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Brian Aldiss: "Fahrt ohne Ende" [1958]

Wertung: 6 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 03. August 2008
Autor: Brian Wilson Aldiss

Genre: Science Fiction

Originaltitel: Non-Stop (oder Starship in den USA)
Originalsprache:
Englisch
Gelesen in: Englisch
Ausgabe: Taschenbuch
Länge: 241 Seiten
Erstveröffentlichungsland: Großbritannien
Erstveröffentlichungsjahr: 1958
Erstveröffentlichung in Deutschland: 1970
ISBN-Nr. (gelesene Ausgabe): 978-1-85798-998-4


Kurzinhalt:
Zusammengepfercht in den Umzäunungen von "Quarters" leben die Mitglieder des "Grünen Stammes" ihr Leben. Roy Complain zählt zu den Jägern, er muss regelmäßig die schützende Behausung verlassen, um für sich und die anderen Nahrungen zu finden in dem von einem lebendigen Urwald durchzogenen Tunnelsystem. Mehr weiß Complain von seiner Umgebung nicht, wie schon die Generationen vor ihm. Der Priester Marapper, der behauptet Antworten auf die drängendsten Fragen zu besitzen – nämlich wo sie sind, und weshalb sie so leben, wie sie es tun – bittet Complain, ihn auf einer Expedition zu begleiten, um Beweise für seine Behauptungen zu finden.
Zusammen mit einer kleinen Gruppe machen sie sich auf den Weg durch die Tunnel nach "Forwards", einer sagenumwobenen Kolonie am anderen Ende. Was sie dort erwarten wird, wissen sie nicht. Doch bereits auf dem Weg dorthin werden sie Dinge sehen, die die schlimmsten Legenden von "Quarters" bestätigen. Und ihr gesamtes Leben und Wissen auf den Kopf stellen ...


Kritik:
An sich ist es traurig, dass insbesondere im deutschen Sprachraum die Science Fiction-Literatur trotz namhafter Autoren wie Wolfgang Hohlbein mehr oder weniger als Stiefkind des geschriebenen Wortes behandelt wird. So sind international anerkannte Klassiker meist nicht mehr verfügbar oder werden erst dann neu aufgelegt, wenn eine dazugehörende Verfilmung angekündigt ist.
Brian Aldiss Kurzgeschichte Supertoys Last All Summer Long [1969] fand zwar als Vorlage für A.I. - Künstliche Intelligenz [2001] Verwendung, doch reichte diese Anerkennung nicht, dass seine genreprägenden Werke neu vertrieben wurden. Sein erster Science Fiction-Roman, der immerhin vor 50 Jahren erschien, wurde nach der ersten Veröffentlichung 1970 unter dem Titel Fahrt ohne Ende zwar erneut übersetzt und erschien 1984 ungekürzt als Die unendliche Reise, doch inzwischen ist der Titel sehr schwer zu bekommen. Einfacher haben es da Leser, die der englischen Sprache mächtig sind, denn dort erschien Non-Stop vor einigen Jahren in der Reihe "SF Masterworks". Interessant ist die Geschichte dabei trotz ihres Alters nach wie vor, hauptsächlich deswegen, weil der Autor weniger auf die technischen Errungenschaften einer weiter entwickelten Zivilisation setzt, als das Schicksal der Figuren in den Mittelpunkt zu rücken. Und deren Odyssee fasziniert heute so sehr wie damals.

Die Geschichte um den "Grünen Stamm" versetzt den Leser unmittelbar an die Seite von Hauptfigur Roy Complain, der sich mit dem Leben in dem unwirtlichen Zuhause von Quarters abgefunden hat, wo er regelmäßig die sichere Umzäunung seines Stammes verlässt, um für die Mitglieder zu jagen. Interessant ist dabei, wie sehr sich der vermutliche Hintergrund der Geschichte verändert, wenn sie aus nur einer einzigen Perspektive erzählt wird. So erkundet Complain notgedrungen seine Umgebung außerhalb des Stammes, erfährt zunehmend Dinge, die sein Bild von der Welt verändern und wird wenig später mit Erkenntnissen konfrontiert, die seinen Horizont schlichtweg übersteigen.
So faszinierend es zu Beginn ist, die sozialen Abhängigkeiten der kleinen Gemeinschaft zu erkunden, die Autor Brian Aldiss seinem "Grünen Stamm" zugrunde legt, so überwältigend sind die Erkenntnisse, die sich schon wenig später einstellen und das Erzählte in ein ganz anderes Licht rücken.
Fernab von heutigen Genrekonventionen verzichtet der Autor auf unnötige Actionmomente, sondern lässt die Figuren ihre Umgebung erkunden und langsam verstehen. Auch mit Erklärungen hält er sich nicht bedeckt und enttarnt die halbe Wahrheit bereits nach der Hälfte des Romans. Doch bis die letzten Puzzlestücke in die richtigen Positionen fallen werden nochmals viele Seiten vergehen, die immer faszinieren und überraschen, so innovativ wie durchdacht erscheinen und von Figuren leben, die in ihrem immer währenden Gefängnis nie Hoffnung erlebt haben.

Sie sind es, die Non-Stop, so der Originaltitel, zu einem zeitlosen Klassiker machen, dessen Aussagen heute ebenso Bestand haben, wie in weiteren 50 Jahren. Angefangen von einer Hauptfigur, Roy Complain, die sich im Laufe der nur 240 Seiten mehr entwickelt, als manch andere Charaktere in ganzen Romanreihen. Er muss erkennen, dass mehr Wissen auch mehr Unzufriedenheit bedeuten kann und eine größere Verpflichtung, sich zu engagieren. Von seiner passiven Lebensweise, die mit dem reinen Überleben an sich mehr gemein hatte bis hin zum aktiven Lenken seiner Geschicke vergeht viel Zeit, die ihn als Figur aber reifer macht und trotz seiner anfänglichen Verhaltensweisen sympathisch werden lässt.
Dem entgegen gesetzt verkörpert der Priester Marapper genau das andere Ende des Spektrums, der sich seiner Erkenntnisse im Vorfeld so sicher ist, dass er nicht zulässt, wie neue Erfahrungen seine Perspektive verändern könnten. Stattdessen pocht er auf Machterhalt mit allen Mitteln, selbst solche, die er aus ethischen Gründen an sich ablehnen würde.
Laur Vyann und Scoyt, Vertreter von "Forwards", repräsentieren ein ähnliches Szenario, wobei Vyann neuen Entwicklungen eher aufgeschlossen ist, als Scoyt, der sich um eben jene Hoffnung betrogen sieht, die ihn überhaupt erst so lange hat durchhalten lassen.
Es ist ein Mikrokosmos, den Aldiss unter besonderen Bedingungen in Fahrt ohne Ende entwirft und in dem alle möglichen Charaktertypen vertreten sind, ohne dass diese klischeehaft oder plakativ vorgestellt würden.

Je weiter die Figuren der Auflösung kommen, dem Geheimnis hinter ihrer unwirtlichen Umgebung, umso verstrickter und auswegloser scheint ihre Situation. Mit wenigen Mitteln gelingt es bereits dem Autor, die Welt von Complain und seinen Mitstreitern vor den Augen des Lesers lebendig werden zu lassen. Vom ungewöhnlichen vier Wach- und einem Schlaf-Zyklus, bis hin zu den urwaldartigen, mit einer inneren Bestimmung versehenen Gewächsen, die alle Bereiche von "Quarters" durchziehen.
Umso ungewöhnlicher ist der Ausgang, den Brian Aldiss für seinen Roman gewählt hat, und der erstaunlicherweise mehr Mut beweist, als viele heutige Erzählungen, die sich die Auflösung zu einfach machen. So ungewöhnlich und einfallsreich wie die Geschichte selbst, so scheint das Ende nur im ersten Moment offen gelassen. Wer weiter denkt wird erkennen, worauf Non-Stop hinausläuft.
Packend ist der Roman nicht zuletzt durch die vielen Fragen geraten, die im Hintergrund auf den Leser warten, und deren Antworten man ständig herbeisehnt. Auch die Reise zwischen "Quarters" und "Forwards" legt ein Tempo vor, dem die neuen Erkenntnisse jener Region in nichts nachstehen. So vergeht das Buch wie im Flug, die Geschichte wird so rasant erzählt, dass man sie zum einen kaum aus der Hand legen kann, zum anderen aber auch dank der Wortwahl flüssig lesen kann.

Die von vielen älteren Romanen bekannten, nicht mehr zeitgemäßen Wortwendungen sind hier nicht zu sehen und auch die beschriebene Technik ist heute immer noch problemlos denkbar. Sprachlich hält der Roman somit keine Überraschungen bereit und ist für Einsteiger gut verträglich (einen dementsprechenden Wortschatz an Science Fiction-Terminologie vorausgesetzt). Interessenten können also ohne Zögern auch zur Originalausgabe greifen, die Autor Brian Aldiss für die erneute Veröffentlichung leicht überarbeitete. Seinem Vorwort nach wurden lediglich einige Wörter geändert, die aber natürlich den Unterschied ausmachen.

Blickt man nach den nur 240 Seiten auf den Roman zurück kann man nicht umhin sich zu wundern, wie vielschichtig und ausgewogen Science Fiction bereits vor 50 Jahren sein konnte. Ohne Weltraumschlachten oder andere Genreklischees wird das Schicksal von Figuren erzählt, die in ihrer Umgebung gefangen sind – ohne zu wissen wieso. Bis sie die Hintergründe dafür herausfinden, werden sie sich mitunter stark weiterentwickeln müssen und viel Neues lernen. Aber nur mit größeren Herausforderungen können Menschen auch zu Größerem heranwachsen.
Inhaltlich sehr einfallsreich und detailliert, mit sehr vielen Ideen (wie dem ausgefeilten Religionsaspekt), die man im ersten Moment gar nicht als solche wahrnimmt, entpuppt sich Fahrt ohne Ende als eines der prägenden Werke des Genres, das zwar schon oft zitiert und abgewandelt wurde, jedoch nicht erreicht wurde. Dass Brian Aldiss Roman auch nach 50 Jahren noch begeistern kann ist ein Zeichen dafür, dass der Autor zeitlose Themen anspricht und diese auch zeitlos erzählt. Welche Macht ihm als Autor dabei gegeben wird sieht man schon daran, wie sich die Zusammenhänge erschließen, wenn sie aus nur einer Perspektive erzählt werden.


Fazit:
Der Begriff "Klassiker" wird heute sehr schnell verwendet. Insbesondere wenn sich nach langer Zeit einmal neue Ideen einfinden in einem Unterhaltungsmedium, dem es auf Grund der zahlreichen Beiträge unterschiedlichster Autoren an wirklich innovativen Elementen mangelt. Brian Aldiss hatte ohne Zweifel den Vorteil, dass er eher als viele seiner Kollegen schreiben konnte. Was ihm jedoch mit seinem ersten Roman gelungen ist, ist in der Tat erstaunlich.
Facettenreiche und im Laufe der nur 240 Seiten weiter entwickelte Charaktere, eine komplexe Hintergrundgeschichte, die immer wieder neue Schichten offenbart, zu denen die Figuren und der Leser erst nach und nach Zugang finden und ein hohes Erzähltempo, das einem kaum Zeit zum Durchatmen gibt. Dies sind nur einige der Aspekte, die Fahrt ohne Ende, oder Die unendliche Reise, auszeichnen.
Da ich von Romanen aus jener Zeit meist Themen gewohnt war, die sich mit jener Epoche beschäftigten, war ich umso überraschter, dass sich Non-Stop mit allgemein gültigen Fragen auseinander setzt und auch in Bezug auf die beschriebene Technik nach 50 Jahren ebenso überzeugt und verblüfft, wie damals. Dabei ist es schwer, über bestimmte Elemente des Buches zu sprechen, ohne etwas zu verraten, und ich kann Interessenten nur empfehlen, sich entweder eines der wenigen verbliebenen deutschen Exemplare der ungekürzten Auflage von 1984, oder aber die englischsprachige zu Gemüte zu führen. Wer wissen möchte, was klischeefreie, erwachsene Science Fiction auszeichnet, und weswegen sie auch in der heutigen Zeit wichtig ist, der sollte sich Aldiss Erstling nicht entgehen lassen. Es ist mehr als nur ein Klassiker, es ein oft kopiertes und nie erreichtes Meisterwerk des Genres.


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