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My Zoe [2019]

Wertung: 4 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 17. Oktober 2019
Genre: Drama

Originaltitel: My Zoe
Laufzeit: 102 min.
Produktionsland: Großbritannien / Deutschland / Frankreich
Produktionsjahr: 2019
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Julie Delpy
Besetzung: Julie Delpy, Sophia Ally, Richard Armitage, Daniel Brühl, Gemma Arterton, Saleh Bakri, Kerem Can, Lindsay Duncan, Julia Effertz, Patrick Güldenberg


Kurzinhalt:

Nach der Scheidung von ihrem Mann James (Richard Armitage) ist die Genetikerin Isabelle (Julie Delpy) dabei, sich ein neues Leben aufzubauen. Immerhin scheint der Sorgerechtsstreit um ihre gemeinsame Tochter Zoe (Sophia Ally) so gut wie abgeschlossen, selbst wenn Isabelle mehr Zugeständnisse machen muss, als sie ursprünglich wollte. Doch dann wird Zoe überraschend krank und nach einer Notoperation im Krankenhaus, müssen sich Isabelle und James trotz kurzzeitiger Hoffnung mit dem Schlimmsten abfinden. Während James den Verlust zu akzeptieren versucht, nimmt Isabelle ihr Schicksal selbst in die Hand und sucht den Arzt Thomas Fischer (Daniel Brühl) auf, der auf Grund seiner Arbeit mit Frau Laura (Gemma Arterton) nach Moskau emigrierte. Worum Isabelle ihn bittet, ist medizinisch nicht unmöglich – und doch undenkbar …


Kritik:
Julie Delpys My Zoe ist ein Drama. In mehrfacher Hinsicht. Es ist ein Film über eine gescheiterte Ehe, über ein Leben, das viel zu früh endet, und über eine Mutter, die diesen Verlust nicht verwinden kann. Zu welcher Entscheidung sie im Anschluss kommt, was sie bereit ist, zu tun, sollte das Publikum aufwühlen, ein moralisches Dilemma darstellen. Aber nicht nur, dass der Film keine Antworten auf wichtige Fragen gibt, er stellt die Fragen nicht einmal mit dem Nachdruck, dass man sich damit auseinandersetzen müsste.

Dass sich die Geschichte dorthin entwickelt, mag man zu Beginn nicht glauben. Sie spielt – nach einer verräterischen, kurzen Einstellung, die für das Ende von Bedeutung ist – in naher Zukunft in Berlin. Genetikerin Isabelle lebt von ihrem Mann getrennt und der Streit um das gemeinsame Sorgerecht für Tochter Zoe hat beinahe sein Ende erreicht. Ihretwegen halten sich die Erwachsenen zurück, doch die Gräben zwischen ihnen sind immer noch tief. Dabei gibt sich das Drehbuch, das ebenfalls von der auch als Hauptdarstellerin agierenden Delpy stammt, erstaunlich bedeckt, wenn es darum geht, Schuldzuweisungen vorzunehmen, wer von ihnen für das Scheitern der Beziehung verantwortlich ist. Scheint ihr Ex-Mann James zu aggressiv und gegebenenfalls sogar gewaltbereit, selbst wenn nie ein Ausbruch seinerseits zu sehen ist, bleibt bei Isabelle das Gefühl, dass sie mit ihrer beruflichen Situation Zoe nicht so viel Zeit widmen kann, wie das interessierte Mädchen verdient. In jedem Fall wendet sich für Isabelle das Leben zum Besseren: Sie hat Aussicht auf einen neuen Posten und auch einen neuen Mann in ihrem Leben. Bis eine Tragödie geschieht.

Es ist schwierig über das, was danach geschieht, zu sprechen, ohne wichtige Eckpunkte des Films vorweg zu nehmen, selbst wenn die Filmvorschau dies genügend andeutet, so dass es an sich nicht als Spoiler angesehen werden kann. Es soll genügen zu sagen, dass Isabelle, die bereits als Zoe Nachmittage bei ihrem Vater verbringt, regelmäßig mit Text- und Sprachnachrichten nachfragt, ob alles in Ordnung ist, den Verlust ihres Kindes nicht akzeptiert. Während James daran zu zerbrechen droht, ergreift sie die Initiative, die mit ihrer beruflichen Tätigkeit zu tun hat. So wendet sie sich in Moskau an den Arzt einer Fruchtbarkeitsklinik, gespielt von Daniel Brühl. Das Thema, das Filmemacherin Julie Delpy in My Zoe aufgreift, könnte aktueller und schwieriger kaum sein. Doch bis es soweit ist, vergeht sehr viel Zeit, mehr als die Hälfte des Films, genauer gesagt. Dabei beschäftigt sich die Filmemacherin in ausladenden Szenen mit Dingen, die am Ende mit der eigentlichen Geschichte, mit dem Kernanliegen, das Isabelle beschäftigt, nicht wirklich zu tun haben. So wird beispielsweise die Behandlung Zoes durch die Rettungskräfte in großen Details geschildert. Selbst bis es soweit ist, dass es Zoe merklich schlechter geht, beschäftigt sich der Film lange mit Isabelles neuer Liebschaft und verbringt Zeit auf Nebenschauplätzen. Danach werden die zermürbenden Zwischenstationen gezeigt, die die hilflosen Eltern in Anbetracht der Situation ihrer Tochter durchstehen müssen.

So bleibt lange die Frage beim Publikum, was My Zoe denn sein will: Ein Sorgerechtsdrama mit zwei grundverschiedenen Elternteilen, oder eine Charakterstudie um eine Mutter, die auf Grund ihrer privaten Situation anfangs wohl nicht die Beziehung zu ihrer Tochter hatte, die die meisten Mütter haben? Zeitweise scheint es ein Drama um den schwersten Verlust, den Eltern nur erleiden können, und dann doch wieder ein Film, der sein Publikum mit einer Schicksalsfrage um Machbarkeit und Ethik konfrontiert.
Mag sein, dass Isabelle von den Ereignissen in ihrem Leben getrieben wird, und ihre jeweilige Situation nur ein Ergebnis des Weges, der sie dorthin gebracht hat. Allerdings macht der Film inhaltliche wie zeitliche Sprünge, die umso mehr den Eindruck verstärken, dass was in den jeweiligen Abschnitten erzählt wird, nicht notwendigerweise aus ein- und demselben Film stammen müsste. Die verschiedenen Aspekte passen nur bedingt zusammen und hätten gleichzeitig deutlich straffer erzählt werden können.

Was tadellos funktioniert, ist die Besetzung, angeführt von einer packenden Julie Delpy, die die Verletzlichkeit, die Wut und die unbändige Entschlossenheit ihrer Figur ebenso zum Ausdruck bringt, wie die alles lähmende Trauer. Doch das macht Isabelles Verhalten nicht nachvollziehbarer. Anders bei dem von Richard Armitage gespielten Ex-Mann James, der lange Zeit Ankerpunkt des Publikums ist, bis das Drehbuch ihn aus den Augen verliert.
Handwerklich gibt es bei My Zoe nichts zu bemängeln, die Umsetzung, auch mit den subtilen Andeutungen, dass die Geschichte in der Zukunft angesiedelt ist, ist tadellos und offenbart oft einen Blick für Details und die Emotionen der Figuren, ohne sie zu sehr ins Zentrum zu rücken. Schade, dass die Geschichte nicht mit ähnlichem Fokus erzählt ist.


Fazit:
Wenn Isabelle feststellt, „Es gibt keine Bezeichnung für Eltern, die ein Kind verlieren“, und ergänzt, dass es den Begriff der Waisen oder der Witwen gibt, doch für ihre Situation nichts Passendes, dann trifft diese Aussage ins Mark. Doch wieso dieser Verlust so unbegreiflich ist, wird nicht an ihrer Figur deutlich. An ihr bricht sich vielmehr die Frage, welche Mittel zulässig wären, diesen Verlust zu überwinden. Zwar stellt My Zoe der medizinischen Machbarkeit das ethische Dilemma gegenüber, doch weshalb gerade Isabelles Situation ein Umdenken hervorrufen sollte, wird nicht klar. Filmemacherin Julie Delpy gelingt ein gut gespielter, stellenweise schonungsloser Film. Sie präsentiert ihre Figur ungefiltert, mit aller Vehemenz, die sie in der zweiten Hälfte aufbringt. Doch deren Ursprung erläutert sie nicht. Mit der offensichtlichen Aufteilung des Dramas, das in der zweiten Hälfte mit anderer Umgebung und anderen Figuren aus einem anderen Film zu sein scheint, entscheidet sich das Drehbuch zu spät, was es überhaupt sein will. Doch das heißt nicht, dass es keine inhaltlichen Diskussionen anregen wird.
 


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