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Leaves of Grass [2009]

Wertung: 4 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 11. Mai 2018
Genre: Komödie / Drama

Originaltitel: Leaves of Grass
Laufzeit: 105 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2009
FSK-Freigabe: ab 16 Jahren

Regie: Tim Blake Nelson
Musik: Jeff Danna
Darsteller: Edward Norton, Tim Blake Nelson, Keri Russell, Melanie Lynskey, Susan Sarandon, Richard Dreyfuss, Pruitt Taylor Vince, Josh Pais, Lisa Benavides-Nelson, Ken Cheeseman, Steve Earle, Lucy DeVito


Kurzinhalt:

Als Bill Kincaid (Edward Norton) einen Anruf erhält, dass sein Zwillingsbruder Brady ermordet wurde, wühlt ihn das stärker auf, als er erwarten würde. Bill, der erfolgreich an einer Universität an der Ostküste unterrichtet und in Fachkreisen hohes Ansehen genießt, hatte sich vor vielen Jahren von seiner Familie zurückgezogen, die in einem kleinen Ort in Oklahoma lebt. Als er dort ankommt, muss er erkennen, dass Brady gar nicht tot ist, sondern dieser Bill hereingelegt hat, da er seine Hilfe benötigt. Zusammen mit seinem langjährigen Geschäftspartner Bolger (Tim Blake Nelson) betreibt Brady eine Cannabis-Aufzucht samt Verkauf – und hohem Eigenkonsum. Doch dabei hat er sich mit dem gefährlichen Pug Rothbaum (Richard Dreyfuss) angelegt, den er nicht auszahlen kann. Bradys Plan, aus dem Dilemma zu entkommen, hängt von Bills Mithilfe ab, der sich dafür jedoch ihrer Mutter Daisy (Susan Sarandon) stellen müsste, von der er sich schon lange entfremdet hat und die inzwischen in einem Seniorenheim lebt. Nicht nur auf Grund von Bills Begegnung mit der gleichgesinnten Janet (Keri Russell) verläuft sein Besuch in der Heimat schließlich ganz anders als gedacht …


Kritik:
Tim Blake Nelsons Dramödie Leaves of Grass hinterlässt einen sehr persönlichen Eindruck, als wäre die Geschichte dem Filmemacher, der auch die Vorlage lieferte und eine tragende Rolle spielt, wichtig gewesen. Dass er seinen Figuren vorurteilsfrei gegenübersteht, mag auch daran liegen, dass er selbst in Oklahoma, wo die Geschichte handelt, aufgewachsen ist. So charmant und gut gespielt all das jedoch ist, es reißt nur selten wirklich mit und nimmt im Verlauf immer absurdere Wendungen.

Im Zentrum stehen die Zwillingsbrüder Bill und Brady, beide gespielt von Edward Norton in einer sehenswert facettenreichen Darbietung. Sie wuchsen bei ihrer Mutter Daisy auf, einer überzeugten Anhängerin der 68er-Bewegung. Aber während Bill seiner Vergangenheit den Rücken gekehrt hat und inzwischen an der Universität in Rhode Island lehrt, fernab seiner bescheidenen Jugend, ist Brady in der Heimat geblieben und verdient sich seinen Lebensunterhalt, indem er Cannabis anpflanzt und verkauft. Für seine aufwändige Aufzuchtanlage hat er sich bei dem Geschäftsmann Rothbaum verschuldet, der nach außen eine makellose Weste vorzuweisen hat, aber selbst in illegale Geschäfte verwickelt ist. Brady ersinnt einen Plan, für den er jedoch seinen Zwillingsbruder benötigt und ihn unter einem Vorwand in die Heimat lockt.

Dass es dabei zu allen möglichen Verwechslungen und irrwitzigen Momenten kommt, ist nicht weiter verwunderlich. Der besondere Humor von Leaves of Grass wird bereits nach den ersten Minuten deutlich, wenn Bill von einer in ihn verknallten Studentin in seinem Büro sexuell bedrängt wird. Über dieses Stadium wächst der Humor jedoch nie hinaus. Davon abgesehen kann man angesichts der einfachen Gemüter der vom Graskonsum vernebelten Bewohner von Bills und Bradys Heimatdorf und ihrem Verhalten mitunter nur ungläubig den Kopf schütteln. Doch diese Momente sorgen für eine beinahe schon wohlige und familiär erscheinende Atmosphäre. Hinzu kommt eine Liebesgeschichte für Bill, der sich in seinem Verhalten und seinem Aussehen seinem Bruder immer weiter angleicht, bis man sie am Ende kaum mehr auseinanderhalten kann. Die Momente zwischen Janet und Bill sind mit einem merklichen Feingefühl inszeniert und deshalb umso mehr gelungen. Nur leider trägt Janet nichts weiter zur eigentlichen Geschichte bei. Diese nimmt nach etwa einer Stunde und nachdem Brady seinen Bruder mehrmals darum gebeten hat, bei seinem Plan mitzuwirken, einen deutlich brutaleren Weg, als man vermuten würde. Das nimmt Leaves of Grass viel von seiner Unbeschwertheit und wird für das tatsächliche Finale sogar nochmal gesteigert. Der Verlauf der Story macht einen so überdrehten Eindruck, dass man beinahe das Gefühl bekommt, der Drehbuchautor wäre selbst unter dem Einfluss bestimmter Substanzen gestanden, als ihm die Ideen kamen.

Der überzeugendste Grund, sich Tim Blake Nelsons Film anzusehen ist Edward Norton. Nicht nur, dass er die Zwillingsbrüder mit subtilen Nuancen hinsichtlich ihres Auftretens zum Leben erweckt, sie unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Sprache und der Körperhaltung. Es ist ein beeindruckendes Doppelporträt, das nur gewinnt, wenn man sieht, wie behutsam er Bills Verhalten dem seines Bruders schrittweise angleicht, wenn er durch die Zeit in der Heimat auch in alte Sprechmuster zurückfällt. Die übrige Besetzung tritt dabei merklich in den Hintergrund, selbst wenn sowohl Nelson als auch Susan Sarandon gelungene Momente zugeschrieben bekommen. Der Auftritt von Richard Dreyfuss als fadenscheiniger Saubermann zählt zu den Highlights des Film, so wie auch die Szenen von Josh Pais als Kieferorthopäde.

Die Figuren bei Leaves of Grass zu beobachten, besitzt seinen ganz eigenen Reiz, hauptsächlich auf Grund der charmanten Art und Weise, wie sie vom Drehbuch dargestellt werden. Die tragenden Figuren sind in dem, was sie tun, nicht bösartig und auch Brady nicht hinterhältig oder verschlagen. Dass er seinen Bruder für seinen Plan einspannt, ist für ihn die einfachste und machbarste Lösung, seinem Dilemma zu entkommen. Dank der sympathischen Charaktere ist das unterhaltsam anzusehen, entwickelt jedoch nie die emotionale Wucht, die notwendig wäre, um dem Ende eine spürbare Wirkung zu verleihen. Auch ist es nie so amüsant, wie eine Verwechslungskomödie sein kann. Und am Ende ist dies schließlich dann doch irgendwie auch nicht genug.


Fazit:
Insbesondere die Momente zwischen Bill und der gleichgesinnten Janet, die einen ähnlichen beruflichen Weg eingeschlagen, jedoch im Gegensatz zu ihm dafür ihre Heimat nicht verlassen hat, besitzen einen warmherzigen Charme. Umso bedauerlicher, dass diese Figur in der zweiten Filmhälfte so wenig zu tun bekommt. Dafür darf Edward Norton in der Doppelrolle mit vielen hervorragenden Szenen glänzen. Er ist das Highlight des Films und hebt Leaves of Grass merklich über das Mittelmaß. Dort würde die Dramödie nicht deshalb verweilen, weil ihr nichts gelingt, sondern weil Filmemacher Tim Blake Nelson sein Augenmerk auf keines der beiden Genres lenkt. Philosophische Ansätze wie das Tikun Olam (die „Reparatur der Welt“) werden zwar aufgegriffen, führen aber am Ende zu nichts – auch zu keiner Entscheidung für die Figuren. Die Geschichte ist unterhaltsam dargebracht und sehenswert gespielt, mitunter aberwitzig abgedreht, aber nie ausufernd lustig oder dramatisch. Auch packend ist es leider nie.
 


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