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Das perfekte Geheimnis [2019]

Wertung: 4.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 22. Oktober 2019
Genre: Komödie

Laufzeit: 111 min.
Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2019
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Bora Dağtekin
Musik: Egon Riedel
Besetzung: Karoline Herfurth, Elyas M’Barek, Florian David Fitz, Jella Haase, Frederick Lau, Jessica Schwarz, Wotan Wilke Möhring, Emily Kusche, Lara Waldow


Kurzinhalt:

Es beginnt, wie ihre übrigen Pärchenabende bislang ebenfalls begonnen haben: Leo (Elyas M’Barek), Pepe (Florian David Fitz), Simon (Frederick Lau) und Rocco (Wotan Wilke Möhring) treffen sich bei Rocco zu einem ausladenden, gemeinsamen Abendessen. Je mehr Alkohol getrunken wird, umso ausgelassener wird die Runde, in der einzig Pepe ohne Begleitung erschienen ist, obwohl die anderen ganz gespannt auf seine neue Freundin sind. Roccos Frau Eva (Jessica Schwarz) schlägt schließlich ein Spiel vor, bei dem alle Geheimnisse auf den Tisch kommen sollen. Alle Mobiltelefone werden dafür offen hingelegt und sämtliche Nachrichten, die während des Essens eintreffen, vorgelesen sowie alle Anrufe auf laut gestellt. Auch Leos Ehefrau Carlotta (Karoline Herfurth) befürwortet das Spiel, ebenso wie Simons Verlobte Bianca (Jella Haase). Aber selbst wenn sich zumindest die Freunde doch seit mehr als 25 Jahren kennen und man glaubt, alles übereinander zu wissen, was an diesem Abend ans Licht kommt, wird alles verändern – auf die ein oder andere Weise …


Kritik:
Das perfekte Geheimnis ist eine gute deutsche Komödie. Was sich anhört wie ein Lob, soll eigentlich ein Vorwurf sein. Denn Bora Dağtekins Adaption des italienischen Erfolgsfilms Perfetti Sconosciuti [2016] ist nur eine gute Komödie, obwohl der Film bedeutend mehr hätte sein können. Die Geschichte um eine Gruppe Erwachsener, deren Geheimnisse im Laufe eines Abends ans Licht kommen, lässt sich eingangs etwas zu viel Zeit, überzeugt jedoch ab der Hälfte und im letzten Drittel vor allem dank der an sich ernsten Thematik im Kern der Erzählung. Zumindest so lange, bis die Macher sich diese Stimmung durch ein aufgesetzt versöhnliches Ende und verpatzte Szenen beim Abspann wieder selbst nehmen.

Die Ausgangsidee klingt recht einfach und dabei doch aus dem Leben gegriffen. Regelmäßig treffen sich vier Freunde zu einem gemeinsamen Pärchenabend. Leo, Pepe, Simon und Rocco kennen sich bereits seit der dritten Klasse und einen Einblick, was sie bereits alles zusammen durchgemacht haben, gibt der Ausschnitt einer Videoaufzeichnung zu Beginn. An dem Abend, an dem sie sich treffen, soll eine Mondfinsternis stattfinden, doch das Story-Element spielt am Ende keine große Rolle innerhalb der Geschichte. Stattdessen konzentriert sich Regisseur Dağtekin auf seine unterschiedlichen Figuren, was sie nach all der Zeit, in der sie sich kennen, noch verbindet und was sie trennt. Passend dazu kommt Roccos Ehefrau Eva, selbst Therapeutin, auf die Idee, ein Spiel zu spielen.

Smartphones sind die „Flugschreiber unseres Lebens“, sagt sie und schlägt vor, dass für den Verlauf des mehrgängigen Abendessens, das ihr Mann – von Beruf Schönheitschirurg – zubereitet, die Mobiltelefone der Anwesenden in der Mitte des Tisches bleiben. Jede Nachricht wird vorgelesen, jedes Telefonat auf laut geschalten und jedes Bild, das empfangen wird, geteilt. Es soll keine Geheimnisse geben. Dass hier mögliches Konfliktpotential schlummert, ergibt sich von selbst. Nicht nur, dass Pepe allein zum Essen gekommen ist und somit die übrigen Anwesenden keine Möglichkeit erhalten, die neue Frau in seinem Leben, zu der sie eine genaue Vorstellung haben, ohne sie je gesehen zu haben, kennenzulernen. Auch zwischen Eva und Rocco scheint es zu kriseln und früh deutet sich an, dass Eva einen Verdacht gegen ihren Mann bzw. gegen seine Treue in der Ehe hegt. Für sie scheint der Abend somit eine Möglichkeit, ihren Verdacht zu bestätigen. Welche Wendung das jedoch nimmt, ist in der Tat überraschend. Dass nicht nur hierbei nicht alles ausgesprochen wird, sondern viele Entwicklungen, viele Kränkungen in der Luft hängen bleiben und sich das Publikum selbst erschließen muss, was dies bedeutet, ist eine gute Idee.

Die Themen, die sich auf Grund der offengelegten Chatnachrichten, SMS und sonstigen Mitteilungen ergeben, berühren die beruflichen Verwirklichung der Figuren, wenn sich beispielsweise Architekt Leo gegen seinen ursprünglichen Willen seit einem Jahr in Elternzeit um die zwei Kinder kümmert, während seine Frau Carlotta in einer Werbeagentur Karriere macht. Oder auch, wenn Taxifahrer Simon, der sich regelmäßig beruflich neu erfindet, an seiner esoterischen Verlobten Bianca noch ein anderes, als ein rein privates Interesse hat. Doch je weiter der Abend in Das perfekte Geheimnis fortschreitet, je persönlicher die Themen werden, umso mehr Gräben tun sich auf. Vieles, was man über jemand anderen gedacht, aber nie gesagt hat, wird ausgesprochen und verändert merklich die Stimmung, die nicht nur dann elektrisiert wird, wenn ein unerfülltes Liebesleben zum Thema wird.

Hier gibt es viele interessante Ansätze, bei denen die Besetzung nicht nur deshalb toll ausgewählt ist, weil sie in den lustigen Momenten gut harmoniert, sondern weil sie auch die zunehmen ernster und persönlicher werdende Entwicklung des Abends gelungen auf den Punkt bringt. Aber für die kammerspiel­ar­tige Bühne der Geschichte, die sich im Grunde nur in zwei Räumen, der Küche und dem Esszimmer abspielt, lässt Filmemacher Bora Dağtekin eines vermissen: Einfallsreichtum. Seine Inszenierung ist vollkommen tadellos und erlaubt sich keine Schwächen. Aber auch keine Stärken. Anstatt die jeweiligen Szenen langsam aufzubauen, den Darstellerinnen und Darstellern die Gelegenheit zu geben, in die jeweiligen Momente hineinzuwachsen und dann die Stimmung kippen zu lassen oder die Spannung anzuziehen, gibt es keine Einstellung, kein Bild, das länger als sieben Sekunden zu sehen ist. Man hätte hier ähnlich wie der legendäre Alfred Hitchcock in Cocktail für eine Leiche [1948] einen Film mit möglichst wenigen (oder vollkommen ohne offensichtliche Schnitte) präsentieren können, bei dem die Situationen dynamisch wachsen und ihre Tonalität ändern. Doch eine solche Finesse lässt Das perfekte Geheimnis vollständig vermissen.

Ebenso wie die Möglichkeiten ungenutzt bleiben, die Atmosphäre nachhaltig zu ändern, und statt einer Komödie eine bissige Gesellschaftssatire zu präsentieren, die das Leben im Zugzwang zwischen gesellschaftlicher Erwartung und ständiger Erreichbarkeit seziert. Einige letztendliche Aussagen klingen schon deshalb antiquiert, weil sie – vor allem in Bezug auf Carlotta und Leo – dem dem Bild widersprechen, das man nach Jahrzehnten der Emanzipation und Gleichberechtigung als gesellschaftstauglich annehmen würde. Dabei sollten diese beiden Dinge vor allem bedeuten, dass jede Person frei in ihrer Entscheidung ist und sich eben nicht einer Erwartungshaltung beugen muss. Egal, ob gesellschaftlich akzeptiert, oder nicht. Auch diesen Punkt arbeiten die Macher zu wenig heraus. Möglichkeiten gäbe es hierfür und für eine nachdenklich stimmende Geschichte durchaus und ab dem zweiten Drittel bis 10 Minuten vor Schluss hat es den Anschein, als würde den Machern dies gelingen. Doch dann entscheiden sie sich eben doch, „nur“ für eine deutsche Komödie. Schade.


Fazit:
Selbst wenn es einige wenige Momente gibt, in denen der Humor zotig über die Stränge schlägt und einige Figuren naiver sind, als sie es in ihrem Alter sein sollten, insgesamt überzeugt der gemeinsame Pärchenabend gerade durch die so unterschiedlichen Figuren, an denen Regisseur Bora Dağtekin aufzeigt, wie unterschiedlich sie sich entwickelt haben. Wenig überraschend, gewinnen vor allem diejenigen Momente schnell an Zugkraft, in denen bisher Unausgesprochenes buchstäblich auf dem Tisch liegt. Je persönlicher diese Momente werden, umso mehr bleibt einem auch das Lachen im Halse stecken. Das perfekte Geheimnis lebt von seiner sympathischen und durchaus geforderten Besetzung, die gut zusammenpasst und merklich engagiert ist. Aber obwohl es zum Ende des Dinners unerwartet ernst und damit inhaltlich umso wichtiger wird, haben die Macher nicht den Mut, diesen Aspekt ihrer Geschichte dem Publikum mit auf den Weg zu geben. Mit einem zu versöhnlichen Schluss, der sich am Ende ebenso wie die vollkommen unpassenden Outtakes beim Abspann merklich zieht, berauben sie sich einer an sich tollen Möglichkeit. Wen das nicht stört, wer nur auf eine Komödie aus ist, kann sich hier gelungen unterhalten lassen. Es wäre nur mit Leichtigkeit mehr möglich gewesen.
 


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