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Gangster sind die neuen Helden | von Jens am 07.05.2008, um 15:00 Uhr. |
![]() Und Schwächen haben wir alle. Meist sogar mehr als Stärken. Doch was wollen wir machen, wenn die heutige Jugend auch Antihelden nicht mehr akzeptiert? Stattdessen sind Gangster cool, und in. Und hip. Erstrebenswert ist das Gangsterdasein aus vielen Gründen. Gangster werden nicht alt (Berufsrisiko), sie zahlen selten soziale Abgaben, können sich ihre Freunde aussuchen (beziehungsweise sich der anderen "entledigen") und nicht zuletzt haben Gangster auch mehr Geld. Alles Dinge, von denen wir ohnehin viel weniger haben. |
Die Vorstellung, sein ganzes Leben gearbeitet und in die öffentlichen Kassen eingezahlt zu haben, ohne wirklich etwas heraus zu bekommen, ist alles andere als rosig. Immerhin hat man das "schöne Leben" immer so lange aufgeschoben, bis man im Alter die Zeit dafür hat – und dann hat man sie, aber keine Mittel, das Leben auch zu genießen!
Kein Wunder also, dass die älteren Menschen eine immer wachsendere Angst vor der Armut haben, während die Berufstätigen ohnehin davon überzeugt sind, dass am Ende nichts mehr übrig bleibt. Entweder man arbeitet, bis man tot umfällt, oder man hat in dem Sinne Glück und fällt schon etwas früher um. Wieso man sich aber 40 Jahre lang durch den Berufsalltag quälen soll, um am Ende doch nicht einmal das zum Überleben notwendige in den Ruhestand mitnehmen zu können, bleibt verständlicherweise den meisten Menschen unverständlich.
Und als wäre das nicht genug, sollen eben diejenigen, die die ältere Generation über die Rentensteuer jetzt schon "bezuschussen" in Zukunft stärker zur Kasse gebeten werden. Die Argumentation der Politiker, die einerseits die kinderlosen Paare und andererseits unverheirateten Erwachsenen stärker steuerlich belasten wollen, ist ebenso einleuchtend wie unverfroren. Immerhin kosten Kinder einen Haufen Geld – und wer keine Kinder hat, dem bleibt grundsätzlich auch mehr Geld. Damit aber alle gleich wenig haben, sollen diejenigen, die keine Kinder haben auch mehr bezahlen.
Die Entscheidung, auf ein Kind zu verzichten, um sein Leben mit anderen Dingen auszuschmücken, wird einem so abgenommen, die Pistole des Fiskus einem auf die Brust gesetzt: "Brüte oder blute (finanziell)".
Dass es angesichts der gestiegenen Lebenshaltungskosten aber alles andere als einfach ist, sein Leben allein schon zu meistern, geschweigedenn als Familie, scheint die Obrigen in Berlin nicht zu interessieren. Immerhin wurde vor kurzem erst bekannt gegeben, dass die Inflation nur "gefühlt" sei. Tatsächlich sei vieles billiger geworden, und das Statistische Bundesamt hat vor kurzem bekannt gegeben, dass die Menschen heute viel weniger für das Gleiche arbeiten müssten. Musste man also für ein Kilogramm Kaffee vor 30 Jahren noch 400 Minuten arbeiten, sind es jetzt nur noch 20. So wird einem vorgerechnet, dass wir uns alle die gestiegenen Preise nur einbilden, wir froh sein sollten, dass uns so viel übrig bleibt, und wir es viel besser haben als alle anderen.
Dass man vor 30 Jahren aber auch bedeutend weniger soziale Abgaben zu zahlen hatte, verschweigen die Institute – und eine in der Schweiz ansässige Firma, die damit beauftragt wurde, einmal unabhängig die Deutsche Teuerungsrate zu diagnostizieren, bestätigt leider, was die Bürger schon seit Jahren sagen. Uns bleibt immer weniger, die Kaufkraft sinkt, was das Wirtschaftswachstum schwächt und dazu führt, dass die Sachen noch viel teurer werden.
Da wäre es schon schön, wäre man nicht so ein braver Bürger, sondern ein bisschen mehr Gangster. Die haben es gut, verkaufen sich zumindest laut dem aktuellen Videospiel Grand Theft Auto IV wie warme Semmeln und scheinen zu den Idealbildern der modernen Jugend geworden zu sein.
Gewalt, Drogen, Prostitution – also eigentlich nichts, was eine Ausgabe der Tagesschau oder der Lindenstraße nicht auch zu bieten hätte, nur diesmal so, als wäre man selbst am Drücker ... in jeder Hinsicht.
Einmal der "bad guy" sein, der sich an keine Regeln halten muss und am Ende doch nicht davon kommt. Wer solche Ideale schafft und sie fördert braucht sich nicht zu wundern, dass die Zahl der alkoholkranken Jugendlichen immer stärker zunimmt. Allein die Zahl der Alkoholvergiftungen unter Jugendlichen hat sich 2006 im Vergleich zu 2000 mehr als verdoppelt (von 9.500 auf 19.500). Dafür ist der Konsum an nachweisbaren Drogen zurückgegangen. – Kein Wunder, immerhin lässt sich durch den Vertrieb bedeutend mehr Geld verdienen, als durch den Konsum.
Wie manche lang erwarteten Videospielpremieren wurde auch GTA IV, wie die Gangstersaga auch "cool" genannt wird, um Mitternacht vorgestellt. Mit dem Ergebnis, dass sich in den Stunden danach Überfälle, Schlägereien und Messerstechereien auf der Straßen häuften und vielen Käufern das Spiel beim Verlassen des Geschäftes wieder abgenommen wurde.
Warum ein solches Vorgehen verwundern soll, ist jedoch schleierhaft, immerhin spricht das Spiel genau jenes Klientel an! Die übrigen, die es bis nach Hause geschafft haben, werden nun sicherlich fleißig vor dem Fernseher üben, dass ihnen so etwas bei GTA V nicht mehr passieren wird. Oder dass sie dann den "jüngeren" das Spiel abnehmen ... immerhin vollzieht sich auch bei den Gangstern irgendwann ein Generationenwechsel.
Erfreulich daran ist lediglich, dass Gangster im Gegensatz zu Antihelden nie etwas in die Rentenkasse eingezahlt haben, und somit auch keine Rente bekommen. Anders als die Damen und Herren Abgeordneten, die ab 2009 (so ihre eigenen Pläne) eine Lohnerhöhung auf etwas mehr als 8.000 EUR brutto bekommen sollen. Dass sich mit einem solchen Gehalt Beruf und Familie – mit Kindermädchen, Tagesmutter, etc. – unter einen Hut bringen lässt, steht außer Frage.
Helden sind sie dadurch aber nicht, durch den fehlenden Sympathiewert auch keine Antihelden (zumindest nicht für Singles, Paare oder Eltern, denen zum Leben immer mehr Geld fehlt) ... nur ihre Lebenserwartung, die unterscheidet sie ganz eindeutig von Gangstern.
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