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A Silent Voice [2016]

Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 1. Oktober 2017
Genre: Animationsfilm / Drama / Liebesfilm

Originaltitel: Koe no katachi
Laufzeit: 130 min.
Produktionsland: Japan
Produktionsjahr: 2016
FSK-Freigabe: ab 6 Jahren

Regie: Naoko Yamada
Musik: Kensuke Ushio
Stimmen: Miyu Irino (Nicolás Artajo), Saori Hayami (Jill Schulz), Aoi Yuuki (Maxi Häcke), Kenshou Ono (Benjamin Stolz), Yuuki Kaneko (Birte Baumgardt), Yui Ishikawa (Corinna Dorenkamp), Megumi Han (Ilona Brokowski), Toshiyuki Toyonaga (Patrick Baehr


Kurzinhalt:

Als Shōko (Saori Hayami / Jill Schulz) zur bestehenden Klasse von Shōya (Miyu Irino / Nicolás Artajo) und seinen Freunden stößt, beginnt für das Mädchen eine Tortur. Denn Shōko ist gehörlos, die übrigen Kinder allerdings nicht. Dass sie sich umstellen, Rücksicht auf ihre neue Klassenkameradin nehmen müssten, sehen manche nicht ein. Shōya hänselt und mobbt die zurückhaltende Shōko. Selbst diejenigen Schülerinnen und Schüler, die sich nicht beteiligen, stellen sich nicht gegen den Klassen-Bully. Shōko gibt schließlich auf und verlässt die Klasse. Als die Schuld auf Shōya fällt, erfährt dieser, wie es ist, wenn man ausgegrenzt wird. Es ist eine Erfahrung, die ihm so sehr zusetzt, dass er sich aufmacht, Shōko um Vergebung zu bitten. Aber nicht nur, dass er dafür erkennen müsste, was er ihr genau angetan hat, Shōko muss dafür begreifen, dass sie an der Situation keine Schuld trägt, wie sie sich bislang einredet. Beide müssen lernen, sich selbst jeweils so anzunehmen, wie sie sind, ehe sie sich ändern können …


Kritik:
Während beim westlichen Publikum Animationsfilme meist als Unterhaltungsmedium für Kinder angesehen werden – zu einem nicht unerheblichen Teil auf Grund der Geschichten, die Walt Disney überwiegend auf diese Weise zum Leben erweckt hat – gibt es eine solche Einschränkung bei fernöstlichen Anime-Filmen nicht. Basierend auf dem gleichnamigen, preisgekrönten japanischen Manga erzählt A Silent Voice die Geschichte eines Bullys, der Jahre später Erlösung sucht. Die Botschaft des sehenswerten Dramas richtet sich dabei sowohl an Jugendliche als auch Erwachsene.

Weswegen Shōya Ishida ein Bully in der Schule ist, wird nicht genau geklärt. Dass er ohne Vater aufwächst, gibt Raum für Spekulationen, die jedoch nicht weiter verfolgt werden. Selbst als in der Schulklasse augenscheinlich alles in Ordnung ist, packt er beim Spielen mit seinen Freunden immer wieder kräftig zu und scheint, seine körperliche Überlegenheit unter Beweis stellen zu wollen. Mit Shōko Nishimiya kommt eine neue Schülerin in die Klasse – Shōko ist taub und kann nur schwer sprechen. Ausgehend von Shōya und seiner Banknachbarin Naoka wird Shōko gemobbt. Sie machen ihre Hörgeräte kaputt, grenzen sie aus und mimen die Art wie sie spricht abfällig nach. Wenn sie sich mit anderen unterhalten möchte, schreibt Shōko ihre Fragen in einem Heft nieder und bittet die übrigen, darin zu antworten; doch auch diese Kontaktversuche blockieren Shōya und die anderen. Selbst diejenigen Schülerinnen und Schüler, die sich mit Shōko anfreunden möchten, wie Miyoko, die bereit ist, die Gebärdensprache zu erlernen, um ihre Klassenkameradin besser verstehen zu können, stellen sich nicht offen gegen Shōya.

Dass Shōko mit ihrer körperlichen Behinderung Shōya und den übrigen eine Angriffsfläche bietet, fügt dem Mobbing noch eine offene Diskriminierung hinzu. Zu sehen, was Shōko widerfährt, wie schleichend ein diskriminierendes Verhalten im Alltag Einzug hält, macht umso mehr betroffen, da Shōko ihrem Peiniger nicht ins Gesicht schreien kann, er solle damit aufhören. Sie erträgt die Demütigungen geduldig, entschuldigt sich, da sie vermutet, selbst Schuld an der Situation zu sein. Als sie die Schule nach den Mobbing-Attacken verlässt, gerät Shōya in eine andere Rolle und wird selbst gemieden. Es ist eine Erfahrung, auf der Empfängerseite des Mobbings zu sein, die ihn derart zermürbt, dass er wenige Jahre später entschließt, alle losen Enden seines Lebens zum Abschluss zu bringen und sich das Leben zu nehmen.

Wer fürchtet, dass ich mit dieser Information das Ende von A Silent Voice verraten habe, der sei beruhigt. In etwas konfus angeordneten Szenen beschreibt dies vielmehr den Auftakt des Films. Während wir danach sehen, was Shōya seiner Mitschülerin angetan und wie sehr er ihr zugesetzt hat, beschäftigt sich die Regisseurin in der Geschichte damit, was Shōya auf seinem Weg zur Wiedergutmachung erlebt, nachdem sein Selbstmordversuch scheitert. Dabei tritt er wieder in Kontakt mit seinen alten Klassenkameraden und kommt auch Shōko näher, die er – nachdem er selbst Kurse in Gebärdensprache belegt hat – besser zu verstehen lernt.

Das etwas mehr als zweistündige Drama erzählt die kleinen Schritte, die Shōya und Shōko aufeinander zugehen und zeigt auch, dass nicht alle bereit sind, sich zu verändern. Statt simpler Antworten, versteht es der Film, zum Ausdruck zu bringen, was in Shōko vorgeht, die die Schuld bei sich selbst sieht. Dass sowohl sie als auch Shōya lernen müssen, sich selbst anzunehmen wie sie sind, ist ein treffender, toll eingefangener Aspekt.
A Silent Voice ist in eindrucksvoll gestalteten Bildern komponiert. Die Optik, die insbesondere in der zweiten Filmhälfte meist auf den Boden gerichtet ist, um zusätzlich zu einem anderen Element zu unterstreichen, dass Shōya seinen Mitmenschen nicht in die Augen sehen kann, ist Teil der Erzählung. Die Hintergründe und Perspektiven sind fantastisch aufeinander abgestimmt und die Mimik und Gestik der Figuren bringt ihre Verfassung zusätzlich auf den Punkt.

Dass Anime-Filme einen eigenen Stil sowohl in der Gestaltung wie der Erzählweise besitzen, ist nicht verwunderlich. Es ist schlicht eine andere Art, Geschichten zu erzählen, ebenso wie sie sich zwischen Hollywood-Filmemachern und Europäern unterscheidet. Dass der Beginn von A Silent Voice auf Grund der Abfolge der Szenen etwas verwirrend wirkt, macht den Einstieg jedoch unnötig holprig, selbst wenn sich dies kurz darauf gibt. Unpassend ist allerdings die Darstellung der weiblichen Figuren, deren Röcke der Schuluniform derart kurz ausfallen, dass sie stets mit nackten Oberschenkeln zu sehen sind, auf die nicht erst in der zweiten Filmhälfte die Perspektive gerichtet ist.
Es wäre bedauerlich, wenn auf Grund dieser künstlerischen Entscheidungen nur ein bestimmtes Publikum angesprochen wird, während die Botschaft der Geschichte sich doch an alle richtet.


Fazit:
Die Laufzeit von über zwei Stunden erlaubt es Filmemacherin Naoko Yamada, sich mehr auf ihre Figuren und die vorsichtige Annäherung zwischen Shōya und Shōko zu konzentrieren, als dies andernfalls möglich wäre. Dennoch hätte es – auch mit Shōyas Freund Tomohiro, der Shōyas Blick über seinen eigenen Horizont hinaus erweitert – Möglichkeiten gegeben, die Geschichte etwas zu straffen. In fantastisch zusammengestellten und malerischen Bildern erzählt A Silent Voice eine wichtige Geschichte. Dass der Blick nicht allein auf den Bully gelenkt wird, der sich zuerst eingestehen muss, was er angerichtet hat, damit er um Vergebung für seine Taten bitten kann, sondern auch auf sein Opfer, ist dem Film hoch anzurechnen. Der realistische Hintergrund macht das Geschehen nachvollziehbar und stellt eine Lektion für beide Seiten dar, die zudem unterstreicht, dass einen jeden und eine jede die Pflicht trifft, einzuschreiten, wenn man Mobbing beobachtet.
Ein bedeutsamer Film für ein Publikum, das bereit ist, eine erwachsene Geschichte in einem bezaubernden Gewand zu erleben.
 


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