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Ronnie Wood - Somebody Up There Likes Me [2019]

Wertung: 3.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 19. Juni 2020
Genre: Biografie / Dokumentation

Originaltitel: Somebody Up There Likes Me
Laufzeit: 71 min.
Produktionsland: Großbritannien
Produktionsjahr: 2019
FSK-Freigabe: ohne Altersbeschränkung

Regie: Mike Figgis
Musik: Rosey Chan
Personen: Ronnie Wood, Mick Jagger, Keith Richards, Damien Hirst, Imelda May, Rod Stewart


Hintergrund:

Auch mit über siebzig Jahren ist der Rockmusiker Ronnie Wood überaus aktiv und vielfältig künstlerisch unterwegs. Filmemacher Mike Figgis beleuchtet das bewegte Leben des jung gebliebenen Künstlers, der neben seinen Auftritten auch als Maler erfolgreich ist. Dabei kommen langjährige Weggefährten zu Wort wie Mick Jagger, Rod Stewart, Imelda May oder Keith Richards. Gleichzeitig wirft die biografische Dokumentation einen Blick auf die frühen Jahre des Musikgeschäfts, in denen sich Bands selbständig bildeten, anstatt von Jurys gecastet zu werden.


Kritik:
Seit mehr als 55 Jahren ist der Rockmusiker Ronnie Wood bereits regelmäßig auf den Bühnen dieser Welt erfolgreich. Dabei sagt er über sich selbst, er seit im Kopf nie älter als 29 geworden. Man sollte meinen, dass es nur schwer möglich ist, ein solch bewegtes Leben, das alle Höhen und Tiefen gesehen hat, in einer Biografie aufzuarbeiten. Mit einer Laufzeit von spürbar unter eineinhalb Stunden, ist Mike Figgis’ Film Ronnie Wood - Somebody Up There Likes Me merklich kurz und überdies mit mehreren Ausschnitten aus Konzerten und Musikvideos sichtbar in die Länge gezogen. So interessant daher der Blick auf die Person im Zentrum, so oberflächlich wird sie am Ende beleuchtet.

Unterteilt in mehrere Kapitel, widmet sich Figgis dabei unter anderem Ronnie Woods Vater und seinen frühen Jahren. Statt die Biografie jedoch zu erzählen, fungiert er lediglich als Moderator. Es sind die Gesprächspartner und -partnerinnen, die die Dokumentation inhaltlich weiterbringen. Auf diese Weise zeichnet Ronnie Wood - Somebody Up There Likes Me das Bild eines Mannes, dessen Karriere Mitte der 1960er-Jahre begann, als er der britischen R&B-Band The Birds beitrat. Nicht nur als Gitarrist aktiv, war er auch Songschreiber und wechselte einige Jahre später zur Jeff Beck Group, ehe er mit Rod Stewart zu Small Faces stieß. Es sollte einige Jahre dauern, ehe er 1976 nach einigen Kollaborationen festes Mitglied der Rolling Stones – und damit weltberühmt – wurde.

Dass dies nicht alles ist, was es über den Künstler zu sagen gibt, deutet die Biografie dadurch an, dass die Interviews, die der Filmemacher mit Weggefährten führt, immer wieder durch Szenen unterbrochen werden, in denen Wood beim Malen gezeigt wird. Auf diesen Aspekt geht der Film jedoch nie wirklich ein und es gibt kaum eines seiner Bilder, das tatsächlich gezeigt wird. Dafür gibt es, wie bereits gesagt, immer wieder lange Ausschnitte aus Konzerten zu sehen, die schon deshalb nicht notwendig sind, weil Ronnie Wood ganz privat gezeigt wird, wie er neue Melodien ausprobiert oder bekannte zum Besten gibt. Dadurch verfügt Somebody Up There Likes Me bereits über einen eingängigen Rhythmus. Würde man die umkommentierten Konzertaufnahmen herausnehmen, käme die Dokumentation vermutlich nicht einmal auf eine Laufzeit von einer Stunde.

Überraschend sind die privaten Einblicke, die Wood gewährt, wenn er offen über seine Alkoholsucht spricht, die ihn wie seinen Vater zuvor geprägt hat, oder auch den Drogenkonsum, auf den die Dokumentation aber nur wenig eingeht. So wie Mike Figgis Ronnie Wood vorstellt, scheint dieser ein zugänglicher, geerdeter Musiker zu sein, der sich nicht scheut, seinen Werdegang vor dem Publikum auszubreiten. Aber nicht nur, dass Somebody Up There Likes Me zu keinem Zeitpunkt deutlich macht, was den Filmemacher an genau diesem Künstler so interessiert, die Dokumentation lässt auch vermissen herauszustellen, was einen Herzblutmusiker wie Wood von zahllosen Menschen unterscheidet, die „lediglich“ Musik spielen. Was dem Film insofern fehlt, ist ein investigatives Element, ein Narrativ, das über die Oberflächlichkeit eines Gesprächs am Sonntagnachmittag hinausgeht.

Aus dem Grund fällt es schwer, Ronnie Wood - Somebody Up There Likes Me als Dokumentation einzuschätzen. Trotz ihrer Offenheit, prägt auch die ernsthafte und konzentrierte Arbeitsweise der Person im Zentrum das Geschehen. Anstatt jedoch unter die Oberfläche zu schauen, lässt Filmemacher Mike Figgis die Gespräche mäandrieren, so dass Musikgrößen wie Mick Jagger hier Anekdoten erzählen, die aber nicht wirklich in den Zusammenhang der Wegstation passen, die unmittelbar davor vorgestellt wurde. Der gesamte Ablauf hat eher einen improvisierten, denn einen dirigierten Touch. So schleichen sich die einzelnen Kapitel einfach aus, die Solo-Karriere des Musikers wird quasi gar nicht beleuchtet und man könnte meinen, die Biografie endet, wenn Wood den Rolling Stones beigetreten ist. Dabei folgten darauf mehr als vier Jahrzehnte der Rockgeschichte.
Es bleibt daher die Frage, was der vorliegende Film sein soll und weshalb es einen für den Oscar nominierten Regisseur braucht, ihn auf die Leinwand zu bringen? Es scheint fast, als habe Figgis einen Grund gesucht, den Musiker privat treffen zu können. Es war vermutlich für ihn ein größerer Gewinn, als für das Publikum.


Fazit:
Wenn der 73jährige Ronnie Wood sagt, „man fühlt sich von der Zeit betrogen, so schnell wie sie verfliegt“, dann lässt das erahnen, was er alles erlebt hat. Es ist eine Biografie, die alle Wegstationen abhakt, die man sich gemeinhin bei einem Rockstar vorstellt: Erfolg, Alkohol, Drogen – nicht notwendigerweise in dieser Reihenfolge. Teilweise beleuchtet Filmemacher Mike Figgis eben diese Aspekte aus dem Werdegang des Musikers. Seine Offenheit und seine Ernsthaftigkeit lassen einen ebenso privaten wie nüchternen Blick auf sein Leben zu. Diese Einblicke sind teils direkt und ehrlich, selbst wenn sie von einem anderen Blickwinkel aus naiv erscheinen mögen. Doch weiß Ronnie Wood - Somebody Up There Likes Me all das nicht in einen erzählerischen Kontext zu bringen. Dass die Biografie einfach endet, ohne einen Ausblick oder Rückblick, ist bezeichnend. Sie ist letztlich mehr eine ungezwungene Unterhaltung mit Ronnie Wood bei einer Tasse Kaffee, denn ein eingehendes Porträt. Als solches ist der Film nie uninteressant, aber am Ende auch nicht so erhellend oder umfangreich, wie man ihn sich wünschen würde.
 


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