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Liberty Stands Still - Im Visier des Mörders [2002]

Wertung: 3 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 05. Mai 2005
Genre: Thriller

Originaltitel: Liberty Stands Still
Laufzeit: 92 min.
Produktionsland: Kanada / Deutschland
Produktionsjahr: 2002
FSK-Freigabe: ab 16 Jahren

Regie: Kari Skogland
Musik: Michael Convertino
Darsteller: Wesley Snipes, Linda Fiorentino, Oliver Platt, Martin Cummins, Garvin Cross, Darryl Scheelar, Tanya Allen, Ed Anders, Brett Armstrong, Suzette Meyers, Marrett Green


Kurzinhalt:
Eigentlich hatte sich Liberty Wallace (Linda Fiorentino), Ehefrau und Managerin einer der größten Waffen produzierenden Firmen in den USA, ihren Abend angenehmer vorgestellt: sie wollte ihre Liebhaber Russell (Martin Cummins) vor seinem Theaterauftritt besuchen und den Abend mit ihm verbringen.
Doch als sie mitten in der Öffentlichkeit auf einen Handyanruf antwortet, hört sie die Stimme von Joe (Wesley Snipes) in der Leitung. Der verlangt, dass Liberty sich an einen Hot-Dog-Stand kettet, in dem eine beträchtliche Menge Sprengstoff an einen Zeitzünder gekoppelt ist, um mit ihr über ihre Arbeit zu reden – andernfalls wird er sie mit einem von ihrer Firma hergestellten Präzisionsgewehr erschießen. Lösegeldforderungen stellt er keine, und wie sich später herausstellt schreckt er auch nicht davor zurück, Passanten zu töten.
So versucht Liberty behutsam herauszufinden, weswegen Joe ihren Tod will, oder ob es ihm tatsächlich um ihren Ehemann Victor Wallace (Oliver Platt) geht. Eine von Joes Bedingungen lautete dabei, dass sie keinesfalls auflegen darf – doch ist der Akku ihres Handys in weniger als einer Stunde leer ...


Kritik:
Es ist ganz ohne Zweifel eine Alptraumvorstellung, im Visier eines Scharfschützen zu stehen – wenn man dann noch auf einem öffentlichen Platz angekettet ist, verbessert dies die Situation nicht unbedingt. Wie man ein solch perfides Katz-und-Maus-Spiel außergewöhnlich gut als Kinoproduktion umsetzen kann hat Regisseur Joel Schumacher in Nicht auflegen! [2002] eindrucksvoll gezeigt – und das mit einem Budget von nur knapp 10 Millionen Dollar. Angesichts der namhaften Besetzung ein wirklich gelungener Coup.
Die kanadische Regisseurin Kari Skogland versuchte sich zur selben Zeit ebenfalls mit zwei Hollywoodstars, Wesley Snipes und Linda Fiorentino, ebenfalls an der Thematik, ersetzte den psychologischen Aspekt in Liberty Stands Still allerdings durch die Kritik an der US-Waffenlobby. Das Budget war dabei nur unverhältnismäßig höher, sieht man sich jedoch das Endergebnis an, wird schnell deutlich, weswegen Skoglands Film trotz deutscher Produktionsbeteiligung hierzulande nie im Kino lief und lediglich auf Video/DVD Premiere feierte.

Auch wenn die Produktion mit einigen Schwachpunkten zu kämpfen hat, der größte ist zweifelsohne das Drehbuch, das ebenfalls von der Regisseurin verfasst wurde. Skogland, bereits seit Mitte der 1990er Jahre im Fernsehen und im Kino präsent, gelingt zwar augenscheinlich eine rasche Charakterisierung ihrer weiblichen Hauptfigur, verfolgt man ihre sprunghaften Launen innerhalb der knapp 80 Minuten, in denen der Film spielt, weiß man schließlich nicht so recht, ob ihre Entscheidungen auch zu ihrer Filmfigur passen. So pendelt Liberty Wallace von einer Minute zur anderen zwischen zerbrechlich und eingeschüchtert, bis hin zu aufbrausend todesmutig. Wenn zudem noch versucht wird, ihren politischen Hintergrund, sowie die Arbeit ihrer Waffen herstellenden Firma mit der US-Regierung, sowie diversen Söldnergruppen zu beleuchten, driftet das Skript in so hanebüchene "Offenbarungen" ab, dass man als Zuschauer eher das lächeln anfängt, anstatt sich für die Figur tatsächlich zu interessieren.
Ähnlich sieht es bei Libertys Geiselnehmer Joe aus, der zwar im Verlauf der eineinhalb Stunden Einiges an Hintergrund zugeschrieben bekommt, dessen Entscheidungen aber dennoch keinen rechten Sinn ergeben. Die augenscheinliche, ironische Logik, den Hersteller der Waffen mit seinen Waffen durch einen Waffengegner umkommen zu lassen, erschließt sich dabei womöglich manch einem Zuseher, die dabei mitschwingende Doppelmoral, laut welcher der Waffenbesitz und -einsatz nur dann zulässig ist, wenn man Selbstjustiz ausüben will, hinterlässt aber beim denkenden Publikum einen üblen Beigeschmack.
Doch das wäre alles nicht so schlimm, würde der Film die inhaltlichen Schwächen mit einem flotten Erzähltempo wieder wettmachen – aber auch hier baut sich lange Zeit eine Atmosphäre auf, die vor allem dadurch gestört wird, dass die Polizei trotz Schüssen in einem öffentlichen Park, eingeschlafen und unschlüssig reagiert, ja die ersten 40 Minuten gar nicht auftaucht. So verlässt sich die Autorin auf die Dialoge zwischen Joe und Liberty, die sich jedoch alle paar Minuten wieder um ein und dasselbe Thema drehen, ohne dabei wirklich tiefer zu gehen. Das einzig wirklich überraschende hierbei ist das Ende des Films, das den vermeintlichen Helden der Produktion allerdings auf dieselbe Stufe wie Selbstmordattentäter stellt und ihn damit aller Sympathien beraubt.
Mit der zweifelhaften Moral, den oberflächlichen Figuren und nicht zuletzt der unspannenden Handlung, die gerade in den Dialogen Defizite aufweist und wirkliche Neuerungen vermissen lässt, bildet das Drehbuch zu Liberty Stands Still ein überaus wackeliges Gerüst für den Thriller der kanadischen Filmemacherin.

Die Darsteller scheinen dabei durchaus engagiert, auch wenn Wesley Snipes mimisch keine große Abwechslung vorzuweisen hat. Doch darauf ist seine Rolle auch gar nicht ausgelegt.
Mehr zu bieten hat da Linda Fiorentino, die sich schauspielerisch durchaus ins Zeug legt, deren Dialoge ihrer allerdings nicht würdig sind. Oliver Platt spielt dafür so eindimensional wie schon lange nicht mehr, was jedoch ebenfalls am Drehbuch liegt.
Recht überzeugend ist hingegen Martin Cummins, der als Libertys Geliebter zwar nicht viel zu tun hat, aber die Misere, in der seine Figur steckt, gut zum Ausdruck bringt.
Die übrige Besetzung kann hingegen nur leidlich begeistern, die Gastdarsteller im Theater wirken mit ihrem überzogenen Spiel eher belustigend, als glaubhaft, und nicht nur das Verhalten, auch die Leistungen der Akteure der Polizei- und SWAT-Einsatzkräfte machen einen zu unentschlossenen, zu dilettantischen Eindruck, als dass man den Darstellern die Rollen abnehmen würde.

Dieselbe Unentschlossenheit sieht man auch bei der Inszenierung, denn auch wenn sich Kari Skogland zu Beginn Mühe gibt, ihren Film mit schnellen Schnitten und ungewöhnlichen Perspektiven zu versehen, alsbald wandelt sich dieser Eindruck, und den schnellen Schnitten folgen inhaltsleere Zeitlupen mit widerhallenden Echos in den Dialogen, die so gar nicht ins Konzept passen wollen.
Und auch wenn sie ihre Figuren solide einfängt, sie vergisst darüber hinaus, die Umgebung der Charaktere, den Park selbst und wie sich dessen Anblick wandelt (zuerst mit vielen Passanten, später von der Polizei umstellt) zu porträtieren. Außerdem hat man nie so recht das Gefühl, als wären die Dialogperspektiven wohl überlegt, in den intimsten Gesprächen schneidet die Regisseurin zwischen Redner und Zuhörer hin und her, verpasst jedoch dabei die Mimik der jeweiligen Person.
Der größte Nachteil der Produktion ist jedoch der Drehort, denn auch wenn man lange Zeit darüber im Dunkeln gelassen wird, wo Liberty Stands Still spielen soll, in der zweiten Filmhälfte wird bei einem Nachrichtenbeitrag erwähnt, dass die Geiselnahme im Herzen Los Angeles stattgefunden habe. Doch wie kann man eine Weltmetropole wie Los Angeles darstellen wollen, ohne bekannte Orte oder Merkmale aufzuzeigen. Weder das Licht, noch das Wetter scheint authentisch – kann es auch nicht sein, immerhin wurde vollständig in Vancouver, Kanada gedreht. Doch die Story da anzusiedeln hätte keinen Sinn gemacht, immerhin wäre dann die Prämisse um die Waffenlobby weit weniger wichtig ausgefallen.
Auch handwerklich überzeugt Skoglands Regiearbeit nicht, dafür ist die Umsetzung zu zahm, zu langatmig und überraschungsarm geraten. Die einfallsreichen Perspektiven wiederholen sich und wirken nicht durchdacht, und zu allem Überfluss vernachlässigt die Regisseurin angesichts ihrer beiden Hauptfiguren den Rahmen darum herum – das Chaos, der abgesperrte Park, nichts davon ist wirklich zu sehen.

Einen wahrhaftigen Tiefpunkt erwartet den Zuschauer allerdings bei der musikalischen Untermalung von Michael Convertino; bislang hauptsächlich bei ruhigen oder komödiantischen Filmen wie Santa Clause - Eine schöne Bescherung [1994] oder Taschengeld [1994] beschäftigt, wagt Convertino hier einen überaus eigenwilligen Ansatz und versucht sich an einem vollständig elektronischen Score, der sehr stark an eine atmosphärische Technoinstrumentierung erinnert.
Dabei übersieht der Komponist jedoch, dass der ständig präsente Beat nicht für Spannung, sondern das Absterben derselben sorgt, da die Musik außer einer monotonen Bassorgie und sphärischem Schweben keinerlei Abwechslung oder Steigerung besitzt. So wird man bereits in den ersten fünf Minuten von einem nicht enden wollenden Melodiebrei eingelullt, so dass die wenigen Minuten Stille wie eine Wohltat wirken. Aber selbst wenn die Regisseurin mit Kamera und Schnitt das Tempo anzuziehen versucht, bleibt Convertino bei derselben monotonen musikalischen Begleitung – und macht damit alle Versuche der Filmemacherin zunichte.

Die Ausgangslage ist überaus interessant, soviel sei unbestritten, doch die Durchführung im selben Maße enttäuschend. So werden die beiden charismatischen Hauptdarsteller mit den sich ständig wiederholenden und vor allem inhaltlich schwachen Dialogen unterfordert, mimisch darf allenfalls Linda Fiorentino in Aktion treten und auch handwerklich kann Liberty Stands Still nicht überzeugen. Dafür wirken die Bilder zu wenig durchdacht, die Erzählung zu langatmig und schleppend.
Womöglich wäre mit einem anderen Soundtrack noch eine Steigerung möglich gewesen, doch dieser indiskutable und fehlplatzierte Score erstickt all das im Keim, was die Regisseurin vorzubereiten versucht.


Fazit:
Dass Liberty Stands Still allein durch die Kritik am freien Waffenbesitz in den USA viel Kritik einstecken musste, ist verständlich, dabei stört es allerdings weit mehr, dass die durch unlauteren Waffenbesitz begangenen Verbrechen nun erneut mit Waffengewalt vergolten werden sollen. Aber anstatt sich mit diesem Thema ernsthaft auseinanderzusetzen, pendeln sich die Dialoge hier alle zehn Minuten wieder bei denselben Phrasen ein, die Figuren bleiben allesamt blass und die inszenatorische Umsetzung lässt weder Spannung aufkommen, noch wird eine klaustrophobische Stimmung für die weibliche Hauptdarstellerin erzeugt. Schließlich ist es jedoch das mangelnde Tempo, das Kari Skoglands Film zum Verhängnis wird, denn wenn die Zuschauer zu viel Zeit zum Nachdenken haben, fallen die ganzen inhaltlichen Schwächen und Logikfehler auch viel schneller auf.
Wer eine ähnliche Idee überzeugend, einfallsreich und sehr gut umgesetzt sehen möchte, der sollte zu Nicht auflegen! greifen – jener Film kommt zwar ohne eine offene Kritik an der Waffenlobby daher, erspart einem dafür allerdings auch die zweifelhafte Doppelmoral.


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