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Jules Verne: "Reise zum Mittelpunkt der Erde" [1864]

Wertung: 4.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 25. Mai 2008
Autor: Jules Verne

Genre: Unterhaltung / Science Fiction

Originaltitel: Voyage au centre de la Terre
Originalsprache:
Französisch
Gelesen in: Deutsch
Ausgabe: Taschenbuch
Länge: 220 Seiten
Erstveröffentlichungsland: Frankreich
Erstveröffentlichungsjahr: 1864
Erstveröffentlichung in Deutschland: 1874
ISBN-Nr. (gelesene Ausgabe): 3-8224-1004-7


Kurzinhalt:
In einem kürzlich erworbenen Manuskript entdeckt der renommierte hamburger Professor Otto Lidenbrock eine Notiz des isländischen Alchimisten Arne Saknussemm. Nachdem es Lidenbrock zusammen mit seinem Neffen und Assistenten Axel gelungen ist, diese geheime Botschaft zu entschlüsseln, ist er der Überzeugung, Saknussemm habe eine Anleitung hinterlassen, wie man zum Mittelpunkt der Erde vordringen könne.
Aus diesem Grund reist er zusammen mit Axel – der seine Verlobte Gretchen zurücklassen muss – nach Island, um dort auf Saknussemms Pfaden jene Reise anzutreten. Mit dem isländischen Führer Hans machen sie sich auf in den Krater eines erloschenen Vulkans und finden in der Tat den Eingang zu einem interirdischen Tunnel- und Höhlensystem. Doch birgt ihre Reise viele Gefahren und bringt sie nicht nur dem Mittelpunkt der Erde, sondern auch ihren ungewöhnlichsten und seit langem für ausgestorben gehaltenen Bewohnern der Tier- und Pflanzenwelt näher. Vor allem laufen sie in den Tiefen immer wieder Gefahr, ihren sicheren Rückweg aus den Augen zu verlieren ...


Kritik:
Als Sohn eines Anwaltes am 8. Februar 1828 geboren, war Jules Gabriel Verne von gutem Stand; trotz einer an sich klar ausgelegten Zukunft, bei der er die Anwaltskanzlei seines Vaters übernehmen sollte, war er in einigen Berufen tätig, ehe er mit seinem ersten veröffentlichten Roman 1863 den Beruf fand, mit dem er weltberühmt werden sollte. Nachdem er Bekanntschaft mit dem Jugendbuchverleger Pierre-Jules Hetzel gemacht hatte, veröffentlichte dieser Vernes ersten Science Fiction-Roman Fünf Wochen im Ballon [1863]. Es sollten noch viele folgen. Zu den bekanntesten Werken Vernes gehören In 80 Tagen um die Welt [1873], Reise um den Mond, 20.000 Meilen unter dem Meer [beide 1870] und Reise zum Mittelpunkt der Erde.
Dass sich Jules Verne dabei für Abenteuer, Reisen und neue Dinge interessierte, spiegelte sich in vielen seiner Werke wider. Dabei erging es ihm trotz seines internationalen Erfolges ähnlich wie beispielsweise Karl May; während seine ersten Bücher reißende Absatzzahlen fanden, gerieten seine späteren Werke zusehends in Vergessenheit, beziehungsweise wurden gar nicht beachtet. Verstorben am 24. März 1905, erschienen einige seiner Werke posthum, wobei nicht bekannt ist, wie viel der späteren Bücher von Jules Vernes Sohn Michel Verne geschrieben wurde. Dieser beendete offene Manuskripte seines Vaters und hat – Vermutungen zufolge – auch eigene Bücher unter dem Namen seines Vaters publiziert.
Einige von Jules Vernes Erfindungen haben inzwischen auch den Weg in die Realität gefunden, er hielt sich bei seinen Science Fiction-Theorien somit meist nah an dem, was tatsächlich möglich war. Durch seine Phantasie, seinen Einfallsreichtum und seine Neugier, bestechen seine Werke mitunter auch knapp eineinhalb Jahrhunderte, nachdem sie verfasst wurde. Sie gehören zu einem modernen Vermächtnis von dem auch viele aktuelle Autoren profitieren.

Mit diesem Wissen im Hinterkopf sollte man Reise zum Mittelpunkt der Erde somit die inhaltlichen Unzulänglichkeiten, beziehungsweise die seit Jahrzehnten überholten Theorien über die Erdgeschichte oder gar den Aufbau der Erde selbst, nachsehen. Statt wissenschaftlich für bare Münze, sollte man den Roman lieber als Abenteuergeschichte eines besonderen Ausmaßes sehen, die sich zwar so nicht ereignen könnte, aber gerade einer jungen, männlichen Zielgruppe Platz zum träumen lässt.
Dabei beginnt der Roman, wie viele Nachahmer nach ihm, mit einem einfachen Rätsel, das die Protagonisten auf ihre ungewöhnliche Reise schickt. Verne nutzt hierbei die durch seine Reisen gewonnenen Erfahrungen, um dem Leser die unterschiedlichen Landschaften Skandinaviens und Islands nahe zu bringen, ein Bild vor dem geistigen Auge zu zeichnen, das durch die zerklüfteten Landschaften und den völligen Gegensatz zum Stadtleben verdeutlicht, wie ursprünglich bereits die Ausgangslage der ungewöhnlichen Reise ist. Dabei nutzt der Autor das Szenario stets dafür, neueste technische Errungenschaften, Theorien zum Thema, grundlegende Hintergrundinformationen und allgemeines Fachwissen zu vermitteln, es in die erklärerischen Dialoge miteinzubinden und den Leser dabei ebenso zu schulen wie zu unterhalten.
Gerade dadurch hat das Buch aus heutiger Sicht die Erkenntnisse auf dem Gebiet der Geologie seit jenen Tagen nicht so gut überstanden wie andere Werke des Autors zu anderen Fachbereichen, da viele von Jules Vernes dargebrachten Erklärungen und Theorien schlichtweg überholt wurden.
Nichtsdestotrotz entfaltet Verne eine gelungene Abenteueratmosphäre, die nicht zuletzt dadurch angestachelt wird, dass ein anderer Forscher bereits zuvor jenen Weg gegangen ist, jene Unternehmung bestritt und es zumindest solange überlebte, um davon berichten zu können. So haarsträubend die Geschichte also aus heutiger Sicht klingen mag, sie ist einfallsreich, überraschend und mit so vielen Details gespickt, dass man sich an Bord jener unvorstellbaren Reise fühlt.

Die Spannung zieht Verne dabei überraschenderweise nicht aus einer ganzen Reihe von Pflanzen und Monstern, wie man sich dies auf Grund der verschiedenen Verfilmungen des Stoffes denken würde, oder gar aus der Tatsache, dass eine zweite Expedition auf den Weg zum Mittelpunkt der Erde sein könnte. Er nimmt vielmehr die natürlichen Gegebenheiten, um seine Protagonisten zu entmutigen und ihnen immer wieder neue Hindernisse aufzuzeigen.
Sei es die Wasserknappheit schon zu Beginn, dass der Fortschritt durch geologische Hindernisse gehemmt wird, oder dadurch, dass sich die Figuren schlichtweg verlaufen. Erst sehr spät im Roman werden Überlebende jener Urzeiten vorgestellt, zu deren Zeiten das Höhlen- und Tunnelsystem entstanden sein muss. Doch anstatt hierdurch die Spannungsschraube erneut anzuziehen, hetzt der Autor leider weiter, als würde er den Abenteueranteil weit weniger wichtig erachten, als die Lehrstunden, die er zuvor in die Erzählung mit eingewoben hatte.
Das Finale ist in dem Sinne leider antiklimaktisch geraten; während man durch neue Hinweise darauf hofft, dass sich die Expedition endlich wieder auf denselben Pfaden bewegt wie jener sagenumwobene Forscher Jahrhunderte vor ihnen, wird das Szenario urplötzlich umgekehrt, der Roman quasi abgebrochen, ehe man überhaupt bis zum eigentlichen Mittelpunkt der Erde vorgedrungen war. Insofern mag der Roman richtiger "Reise ins Innere der Erde" heißen, denn was einem versprochen wird, kann Jules Verne leider nicht ganz halten.

Ebenso wenig die immer wieder kurz eingeleiteten Charakterentwicklungen, die jedoch nur von kurzer Dauer sind. So bleibt Professor Otto Lidenbrock von Anfang an ein unsympathischer alter Kauz, der so sehr vom eigenen Ruhm und der Entdeckung besessen ist, dass es Todesgefahren bedurft, um ihn vom wirklich wichtigen im Leben zu überzeugen – und selbst dann hält diese Erkenntnis nur kurzfristig.
Mit welcher Überheblichkeit er sich seinen Mitmenschen gegenüber gibt, ist in gewissem Sinne erschreckend und lässt den duckmäuserischen Axel ebenfalls in keinem guten Licht erscheinen. Ein zusätzliches Manko ist hier die deutsche Übersetzung, die urplötzlich vom persönlichen "Du" ins unpersönlichere "Sie" wechselt, ohne dafür eine Erklärung zu bieten.
Von Gretchen erfährt man an sich rein gar nichts, und der isländische Führer Hans wirkt ebenso stoisch wie ums eigene Denken verlegen. Andernfalls ist es kaum zu erklären, weswegen er bei allen möglichen Gefahren lediglich auf die regelmäßige Zahlung seines Wochenlohnes aus ist, anstatt einen wirklichen Überlebensinstinkt zu entwickeln.
Die Figuren scheinen insofern nicht wirklich aus dem Leben gegriffen, und auch wenn viele Leser dankbar zur Kenntnis nehmen, dass in Jules Vernes Roman deutsche Hauptfiguren im Zentrum stehen (die in seinen anderen Werken allenfalls undankbare Nebenrollen füllen), scheint die Art und Weise, wie die Figuren geschildert, als wolle Verne sie trotz allem nicht als Sympathieträger etablieren.

Sprachlich gestaltet sich die vorliegende Übersetzung allein schon durch die verwendete Wortwahl des heute nicht mehr üblichen Sprachgebrauchs, als schwerer zugänglich. Sei es nun die Wortfindung, die Satzkonstruktionen oder die Syntax selbst, man muss sich als Leser der heutigen Zeit in gewissem Sinne erst einlesen, und selbst dann wird man an manchen Stellen mehrmals lesen müssen, um den Sinn der Aussage zu verstehen.
Ärgerlich sind – insbesondere angesichts der Tatsache, dass vom Verlag behauptet wird, man habe die Orthographie angeglichen – die Setzungsfehler des Buchdruckes. Seien es nun offene Dialogzeilen, die nicht geschlossen werden, in der nächsten Zeile aber entweder schon vorbei sind, oder aber von einer Gegenfigur beantwortet werden, oder aber Schreibfehler mit fehlerhaften Buchstaben. Da dies von Anfang an zu beobachten ist, bleibt ein leider schlampiger Gesamteindruck der gelesenen Buchfassung.

Jules Vernes Werk selbst ist hingegen über die meisten Zweifel erhaben; inhaltlich zwar aus heutiger Sicht hanebüchen und undurchführbar, glänzt der Autor für seine Epoche mit einem kaum erschöpflichen Grad an Phantasie und Detailreichtum. Er verknüpft dabei Fiktion gekonnt mit den laut seinem Kenntnisstand geltenden Fakten, verbindet somit Wissenschaft mit Fiktion und gilt gerade deshalb als Begründer der modernen "Science Fiction".
Dass er Wegbereiter für ganze Generationen an Autoren war, ist unbestritten. Darum sollte man bei Reise zum Mittelpunkt der Erde seine Kühnheit und seine Visionen schätzen, statt sich an den inhaltlichen Fehlern zu stören.


Fazit:
Etwas mehr als einhundert Jahre, bevor der Mensch den Mond betrat, verfasste der französische Autor Jules Verne ein Buch zu diesem Thema. Er galt seinerzeit als Visionär, inspirierte unzählige seiner Nachfolger und prägte den Begriff der Science Fiction – der vorstellbaren Wissenschaft. Eine traurige Wahrheit für solche Phantasten, solche Seher ist es, wenn ihre Vorhersagen schon im Keim widerlegt werden. Verne verfasste 1864 einen Roman, mit dem er seiner Leserschaft die Thematik näher bringen wollte, er wollte unterrichten und lehren; die Abenteuergeschichte, so scheint es, war beinahe nebensächlich.
Gerade deswegen ist Reise zum Mittelpunkt der Erde weniger vorteilhaft gealtert, als manch andere Werke jener Zeit. Vieles von dem, was Jules Verne hier erzählt, was er vermitteln möchte, wurde inzwischen widerlegt und als unmöglich bewiesen. Reduziert man aus heutiger Sicht den Roman aber auf die Figuren und die Abenteuergeschichte, leidet das Buch merklich. Die Figuren scheinen allesamt nicht sympathisch, der Professor durch sein tyrannenhaftes Auftreten, Axel durch sein mangelndes Rückgrat. Als reine Abenteuergeschichte geschieht in dem Sinne einfach zu wenig, beziehungsweise zu viel in kurzer Zeit.
Aus jenem Grund versuchte ich mir stets vor Augen zu führen, wie sich das Buch zu jener Zeit, als es entstand gelesen haben mag. Vor den wissenschaftlichen Erkenntnissen und vor den Nachahmern, die Vernes Vermächtnis für sich beanspruchen wollen. Damals war es visionär, meisterhaft und zu allem Überfluss so realistisch, dass man am liebsten selbst nach Island gereist wäre, um jenen Höhleneingang zu entdecken. Und die Abenteuerlust weckt der Roman noch heute in vielen Lesern. Das ist vielleicht der größte Erfolg jenes aus heutiger Sicht inhaltlich überholten Abenteuerklassikers, der vor beinahe 150 Jahren entstand. Und jenes Gefühl wird auch in Zukunft bestand haben.


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