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Schatten der Wahrheit [2000]

Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 19. Juli 2005
Genre: Thriller / Horror / Drama

Originaltitel: What Lies Beneath
Laufzeit: 124 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2000
FSK-Freigabe: ab 16 Jahren

Regie: Robert Zemeckis
Musik: Alan Silvestri
Darsteller: Harrison Ford, Michelle Pfeiffer, Diana Scarwid, Joe Morton, James Remar, Miranda Otto, Amber Valletta, Katharine Towne


Kurzinhalt:
Nachdem das Ehepaar Dr. Norman (Harrison Ford) und Claire Spencer (Michelle Pfeiffer) die Tochter Caitlin (Katharine Towne) aufs College begleitet haben, macht sich eine große Ruhe im Haus breit. Norman bereitet eine wichtige Arbeit seines Lehrstuhls an der Universität vor und verbringt viel Zeit auf dem Campus, während Caitlin darum bemüht ist, einen neuen Tagesrhythmus ohne Tochter zu finden.
Doch schon bald geschehen unheimliche Dinge im Haus, Türen öffnen sich wie von Geisterhand, ein Bild fällt mehrmals zu Boden und auch Stimmen und Flüstern glaubt Claire zu hören. So kommt Claire auf einen Zeitungsartikel, in dem von einer verschwundenen Studentin vor einem Jahr berichtet wird. Davon überzeugt, dass der Geist jener jungen Frau mit ihr Kontakt aufnehmen soll, befolgt sie den Ratschlag ihres Therapeuten Dr. Drayton (Joe Morton) und versucht herauszubekommen, was der Geist von ihr verlangt.
Doch die Begegnungen werden intensiver und gefährlicher – schon bald sehen Norman und Claire ihr Leben in dem Haus körperlich bedroht, doch als Claire weiter nach Informationen über die Studentin gräbt, kommt sie etwas Unfassbarem auf die Spur ...


Kritik:
Seine beiden Projekte Schatten der Wahrheit und Cast Away – Verschollen [2000] markieren bislang die einzigen beiden Filme, die Regisseur Robert Zemeckis für Steven Spielbergs Studio DreamWorks SKG inszenierte – dabei lehnte sich das Studio in beiden Fällen sehr stark aus dem Fenster. Bei Cast Away insofern, als dass die Produktion für acht Monate angehalten wurde, um es Hauptdarsteller Tom Hanks zu ermöglichen, knapp 25 Kilo für seine Verwandlung zum Inselsiedler abzunehmen, bei Schatten der Wahrheit, da der Film auf jeden Fall innerhalb dieser Zeitspanne abgedreht werden musste, um die zweite Hälfte von Cast Away im Anschluss zu drehen. Die Crew hinter der Kamera war in beiden Fällen dieselbe.
Thematisch könnten die beiden Projekte allerdings unterschiedlicher kaum angesiedelt sein, auch wenn die Umsetzung Zemeckis in beiden Fällen sehr gut gelungen ist.

Das zweifelsohne schwächste Element, wenn man es denn gar so nennen möchte, ist hier das Drehbuch aus der Feder von Clark Gregg, für den dies bislang das erste und einzige Skript gewesen ist, auch wenn er nach wie vor als Darsteller zu sehen ist (Reine Chefsache! [2004]).
Sein Ansatz bei What Lies Beneath, so der Originaltitel, ist ein bedeutend ruhigerer und persönlicherer, als man es nach der sehr actionlastigen Vorschau erwarten würde, und der Autor nimmt sich erfreulich viel Zeit, seine Figuren auszubauen und ihnen Tiefe zu verleihen. Sehr subtil wird dem Zuseher ein Gefühl dessen vermittelt, wie sich Hauptfigur Claire fühlen muss, wird doch der gesamte Film – bis auf eine Szene – ausschließlich aus ihrer Sicht erzählt. Dabei steht nicht das Privatleben einer bekannten Persönlichkeit im Vordergrund, sondern vielmehr das (Gefühls-)Leben einer alltäglichen Person, die außergewöhnliches erlebt. Die Gruselelemente werden zu Beginn noch verhältnismäßig behutsam eingeführt, ehe sich dann schrittweise die Gefahr für die Charaktere erhöht und auch die ein oder andere Wendung das Drehbuch schmückt.
Doch gerade diese Twists zum Schluss sind für Genrekenner allzu vorhersehbar und werden – zu allem Unglück – in der Vorschau auch schon verraten. So lebt das Skript zum großen Teil von der stückweisen dekonstruktion der Fassade der Figuren, zusammen mit der Erkunding von Claires Vergangenheit, die vor einem Jahr (so wird es immer wieder angedeutet) einen großen Knick erfahren haben muss. Auch das Rätsel um die Geistererscheinungen trägt viel zur unheimlichen Atmosphäre bei, doch der größte Pluspunkt der Vorlage liegt ohne Zweifel in der Natürlichkeit der Figuren und der jeweiligen Dialoge, die erfrischend lebensnah geraten sind und ebenso real wie improvisiert wirken – dass das Finale überaus actionbetont ist, mögen manche Zuschauer dem Film übel nehmen, doch gehört dies ebenso wie die Grundstimmung und die Fixation der Story auf die Facetten der Figuren zum Stil des Drehbuchs, das sich an den Meisterwerken von Alfred Hitchcock anlehnt und gegen jene zweifelsohne bestehen kann.

Was für Wünsche das Drehbuch auch immer offen lässt, die Hauptakteure Harrison Ford und Michelle Pfeiffer, die Zemeckis erste und einzige Wahl gewesen waren, machen alle Makel wieder wett.
Dass dabei Pfeiffer ansich im Mittelpunkt steht und Ford erst in der zweiten Filmhälfte mehr zum Zug kommt, tut der Produktion sichtlich gut und gibt Michelle Pfeiffer, die immerhin seit den 1980er Jahren regelmäßig in Hollywood-Filmen zu sehen ist, damals den "Miss Orange County Schönheitswettbewerb" gewann und 1990 vom People Magazine unter die 50 schönsten Menschen der Welt gewählt wurde. Wenig später ersetzte sie Annette Bening als Catwoman in Batman Returns [1992] und heiratete im Winter 1993 den Autor und Produzenten David E. Kelley (Erfinder von Picket Fences - Tatort Gartenzaun [1992-1996] und Ally McBeal [1997-2002]). Als Mutter zweier Kinder ist es in den 90er Jahren ruhiger im ihre Karriere geworden, doch für den überaus erfolgreichen Schatten der Wahrheit erhielt sie eine Gage von über 10 Millionen Dollar. Dass sie der Rolle mehr als nur gewachsen ist, sieht man ihr bereits in den ersten Minuten an, auch wenn sie mimisch gerade im letzten Drittel ungemein gefordert ist. Mit ihrer natürlich-sympathischen Ausstrahlung trifft sie genau den Charakter der Figur, ohne jemals zu zerbrechlich oder übertrieben heroisch zu wirken.
Dass sie außerdem mit ihrem Kollegen Harrison Ford exzellent vor der Kamera harmoniert, trägt ungemein zur Stimmung des Filmes bei. Gerade die Gespräche der beiden wirken aus dem Stegreif geführt und nicht einstudiert, das leichte Zögern, als würde sie beide nach den richtigen Worten suchen, ist sicherlich ein Stilmittel, das Ford seit jeher beherrschte, und auch hier nutzt er seine ruhige Ausstrahlung, um der Figur des Dr. Norman Spencer etwas ebenso warmes wie auch unvorhersehbares zu verleihen. Den beiden Profis vor der Kamera zuzusehen ist eine wahre Freude, und so wundert es nicht, dass beide für mehrere Preise nominiert waren und jeweils auch einen einheimsen konnten.
Da das Skript selbst in gewisser Weise als Kammerspiel angelegt ist, beschränkt sich auch die Besetzung auf wenige aktive Figuren, und so kommen weder Diana Scarwid, noch Joe Morton, James Remar oder Miranda Otto groß zum Zug, und doch haben sie alle ein paar interessante und für den Film auch wichtige Szenen zugeschrieben bekommen, die sie allesamt überzeugend meistern. An die dominierende Verkörperung von Ford und Pfeiffer kommt jedoch keiner der übrigen Darsteller heran.

Dass Kameramann Don Burgess für seine herausragende Arbeit an Forrest Gump [1994] nicht mit dem Oscar belohnt wurde (immerhin wurde er nominiert) ist bereits unverständlich – ihn für Schatten der Wahrheit nicht einmal zu nominieren jedoch eine Frechheit. Selten zuvor glänzte ein Film des Genres mit einer derartigen Vielzahl ungewöhnlicher, überraschend-innovativer und aussagekräftiger Perspektiven und so langen, komplizierten, zur Stimmung immens beitragenden Kamerafahrten, die man als Zuschauer meist gar nicht bewusst wahrnimmt. Auch beim Finale gibt es zahlreiche Einstellungen, die einen unmittelbar in die Haut der Hauptfigur ziehen und einen das Geschehen aus ihrem Blickwinkel erleben lassen. Ohne den Zuschauer allzu sehr zu gängeln, wie man es bei manchen Horrorfilmen das Gefühl hat, finden die Macher hier stets die beste Art und Weise, die Szene zum Leben zu erwecken, sie glaubhaft und intensiv zu gestalten, ohne aber zu oft auf Spielereien zu setzen. Ganz im Stil von Hitchcock wagen die Macher hier einige neue Experimente, an deren Durchführbarkeit man als Zuschauer einfach zweifeln würde, inszenieren den Film aber doch klassisch und streckenweise fast schon altmodisch.
Auch Cutter Arthur Schmidt, der sowohl für Forrest Gump, als auch Falsches Spiel mit Roger Rabbit [1988] mit dem Oscar belohnt wurde, leistet hier wieder eine hervorragende Arbeit und bringt Zemeckis Vision gekonnt zum Ausdruck – so fehlen zwar leider einige Szenen, die im Trailer zu sehen sind, doch dafür besitzt der Film einen konstanten Spannungsaufbau, der aber gerade in den spannenden Szenen nicht durch schnelle Schnitte gestört, sondern mit langen Einstellungen intensiviert wird.
Handwerklich versteckt sich hinter Schatten der Wahrheit einer der best gemachten und handwerklich hervorragendsten Filme des Genres und gerade dank dieser Grundlage auch ein wirklich spannender und dichter Grusel-Thriller.

Die Musik von Alan Silvestri, Zemeckis Hauskomponist, orientiert sich ebenfalls eindeutig an Hitchcocks Klassikern und mutet bereits beim Hauptthema wie die Neuinterpretation von Bernard Herrmanns Motiven an, der seinerseits die meisten Hitchcock-Filme untermalte, darunter auch der legendäre Psycho [1960].
Die Musik hält sich dabei zwar oft im Hintergrund und ist nicht – wie bei anderen Gruselfilmen – der Grund dafür, dass der Zuschauer durch ein plötzlich lautes Einsetzen des Scores im Sessel hochscreckt, besitzt aber auf der anderen Seite wenige Themen, die dauerhaft im Gedächtnis bleiben. Vielmehr erinnern manche Stücke an die atmosphärische Begleitung, die James Newton Howard unter anderem The Sixth Sense [1999] und Echoes - Stimmen aus der Zwischenwelt [1999] verlieh; Silvestris Score ist für Fans überaus empfehlenswert und trägt zur stimmigen Atmosphäre zweifelsohne einen sehr großen Teil bei, ist jedoch genrebedingt nicht sehr einprägsam.

Sieht man sich den fertigen Film an und wirft im Anschluss daran einen Blick auf das Budget, muss man für gewöhnlich erst einmal schlucken, denn Schatten der Wahrheit sieht nicht so aus, als wäre er tatsächlich 100 Millionen Dollar teuer. Doch diese Zahl erklärt sich aus einigen Umständen, die man nur bei genauerer Betrachtung erkennt: Einerseits verschlangen die drei Beteiligten Pfeiffer, Ford und Zemeckis über ein Drittel des Budgets, andererseits wurde der Film an einem der teuersten Schauplätze in den USA, Vermont, gedreht, in dem traditionell kein Studio gern produziert. Das Haus der Spencers wurde eigens für den Film aufgebaut und nach den Dreharbeiten wieder abgerissen, wobei alle Innenaufnahmen in einem Studio stattfanden – bei jenen Aufnahmen mussten sämtliche Hintergründe jenseits der Fenster per Computertrick angepasst werden und auch einige der beeindruckenden Kameratricks wie der durchsichtige Boden waren nur dank Einsatz modernster Technik möglich. Von den zahlreichen Gruseleffekten einmal abgesehen. Dennoch wirkt es so, als wäre Schatten der Wahrheit auf dem Papier teurer, als er tatsächlich war und das Studio kann sich glücklich schätzen trotz des eher schwierigen Themas, das traditionell ein kleineres Publikum anspricht, weltweit knapp 300 Millionen wieder eingenommen zu haben.

Verdient hat es What Lies Beneath zweifelsfrei, überrascht der Film doch mit einem sehr charakterbezogenen Skript, einigen guten Einfällen innerhalb der Geschichte und vor allem zweier herausragender Darsteller, die sich gegenseitig zu Höchstleistungen anspornen. Einer makellosen Inszenierung sei Dank kann man das als Zuschauer auch ohne Abstriche genießen und so steht Robert Zemeckis Film als einer der wenigen seines Genres der unblutigen Horror-Thriller, die seinen Darstellern trotz allem ein großes Maß an Können abverlangen – und den Zuschauer damit schon verblüffen.


Fazit:
Von Alan Silvestris Gänsehaut-Musik bleibt letztlich zwar nur das Hauptthema im Gedächtnis, was einem als Zuschauer jedoch lange bleibt ist die Erinnerung an zwei außergewöhnliche Darsteller, Michelle Pfeiffer und Harrison Ford, die sich hier gegenseitig an die Wand spielen und dem anderen doch genügend Raum zur Entfaltung zugestehen. Ihre natürliche Verkörperung der Spencers kombiniert mit den bisweilen atemberaubenden Kamerafahrten, die so imposant und subtil geraten sind, dass man sie gar nicht wahrnimmt, sind die größten Pluspunkte von Schatten der Wahrheit.
Das Drehbuch mag im letzten Drittel mit ein wenig zu viel Action und zu wenig unvorhersehbaren Überraschungen aufwarten, doch dafür glänzt sowohl der Drama-Anteil, als auch das Horror-Ambiente mit einigen exzellenten und beunruhigenden Szenen, die den Film auch von guten Vertretern des Genres abheben.
Im Vorfeld wurde Robert Zemeckis Regiearbeit immer wieder mit Alfred Hitchcock verglichen, und sieht man sich einmal den Aufbau, die Umsetzung und die Figuren samt Darsteller an, kann man allen Beteiligten nur zur gelungenen Hommage gratulieren.


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