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Genug gesagt [2013]

Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 30. Juli 2014
Genre: Liebesfilm / Komödie

Originaltitel: Enough Said
Laufzeit: 93 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2013
FSK-Freigabe: ab 6 Jahren

Regie: Nicole Holofcener
Musik: Marcelo Zarvos
Darsteller: Julia Louis-Dreyfus, James Gandolfini, Catherine Keener, Tracey Fairaway, Eve Hewson, Toni Collette, Ben Falcone, Tavi Gevinson, Toby Huss, Kathleen Rose Perkins


Kurzinhalt:
Auch wenn sie den "wabbeligen" Albert (James Gandolfini) nicht anziehend fand, als sie ihm bei einer Party zum ersten Mal begegnet war, als er Eva (Julia Louis-Dreyfus) später zu einem Date einlädt, stimmt sie zu. Wie ihre Freundin Sarah (Toni Collette) feststellt, hat sie nichts zu verlieren. Bei dem ungezwungen gesprächigen Abend entdecken sie viele Gemeinsamkeiten. Sie sind beide geschieden, gehen in ihrer Arbeit auf und sowohl Alberts Tochter Tess (Eve Hewson), als auch Evas Tochter Ellen (Tracey Fairaway) werden in Kürze für das College wegziehen.
Als Eva bemerkt, dass ihre neue Kundin, die Schriftstellerin Marianne (Catherine Keener), Alberts Ex-Frau ist und sie ihm seine schlimmsten Eigenschaften auch in Abwesenheit ständig vorhält, ist sie hin- und hergerissen. Zum einen findest sie es grauenvoll, diese Tiraden über den Menschen zu hören, der ihr immer wichtiger wird, andererseits könnte ihr das Wissen um Alberts Schwächen helfen, schon jetzt einzuschätzen, ob sie überhaupt eine Zukunft mit ihm hat. Darum erzählt sie keinem von beiden davon. Doch je länger ihre Freundschaft mit Marianne andauert, um so mehr stört sie sich wie sie an Alberts Macken und lässt ihn das auch spüren ...


Kritik:
Der größte Unterschied sich zu verlieben, wenn man jung ist und sich zu verlieben, wenn man nicht mehr ganz so jung ist, besteht darin, dass man vorsichtiger dabei ist. Wenn das Leben eines lehrt, dann dass es nicht die großen Dinge sind, derentwegen sich die Menschen auseinanderleben, sondern die vielen kleinen. Wäre es nicht praktisch, schon im Vorfeld über alle Macken des Anderen Bescheid zu wissen und so abschätzen zu können, ob man nicht nur augenscheinlich, sondern auch weiter auf dem gemeinsamen Weg zusammenpasst? Nicole Holofceners Genug gesagt nimmt diese Idee und erzählt daraus nicht nur ein sympathisches Lehrstück darüber, den anderen Menschen im Leben so zu akzeptieren wie er ist. Ihr gelingt eine zurückhaltende, humorvolle Beobachtung einer Liebesbeziehung zwischen zwei Menschen, die auf Grund ihres Alters und ihrer Lebenserfahrung fertig geschliffene Charaktere sind und dennoch nicht weniger zu verlieren haben oder weniger Fehler in ihrer frischen Beziehung machen, als wären sie 30 Jahre jünger.

Es war zu erwarten, dass Genug gesagt einen melancholischen Touch bereits dadurch bekommen würde, dass Hauptdarsteller James Gandolfini vor Veröffentlichung im Sommer 2013 überraschend verstorben war. Ich konnte mir jedoch kaum vorstellen, welch großen Einfluss das auf den Film haben würde. Sieht man den charismatischen Charakterdarsteller in seiner vorletzten und für ihn so ungewohnten Rolle, wie gut sie ihm gelingt und welche Bedeutung er ihr verleiht, unterstreicht das nur, welches Talent mit ihm verloren ging. Als Mafiaboss Tony Soprano prägte er wie kein anderer eine Schurkenrolle. Hinter seinem bärenhaften Albert verbirgt sich hier ein sanfter und verwundbarer Kern, den Eva bei ihrem ersten gemeinsamen Date zwar erkennt, aber noch nicht entschieden hat, ob sie sich darauf einlassen soll.

Wie er ist sie geschieden und lebt allein, von der Tochter, die in Kürze aufs College geht abgesehen. Eva arbeitet als Masseurin und fährt mit ihrer Ausrüstung von einem Patienten zum anderen. Sie alle haben ihre Eigenarten, gehören jedoch ebenso zu Evas Alltag wie ihre Freundin Sarah und deren Mann Will, die in ihrer Ehe nicht wirklich glücklich scheinen. Auf einer Party lernen sich Eva und Albert kennen, der sie später zu einem Date einlädt. Sie begegnet dort auch der erfolgreichen Dichterin Marianne, die zuerst ihre Patientin und später auch ihre Freundin wird.
Je länger sich die beiden Frauen unterhalten, umso mehr erzählt Marianne von ihrer gescheiterten Ehe und ihrem Ex-Mann, an dem sie kein gutes Haar lässt. An ihren Beschreibungen kann sich Eva irgendwann erschließen, dass es sich dabei um Albert handeln muss, mit dem sie inzwischen zusammen ist.

So nutzt Eva die Möglichkeit gegen besseres Wissen, Marianne darüber auszufragen, weshalb ihre Beziehung mit Albert gescheitert ist und welche Macken sie an ihm so unerträglich fand. Vielleicht tut sie es, um sich selbst zu beschützen und nicht von einer möglichen Zukunft mit dem Mann enttäuscht zu werden. Je mehr sie aber so über ihn erfährt, umso mehr entdeckt sie, wie sehr sie Alberts Eigenarten zu stören beginnen. Nur ist das wirklich ihre Meinung zu ihm, oder Mariannes, die sie übernommen hat?

Nach einem ausgesprochen deprimierenden Abendessen, bei dem Eva Albert vor ihren Freunden bloßstellt, fragt Albert, weshalb er das Gefühl nicht loswird, er habe gerade einen Abend mit seiner Ex-Frau verbracht. Es wäre zwar nicht Evas beste, aber die letzte Möglichkeit, reinen Tisch zu machen und halbwegs unbeschadet aus der Zwickmühle herauszukommen, doch sie tut es nicht. Sieht man, wie tief Albert durch Evas Handeln verletzt wurde, ist es ein richtiger Schritt von Filmemacherin Nicole Holofcener, keinen einfachen Ausweg für Genug gesagt zu suchen, sondern die Geschichte so enden zu lassen, wie sie vermutlich enden würde.


Fazit:
Statt hochstilisierte Jungdarsteller, die hochtrabende Lebensweisheiten in einer absehbaren Romanze versprühen, präsentiert Genug gesagt Figuren, die samt ihrer Falten aus dem Leben gegriffen sind. Nicht nur, dass Julia Louis-Dreyfus und James Gandolfini eine ansteckende Chemie entwickeln, man hat das Gefühl, als würden ihre Gespräche genau in dem Moment entstehen, anstatt lange vorher einstudiert worden zu sein. Sie besitzen eine seltene Natürlichkeit, die sich auf alle anderen Darsteller überträgt.
Die unaufgeregt erzählte Geschichte stellt auf ganz subtile Weise die Frage, ob ein Zeichen der Liebe nicht ist, den anderen nicht trotz, sondern gerade auf Grund seiner Macken so zu lieben wie er/sie ist. Es ist eine Lektion, für die man nie zu alt ist, sie zu lernen. Diesem greifbaren, toll gespielten Porträt beizuwohnen, das seine Komik aus dem Alltäglichen und nicht dem Erzwungenen zieht, ist berührend, aber nie rührselig. Und für alle Altersgruppen, die sich darauf einlassen, sehenswert.


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