bereich zur Rettung der Institute vorzubringen, die in den Jahren danach genau dieselbe verheerende Finanzpolitik betrieben, wie davor. Warnungen, die das marode System enttarnten, gab es zur Genüge und wurden den Finanzministern gegenüber auch ausgesprochen, doch wurden sie in den Wind geschlagen – immerhin hatte man bereits in den 1980er Jahren ehemalige Vorstände der betroffenen Banken als oberste Finanzminister berufen.
Nach einem Überblick über die Krise, aufgezeigt anhand eines einst gesunden Landes wie Island, stellt Ferguson eine Vielzahl Männer und Frauen vor, die Einblick in die Machenschaften der einflussreichen Finanzwirtschaft geben und lässt in Aufnahmen, Mitschnitten und eingestreuten Berichten auch die Verantwortlichen zu Wort kommen, die allesamt für den Dokumentarfilm nicht interviewt werden wollen.

Aufgeteilt in verschiedene Abschnitte wird geschildert, wie es so weit kam, was geschah, wie es sich auf die Menschen auswirkte, und wo wir uns zur Zeit der Fertigstellung des Films 2010 befinden. Dass die 2008 geretteten Banken inzwischen noch größer und noch mächtiger sind als zuvor, scheint keinem der Politiker, die sich inzwischen vor die Kameras stellen und für eine Rettung der verschiedenen Euro-Staaten plädieren, aufgefallen zu sein. Dabei sind die Eurokrise und der drohende Bankrott der USA eine direkte Folge dessen, was vor drei Jahren geschehen ist. Nicht nur das, eben jene Banken, die damals mit milliardenschweren Staatsschulden gerettet wurden, wetten derzeit gegen die Liquidität der Länder, die sie damals gerettet haben.
Im Zentrum stehen erneut die Rating-Agenturen wie Fitch Ratings, Standard & Poor's und Moody's, die (so die Aussage des Films) mit Zahlungen in Millionenhöhe gekauft, der Großbank Lehman Brothers sogar am Tag ihrer Konkursanmeldung noch ein AAA-Rating ausgesprochen hatte – die höchste, vertrauenswürdigste Einstufung. Im Nachhinein begründeten die Verantwortlichen ihre Einstufung damit, dass das Rating keine verlässliche Angabe sei, sondern lediglich die "Meinung" der Agentur widerspiegle. Auf eben diese Meinungen hören im Moment alle möglichen Kreditgeber erneut, wenn es darum geht, das nächste Euro-Land aufs Bankrott-Schafott zu laden.

Es gibt einen Moment einer beinahe unfassbaren Erkenntnis in Inside Job, wenn Regisseur Charles Ferguson erklärt, wie Banken wie Goldman Sachs Hypotheken, Darlehen und andere Kredite, die ohnehin keine hohe Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Rückzahlung hätten, gebündelt als Kreditderivate mit der Bezeichnung CDO (Collateralized Debt Obligation) ihren Investoren als gewinnbringende Anlageform verkauft hatten. Nur, um im Anschluss am Kapitalmarkt gegen diese CDOs zu wetten und so doppelt zu kassieren. Ein solches Vorgehen scheint im ersten Moment grotesk – und war/ist in der Finanzwelt doch Gang und Gäbe. Würden Anleger, die ihre Altersvorsorge bei ihrer Hausbank planen, auf so verständliche Weise vorgeführt bekommen, in was die Bank mit ihrem Geld investiert, würden sie vermutlich angewidert und ungläubig das Geld unters Kopfkissen legen. Sicherer wäre es dort allemal. Doch so verständlich wird man nirgends beraten, vermutlich weil die Personen hinter dem Tresen oder dem Schreibtisch der Bank selbst nicht wissen, wohin das bei der Privatperson geliehene Geld weiterfließt.

Erzählt wird die Dokumentation von Hollywood-Star Matt Damon, der wie viele andere Filmstars zuvor US-Präsident Barack Obama aktiv unterstützte. Inzwischen wird dessen Feld an Unterstützern in der Öffentlichkeit von Woche zu Woche überschaubarer, und zurecht vermuteten viele, dass dies ein öffentliches Bekenntnis des Darstellers ist, sich von der derzeitigen Politik Obamas abzuwenden. Sieht man den charismatischen Präsidenten, wie er vor seinem Amtsantritt in einer Rede dafür warb, den Finanzsektor stärker zu regulieren, und bekommt man dann von Ferguson aufgezeigt, wie wenig sich auf dem Gebiet getan hat, mehr noch, wie viele ehemalige Wall Street-Funktionäre und Bankenchefs inzwischen in Gremien, Aufsichtsorganen und im Finanzministerium Obamas selbst sitzen, kann man nicht umhin, der Aussage in Inside Job traurig zuzustimmen.
Es mag sein, dass der Präsident, wie alle Staatsmänner auf der Welt auf die Macht der Wirtschaft angewiesen, diesbezüglich nichts ändern kann. Doch dann hätte er es im Vorfeld nicht versprechen dürfen.


Fazit:
Erhältlich ist Inside Job für den Heimvideomarkt nur in der englischen Originalfassung mit deutschen Untertiteln. Dies ist für das heimische Publikum insbesondere darum bedauerlich, weil die Dokumentation mit den vielen Erzählungen, Interviews und eingeblendeten Diagrammen samt Erläuterungen darum sehr anstrengt. Dem Inhalt so zu folgen, gerade angesichts der Tatsache, dass die Fachausdrücke in den Untertiteln mitunter auch wechseln, obwohl genau dasselbe Objekt gemeint ist, ist schwierig, was den Film nur einem kleinen Publikum öffnet.
Wichtig ist er dabei für alle Altersklasse und alle gesellschaftlichen Schichten, ob man nun hören möchte, was Charles Ferguson hier zusammenträgt, oder nicht. Denn es offenbart, dass die Finanzkrise, aus der kein Land der Welt unbeschadet hervorgegangen ist (dies sieht man nicht zuletzt angesichts der Staatsverschuldungen, die nun zahlreiche Nationen in den Ruin treiben), nicht nur absehbar war, sondern sie war in gewissem Sinne so geplant. Es war ein Risiko, das die Verantwortlichen eingingen, um ihren persönlichen Profit zu maximieren. Nicht nur, dass keiner von ihnen dafür je eine Gefängniszelle von innen gesehen hat, sie werden von der Politik meist noch geschützt.
Dies komprimiert und verständlich gemacht aufgezeigt zu bekommen ist anspruchsvoll und macht im Lauf der zwei Stunden zunehmend wütend. Doch ist es notwendig, möchte man verstehen, wie es zur teuersten Finanz- und Wirtschaftskrise der letzten 20 Jahre kam, und warum unabhängige Kontrollen notwendig sind, um den nächsten, absehbaren Absturz zu verhindern. Wenn Inside Job eines deutlich macht, dann dass die Finanzwirtschaft sich nicht selbst regulieren wird, weil die maßlose Gier nach immer mehr ihr in den Genen liegt.


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