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Jonathan Lethem: "Motherless Brooklyn" [1999]

Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 19. März 2005
Autor: Jonathan Lethem

Genre: Krimi

Originaltitel: Motherless Brooklyn
Originalsprache: Englisch
Gelesen in: Englisch
Ausgabe: Taschenbuch
Länge: 311 Seiten
Erstveröffentlichungsland: USA
Erstveröffentlichungsjahr: 1999
Erstveröffentlichung in Deutschland: 2001
ISBN-Nr. (gelesene Ausgabe): 0-375-72483-4


Kurzinhalt:
Lionel Essrog ist ein "Freak" – zumindest laut seinem Mentor und Arbeitgeber Frank Minna, der die L&L Company gegründet hat, ehemals ein Fahrservice, inzwischen eine Detektei. Essrog leidet am Tourette-Syndrom und macht auf die meisten Menschen mit seinen Zuckungen, seinen wortgewaltigen Ausbrüchen und Beschimpfungen einen etwas verrückten Eindruck – und doch ist Essrog für Minna ein unverzichtbarer Teil von L&L.
Eines Tages soll er zusammen mit Gilbert Coney ein Treffen beobachten, das Frank mit einigen Unbekannten abhält. Doch es kommt alles anders als gedacht und Frank wird dabei getötet. Während die Leitung von L&L an Tony Vermonte übergegangen ist, für den die Aufklärung von Franks Tod eher als vernachlässigbar scheint, startet Lionel seine eigenen Ermittlungen und soll / muss zuerst Franks Frau Julia über die Ermordung ihres Gatten informieren.
Doch diese weiß bereits Bescheid und ist auf dem Weg aus der Stadt. So begibt sich Lionel erneut auf die Suche nach Hinweisen und gerät dabei in einem Zendo in Brooklyn an die junge Zen-Schülerin Kimmery. Dort erhält er erste Hinweise auf einen polnischen Riesen, der für Franks Tod verantwortlich sein soll. Doch je tiefer Lionel gräbt, umso mehr scheint es so, als dass alle Beteiligten etwas zu verbergen haben – und sie scheuen auch nicht davor zurück, den "Freak" aus dem Weg zu räumen ...


Kritik:
Etwa 1885 beschrieb der französische Arzt Gilles de la Tourette ein Syndrom, das durch Tics charakterisiert wird, die sich wiederum in plötzlichen Lauten oder Gestikulierungen der betroffenen Person äußern. Die impulsiven Reaktionen derjenigen Menschen, die am Tourette-Syndrom leiden, sind vielseitig und ähneln sich gleichermaßen. Sei es nun das Berühren von Gegenständen oder Personen, Beschimpfungen, lautes Rufen oder Zucken von Kopf oder Gliedmaßen, all dies lässt manchen Beobachter darauf schließen, dass diejenige Person verrückt sei oder gar geistig behindert – das Gegenteil ist jedoch meist der Fall. Menschen die an Tourette leiden, sind meist hoch intelligent und bis heute ist nicht bekannt, was ihre Tics letztlich auslöst; lediglich ein Hormonungleichgewicht im Gehirn konnte festgestellt werden. Diese Tics entwickeln sich meist im Jugendalter und werden durch Stress hervorgerufen oder verstärkt, sie verschwinden jedoch während des Schlafes.

Dass die Betroffenen unter ihrer Krankheit leiden, ist verständlich, dass sie deswegen aber nicht zweifelsohne zu bemitleiden sind, arbeitet Autor Jonathan Lethem in seinem Milieuroman Motherless Brooklyn gekonnt heraus. Seine Hauptfigur Lionel Essrog gehört dabei zu den ungewöhnlichsten und überraschungsreichsten Figuren, die man sich überhaupt vorstellen kann. Das Tourette-Syndrom im Alltag wird dabei ebenso heraus gearbeitet, wie die Erfahrungen Lionels, der mit dieser Krankheit aufwachsen musste, im Waisenhaus zuerst von vielen gehänselt, dann gemieden, mit seinen Zwängen wie dem Berühren von Menschen oder Gegenständen, seinen unvermittelten Rufen und Beschimpfungen – und doch wird deutlich, wie er sich mit diesem Syndrom arrangiert hat, wie es in manchen Situationen für ihn arbeitet, wie er einen Vorteil für sich ergattern kann, da die Menschen ihn unterschätzen. Wer in der Hauptfigur einen hilflosen großen Jungen erwartet, wird enttäuscht, und doch wird Lionel Essrog in den 311 Seiten vom jungen Mitläufer zum eigenständigen Mann, der die Verschwörung hinter dem Mord an seinem Mentor aufklärt und dabei feststellen muss, dass die meisten Personen, die er sein ganzes Leben lang zu kennen glaubte, doch vollkommen anders waren, als er vermutete.
Dabei beschränkt sich die Charakterisierung von Autor Lethem nicht auf Lionel allein. In seinem authentisch eingefangenen Flair von Brooklyn finden sich zahlreiche Figuren, die unterschiedlicher nicht sein könnten und dabei doch alle dasselbe Schicksal teilten. Mit Frank Minna als Vaterfigur scharte sich die Truppe der Minna Men um ihn, bestehend aus dem etwas trägen, aber kräftigen Gilbert Coney, dem ruhigen Danny Fantl und Tony Vermonte, dessen geheimes Ziel es war, Frank eines Tages abzulösen. Auch wenn Lethem nie aus der Sicht der übrigen Figuren beschreibt, wird durch Lionels Sicht der Dinge schnell klar, welche Stellung sie zueinander und zu Frank einnehmen und wie sie sich in eine der glücklicheren "Erfolgsgeschichten" in Brooklyn einfügten.
Dass er mit Motherless Brooklyn in erster Linie eine Milieustudie beabsichtigte, wird schon daran deutlich, dass er mit zahlreichen Beschreibungen der Umgebung, der Straßen und der Geschäfte sowie der Menschen ein sehr detailliertes Bild zeichnet und ansich mehr Zeit in Lionels Erinnerung an die Entstehung der Minna Men verbringt, als am tatsächlichen Fall.

Dies ist auch der größte Kritikpunkt an dem Roman, denn auch wenn die ersten 100 Seiten wie im Flug vergehen und den Leser auf neue Figuren und neue Handlungselemente mit den Machenschaften Frank Minnas einstellen, so kommt die Lösung des eigentlichen Mordfalles nur sehr schleppend voran. Und wenn man im letzten Drittel des Buches der Meinung ist, dass die Auflösung wohl erst auf den letzten Seiten kommen wird, wird man auch hier überrascht und der Täter ist eigentlich viel zu schnell entlarvt.
Nichtsdestotrotz verbringt Jonathan Lethem viel Zeit damit, die Figuren weiter auszubauen, stellt die verbitterte und enttäuschte Julia, Franks Ehefrau, in den Mittelpunkt und zeigt eindrucksvoll, wie Lionels Begeisterung für sie rapide schwindet. Die Auflösung des Mordfalles hingegen ist überaus banal geraten, in sich auch nicht letztlich schlüssig und wird auch nicht in Lionels Ermittlungen erzählt, sondern im Nachhinein von ihm in wenigen Sätzen erklärt. Dabei existieren durchaus Ansätze, Lionel mitten in einen Konflikt zu verfrachten, so dass er verschiedene Parteien gegeneinander ausspielen müsste, aber diese Grundlagen werden leider nicht weiter genutzt, was gerade insofern enttäuschend ist, da der ermittelnde Polizist kaum mehr erwähnt wird.
Nach dem gelungenen Anfang macht die Story einen Abstecher in die Kindheit der Figuren, präsentiert ihren Werdegang und ihre Herkunft, zeigt ihre Entwicklung und die daraus resultierende Desillusion – doch während Lethem zum selbsternannten Detektiv Lionel zurückkehrt, ihn auf Pirsch gehen lässt und Zeugen befragt werden, verliert die Story zunehmend an Fahrt, vermeintlich brisante Situationen (das "Treffen" zwischen Lionel und den als Schlägern getarnten Männern im Auto sei erwähnt) wirken zwar skurril und können unterhalten, doch die Spannung bleibt dabei leider auf der Strecke.
Selbiges gilt auch für das Finale selbst, das sich zwar angenehm aufbaut und erneut mit vielen guten Ideen aufwarten kann, dann jedoch einen Knick erfährt, so dass das Tempo aus der Verfolgungsjagd zwischen Lionel und dem polnischen Riesen urplötzlich abgesogen wird. Der zweite Anlauf des Autors, diese Dynamik zu erzeugen scheint eher aufgesetzt und vermag auch nicht mitzureißen.

Was Motherless Brooklyn (der Titel bezieht sich auf die vier Waisen, die von Frank Minna unter die Fittiche genommen werden) aber letztlich interessant und auch lesenswert macht, ist die Sprache von Autor Jonathan Lethem und wie er mit ihr das Tourette-Syndrom seines Protagonisten zum Leben erweckt. So beschreibt er diese Tics bisweilen fast schon als zärtliche Liebkosungen Lionels mit den begehrten Objekte, schildert seinen inneren Kampf, wenn er seine Zwänge unterdrückt, so lange wie nur möglich versucht, einen Wortschwall zurück zu halten, wie er die Flut an Aus- und Eindrücken unterdrückt, um letztlich den Kampf doch nur in die Länge ziehen, aber nicht gewinnen zu können. Dabei macht sich der Autor auch die Mühe, den Verlauf von Lionels Tics genau zu beschreiben und zu erläutern, wie er letztlich auf die verzerrte Wiedergabe der gehörten Sätze und Worte kommt, welche Gedankengänge sein Gehirn in diesem Falle geht und wie eine Last von ihm genommen wird, wenn er dem Drang nachgibt und er das Tourette seinen Willen bekommen lässt.
So skurril das auch scheinen mag, auch in Lethems Satzbau, in seiner Erzählstruktur mit den verschachtelten Anspielungen und seiner Erzählreihenfolge spiegelt sich dies wider. Das macht den Roman zwar anspruchsvoller zu lesen, wenn man sich jedoch ein wenig eingelesen hat, erschließen sich zahlreiche Perlen des Formulierens und zeigen auf, wie schön geordnet, wie harmonisch zusammen gefügt und entgegensätzlich die Ausdrucksweise der modernen englischen Sprache sein kann. Wenn Lionel im Zeilenrhythmus neue Worte kreiert, dabei z.B. bekannte miteinander vermischt (wie bei "conworried", bestehend aus confused=verwirrt und worried=besorgt), sind das kleine Bonbons für die Leser, die nach wenigen Seiten diesen Stil schon so verstehen, als hätten sie nie etwas anderes gelesen. Lionels Ausbrüche, seine krampfartigen Schreie und Beschimpfungen gegenüber dem unbekannten, imaginären Bailey, zählen ebenso zu den Highlights des Buches und schildern im Verlauf einen Protagonisten, der tragisch und komisch ist, der nicht bemitleidet werden möchte und der aus seiner Krankheit neue Kraft schöpfen kann – ein hoffnungsvoll Desillusionierter, eine Hauptfigur, wie man sie nie zuvor gesehen hat.


Fazit:
Wer anhand des Klappentextes und der Inhaltsbeschreibung vermutet, dass es sich hierbei um einen klassischen Krimi, womöglich sogar mit Noir-Anleihen handelt, der liegt (leider) falsch. Zwar zeichnet Autor Lethem ein sehr düsteres Bild von Brooklyn mit den Machenschaften an allen Straßenecken, die Polizei entweder verwickelt, oder aber so stark unterlegen, dass sie sich lieber nicht in die Bahn der Mafia stellen, aber doch geht es dem Romanautor mehr um die Figuren, um die Situation in Brooklyn und wie die Personen letztlich dazu gekommen sind.
So bleibt die Frage, wer Frank Minna getötet hat, weit weniger interessant, als das warum und auch, wer Frank Minna in den Augen seiner "Minna Men" war, wird weit stärker gewichtet, als wer er wirklich gewesen ist. Diese Milieustudie ist Lethem sehr gut gelungen und mitanzusehen, wie durch Lionels Augen die unnahbaren, fast schon ikonenhaften Figuren enthüllt, ihnen ihre Unantastbarkeit genommen und die verrottende Architektur darunter bloßgestellt wird, ist in meinen Augen faszinierend, allerdings leidet sowohl die Spannung, als auch die Dramaturgie unter dem Spagat, den der Autor anstrebte. So bleibt der Krimi hinter meinen Erwartungen zurück, die Ermittlungen sind weder packend, noch überaus komplex und wenn man die Rückblicke außer Acht lässt, nimmt Lionels detektivisches Vorgehen im Roman vielleicht ein Drittel ein.
Doch trotz des mittelmäßigen Mittelteils und des eher schwachen Schlusses, sind es der Anfang sowie Jonathan Lethems Wortgewandtheit, seine sprachliche Finesse, mit denen er Lionel die Worte zerreißen, kauen und umformen lässt, was Motherless Brooklyn lesenswert macht. Nicht, dass ich Lionel Essrog nicht gern bei einem weiteren Abenteuer begleiten würde, ganz im Gegenteil, eine weitere, spannendere Geschichte um den am Tourette-Syndrom leidenden Privatdetektiv wäre mehr als willkommen – doch hoffentlich setzt Lethem dann auch mehr auf den Krimi, anstatt auf sein authentisches Flair, das zwar Genrefans durchaus ansprechen, aber einen Großteil der Leser nur am Rand interessieren wird.


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