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Dan Brown: "Diabolus" [1998]

Wertung: 4.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 25. Januar 2005
Autor: Dan Brown

Genre: Thriller

Originaltitel: Digital Fortress
Originalsprache: Englisch
Gelesen in: Englisch
Ausgabe: Taschenbuch
Länge: 510 Seiten
Erstveröffentlichungsland: USA
Erstveröffentlichungsjahr: 1998
Erstveröffentlichung in Deutschland: 2005
ISBN-Nr. (gelesene Ausgabe): 0-552-15169-6


Kurzinhalt:
TRANSLTR ist das Kernstück der Kryptographie-Abteilung des US-Geheimdienstes NSA. Der Supercomputer dechiffiert selbst komplex verschlüsselte Daten in wenigen Minuten. Doch die Datei, die der Assistant Director Trevor Strathmore dem Milliarden Dollar teuren Computer eingespeist hat, läuft bereits seit 15 Stunden. Sie stammt vom genialen Programmierer Ensei Tankado, der sich damit rühmt, eine neuartige Verschlüsselungstechnik entwickelt zu haben und diese an den Meistbietenden verkaufen zu wollen. Sollte ihm das gelingen, wäre die NSA angesichts des regen Datenverkehrs im Internet blind und taub.
Bevor die Auktion stattfinden kann, stirbt Tankado in Spanien, und mit ihm das Wissen um einen von zwei Passwort-Schlüsseln, der es ermöglicht, "Digital Fortress" – so der Name seines Algorithmus – zu entschlüsseln. Verzweifelt zieht Strathmore die Vorsitzende der Kryptographie-Abteilung der NSA, Susan Fletcher, hinzu, die Strathmores Bemühungen, die Verbreitung von "Digital Fortress" zu verhindern, nur allzu gut nachvollziehen kann.
Zusammen suchen sie nach Tankados Partner, in der Hoffnung, dieser habe noch nichts vom Tod des Programmierers gehört, und den Schlüssel nicht veröffentlicht. Gleichzeitig ist der Sprachgelehrte David Becker, Susan Fletchers Verlobter, von Strathmore nach Spanien gesandt worden, um Tankados Schlüssel ausfindig zu machen.
Aber wie es scheint, haben noch mehr Parteien Interesse an "Digital Fortress", und manche sind sogar bereit, für den Algorithmus zu töten – dabei ist Becker der Bitte des Assistant Director eigentlich nur gefolgt, um Susan einen Gefallen zu tun. Während sich in Spanien die Ereignisse überschlagen, läuft der NSA die Zeit davon ...


Kritik:
Es ist immer wieder erstaunlich, welche Auswirkungen ein weltweiter Bestseller haben kann, und inwiefern der Erfolg hilft, auch ältere Werke eines Autors bekannt zu machen. Mit Sakrileg [2003] – besser bekannt unter dem Original-Titel The Da Vinci Code – gelang Dan Brown ein wahres Phänomen: Trittbrett-Autoren schossen ebenso aus dem Boden, wie aufgebrachte Wissenschaftler, die mit zahlreichen Büchern versuchten, Browns Theorien zu widerlegen. Deren Gültigkeit hat der Autor dabei zwar nie behauptet, aber die Publicity hat ihm sicher nicht geschadet. Sakrileg wurde in Deutschland ebenfalls ein Hit, und dies hat nun zur Folge, dass Browns allererster Roman, Digital Fortress, nun nach sieben Jahren endlich auch hierzulande erscheint – mit dem ausdrücklichen Vermerk des Verlags, es sei der "neue Bestseller" des Autors. Dass der irreführende deutsche Titel Diabolus rein überhaupt nichts mit dem Inhalt zu tun hat, ist sicher mehr als nur ein Zufall, denn viele Fans von Sakrileg sollen so wohl besonders auf das Werk aufmerksam gemacht werden; immerhin soll 2005 auch ein neuer Roman um Illuminati- und Sakrileg-Hauptfigur Robert Langdon erscheinen.
Interessenten an Dan Browns Romanen, die in der englischen Sprache bewandert sind, konnten dabei schon seit Jahren diesen Erstling zum Schnäppchenpreis bekommen. Und selbst wenn man außer Acht lässt, dass Digital Fortress / Diabolus sein erstes Buch war, ist dem Autor ein wirklich guter Roman gelungen, den man dank des atemberaubenden Tempos wieder in kürzester Zeit verschlingen wird, und der an inhaltlicher Brisanz nichts eingebüßt hat – obwohl zahlreiche Fakten inzwischen mehr oder weniger überholt sind.
Darüber hinaus legt Brown hier den Grundstein für seine noch erfolgreicheren späteren Romane. Er lässt die Handlung wie gewohnt in knapp 24 Stunden spielen und verfrachtet seine Figuren an exotische Plätze in Europa, die im krassen Gegensatz zu den hoch technologischen und fremdartigen Szenarien stehen, denen man im Laufe des Romans begegnet.

Im Falle von Digital Fortress sind das zum einen die Altstadt von Sevilla mit ihren engen Gassen und Kirchen und das Hauptquartier der National Security Agency, kurz NSA. Die über 50 Jahre alte Behörde war lange Zeit ein fast schon unsichtbarer und wenig beachteter Geist neben den anderen US-Institutionen, sammelte aber seit der Gründung 1952 weltweit Informationen, um sie den US-Geheimdiensten und Regierungsverantwortlichen zur Verfügung zu stellen.
Auf sie aufmerksam (bis vor zehn Jahren waren sich nur knapp drei Prozent der amerikanischen Bürger ihrer Existenz überhaupt bewusst) wurde Brown, als einer seiner Studenten während einer Vorlesung vom Secret Service abgeholt und anschließend verhört wurde. Anscheinend hatte die NSA E-Mails abgefangen, in denen der ansich harmlose Student darüber sprach, dass der amerikanische Präsident (damals noch Bill Clinton) liquidiert werden sollte.
Von dem Vorfall überrascht, erkundigte sich Brown nach den Methoden der NSA und ihren Möglichkeiten, und kam so recht schnell einem Thema auf die Spur, das heutige Internet-Nutzer und Privatpersonen dringendst interessiert: Die Privatsphäre. Wie viel die Regierungen wirklich über ihre Bürger wissen, wird wohl ihr Geheimnis bleiben, doch mit jeder Schutz-Barriere, die zum gläsernen Menschen hin fällt, werden die Aufrufe von Datenschützern lauter.
Getreu dem Motto "Quis custodiet ipsos custodes?" (zu deutsch: "Wer bewacht die Bewacher?") zeichnet der Autor in Diabolus ein sehr düsteres Bild des Datenschutzes, da selbiger schlichtweg kaum mehr existiert. Insofern ist seine Geschichte, obgleich sie einige fiktive Elemente enthält, gar nicht so abwegig und gerade deshalb so interessant.

Die Story selbst entfaltet sich dabei allerdings recht langsam, so dass sich das erste Fünftel des Romans etwas in die Länge zieht. Überraschend ist jedoch, dass gerade diejenigen Passagen spannend und temporeich erscheinen, die nicht im NSA-Hauptquartier, sondern in Sevilla spielen. Zwar versucht Brown mit zahlreichen Hintergrund-Erklärungen, Anekdoten und technischen Beschreibungen, seine Leser zu motivieren, ansich ist das aber gar nicht notwendig. Da er auch hier schon in einem rasenden Tempo schreibt, mit wenigen Worten die Szenerien in den Köpfen der Leser entstehen lässt und mit seinen geschickt platzierten Kapitelsprüngen stets zum Weiterlesen anspornt, verfliegen sogar die etwas zähen Momente im Nu, und so fügen sich die einzelnen Storyfäden zu einem gut verdrahteten Netz zusammen, in dem man sich rasch verliert.
Doch auch wenn die Geschichte durch die zahlreichen Szenenwechsel, die unterschiedlichen Umgebungen in Sevilla und einige Nebenfiguren zunächst recht komplex erscheinen mag, wird die Geschichte ansich sehr strikt und ohne große Abschweifungen erzählt. Hier weisen die späteren Romane wie Illuminati [2000] oder Meteor [2001] eine tiefergehende Struktur auf.
Inhaltlich gibt Brown dem Leser wie gewohnt zahlreiche Informationen zur Kultur in Europa und der Entstehung einzelner Bauwerke mit auf den Weg, die nicht nur im krassen Gegensatz zu den kryptographischen Elementen in der NSA stehen, sondern oftmals deutlich interessanter sind. Das liegt für diejenigen, die sich mit der Thematik der Verschlüsselung ein wenig auskennen, unter anderem daran, dass manche Begriffe und Erklärungen aus damaliger wie heutiger Sicht allzu vereinfacht sind und mitunter schlicht nicht zutreffen. Zudem verwechselt Brown hin und wieder die Terminologie, setzt verschiedene Begriffe gleich, die nicht synonym sind, und überrumpelt versierte Leser mit einer Reihe fantastischer Story-Ideen, die letztlich vollkommen absurd erscheinen.
Wenn zudem noch inhaltliche Fehler, wie zum Beispiel ein per Schalldämpfer leiser gemachter Revolver, hinzukommen – und selbiges ist schlicht technisch unmöglich –, können aufmerksame Naturen sich zwar trotzdem am schnellen Erzählstil erfreuen, raufen sich aber ab und an die Haare, würde man Digital Fortress nun als realistischen Techno-Thriller bezeichnen.
Allerdings mögen solche offensichtlichen Mängel vielleicht ärgerlich sein, sie schmälern glücklicherweise kaum das Lesevergnügen.

Anders sieht es da bisweilen mit den recht eindimensionalen Figuren aus.
Denn obwohl man mit David Becker, Susan Fletcher und Trevor Strathmore durchaus mitfiebert, lassen sie bei genauerer Betrachtung die Tiefe vermissen, die man von Hauptfiguren eines ansich recht langen Romans tatsächlich erwarten würde. Sicherlich bekommt man die einen oder anderen Charakter-Eigenschaften vermittelt, zusammen genommen sind das aber nicht einmal so viel, wie eine einzelne Figur in Browns späteren Romanen zugeschrieben bekommt. Dementsprechend unvorhersehbar und unverständlich bleiben manche Handlungen der Figuren. Eine Entwicklung ist dabei bei fast keiner Person zu erkennen. Man muss jedoch auch erwähnen, dass selbst Nebencharaktere sauber vorgestellt werden und etwas zu tun bekommen.
Etwas mehr hätte man gerade bei den drei Hauptfiguren allerdings schon erwarten können.

Das Finale zu beurteilen, ist hingegen eine recht zwiespältige Angelegenheit. Nicht nur, dass es im Roman zwei ausgeprägte Schluss-Höhepunkte gibt, der zweite wird sogar knapp 70 Seiten lang vorbereitet, wobei das letztendliche Rätsel für aufmerksame Leser zugegebenermaßen schnell entschlüsselt ist.
Das erste Finale zwischen zwei Hauptfiguren ist auf den ersten Blick sicherlich mitreißend, wird aber durch den Autor unnötig in die Länge gezogen und vor allem mit ziemlich absurden Entscheidungen gespickt, so dass sich viele Leser angesichts der klischeereichen Sequenz weniger gern daran erinnern werden. Der letzte Höhepunkt hingegen erinnert bezüglich Aufbau und Struktur stark an den Film WarGames [1983] und ist auch spannend gestaltet, scheint aber im Hinblick auf seine lange Vorbereitung ebenfalls zu kurz und zu wenig "feuergefährlich".

Sprachlich gibt es an Diabolus nicht viel auszusetzen. Man merkt Brown an, dass er zu Beginn seinen Rhythmus erst finden muss; die ersten Kapitel lesen sich daher stellenweise holprig. Doch wenn sich die Geschichte in rasendem Tempo auffaltet, und dem Leser keine Zeit zum Durchatmen bleibt, wird offenkundig, was Dan Brown zu einem der einfallsreichsten und unterhaltsamsten Thriller-Autoren unserer Zeit macht. Sein Stil ist eingängig und leicht lesbar – vor allem eignet er sich dank der kurzen Kapitel nicht nur für Langzeitleser, sondern auch für diejenigen, die gezwungenermaßen häufig unterbrechen müssen.

Dank seiner sprachlichen Finesse gelingt es dem Autor somit, die inhaltlichen Schwächen seines Romans zu überwinden und dem Leser einen interessanten, spannenden und sehr flotten Roman zu präsentieren. Dass die geschichtlichen Hintergründe in Sevilla zusammen mit David Beckers Rettungsmission ungemein unterhaltsamer sind, als die eher trockenen Passagen im NSA-Hauptquartier zu Beginn, liegt wohl nicht zuletzt daran, dass man sich als Leser mit Becker, einem gewöhnlichen Menschen in außergewöhnlichen Umständen, leicht identifizieren kann.
Interessenten sei Digital Fortress deshalb wärmstens empfohlen, der Leser bekommt hier einen mitreißenden, wenngleich nicht ganz so originellen Roman geliefert, wie man im ersten Moment von diesem Autor erwarten würde. Allerdings sollte man bedenken, dass Brown hierfür Mitte der 1990er Jahre recherchiert hat, zu Zeiten, als der "Netscape"-Internet-Browser noch Marktführer war – wie im Roman erwähnt – und als die meisten Computer-Nutzer auf Viren und Würmer noch nicht so gedrillt waren wie heute.


Fazit:
Mit Digital Fortress fischt Dan Brown in den Gewässern von Kollege Michael Crichton, der den Techno-Thriller praktisch perfektioniert hat. Jedoch, und das ist mittlerweile sicherlich auch auf die Erfahrung zurückzuführen, hat Crichton die Hausaufgaben in seinen Romanen für gewöhnlich besser gemacht. Die Verwechslungen in der Terminologie und die – beim Lesen zwar nicht offensichtlichen, aber sich dennoch aufdrängenden – Fehler lassen auf eine nicht durchgehend sorgfältige oder allumfassende Recherche schließen. Obwohl ärgerlich, sei dies dem Autor verziehen, vor allem deshalb, weil sein Roman trotz der kleinen Mängel spannend und äußerst unterhaltsam bleibt.
Fans von Browns anderen Werken, die Diabolus ab Frühjahr 2005 im deutschen Buchhandel sehen werden, sollten also mit dem Gedanken an den Roman herangehen, dass dieser ansich das Erstlingswerk des Autors war, und insofern überaus gelungen ist. Vor allem erkennt man daran, wie sich Brown kontinuierlich weiterentwickelt hat; von Digital Fortress zu Illuminati war es immerhin ein großer Sprung.
Doch das macht den Roman nicht schlecht, ganz im Gegenteil! Bemerkenswert aus heutiger Sicht ist vor allem, dass das prekäre und wichtige Thema des Datenschutzes vor sieben Jahren ebenso umstritten war, wie heute – nur dass heute die Möglichkeiten der Geheimdienste weitaus größer sind. Wer sich also einige Gedanken diesbezüglich mit auf den Weg geben lassen möchte, ist mit Diabolus gut bedient. Dank der mitreißenden Erzählung, der exotischen Schauplätze und der interessanten Geschichte sind auch die inhaltlichen Schwächen schnell vergessen.
Dan Brown gelang Ende der 1990er Jahre ein wirklich guter Einstand, der auf seine exzellenten Eigenschaften als Autor schließen ließ und den Leser wie später auch in einem ungeheuren Tempo über die Seiten hetzt, so dass man atemlos zurückblickt, hat man den letzten Code nach dem Epilog denn entschlüsselt – und jener enthält tatsächlich ein augenzwinkerndes Geheimnis.


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