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Blog

Der Blog stellt eine Art Internettagebuch dar, in dem die Mitglieder der Redaktion ihre Gedanken mit den Lesern teilen. Er bietet Einblicke in den Alltag und in die Themen, die die jeweiligen Autoren am meisten beschäftigen.
Für den Inhalt sind die jeweiligen Autoren verantwortlich. Auch spiegelt die Meinung eines einzelnen Autors nicht die Meinung der gesamten Redaktion wider.


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Wo die Sonne nicht scheint
Treffpunkt: Kritik Kaum eine Erfindung der letzten fünfzig Jahre hat den Journalismus so sehr verändert wie das Internet. Nicht nur, dass inzwischen Millionen Menschen darauf Zugriff haben, man kann sich (bestimmte Sperren nicht mitgerechnet) in Sekundenschnelle über Länder- und Sprachgrenzen hinweg informieren und in wenigen Momenten an Informationen gelangen, die früher tagelanger Recherche bedurften. Ein Jeder kann seiner kreativen Ader freien Lauf lassen und mit wenigen oder gar keinen Kosten seine Worte der Öffentlichkeit zugänglich machen – wie mit einer Webseite oder einem Blog.
Aber das Internet hat auch ein Bewusstsein in den Menschen geschaffen, dass alles kostenfrei zu haben ist. Insbesondere Nachrichten auf den Internetpräsenzen der Tageszeitungen ist man gewohnt, für lau zu bekommen und wenn wie inzwischen üblich nach den ersten Zeilen ein Link zum Bezahlinhalt zu finden ist, sucht mach weiter – irgendwo wird es die Meldung schon vollständig zu lesen geben. Dabei vergisst man gern, dass diejenigen, die die Zeilen schreiben auch irgendwie bezahlt werden müssen. Richtiger Journalismus kostet Geld.
Wohin es führt, wenn das Internet auf Grund der Reaktionsgeschwindigkeit (es vergehen nicht Stunden oder gar Tage bis zur Publikation) oder des vermeintlich kostenfreien Überalllesens hergenommen wird, sieht man unter anderem derzeit, wenn man sich in den USA das Zeitungssterben ansieht. Nicht nur, dass bis auf das Wall Street Journal alle Zeitungen an Auflage verloren haben, viele Publikationen müssen inzwischen Kosten sparen und erreichen dies nur, indem Journalisten entlassen werden. Dabei trifft es derzeit ausgesprochen viele Filmkritiker, die zu einer aussterbenden Art zu gehören scheinen. Zumindest in gedruckter Form. Im Internet findet man indes viele Seiten mit Filmkritiken in allen Sprachen der Welt. Jüngstes Opfer einer renommierten Publikation, die in finanziellen Schwierigkeiten zu stecken scheint ist das wöchentliche Nachrichtenmagazin Newsweek. Das 1933 gegründete Magazin soll nach tiefroten Zahlen verkauft werden. Auch andere Zeitschriften und Zeitungen stehen unter ähnlichem Druck. Jüngste Technik"innovationen" wie das iPad von Apple, das unter anderem die digitale Zeitung salonfähig machen soll, graben weiter an der Existenz der klassischen Printmedien. In Deutschland brauchen diese Trends wie gewohnt etwas länger, um sich durchzusetzen, doch auch hier merken die Verlage langsam, dass die treue Leserschaft wegbricht. Selbst Abonnements, die seit 10 Jahren oder länger laufen werden gekündigt, der Entschluss der jeweiligen Zeitschrift, im Internet mit Schlagzeilen und kostenfreiem Content aktuell vertreten zu sein, bringt letztlich diejenigen Leser, die für dieselben Inhalte Wochen später Geld auf dem Tresen liegen lassen, dazu, über die Sinnhaftigkeit des Abonnements nachzudenken.

Hält man sich außerdem vor Augen, mit welchem Preis der objektive Journalismus stellenweise erkauft wird, bleibt die Frage, wie zuverlässig selbst die namhaftesten Tagesblätter sind. So wurde jüngst bei der italienischen Radrennveranstaltung Giro d'Italia im Vorfeld einer Pressekonferenz vom Veranstalter der Hinweis erteilt, keine Fragen zu Doping zu stellen. Derjenige Journalist, der dennoch nachfragte, bekam keine Antwort – als ob durch das Verschweigen der Dopinghintergründe der auf der Bank versammelten Sportler deren vergangene Fehltritte ungeschehen gemacht oder die Unsicherheit über die Fairness im Sport aufgehoben werden könnte.
Andernorts wurden Journalisten entlassen, nachdem sie kritische Berichte verfasst oder negative Kritiken geschrieben hatten. In den jüngsten Fällen, die auch Internetpublikationen betreffen, wurden Berichterstatter gefeuert, weil sie interne E-Mails offenlegten, in denen die Firmen, über die berichtet wurde, um eine wohlwollende Darstellung "gebeten" haben. Wer auf eine solche Einflussnahme hinweist, muss offensichtlich um seinen Job bangen, nur bringt diese Praktik nicht nur die jeweilige Publikation, sondern einen gesamten Berufsstand in Verruf.
Die einfachste und schnellste Möglichkeit, wie die in Ungnade gefallene Journalisten ihren Ruf wenn nicht reparieren, dann doch wenigstens teilweise wiederherstellen können, ist mit gut recherchierten und provokativen Berichten. Dies gelang unter anderem zuletzt mit einem Beitrag darüber, wofür die Gelder der ARD-Fernsehlotterie wirklich verteilt werden. Wer den dubiosen Versprechungen des Senders tatsächlich Glauben schenkt, hier würde man ausschließlich armen Familien und Aufbauprojekten helfen, der sollte sich informieren, wofür das Geld tatsächlich ausgegeben wird.
Nur die wenigsten wissen nämlich, dass hierüber zum großen Teil die Arbeiterwohlfahrt entscheidet, die viele Funktionäre in den Gremien sitzen hat und darauf Einfluss nimmt, wofür die Gelder ausgegeben werden. Während im Jahr 2008 53 Millionen Euro an die Spieler als Gewinne ausgeschüttet wurden und 40 Millionen Euro der Verwaltungsapparat selbst verschluckt, bleiben von den insgesamt 178 Millionen Euro einnahmen "nur" noch 85 Millionen übrig – und hier werden gerne Vereine und Organisationen unterstützt, in denen die Funktionäre ebenfalls tätig sind.

Solche Berichte, die einen als Leser zum Nachdenken anregen und den Blick auf Themen lenken, die nicht alle anderen Zeitschriften ebenfalls schon abgeklappert haben, stellen heraus, weswegen es auch heute noch gute Journalisten braucht. Damit ist Vieles vergessen, weswegen man sich über wiederholte Berichterstattung oder fragwürdige Berichterstattungen ärgern musste.
Dafür sind die Menschen auch bereit, ihr Geld auszugeben, zumindest diejenigen, die sich bereitwillig kritisch mit ihrer Zeit auseinander setzen wollen. Mit welchem (Bezahl-)System sich das am besten wird realisieren lassen und wie sich der Journalismus der Zukunft entwickeln wird, bleibt abzuwarten.
Als problematisch können sich Mikro-Beiträge erweisen, die mancherorts diskutiert werden. Denn mit Kleinstbeigaben lässt sich eine Berichterstattung nicht finanzieren und je stärker die Kosten eingespart werden müssen, umso größer die Wahrscheinlichkeit, dass die Nachrichten immer von denselben Agenturen stammen. Diese sind dann nicht nur leichter zu manipulieren, sondern ja darum bemüht, dass ihre Sponsoren nicht abspringen ...wie objektiv können sie dann also sein? Davon abgesehen, wenn drei verschiedene Publikationen sich nicht jeweils eigene Journalisten leisten können, sondern die Texte jeweils bei der gleichen Nachrichtenagentur einkaufen, bekommt man letztlich auch überall denselben Einheitsbrei unter verschiedenen Schlagzeilen serviert. Mit einer vielseitigen und facettenreich kritischen Nachrichtenlandschaft hat das nichts mehr zu tun.

Einen entscheidenden Vorteil hat das Internet gegenüber den herkömmlichen Printmedien allerdings: abgesehen davon, dass viele Menschen weltweit gleichzeitig dieselbe Nachricht abrufen können, vergisst das Internet dank Suchmaschinen & Co. nicht. Und nur wenn es gelingt, das Vergessen zu abzuwenden, kann es vielleicht auch verhindert werden, dass sich die unangenehmsten Schlagzeilen wiederholen.
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