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Das Gesicht des Unvorstellbaren
Treffpunkt: Kritik Die Ohnmacht, mit der man sich manchesmal einer Situation gegenübersieht, ist erdrückend und zermürbend. Das aus zweierlei Gründen; erstens, weil man sich vor Augen führen muss, was die andere Person durchlitten hat, und zweitens, weil man sich eingestehen muss, dass man selber nichts dagegen getan hat, oder dagegen tun konnte.
Nicht selten verwandelt sich dieses Ohnmachtsgefühl dann in Wut, die sich dadurch in den Griff bekommen lässt, dass man die Schuld jemand anderem zuweist. Dabei ist es nur gut, dass im Endeffekt immer die anderen Schuld haben.
Einem Schlag ins Gesicht kam es gleich, als im August 2006 bekannt wurde, die acht Jahre zuvor entführte Natascha Kampusch war von ihrem Peiniger versteckt gehalten worden – ohne Lösegeldforderung, ohne ein Lebenszeichen. Bis die 18jährige ihrem Entführer entfliehen konnte, worauf dieser sich dann das Leben nahm. An sich eine zu kurze, zu schnelle Strafe.
So etwas dürfe sich nicht wiederholen, klangen damals Medien und Politiker im gleichen Ton.

Nun, eineinhalb Jahre später, sitzen wir wieder fassungslos vor der Zeitung oder den Nachrichten. 24 Jahre lang wurde eine Frau in einem Kellerverließ gefangen gehalten. Als wäre das nicht schlimm genug, war es ihr eigener Vater, der sie einsperrte, zum Inzest zwang und mit ihr sieben Kinder zeugte. Eines davon starb schon kurz nach der Geburt; drei Söhne und drei Töchter, und wie viele zerstörte Existenzen sind die traurige Bilanz.

Gestanden hat der heute 73jährige inzwischen, und einmal mehr geht das Rätselraten in eine neue Runde. Wie konnte es dazu kommen? Weswegen hat niemand etwas bemerkt?
Antworten hierfür waren bereits Stunden nach dem bekannt werden zu hören, als Psychologen und selbst ernannte Experten meinten, "wer nichts sehen möchte, wird auch nichts sehen".
Ratschläge gibt es nun zuhauf, doch muss man sich fragen, ob auch die vehemente Reaktion, die die Familie und das Umfeld indirekt beschuldigt, nicht auch ein reiner Abwehrmechanismus ist. Nicht nur, dass man so die Schuld auf "die anderen" schieben kann, denen es hätte auffallen müssen, was dort vor sich ging. Sondern wir Menschen können durch eine solch einfache Erklärung, durch klare Kategorien und Richtlinien uns selbst eine Struktur, etwas Wiedererkennbares im Chaos verschaffen und so versuchen, es zu verstehen und zu verarbeiten. Schuld sind die anderen – und die sind zum Glück nicht nah bei uns.

Im Gegenteil, "hier könne so etwas nicht passieren", hört man auch jetzt von den geschockten Politikern oder Freunden und Bekannten, die immer wieder darauf verweisen, dass in dem kleinen Alpenland innerhalb von zwei Jahren schon zwei schockierende Fälle dieser Art bekannt wurden.

Doch fragen wir uns einmal wirklich, wie sehr wir denn auf unsere Umwelt, auf unsere Umgebung achten, wenn wir morgens zur Arbeit gehen und abends nach Hause kommen. Wissen Sie, weshalb Sie von ihrer Nachbarin selten einen Laut hören? Oder weswegen die Bedienung im Supermarkt einen Gips an der Hand trägt? Ob unter einem langärmeligen Pullover nicht doch blaue Flecken versteckt werden? Ob die Arbeitskollegin, die Sie nur beim Mittagessen aus der Ferne sehen ein glückliches Leben führt oder manisch depressiv ist?
Oder ob das Nachbarhaus über einen Keller verfügt?

In einer Zeit, in der wir uns durch die Psychologie immer mehr eingestehen müssen, dass wir uns selbst nicht kennen, uns jeden Tag aufs Neue entdecken müssen und die Mechanismen, die uns unterbewusst steuern gar nicht wirklich verstehen, haben wir die nächstgroße Schwierigkeit damit, unseren Partner, dem wir uns anvertraut haben, und der sich uns anvertraut, zu begreifen.
Wie wollen wir uns dann anmaßen, über diejenigen Menschen zu urteilen, diese in für uns begreifbare Schubladen und Kategorien einzuteilen, die wir einmal am Tag, einmal in der Woche zu Gesicht bekommen – auch wenn wir nur zehn oder 20 Meter von ihnen entfernt wohnen, leben und arbeiten?

Es muss immer jemand geben, den die Schuld trifft, und solange ein solches Horrorszenario wie im österreichischen Amstetten sich auch noch "weit weg" abspielt, fällt es uns umso leichter, diejenigen genau auszumachen, die tatenlos zusahen.
Genau so erging es den Nachbarn jenes Amstettener Hauses, als sie im August 2006 von der frei gekommenen Frau Kampusch in den Zeitungen lasen. Auch damals waren sie froh, dass es "jemand anders" getroffen hatte. So wie wir heute insgeheim froh sind, dass jenes Martyrium, das die Frau in ihrer 24jährigen Gefangenschaft durchleiden musste, nicht in unserer Nähe stattgefunden hat.

Doch mit Schuldzuweisungen, Vorwürfen an Ermittlungsbeamte, zuständige Betreuer, Familienangehörige und Nachbarn sollte man vorsichtig sein.
Wir sind auch Nachbar für irgendjemand, Familienangehöriger von irgendjemand – und ganz egal, wie sehr wir jemanden zu kennen glauben, solange wir uns nicht selbst verstehen, sollten wir uns nicht anmaßen, selbiges bei jemand anderem besser zu machen. Das, was wir jetzt als Unvorstellbar erachten, hat viele Gesichter ... und ganz unvermittelt auch ein Bekanntes.

Nicht, dass wir eines Tages selbst aufwachen und feststellen müssen, dass wir auch zu "den anderen" gehören.
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