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H.G. Wells: "Der Krieg der Welten" [1898]

Wertung: 5.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 31. Dezember 2004
Autor: Herbert George Wells

Genre: Science Fiction

Originaltitel: The War of the Worlds
Originalsprache: Englisch
Gelesen in: Englisch
Ausgabe: Taschenbuch
Länge: 192 Seiten
Erstveröffentlichungsland: Großbritannien
Erstveröffentlichungsjahr: 1898
Erstveröffentlichung in Deutschland: 1901
ISBN-Nr. (gelesene Ausgabe): 0-330-24332-2


Kurzinhalt:
Als im Sommer Blitze auf dem Mars von der Erde aus zu sehen sind, denken sich die wenigen Astronomen, die das Schauspiel gesehen haben, nichts dabei. Als wenige Tage später mehrere 30 Meter lange Zylinder auf der Erde einschlagen, ist das Interesse der Bevölkerung groß – doch die Faszination weicht dem blanken Entsetzen, als daraus fremde Wesen vom Mars entsteigen, die auf seltsamen, turmhohen mechanischen Kriegsmaschinen durch die Landschaft von England ziehen und mit ihrer fremden Technologie eine Spur der Verwüstung hinterlassen.
Jegliche Versuche der britischen Armee, die Angreifer abzuwehren, schlagen fehl, der Krieg der Welten scheint verloren, bevor er überhaupt begann – da treffen täglich neue Zylinder vom Mars auf der Erde ein und bringen mit sich eine Invasionsmacht, der selbst die mächtigste Nation der Welt nicht gewachsen ist ...


Kritik:
"Passe dich an, oder du wirst umkommen, heute wie damals ist es das unerbittliche Gebot der Natur" – H.G. Wells. Ein treffendes Zitat in Bezug auf Der Krieg der Welten; dabei ging es Wells vor über 100 Jahren, als er seinen Roman verfasste, weniger darum, als um die Arroganz des Britischen Empire, das damals von Kanada bis Indien den halben Globus überspannte. Diese Anleihen sind auch heute noch deutlich heraus zu lesen und verpassen damit trotz des Science Fiction-Aspekts dem Roman eine Zeitlosigkeit, die man kaum für möglich halten würde. Mehr als das, mit Der Krieg der Welten schuf H.G. Wells einen der bedeutendsten und einflussreichsten Science Fiction-Romane, dessen Ideen in einem Maße bahnbrechend und wegweisend waren, dass sich andere Autoren erst zig Jahre später daran wagten, seine Einfälle zu kopieren.

Am 21. September 1866 in Bromley, Kent in England geboren verbrachte Wells keine glückliche Kindheit; seine Arbeiten als Textilkaufmann und Lehrer waren nicht von Erfolg gekrönt, über sein Studium der Biologie in London wurde er jedoch auf Literatur und Journalismus aufmerksam, veröffentlichte 1895 seinen ersten Roman, Die Zeitmaschine, und konnte doch trotz der bahnbrechenden Visionen, die er jenem und seinen darauf folgenden Werken Die Insel des Dr. Moreau [1896], Der Unsichtbare [1897] und auch Der Krieg der Welten keinen so durchschlagenden Erfolg erzielen wie der französische Autor Jules Verne (Reise zum Mittelpunkt der Erde [1864], Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer [1870]), von dessen Werken Wells unter anderem inspiriert wurde.
Erst 1901 kam mit Anticipations ein Bestseller, der auch aus heutiger Sicht wegweisend für das Verhalten der Menschen im 20. Jahrhundert war. Von Zügen und Autos, dem Entstehen von Vororten und dem Pendeln in die Städte ist da die Rede, sogar davon, dass Männer und Frauen in den kommenden Jahrzehnten größere sexuelle Freiheiten anstreben würden – aber auch (und das ist die Kehrseite der Medaille) von der Abschaffung von Unterseebooten, da sie keinen Zweck außer das Ersticken der Crew erfüllen würden. Wie viele visionäre Erzählungen liegen eben auch seine nicht hundertprozentig richtig – im Falle von Der Krieg der Welten ist das schon aus dem Grund so, da wir nach dem heutigen Stand der Technik wissen, dass der Mars eben nicht bewohnt ist.
1934 veröffentlichte H.G. Wells das Buch An Experiment in Autobiography, sein letztes Buch erschien elf Jahre später, Mind at the End of its Tether [1945], der Autor starb am 13. August 1946.

Dass Wells mit seinen ganz offensichtlichen Anspielungen auf das britische Empire, den Regierungssitz und die Ohnmacht der damals erfolgreichsten Streitmacht der Welt, der Lage Herr zu werden, auf die möglicherweise im Nu vertauschten Rollen von Eroberern und Opfern anspielen wollte, ist offensichtlich (und die Satire gut gelungen) – doch konzentriert er sich erfreulicherweise mit vielen Einfällen, unzähligen erstklassigen Ideen und seinen zahlreichen Beschreibungen auf den Science Fiction-Anteil von Der Krieg der Welten.
Selten zuvor wurde eine so düstere, aussichtslose und endgültige Invasion von fremden Wesen auf dem Planeten Erde in der Literatur beschrieben. Der Autor nutzt das Interesse der Leser, überträgt es auf die Charaktere im Roman und trifft sie mit völlig neuen Ideen, wie dem tödlichen Hitzestrahl, oder noch fataleren Waffen direkt ins Mark. Gespickt mit detaillierten Landschaftsbeschreibungen, dem Erzählstil aus der Ich-Perspektive und allein der Tatsache, dass die Hauptfigur namenlos beschrieben wird, zieht Wells den Leser ins Geschehen, setzt ihn an die Stelle des Erzählers und lässt einen das Geschehen mit seinen Augen sehen. Dabei ist sein sprachlicher Stil mitunter so verzwickt wie herausragend, beginnt mit groben Beschreibungen der gesamten Umgebung und vertieft die Eindrücke reliefartig mit zahlreichen zusätzlichen Bemerkungen, zeichnet somit ein immer feineres Bild ein und derselben Szenerie, bis man die Ruinen, die Menschen und die kolossalen, imponierenden und Furcht einflößenden dreibeinigen Kampfmaschinen der Marsianer schon vor sich sieht.
Auf einen Zeitrahmen von etwas mehr als zwei Wochen beschränkt baut sich das Geschehen langsam auf, vermittelt allein durch das undurchsichtige und vor allem unbegreifliche Werken der Außerirdischen und ihre Absichten auf unserem Planeten eine drückende und im späteren Verlauf auch klaustrophobische Atmosphäre, ehe man durch die Augen des Erzählers die Verwüstung auf der Erde dargebracht bekommt. Selten hat ein Roman so gekonnt eine apokalyptische Stimmung mit so wenigen Worten vermittelt.
Inhaltlich überrascht Wells dabei nicht nur mit Wendungen innerhalb der Geschichte, sondern auch mit seinen weitläufigen Erklärungen, weswegen die Marsianer die Erde angreifen, wieso es gerade jetzt geschieht, und wie eine mögliche Zukunft der Menschheit aussehen könnte. Auf Grund der Länge des Romans kommen aber manche Details leider nicht so zum Zug, wie man sich das beispielsweise wünschen würde (auch wenn die Beschränkung des Erzählers auf die Gegebenheiten in England beabsichtigt waren, um sein Zielpublikum direkt ansprechen zu können), so wäre es schön gewesen zu erfahren, was die Marsianer denn für Gebilde inmitten der Ruinen gebaut haben, auf welche Weise sie sich organisieren wollten und weswegen sie manche Menschen für ihre Zwecke missbrauchten.
Dies jedoch als Kritikpunkt anzuführen, täte dem Autor Unrecht, immerhin bleibt dem Leser auf diese Weise noch Raum für Spekulation und für die eigene Phantasie.

Die Figuren selbst sind mitunter sehr detailliert beschrieben und wandeln sich auch im Laufe der nur 200 Seiten; besonders offensichtlich wird das an einer wiederkehrenden Figur, die dem Erzähler zu Beginn und am Ende erscheint und an der offensichtlich wird, wie sehr die Belagerung der Fremden die Menschen verändert haben.
Abgesehen davon nimmt sich H.G. Wells immer wieder die Zeit, einzelne Schicksale zu porträtieren, schildert das Geschehen auch aus der Sicht einer weiteren Figur (des Bruders des Erzählers) und verleiht dem Roman dadurch einen vielschichtigen Aufbau; sein Porträt einzelner Charaktere und ihre Reaktion auf die veränderten Gegebenheiten ist überaus gut gelungen und nicht wie oftmals in älteren Werken überzeichnet und unglaubwürdig. Stattdessen benützt Wells häufig Allegorien aus dem alltäglichen Leben, um die Bedeutung der Ereignisse noch zu verstärken.

Hinzu kommt eine überwiegend gekonnte Dramaturgie, die die verschiedenen Stadien der Invasion auch im Tempo- und Szenenwechsel beschreibt, im Verlauf immer längere Kapitel offenbart und länger bei einer einzelnen Umgebung verweilt. Dass die Engländer ansich durchweg in der Defensive geschildert werden und die wenigen Versuche des Aufbäumens in einem Verlust an Material und Leben auf Seiten der Menschen enden, verdeutlichen nur noch die Hoffnungslosigkeit der Situation.
Doch statt, wie man sich denken würde, die Spannung letztendlich aus einem Gegenschlag der Menschen auf die Marsianer zu beziehen, statt aufzuzeigen, dass Widerstand doch nicht zwecklos ist, konzentriert Wells den Schrecken auf immer kleineren Raum, zieht dadurch die klaustrophobische Stimmung immer mehr zusammen und bewegt den Roman in eine andere Richtung, als man es aus heutiger Sicht vielleicht erwarten würde.
Das Finale gibt sich deshalb eher unspektakulär aber wohl nicht unwahrscheinlich, sollte eine solche Invasion wirklich eintreten. Wer aber im Stile von Die Zeitmaschine einen actionreichen Höhepunkt erwartet, wird enttäuscht. Leider auch derjenige Leser, der sich einen etwas melancholischeren Schluss gewünscht hätte, der die Zukunft der Menschheit etwas weniger optimistisch dargestellt hätte.

Wer sich daran macht, Der Krieg der Welten im englischen Original zu lesen, darf sich auf schwere Kost einstellen; das weniger auf Grund der Wortwahl, die bis auf wenige Ausnahmen überwiegend einfach gehalten ist, als auf Grund der Syntax, die in Wells Fall dem damaligen Sprachstil angepasst war und mit langen Sätzen, sowie verschachtelten Beschreibungen, die sich mitunter über Absätze hinweg ausdehnen können. Somit liest sich The War of the Worlds gerade für diejenigen nicht schnell und leicht, die durch Autoren wie Michael Crichton oder auch Dan Brown etwas verwöhnt (oder verdorben) wurden.

Weltweit bekannt wurde H.G. Wells Roman allerdings, als am 30. Oktober 1938 der Radiosender CBS zum Halloween-Fest in den USA eine speziell angepasste Version des Romans als Hörspiel ausstrahlte (verfasst von Orson Welles). Von England nach New Jersey verfrachtet, wurde das Geschehen als insgesamt 50 Minuten lange Clips im Stile von Telegrammmeldungen und ähnlichem während dem normalen Musikprogramm dargebracht und obwohl im Vorfeld angekündigt war, dass es sich nur um ein Hörspiel handele, brach gerade im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges Panik aus; die Menschen flohen (meist, weil sie die Einleitung nicht gehört hatten) aus den Häusern und New York, dachten sie könnten tödliches Gas riechen und würden Blitze der Kämpfe mit den Marsianern am Stadtrand sehen. Manche eilten auch zu den vermeintlichen Einschlagstellen in New Jersey und je später sie ankamen, desto eher sah es wie die im Radio beschriebene Szenerie aus mit Polizeilichtern und Menschenmassen. Zwar blieb die Massenpanik ohne große Nachwirkungen für die Betreiber des Senders und Wells, doch durfte CBS auf richterliche Anweisung auf keinen Fall mehr den Ausdruck "wir unterbrechen das Programm" für dramaturgische Zwecke einsetzen.
Als der Stoff unter dem Titel Kampf der Welten [1953] verfilmt wurde, konnte die Macher aus Kostengründen nicht die dreibeinigen Kampfmaschinen der Marsianer einsetzen, stattdessen kamen Fluggeräte zum Einsatz, die damals sogar den Oscar für die besten Spezialeffekte erhielten – bleibt abzuwarten, wie der im kommenden Jahr startende Krieg der Welten [2005] unter der Regie von Steven Spielberg das Thema adaptieren wird.
Weiterhin sehr bekannt und auch sehr beliebt ist die Musical-Version von H.G. Wells-Roman, 1978 von Jeff Wayne umgesetzt, bietet The War of the Worlds über 100 Minuten an Musik, erzählt dabei die Geschichte des Romans nach und wartet sogar mit einem zweiten Epilog auf, der wirklich sehr gelungen ist und die Geschichte passend modernisiert. Faszinierend sind dabei übrigens auch die Konzept- und Panorama-Zeichnungen, die einzelne Szenen und Momente aus dem Roman exzellent in Bilder fassen.

Legt man am Ende Der Krieg der Welten aus der Hand, ist es kaum zu begreifen, wie ein Autor vor über 100 Jahren bereits auf solch wegweisende Ideen kommen konnte. Sei es nun das überragende Design der dreibeinigen, marsianischen Läufer, der Hitzestrahl oder der Schluss-Twist um die eigentliche Invasion. Dass sich viele Medien von Wells Werken haben beeinflussen lassen ist offensichtlich, kein anderer Autor hat es so gekonnt verstanden, den Leser an die Seite der Hauptfigur mitten in ein faszinierendes, erschreckend und doch gar nicht so utopisches Geschehen zu versetzen. Auch nach so langer Zeit gehört The War of the Worlds zu einem der lesenswertesten, wichtigsten und wertvollsten Werke im Bereich der Science Fiction. Dass H.G. Wells zudem noch der Brückenschlag mit seiner beabsichtigten Gesellschaftskritik gelang, zeugt von der Reife und dem Talent des Autors.


Fazit:
Wie sich die Unterhaltungsindustrie heute eine Invasion von Außerirdischen vorstellt, hat man eindrucksvoll in Independence Day [1996] gesehen, viel interessanter ist jedoch, wie wäre so etwas vor 100 Jahren gewesen? Schon aus dem Grund finde ich es schade, dass Regisseur Steven Spielberg für seine kommende Verfilmung des Stoffes das Geschehen in die heutige Zeit versetzt – gespannt bin ich dennoch.
Doch nicht halb so gespannt wie ich war, als sich das ganze Ausmaß der Invasion in H.G. Wells Roman langsam ausbreitete. Mit seiner stetig dichter werdenden Atmosphäre, die die Spannung hauptsächlich aus der immer auswegloseren Situation der Hauptfigur zieht, den zahlreichen herausragenden Ideen sowohl bei den Marsianern, als auch den Gegenschlagsversuchen der Menschen, zeichnet der Autor ein überzeugendes und vor allem mitreißendes Portrait einer Invasion von feindseligen Außerirdischen.
Zwar hätte ich mir den Schluss etwas weniger optimistisch gewünscht und gern etwas mehr darüber erfahren, wie die Marsianer denn auf der Erde eine Infrastruktur aufbauen wollen, um ihre Invasion zu koordinieren, insgesamt gibt es an Der Krieg der Welten nichts besser zu machen, und das auch nach so langer Zeit nicht. Dabei ist das einzige Manko, das man dem Roman womöglich vorwerfen könnte, dass er zu kurz ist – doch so hält er die Phantasie des Lesers in Schwung, der sich ständig an der Seite der Figuren wähnt, mit ihnen mitfiebert, mitleidet, und jubiliert.
Auch wenn zahlreiche Werke in allen Medien die Thematik seither neu aufgerollt haben, so ausgeklügelt und stimmig, so düster und doch gekonnt wurde sie nie erzählt. Wells gelang ein zeitloser Klassiker, ein Meilenstein des Genres, der das Genre überhaupt erst begründet hat.


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