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X2 - X-Men 2 [2003]

Wertung: 5.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 01. Mai 2003
Genre: Fantasy / Action / Thriller

Originaltitel: X2
Laufzeit: 138 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2003
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Bryan Singer
Musik: John Ottman
Darsteller: Patrick Stewart, Hugh Jackman, Ian McKellen, Halle Berry, Famke Janssen, James Marsden, Rebecca Romijn-Stamos, Brian Cox, Alan Cumming, Anna Paquin, Kelly Hu, Aaron Stanford, Shawn Ashmore, Bruce Davison


Kurzinhalt:
Ein Attentat auf den Präsidenten der Vereinigten Staaten kann in letzter Sekunde verhindert werden, der Täter entkommt und ist, wie sich schnell herausstellt, ein Mutant namens Kurt Wagner (Alan Cumming), der Nightcrawler .
Durch den Vorfall sind die Wege für General William Stryker (Brian Cox) geebnet, der seit Jahren dafür kämpft, sich der Bedrohung durch die Mutanten zu entledigen. Er zwingt den inhaftierten Mutanten Erik Lehnsherr (Ian McKellen), besser bekannt als Magneto, ihm alles über die Mutanten-Schule von Professor Charles Xavier (Patrick Stewart) zu sagen.
Bei einem Überfall auf die Schule können die meisten der Kinder, darunter Rogue (Anna Paquin), Iceman (Shawn Ashmore) und Pyro (Aaron Stanford), und die X-Men entkommen, doch Xavier und Cyclops (James Marsden) fallen Stryker in die Hände. Die X-Men Wolverine (Hugh Jackman), Jean Grey (Famke Janssen) und Storm (Halle Berry) stehen nun einer größeren Bedrohung gegenüber, als je zuvor.
Damit nicht genug, entkommt Magneto aus seinem Glas-Gefängnis und macht sich mit Mystique (Rebecca Romijn-Stamos) auf die Suche nach den X-Men.
Mit vereinten Kräften könnte es ihnen gelingen, Stryker und seine gefährliche Mutanten-Gehilfin Deathstrike (Kelly Hu) aufzuhalten, die es sich zum Ziel gesetzt haben, alle Mutanten von der Erde zu fegen.


Kritik:
Willkommen in der Freakshow!
Nach einem Einführungsmonolog von Professor Xavier darf Wolverine einmal mehr seine Klauen ausfahren, Cyclops mit seinem Blick alles in Schutt und Asche legen, Storm die Naturgewalten sprechen lassen und Jean Grey übertrifft mit ihrem thelepatischen Fähigkeiten beinahe den Professor, der sich als der mächtigste aller Mutanten beweisen darf.
Doch diesmal kämpfen noch andere an ihrer Seite, Magneto, der Meister des Magnetismus scheint geläutert zu sein, Mystique kollaboriert mit den anderen Mutanten, um ihren Mentor zu unterstützen und neu im Bunde sind Nightcrawler, der teleportierende Blauhäuter, Pyro als Flammenkünstler und Iceman, der Batmans Mr. Freeze eindeutig auf die Plätze verweist. Auch die totbringende Rogue ist wieder mit von der Partie und mit Deathstrike (Kelly Hu) und Stryker gibt es zwei Bösewichte, die sich vor dem Joker oder dem Pinguin wirklich nicht verstecken müssen.

Das ist die Welt der X-Men; eine Welt, in der die Evolution Kapriolen schlägt und immer mehr Menschen mit besonderen, teils gefährlichen Fähigkeiten hervorbringt. Und, wie leider heute immer noch üblich, werden diese "andersartigen" Menschen von der Gesellschaft nicht akzeptiert. Sie werden gefürchtet, teilweise sogar gejagt und eingesperrt, oder gar getötet.
Professor Xavier hat es sich zur Aufgabe gemacht, junge und alte Mutanten in seiner Schule aufzunehmen und auszubilden, dort können sie ihre Fähigkeiten entwickeln und kontrollieren lernen. Xavier selbst glaubt daran, dass die Gesellschaft sich an die neuen Umstände mit den besonderen Menschen gewöhnen wird, doch viele Mutanten sehen das anders. Vor nicht allzu langer Zeit plante Magneto, den Menschen einen Vorgeschmack auf ihre Zukunft zu zeigen und hätte dabei beinahe ein Massaker angerichtet. Dafür sitzt der Jugendfreund von Xavier nun im Glas-Gefängnis, ein Gefängnis, das von William Strykers Einsatztruppe mitentwickelt wurde. Dieser hat ein ganz besonderes Interesse an Xavier, den Mutanten und besonders Wolverine.

So viel zum Inhalt, der hier gegenüber dem Film deutlich vereinfacht dargestellt ist, denn die Hintergrundgeschichte zu X2 ist sehr komplex geraten – kein Novum, aber durchaus eine Seltenheit im Unterhaltungs- und speziell im Comic-Genre.
Bereits vor drei Jahren bewies Bryan Singer, Regisseur und Co-Autor, dass er eine komplexe und tiefgehende Geschichte auch als Comic-Verfilmung erzählen kann; X-Men blieb in den USA kommerziell zwar ein wenig hinter den Erwartungen zurück, war weltweit jedoch ein voller Erfolg. Seither arbeitete der erst 37 Jährige daran, die Kritikpunkte am ersten Teil auszuräumen und mit X-Men 2 eine Comicverfilmung abzuliefern, die sowohl Zuschauer, als auch Fans der Vorlage überzeugen würde. Immer wieder erzählten die Macher in den jüngsten Interviews, dass mit X-Men nur der Grundstein gelegt wurde, dass die Charaktere eingeführt werden mussten und es nun an der Zeit sei, diese zur Höchstform auflaufen zu lassen. Die Einführung ist vorbei, jetzt gilt es das erste richtige Abenteuer zu bestehen.
Auf dem Papier und in Interviews mag sich das gut lesen, aber die Fans waren skeptisch, ob die großmundigen Versprechungen tatsächlich gehalten würden; vor nicht allzu langer Zeit meinte nämlich auch George Lucas, dass seine zweite Prequel-Episode aus dem Star Wars-Universum alle Wünsche der Fans erfüllen wurde – und er nahm dabei künstlerisch eine genügend große Niederlage hin, auch wenn sein Film finanziell ein Erfolg war. Mit Daredevil [2003] versuchte ein ebenfalls aus dem Marvel-Comic-Universum stammender Held, sein Glück auf der Leinwand – in beiderlei Hinsicht wenig überzeugend. Bei X2 waren somit die Erwartungshaltung, aber auch die Befürchtungen, gleichermaßen hoch. Nun ist der Streifen angelaufen und vorab kann man schon sagen, dass den Fans des ersten Films dieser hier auch gefallen dürfte, mit einer Ausnahme: Teil 2 ist sogar noch einen Tick besser.

Zu verdanken ist das hauptsächlich dem Drehbuch, das es versteht, eine interessante Mythologie weiter zu spinnen, die bereits im ersten Teil eingeführt wurde. Dabei werden nicht alle bisherigen Ereignisse über den Haufen geworfen, sondern das bisher Dagewesene hervorragend mit einbezogen und fortgeführt.
Die Hintergrundgeschichte setzt kurze Zeit später an, zeigt erneut, wie Wolverine auf der Suche nach seiner Vergangenheit ist, dass der angekündigte Krieg zwischen den Menschen und Mutanten immer konkretere Formen annimmt und dass es eine dritte, große Macht im Gefüge gibt, die sowohl Magnetos Truppe, als auch Xaviers X-Men feindlich gesonnen ist.
Mit William Stryker führt der Film einen Bösewicht ein, der im Gegensatz zu Magneto im ersten Film wirklich bösartig veranlagt ist, und der allen Mutanten nach dem Leben trachtet.
Dem Zuschauer wird die Hintergrundgeschichte in einigen hervorragenden Dialogszenen nahe gebracht, die spannend aufgebaut sind und die – als konsequente Fortführung des ersten Films – die eigentliche Philosophie der X-Men perfekt zum Ausdruck bringen. Alle Charaktere bekommen eine Zeilen zugeschrieben, in der sie auch ihre anspruchsvollen Seiten zeigen dürfen, doch schon aufgrund der Komplexität und der Verstrickungen der Geschichte, sowie des düsteren Grundtons richtet sich der Film nicht an Kinder, sondern eher an Erwachsene jeden Alters, die mit der Comic-Materie grundsätzlich etwas anfangen könen. Trotz der ernsten Story und der teils nicht zimperlich dargebrachten Szenen, spiegelt der Film dennoch etwas Hoffnungsvolles wieder – ein Balanceakt, den die Autoren bravourös gemeistert haben.
Was für offene Münder und gläserne Augen bei den Zuschauern und Fans sorgen dürfte, sind einige Einfälle, die den Autoren gekommen sind, und die mit eine Wort atemberaubend sind. Den Höhepunkt bildet hierbei Magnetos Ausbruch, der zwar zu den härtesten Szenen im Film gehört, aber dafür von der Grundidee her alles im ersten Teil Gezeigte in den Schatten stellt.
Der spannende und vielschichtige Aufbau des Drehbuchs rundet das Fundament des Films gekonnt ab und zeigt eindrucksvoll, dass es nur einer guten Geschichte bedarf, um auch einen guten Film zu machen.

Wie bereits im ersten Teil scharte der Regisseur ein Star-Ensemble um sich, das fast keinerlei Erklärung bedarf.
Mit Patrick Stewart und Ian McKellen stehen zwei mehrfach ausgezeichnete Mimen an der Spitze, die ihren jüngeren Darstellern oftmals die Show stehlen und sich in den gemeinsamen Szenen zu Höchstleistungen anspornen. An ihrem Können gibt es nichts zu rütteln, vielmehr wird an ihnen deutlich, dass ein Unterhaltungsfilm sehr wohl schauspielerisch anspruchsvoll sein und man das mit entsprechenden Darstellern auch hervorragend umsetzen kann.
Hugh Jackman sollte mit seiner Darbietung des Wolverine auch die letzten Zweifler überzeugen können, anfangs kommt er vielleicht etwas gekünstelt gelassen/cool rüber, doch als es zu den ersten Kämpfen kommt, darf er sein volles Potential entfalten – und das ist bisweilen beinahe furchteinflößend.
Dem gegenüber wirkt Halle Berry fast etwas unterfordert, als Storm hat sie jedoch trotzdem ein paar gute Szenen, wenngleich nicht so viel Dialog, wie ihr womöglich lieb gewesen wäre.
Von vielen unverständlicherweise als Fehlbesetzungen beschimpft, gehen James Marsden und Famke Janssen in ihren Rollen voll auf und meistern auch die anspruchsvollen Szenen ausgezeichnet. Insbesondere bei Marsden ist das eine schwere Aufgabe, immerhin sieht man während des gesamten Films seine Augen nicht – und genau damit erreichen die Darsteller sonst mehr als durch viele Gesten. Janssen hat eine deutlich größere und wichtigere Rolle, als im ersten Film, ihre finale Szene wird den Zuschauern lange in Erinnerung bleiben und die Augen der Fans zum Glühen bringen – ob die Macher diesen Handlungsstrang, weiterverfolgen steht allerdings noch in den Sternen.
Eine sehr positive Überraschung ist Alan Cumming als Nightcrawler Kurt Wagner, der im englischen Original sogar die deutsche Sprache recht gut in den Griff bekommen hat. Schauspielerisch gibt es bei ihm nichts auszusetzen, im Gegenteil; trotz des intensiven Make-Ups, das ganze acht Stunden jeden Morgen benötigte, spielt er seinen traurigen und auch bemitleidenswerten Charakter tadellos und mausert sich in kürzester Zeit zu einem der Highlights.
Ähnlich zeitraubend ging es bei der attraktiven Rebecca Romijn-Stamos zu, die diesmal "nur" fünf Stunden vor den Dreharbeiten bei den Maskenbildern zubrachte, als Mystique jedoch erneut Sehenswertes leistet. Dass sie in einer Szene ohne aufwändiges Make-Up quasi in natura zu sehen ist, ist ein Schmankerl für die informierten Fans – und ein Hingucker dazu.
Die jungen Darsteller bekommen in X2 auch einiges zu tun: Anna Paquin darf als Rogue wieder die Herzen zum Stillstehen bringen, und das tut sie mit sichtlicher Begeisterung. Aaron Stanford verkörpert Pyro, den Meister des Feuers, der im ersten Film noch von einem anderer Darsteller gespielt wurde. Anders hingegen Shawn Ashmore, der schon in X-Men als Iceman die Herzen der jungen Damen zum Einfrieren brachte. Er kann überzeugen, wirkt im Film aber etwas zu labil.
Auch die neuen Bösewichte wurden sehr gut besetzt, Brian Cox geht in seiner Rolle voll auf und scheint an dem Schurken-Part Gefallen gefunden zu haben; selbiges gilt für Kelly Hu, die als Lady Deathstrike Wolverine einheizt. Graziös elegant und doch energiegeladen tempramentvoll mimt sie die Kämpferin mit den scharfen Fingernägeln; ihr Kampf mit Wolverine gehört zu den Actionhöhepunkten im Film und benötigte immerhin drei Wochen Drehzeit.
Bei keinem der Beteiligten hat man das Gefühl, als würden sie nur spielen, sie "leben" ihre Rollen; sogar bei den Nebencharakteren und Gastauftritten von Bruce Davison, Shadowcat Katie Stuart und Colossus Daniel Cudmore.

Um das Geschehen in X2 angemessen in Szene zu setzen, vertraute Regisseur Singer erneut auf Kameramann Newton Thomas Sigel, mit dem er schon bei Der Musterschüler [1998], Die üblichen Verdächtigen [1995] und dem ersten Mutantenspektakel zusammengearbeitet hat.
Seine Inszenierung kann sich sehen lassen, die Kameraführung ist bisweilen erfrischend innovativ und doch beruhigend sauber geraten. Sogar die Zeitlupensequenz zu Beginn erscheint durchdacht, und die Bildkomposition mit viel Licht/Schatten-Einsatz, sowie interessanten Farben ist stimmig und meist anspruchsvoller, als man es in den meisten Unterhaltungsfilmen gewohnt ist.
Nicht ganz so reibungslos ist dagegen der Schnitt von Cutter und Komponist John Ottman verlaufen, die den Actionszenen bisweilen nicht genug Übersichtlichkeit verleiht. Allerdings wird man das Gefühl nicht los, dass hierbei auch die Freigabe des Films eine Rolle spielte, denn gerade bei den brutaleren Sequenzen geht durch die schnellem Schnitte manche eigentlich blutige Szene im restlichen Geschehen unter. Ottmans Arbeit auf diesem Gebiet ist immer noch überdurchschnittlich gut geworden, etwas mehr "Ruhe" bei der Action hätte allerdings nicht geschadet.

Die Spezialeffekte hinterlassen bisweilen einen zwiespältigen Eindruck, denn während einige wirklich hervorragend aussehen, wirken andere, als wäre den Machern das Budget in die Quere gekommen. Sicherlich wurde daraus das Maximum herausgeholt, mit mehr Geld in der Trickabteilung wäre allerdings auch mehr drin gewesen. Nichtsdestotrotz sehen die meisten Effekte atemberaubend aus, da man keinen Effekt erkennen kann – und genau so sollte es sein! Highlights sind sicherlich die Vewandlungen von Mystique, die noch vielschichtiger und komplexer aussehen, und das Teleportieren des Nightcrawler. Die Spitze bildet allerdings einmal mehr der Ausbruch von Magneto, bei dem man in keiner Sekunde das Gefühl hat, als wäre der Computer zu Hilfe gezogen worden.

Dass John Ottman bei vielen Filmen von Bryan Singer beteiligt ist, hat eine ganz einfache Bewandnis: Die beiden haben sich bei der USC School of Cinema-Television getroffen und sind seither befreundet. Nicht ohne Grund ist Ottmans Komponistendebut Public Access [1993] auch Singers Regieerstlingswerk.
Dass Ottman als Komponist durchaus sehr gute Scores abliefern kann, bewies er unter anderem mit Halloween H20: 20 Jahre später [1998] und Der Musterschüler, doch für X-Men 2 scheint er nicht so die richtige Wahl gewesen zu sein – man kann seine Musik sogar als einen Schwachpunkt des Films bezeichnen.
Bestes Beispiel ist bereits die Eröffnungsszene mit dem Attentat auf den Präsidenten, in der John Ottman mit seinem lauten und aufdringlichen Chor beweist, dass man eine hervorragend choreografierte Actionszene allein durch die Musik beinahe zerstören kann.
Seine ruhigen Themen sind im Film wirklich passend, doch in den Actionsequenzen versucht er mittels eines bombastischen Scores, das Geschehen im Film musikalisch übermäßig zu untermalen, obwohl dies so gar nicht nötig wäre. Dadurch stört seine instrumentierung in vielen Szenen bisweilen den eigentlichen Spannungsaufbau, statt ihn zu unterstützen, während dieselbe Musik in seiner Suite während des Abspanns, viel Spaß macht anzuhören. Manche Szenen benötigen eben wenig oder keine Musik. Michael Kamen erkannte dies im ersten Film und ließ oft die Bilder für sich sprechen, eine deutlich besserer Ansatz, wie man nun sieht.
Außerdem lässt Ottman einen roten Faden durch den Score hindurch vermissen, die einzelnen Themen zu den Charakteren sind zwar gut, aber sie haben kaum eine Verbindung zueinander.
Sein Soundtrack ist alles in allem immer noch überdurchschnittlich gut, doch vielleicht wäre es besser gewesen, einen anderen Komponisten zu verpflichten.

In der englischen Originalfassung ist der Film auch für die Ohren ein Genuss; insbesondere Patrick Stewart und Ian McKellen setzen ihre Stimmen gekonnt ein, um dem Zuschauer sofort zu vermitteln, in welcher Stimmung sie sich befinden. Ob sich das in die deutsche Synchronisierung retten kann, darf bezweifelt werden. Wer die Möglichkeit hat, sollte sich unbedingt eine der Original-Vorstellungen anschauen, denn was die Trailer, Ausschnitte und Hintergrundberichte über die deutsche Sprachfassung erahnen lassen, ist nicht sehr ermutigend. Bereits beim ersten Teil waren die älteren Darstellen relativ gut synchronisiert, doch bei den X-Men selbst, insbesondere bei Wolverine, hörte man nicht einen verbitterten Hugh Jackman, sondern einen lustlosen Synchronsprecher, der einem beinahe den Spaß am Zuschauen raubte. Da der zweite Teil noch mehr junge Charaktere einbindet, sollte man von der deutschen Fassung nicht allzu viel erwarten.

Bei X-Men 2 wird recht schnell deutlich, dass trotz des neuen Jugendschutzgesetzes die FSK immer noch nicht weiser entscheidet. Zwar spritzt bei diesem Film das Blut nicht im Massen, wenn Wolverine und Deathstrike aber einander die Klauen ins Fleisch stoßen (und das sogar mehrfach), oder ein Dutzend Menschen durch die Explosion ihrer Handgranaten zu Tode kommen, kann man nicht anders, als angesichts der Freigabe "ab 12 Jahren" unverständig den Kopf zu schütteln. Und obwohl man nicht explizit sieht, wie Wolverine den Infiltratoren der X-Men-Schule seine Klauen ins Herz, den Hals oder in andere Körperteile rammt, sollte es jedem klar sein, welche Auswirkungen das hat. Der sogenannte Bodycount ist in X2 recht hoch und für einen "Kinderfilm" definitiv ungeeignet. Vielleicht sollte man sogar auf eine feste Alterseinstufung verzichten und variable festlegen, für welche Altersgruppen ein Film jeweils geeignet ist – ab 14 oder 15 Jahren wäre hier passender.

Dass ein solcher Film vor Anspielungen nur so strotzt, versteht sich von selbst, doch auch viele Fans werden sich anstrengen müssen, alle Details und Insider-Gags mitzubekommen.
Interessantes spielte sich wie immer auch hinter der Kamera ab. So musste Hugh Jackman 20 Pfund zunehmen und arbeitete mit demselben Trainer zusammen, durch den sich Angelina Jolie für Tomb Raider [2001] in Lara Croft verwandeln ließ, um wieder fit und muskulös genug für die Rolle des Wolverine zu sein.
Kelly Hus Säbel-Fingernägel wurden nicht auf ihre wirklichen geklebt, sondern darunter – sie musste sie dafür extra wachsen lassen.
Eine wahre Odyssee erwartete die Filmemacher, als es darum ging, einen Rollstuhl für Professor Xavier zu finden, denn derjenige aus dem ersten Teil wurde damals nach den Dreharbeiten versteigert. Glücklicherweise ging er an einen Anwalt, der in derselben Kanzlei arbeitet, wie Patrick Stewarts Anwalt. Man lieh den Stuhl, wie es hieß, für eine beträchtliche Summe, für die Zeit der Dreharbeiten des zweiten Teils wieder aus – ob das nicht auch günstiger gegangen wäre?

Wenn man nach den etwas mehr als zwei Stunden das Kino verlässt und ein Resümee zu ziehen versucht, kommt einem unweigerlich die Frage in den Sinn, wieso nicht jede Fortsetzung so sein kann.
Regisseur Bryan Singer gelang das, was viele Filmemacher versprechen und dann doch nicht halten können, eine Fortsetzung, die ihren Vorgänger an Komplexität, Charaktermomenten und Action übertrifft und dabei sehr gut gemacht ist und ihm dennoch treu bleibt. Die damaligen Kritikpunkte wurden konsequent ausgemerzt und eine noch packendere Geschichte erzählt, die durch das Staraufgebot auch entsprechend makellos gespielt wird. Die Story ist heute so aktuell wie eh und je, die Art und Weise wie der Film auf die Leinwand gebracht wurde beinahe zeitlos und angesichts des enormen Unterhaltungswerts fallen die wenigen Schwachpunkte nicht ins Gewicht.
X-Men 2 ist ein Paradebeispiel dafür, wie eine Comicverfilmung aussehen kann und sie übertrifft sogar den letztjährigen Hit Spider-Man [2002].
Was dem Film an den Kinokassen zum Verhängnis werden kann, ist seine Reife und Komplexität, denn genau das wollen viele Zuschauer heute offensichtlich nicht sehen – anders ist es nicht zu erklären, dass viele schlechtere Filme mehr Erfolge verbuchen können, als so mancher wirklich gute. Und die über 100 Millionen Dollar Produktionskosten wollen erst einmal eingespielt sein.
Man kann nur hoffen, dass Singer & Co. sich dazu überreden lassen, einen weiteren Teil zu drehen und sie sich ebenso viel Zeit und Ruhe nehmen, um ihn genauso gut werden zu lassen. Für die Zuschauer ist das schon allein deshalb wünschenswert, weil sehr, sehr viele Handlungsstränge geradezu nach einer Fortsetzung schreien.


Fazit:
Ob der Film die Fans der Comicvorlage zufriedenstellen wird, wage ich nicht zu vermuten, denn dafür fehlt mir schlicht die Kenntnis. Als Fan des ersten Films muss ich allerdings sagen, dass X2 genauso gut X2 hätte heißen können. Die Macher steigerten den ersten Teil um Action, Charakterentwicklungen und Storytiefe und nutzten die 30 Minuten zusätzliche Laufzeit gekonnt aus, um eine Comic-Verfilmung zu liefern, wie es sie seit Batmans Rückkehr [1992] nicht mehr gegeben hat.
Durch seine epische Erzählweise läutet Bryan Singers fünfte Regiearbeit den Kinosommer 2003 ein und legt die Messlatte für die kommenden erwarteten Blockbuster, darunter Matrix Reloaded, Terminator 3 – Rebellion der Maschinen und Hulk, sehr hoch. Ihm sei's gedankt!


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