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Teaching Mrs. Tingle [1999]

Wertung: 4.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 24. Juli 2002
Genre: Unterhaltung / Thriller

Originaltitel: Teaching Mrs. Tingle
Laufzeit: 96 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 1999
FSK-Freigabe: ab 12

Regie: Kevin Williamson
Musik: John Frizzell
Darsteller: Helen Mirren, Katie Holmes, Barry Watson, Marisa Coughlan


Kurzinhalt:
Es ist das Abschlussjahr von Leigh Ann (Katie Holmes) an der Grandsboro Highschool. Und ebenso wie ihre beste Freundin Jo Lynn (Marisa Coughlan) wünscht sie sich nichts mehr, als aus dem verschlafenen Städtchen herauszukommen. Da Leigh Ann jedoch nicht aus reichem Hause kommt, ist sie auf ein Stipendium angewiesen, das die beste Schülerin oder der beste Schüler des Jahrgangs erhält.
Sie hat ihr Ziel fast erreicht, doch eines steht ihr im Weg: eine Eins in Geschichte, die ihr die bösartige Mrs. Tingle (Helen Mirren) nie geben würde, gleichwohl sie für ihr hervorragendes Abschlussprojekt viel Arbeit und Zeit investiert hat. Als Luke Churner (Barry Watson) Leigh Ann und Jo Lynn die Prüfungsaufgaben der Geschichtsarbeit zeigt, die er geklaut hat, werden sie von Mrs. Tingle überrascht, die den Vorfall verständlicherweise dazu nutzen würde, die drei von der Schule werfen zu lassen. Der Zufall will es, dass die drei bis zum nächsten Morgen Zeit haben, Mrs. Tingle von Leigh Anns und Jo Lynns Unschuld zu überzeugen. Als sie Mrs. Tingle in ihrem Haus aufsuchen, gerät die Situation außer Kontrolle und wenig später liegt Eve Tingle gefesselt in ihrem Bett, während die Jugendlichen überlegen, was sie nun tun sollen. Doch damit fängt der Ärger erst richtig an.


Kritik:
Schlechtes Timing – so lässt sich am ehesten der ausbleibende Erfolg dieses mit makabrem Humor ausgestatteten Films beschreiben. Und das Timing war in mehrfacher Hinsicht schlecht.
Ein kleiner Rückblick:
Kurz bevor der Film in den USA in die Kinos kommen sollte, gab es das erste dieser schrecklichen Massaker in einer amerikanschen Schule, und später, als der Film in Deutschland veröffentlicht werden sollte, wurde kurz zuvor eine Lehrerin tätlich von einem Schüler angegriffen.

Ersteres veranlasste die Produktionsfirma Columbia Pictures leider dazu, viele Szenen aus dem Film herauszuschneiden, Dialoge umzusynchronisieren und nicht zuletzt den Starttermin immer weiter nach hinten zu schieben. Kritiker und Presse lasen verständlicherweise die Inhaltsangabe, in der nur stand, dass eine Lehrerin von Schülern gekidnappt wurde, und stempelten den Film zu einem unnützen und gewaltverherrlichenden Machwerk ab. Als sich Columbia in den USA entschied, den Film nicht wie vorgesehen mit einem R-Rating ins Kino zu bringen, sondern PG13-tauglich zu machen, wurde erneut geschnitten und synchronisiert. - Man kann nur hoffen, dass es irgendwann einen Director's Cut geben wird, verdient hätte es der Film deutlich mehr als viele andere.

Das heißt jedoch nicht, dass Teaching Mrs. Tingle ein schlechter Film wäre, im Gegenteil. Selten habe ich eine so bösartige und pointierte Komödie gesehen, die doch einen ansich lehrreichen Kern besitzt. Dabei ist es eigentlich keine Komödie, vielmehr Dramedy, eine Mischung aus Drama und Komödie.
Während manche Szenen wirklich witzig sind, verbirgt sich hinter den Hauptfiguren ein meist vielschichtiger und interessanter Charakter, der sich als mehr entpuppt, als man zunächst annehmen könnte. Vor allem jedoch reagieren die Jugendlichen hier, wie es Jugendliche normalerweise tun, auch wenn es unter so außergewöhnlichen Umständen geschieht. Sie diskutieren nicht über hochphilosophische Themen oder werfen mit Wörtern um sich, die seit Jahrhunderten nicht mehr benutzt wurden. Das gibt dem Film eine Authentizität, die vielen anderen Teen-Filmen einfach fehlt.

Die Story konzentriert sich auf Leigh Ann und ihr privates Umfeld, man bekommt vor allem in den Gesprächen mit Mrs. Tingle sehr viel über ihre Mutter und die Probleme mit, mit denen sich beide beschäftigen. Verkörpert wird Leigh Ann von Katie Holmes, die einmal mehr eine überzeugende, wenn auch nicht weltverändernde Darstellung abliefert. Sie darf die witzigen, ernsten und auch traurigen Momente richtig ausspielen und man hat zu keiner Zeit des Films das Gefühl, dass sie ihre Rolle nur spielt.

Eine wirkliche Meisterleistung muss man Helen Mirren zugestehen, die in der Rolle der Mrs. Tingle alle an die Wand spielt. Ihre Bösartigkeit, ihre Wortgewandtheit und nicht zuletzt ihre Fähigkeit, bis zum Schluss – teilweise sogar gefesselt und geknebelt – ihre Würde zu bewahren, machen ihr Schauspiel wirklich sehenswert. Auch in den schwierigsten Situationen scheint sie die Oberhand zu behalten und ihre "Wärter" gegen einander auszuspielen. Sie derart manipulativ zu sehen, ist ein wahres Vergnügen für den Zuschauer. Vor allem hat man auch am Ende immer noch den Eindruck, dass sie letztendlich "gewonnen" hat.

Alle Schauspielerei ist sinnlos, wenn dem nicht ein richtiges Drehbuch zu Grunde liegt. Kevin Williamson, der bereits die Drehbücher zu den ersten beiden Scream [1996, 1997]-Filmen verfasst hat, arbeitete hier einige Jugenderinnerungen auf und führt gleichzeitig Regie.
Auch ihm darf man ein Kompliment machen, kaum jemand versteht es so gut, Dialoge – gerade zwischen Jugendlichen – so interessant und giftig zu gestalten, wie er. Das Drehbuch überzeugt durch ausgefeilte Charaktere und die kongeniale Inszenierung von Mrs. Tingle. Das Finale wirkt etwas actionbetont und weniger auf Dialog ausgerichtet, doch es ist immer noch wirklich gut und bedeutend besser als von vielen anderen Filmen der letzten Jahre.
Der Inszenierungsstil wirkt durchdacht und routiniert, allerdings hätte man sich bei der Kameraarbeit und dem Schnitt etwas mehr Ungewöhnlichkeit, interessantere Schnittfolgen und längere Kamerafahrten wünschen können. Andererseits weiß ich nicht, wie der Film im ursprünglichen Zustand aussah, bevor das Studio Hand angelegt hat. Der Spannungsaufbau in den einzelnen Szenen und auch die konsequente Vorbereitung des Finales sprechen jedoch für ihn: eine wirklich gute Arbeit.

Die Musik von John Frizzell überzeugt durch ihre leicht ironischen Melodien und die tolle Untermalung der Szenen. In den richtigen Momenten wird sie durch radiotaugliche Songs abgelöst, kehrt jedoch in anderen wieder genau im rechten Zeitpunkt zurück und trägt ungemein zur Spannung und Atmosphäre bei.

Teaching Mrs. Tingle ist mehr als ein reiner Unterhaltungsfilm und stellt den Anspruch, dass der Zuschauer mitdenkt und sich auf die Charaktere einlässt; vor allem, dass er aber in der Lage ist, hinter die Fassaden zu sehen.
Zwar kam mir der Charakter der bösartigen Lehrerin etwas zu kurz – auch wenn sie viele Szenen hatte, wirklich etwas über sie erfahren hat man nicht – aber der Film enthält meines Erachtens einige Grundsatzaussagen, die sowohl für Schüler des richtigen Alters, als auch für Lehrer mehr als wissenswert sind, denn auch wenn Mrs. Tingle ein stark überzeichneter Charakter ist, eine kleine Tingle trägt wohl jeder Lehrer und jede Lehrerin in sich.


Fazit:
Wer einen Horrofilm nach Scream-Manier erwartet, wird enttäuscht werden, für einen Teenager-Film überzeugt er jedoch mit reifen Charakterzeichnungen, durchdachten und intelligenten Dialogen und fein eingestreutem, makabrem Humor. Die Darstellungen von Helen Mirren und Katie Holmes machen den Film wirklich sehenswert.

Ein Film, der zur falschen Zeit gedreht wurde, vor allem, da in unserer heutigen Zeit auf Grund der offenen Gewalt gegen Lehrkräfte dieses Thema sowieso tabuisiert wird, anstatt ernsthaft darüber zu diskutieren. Sicher ist die Situation in Teaching Mrs. Tingle nicht mit einem dieser erschreckenden Amokläufe vergleichbar – dass es jedoch ein zunehmendes Problem zwischen Lehrern und Schülern gibt, kann man wohl nicht leugnen.
Der Film bietet tolle Unterhaltung zum Mitdenken, auch wenn das viele Leute falsch verstanden haben. Es steht nicht das Kidnapping der Lehrerin im Vordergrund, sondern vielmehr, wie wichtig es ist, dass Lehrer und Schüler sich gegenseitig verstehen lernen. Und das geht am Schonungslosesten und Lehrreichsten, wenn man sich selbst durch die Augen der anderen sieht und gezwungen ist, endlich zuzuhören.


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