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Gut gegen Nordwind [2019]

Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 22. August 2019
Genre: Drama / Liebesfilm

Laufzeit: 122 min.
Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2019
FSK-Freigabe: ohne Altersbeschränkung

Regie: Vanessa Jopp
Musik: Volker Bertelmann
Besetzung: Nora Tschirner, Alexander Fehling, Ulrich Thomsen, Ella Rumpf, Claudia Eisinger, Lisa Tomaschewsky, Moritz Führmann, Katharina Gieron, Eleonore Weisgerber, Piet Fuchs, Dominik Maringer


Kurzinhalt:

Nachdem ihn die Frau seines Lebens, Marlene (Claudia Eisinger), endgültig verlassen hat, ist Linguistikdozent Leo (Alexander Fehling) am Boden zerstört. Da erhält er eine E‑Mail von einer Frau Emma Rothner (Nora Tschirner), der ein Tippfehler in der E‑Mail-Adresse unterlaufen ist. Ihr erster Kontakt ist zwar sehr unterkühlt, doch die beiden schreiben einander weiter. Zwischen ihnen entwickelt sich eine Freundschaft, die nicht über das geschriebene Wort hinaus und doch bedeutend tiefer geht. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Emma mit Bernhard (Ulrich Thomsen) verheiratet ist und mit ihm zwei Kinder aus seiner ersten Ehe aufzieht. Doch die Neugier auf- und das Verständnis füreinander lassen die Grenze zwischen der virtuellen und der realen Welt langsam verschwimmen. Als Leo von einem privaten Schicksalsschlag eingeholt wird, scheint ein wirkliches Treffen zwischen ihm und Emma unausweichlich. Und keiner weiß, wie stark ihre Gefühle inzwischen sind …


Kritik:
Vanessa Jopps Romanverfilmung Gut gegen Nordwind ist einer der ungewöhnlichsten deutschen Kinofilme des Jahres. Schon deshalb, weil es keine Komödie ist, auch keine Liebeskomödie. Es ist auch kein verklärter Liebesfilm, sondern ein Drama mit zwei greifbaren Figuren, die sich ineinander verlieben, ohne sich je getroffen zu haben. Das klingt vertraut und führt zugegebenermaßen zu einigen Momenten, die man in dieser Form bereits gesehen hat. Aber statt sich damit zufrieden zu geben, gehen die Macher hier einen Schritt weiter und schaffen damit etwas überaus Eindrucksvolles.

Die Geschichte beginnt mit einer falsch adressierten E‑Mail von Emma, mit der sie an sich ein Abonnement kündigen möchte, die jedoch bei Linguist und Dozent Leo landet. Als der endlich auf ihre wiederholten Kündigungsversuche antwortet, befindet er sich an einem schwierigen Punkt in seinem Leben. Gerade erst hat seine große Liebe Marlene, nachdem sie sich von ihm wegen eines anderen Mannes getrennt hatte, danach für eine Nacht wieder zurückgekommen war, ihn nun endgültig verlassen. Entsprechend fallen die ersten Kommentare, die Emma und Leo per E‑Mail austauschen, wenig freundlich aus. Und doch entwickelt sich zwischen ihnen in kurzer Zeit ein steter Nachrichtenfluss, durch den sie sich zwar näher kennenlernen, aber an sich keine privaten Details austauschen. Es ist eine Beziehung, bei der Filmemacherin Jopp trotz der räumlichen Distanz zwischen den Figuren eine Nähe in ihren Gesprächen schafft. Was sie schreiben sprechen die Figuren aus dem Off, während die Kamera ihre Gesichter im Blick behält.

Man mag leicht aus den Augen verlieren, was für eine schauspielerische Herausforderung und auch welches Geschick dahinterstecken, nicht nur eine Chemie zwischen zwei Figuren zu erzeugen, die nie denselben Platz vor der Kamera einnehmen, sondern ihre Emotionen zum Ausdruck zu bringen, wenn Sprache und Mimik getrennt voneinander präsentiert und wahrgenommen werden. Das wird dadurch noch erschwert, dass „Emmi“, wie Leo Emma nach kurzer Zeit nennt, zu Beginn überhaupt nicht zu sehen ist. Das erste Drittel wird ausschließlich aus Sicht von Leo erzählt, der nach Marlenes Abfuhr sein Leben langsam in den Griff bekommt und dessen Tage, beginnend ab einem Weihnachtsfest, zu dem er und seine Schwester zu ihrer in Scheidung lebenden Mutter fahren, zunehmend damit ausgefüllt werden, dass er sich mit Emmi austauscht.
Als dann zu einem toll gewählten Zeitpunkt die Perspektive wechselt, gibt Gut gegen Nordwind zum ersten Mal wirkliche Einblicke in Emmas Leben, von der man bis dahin nicht viel wusste. Im Gegensatz zu Leo ist sie verheiratet und hat zwei Stiefkinder im Teenageralter, um die sie sich kümmert, da ihr Mann Bernhard als Dirigent beruflich sehr stark eingespannt ist. Dass auch der von der virtuellen Beziehung gehörnte Ehemann als dritte Figur im Bunde beleuchtet wird, und er dabei nicht als Leos Widersacher erscheint, sondern als genau der, der er ist – eine Person, die einfach das fünfte Rad am Wagen dieser inniger werdenden Freundschaft ist – ist der Geschichte hoch anzurechnen.

Die Besetzung insgesamt ist bemerkenswert. Nora Tschirner bringt die Nuancen ihrer Figur, die lange Zeit selbst nicht merkt, dass sie sich in den E‑Mail-Gesprächen mit Leo mehr verwirklicht sieht, als in ihrem eigenen Leben, leise und doch so umfassend spürbar zum Ausdruck, dass es dazu keine Erklärung in Form eines Dialogs braucht. Ihre Chemie mit Alexander Fehling als Leo ist regelrecht greifbar, der nach einem schwierigen Start, bei dem er am Boden zerstört Marlene buchstäblich hinterherweint, so sehr an Profil gewinnt, dass man seinem Nachrichtenaustausch mit dieser fremden Frau gebannt folgt. Dabei besitzen die Gespräche zwischen Leo und Emmi eine Vertrautheit und strahlen schnell Etwas aus, das über Freundschaft hinausgeht, ohne anzüglich zu sein.

Man mag sich allerdings fragen, woher Gut gegen Nordwind die Spannung zieht. Der Einwand ist insofern berechtigt, als dass vor allem der Anfang merklich länger gestaltet ist, als er sein müsste. Leos persönliches Liebesdrama mit Marlene, ihre Rückkehr und ihr endgültiger Abschied, wären ebenso wie die ausführliche Schilderung von Leos Beziehung zu seiner Mutter ein Element der Geschichte, das sich in einem Nebensatz erklären ließe. Es zu zeigen ist schlicht unnötig und macht den Film nur 15 Minuten länger.
Handwerklich ist er hingegen nicht nur tadellos, sondern sehenswert umgesetzt, mit vielen einfallsreichen Momenten, tollen Perspektiven, die passend die Gefühlslage der Figuren einfangen. Regisseurin Vanessa Jopp gelingt ein Film mit Einfühlungsvermögen, der auch dank der subtilen Musik und der Bilder, die die Besetzung nie einengen, eine Nähe und Sensibilität vermittelt, die man vor allem Leo zu Beginn nicht zutraut. Es ist die vermutlich behutsamste und sehenswerteste Liebesgeschichte dieses Kinojahres, die den Zeitgeist besser nicht einfangen könnte.


Fazit:
Es scheint einfach, die verheiratete Emma dafür zu „verurteilen“, dass sie sich zunehmend in eine Online-Bekanntschaft verliebt. Dabei bringt die Geschichte, auch dank Nora Tschirners vielschichtiger Darbietung, gelungen das Dilemma zum Vorschein, das die Realität von der Wirklichkeit unterscheidet: Wer kann auf sein Leben zurückblickend sagen, dass sie oder er an genau dem Punkt ist, den man sich einst vorgestellt hat? Emma sagt, dass eine Ehe nicht immer so ist, wie man sich das vorstellt. Das ist ihrerseits keine Wertung und heißt nicht, dass sie von ihrer Ehe enttäuscht ist. Doch so wie sie im Leben ihrer Familie nicht den Stellenwert einnimmt, den sie sich vielleicht einst erhofft hat, muss sie erkennen, dass es anders herum womöglich genauso ist. Was also tun? Filmemacherin Vanessa Jopp erzählt in Gut gegen Nordwind eine ungewöhnliche Liebesgeschichte, die nichtsdestoweniger greifbar wird. Hervorragend gespielt und mit sehenswertem Gespür eingefangen, ist das tolles Kino fürs Herz, das angesichts der Situationen der Figuren auch zum Nachdenken anregt. Zu Beginn und im Mittelteil ein wenig zu lang, entschädigen die Charaktere – und der perfekt gesetzte Schlussmoment. Klasse!
 


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