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Stronger [2017]

Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 8. März 2018
Genre: Drama / Biografie

Originaltitel: Stronger
Laufzeit: 119 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2017
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: David Gordon Green
Musik: Michael Brook
Darsteller: Jake Gyllenhaal, Tatiana Maslany, Miranda Richardson, Richard Lane Jr., Nate Richman, Lenny Clarke, Patty O'Neil, Clancy Brown, Kate Fitzgerald, Danny McCarthy, Frankie Shaw, Carlos Sanz


Kurzinhalt:

Als Jeff Bauman (Jake Gyllenhaal) am 15. April 2013 auf seine Ex-Freundin Erin (Tatiana Maslany) beim Zieleinlauf des Boston-Marathon wartet, hat er die Hoffnung, sie zurückzugewinnen. Sekunden später ist nichts mehr in seinem Leben, wie es vorher war – Jeff stand unmittelbar neben einem von zwei Sprengsätzen, die kurz hintereinander zur Explosion gebracht wurden. Schwer verletzt, werden ihm beide Beine amputiert. Sechs Wochen später kehrt er aus dem Krankenhaus in einen Alltag zurück, in dem sich Erin zu großen Teilen um ihn kümmert und seine Mutter Patty (Miranda Richardson), die überall erzählt, wie stolz sie auf ihren Sohn ist, ihn zu Interviews und öffentlichen Auftritten drängt. Statt an der Bewältigung seines Traumas zu arbeiten, verdrängt Jeff mehr und mehr. Damit stößt er nicht nur diejenige Person von sich, die ihn am meisten unterstützt, es macht seinen Weg zurück ins Leben auch umso länger und schwieriger …


Kritik:
Bei dem auf gar nicht so lange zurückliegenden wahren Ereignissen basierenden Drama Stronger erwartet das Publikum genau das, womit man angesichts des Themas und der Beteiligten rechnen würde. Das muss nichts Schlechtes sein, ganz im Gegenteil. Regisseur David Gordon Green gelingt hier jeder einzelne Moment und die Darstellerleistungen sind über alle Zweifel erhaben. Doch wächst das Drama um den 28jährigen Jeff Bauman, der bei dem Anschlag auf den Boston-Marathon am 15. April 2013 beide Beine verlor, nie über sich hinaus. Was ihn letztlich dazu bewog, sich aus dem Abgrund heraufzuziehen, in den er nach den traumatischen Erlebnissen gefallen war, und wie ihm dies gelingt, wird kaum und darüber hinaus zu schnell erzählt.

Auch wenn Bauman diesem unmenschlichen Angriff ein Gesicht verliehen hat und im Nachgang als Held der „Boston Strong“-Bewegung gefeiert wurde, durch die sich die Stadt von einem solchen Akt nicht einschüchtern ließ, wenn wir ihn zum ersten Mal sehen, scheint er wie ein ganz normaler junger Mann. Zusammen mit Verwandten sieht er sich in einem Pub nach der Arbeit ein Baseball-Spiel an. Der Moment scheint auch angesichts der Diskussionsthemen und der Art, wie sie dargebracht werden, aus dem Leben gegriffen. Es besteht ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das von der Leinwand überspringt, trotz oder gerade auf Grund des etwas rauen Tons. Jeff tritt in einem fleckigen Shirt vor seine Ex-Freundin Erin und versucht, sie zu einem Abendessen zu überreden.
Nicht nur auf Grund des augenscheinlich fehlenden Make-ups besitzt der Moment etwas Ungeschminktes. Die unbeschwerte Atmosphäre, wenn Jeff wenig später auf Erin an der Ziellinie des Marathons wartet, könnte jäher nicht enden, als durch diese zwei Detonationen an jenem Montag im April.

Statt den Moment oder was er mit Jeff anrichtet aus seiner Sicht zu zeigen, schildert der Filmemacher dies durch die Augen und anhand der Reaktionen von Jeffs Familie und Erin. Es ist eine Herangehensweise, die das Publikum zwingt, sich selbst in ihre, statt in Jeffs Lage zu versetzen und erklärt, weshalb die Spannungen innerhalb der Familie mit den getrennt lebenden Eltern im Nachhinein nur noch größer werden. Green beleuchtet bewusst auch ihre hässlichen Seiten, die sich nicht nur auf den häufigen Alkoholkonsum beschränken, der jedoch einen Aspekt darstellt. Umso mehr ist die Reaktion von Jeffs Boss aus dem Supermarkt, in dem Jeff gearbeitet hat und der ihn mehrmals im Krankenhaus besucht, ein schillerndes Vorbild in allen Belangen.

Wie sich die Welt für Jeff nach diesem Tag verändert haben muss, kann man nur erahnen. Nicht nur angesichts der traumatischen Verletzungen, sondern dass er auf einmal im Zentrum der Aufmerksamkeit steht. Sowohl der Medien als auch seiner ganzen Familie. Vor allem seine Mutter Patty sagt ihm, was er tun, wo er auftreten und was er repräsentieren soll, beispielsweise als er die Flagge der „Boston Strong“-Bewegung bei einem Eishockeyspiel schwenken soll. Man hat das Gefühl, als würde er die Reha nur beginnen, weil es von ihm erwartet wird, doch am liebsten wäre er in diesen Zeiten woanders. Niemand stellt ihm die Frage, was er möchte.
Stronger zeigt Jeff in alltäglichen Situationen mit seinen alltäglichen Rückschlägen, wie wenn er versucht, morgens aufzustehen und vergisst, dass er gar nicht mehr auftreten kann. Sieht man, wie ihm zum ersten Mal der Verband an den Beinen gewechselt wird, treibt einem dies wahrhaftig die Tränen in die Augen.

Uns fällt es dabei außenstehend scheinbar leichter auszumachen, dass Jeff sein Trauma nicht bewältigt, auch wenn er für die Kameras oft lächelt. Sowohl er als auch seine Familie trinkt viel und häufig. In seiner Situation ergibt das einen einen zerstörerischen Cocktail. Sagen ihm zwei fremde Menschen, die von seiner Geschichte und seinem Lebenswillen inspiriert sind, wie froh sie sind, dass er geheilt ist, dann könnte dies nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein. Sieht es unmittelbar nach dem Anschlag so aus, als würde Jeff mit der Situation dank Erins Unterstützung so gut es eben geht zurechtkommen, folgt ein Absturz in ein Loch, den er lange Zeit selbst nicht als solches wahrnimmt.
Der Moment, nach dem ein Umdenken bei ihm stattfindet, ist dabei packend und bewegend eingefangen. Taktvoll statt reißerisch lenkt David Gordon Green dann den Blick auf Jeffs Sicht seiner Erlebnisse. Das ist auf eine erschreckende Weise authentisch, aber nichts für schwache Nerven, trotz der FSK-Freigabe. Dass es Jeff Bauman gelang, sich aus diesem Abgrund wieder einen Weg ins Leben zurück zu bahnen, steht außer Frage. Nur leider verrät Stronger nichts darüber, auf welche Weise das geschah. Doch das macht das, was das Drama zeigt, nicht weniger ergreifend.

Einen großen Anteil trägt hierbei die Besetzung. Als Jeffs Mutter Patty ist Miranda Richardson großartig. So wie Tatiana Maslany, die in vielen fordernden Momenten glänzt. Sie und Jake Gyllenhaal besitzen eine natürliche Chemie, die ihre Beziehung durch alle Höhen und Tiefen aus dem Leben gegriffen scheinen lässt. Bei Jake Gyllenhaal zu behaupten, dass sein Porträt von Jeff Bauman zu seinen besten Darbietungen zählt, ist eine Aussage, die man angesichts seines Repertoires nicht leichtfertig treffen sollte. Sein Spiel ist in jedem Fall preiswürdig und geht in so vielen Momenten unter die Haut, dass es unverständlich ist, dass er nicht einmal für einen Oscar nominiert wurde.


Fazit:
In den entscheidenden Szenen behutsam und respektvoll inszeniert, wirft Regisseur David Gordon Green einen bewegenden und gleichermaßen ungeschönten Blick auf das, was Jeff Bauman und den Menschen um ihn herum widerfahren ist. Auch die Familie selbst wird beleuchtet, die nicht die heile Welt widerspiegelt, die man erwarten würde. Stronger schildert Baumans Kampf zurück ins Leben und erzählt seine inspirierende Geschichte, fernab von klischeehaften Momenten, aber mit Szenen, die ins Mark treffen. Was diesen Mann letztlich dazu bewogen hat, seinen Weg zurück zu finden und vor allem, wie es ihm gelungen ist, verschweigt das sehenswerte und beeindruckend gespielte Drama allerdings. Dabei wäre genau das noch lehrreicher, als ihn durch seine dunkelsten Stunden zu begleiten. Doch das heißt nicht, dass dies kein lehrreiches Privileg ist. Schwere Kost zwar, aber gerade deshalb lohnenswert.
 


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