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Philip Pullman: "Der goldene Kompass" [1995]

Wertung: 4.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 09. Juni 2008
Autor: Philip Pullman

Genre: Fantasy / Science Fiction

Originaltitel: His Dark Materials: Northern Lights
Originalsprache:
Englisch
Gelesen in: Englisch
Ausgabe: Taschenbuch
Länge: 399 Seiten
Erstveröffentlichungsland: Großbritannien
Erstveröffentlichungsjahr: 1995
Erstveröffentlichung in Deutschland: 1996
ISBN-Nr. (gelesene Ausgabe): 978-0-439-99412-5


Kurzinhalt:
Ihr ganzes Leben bereits hat Lyra Belacqua am Jordan College in Oxford verbracht – zumindest kann sich die zwölfjährige an nichts anderes erinnern. Ihr Onkel Asriel, der sie selten besuchen kommt, arbeitet ganz im Norden an Projekte, die selbst seine gelehrten Kollegen das fürchten lehren. Als Lyra eine Präsentation beobachtet, die Lord Asriel ausgewählten Professoren des Jordan College vorstellt, hört sie zum ersten Mal von den Wundern oben in der Arktis. Von der Aurora Borealis und von Staub.
Was dies bedeutet, weiß sie noch nicht. Doch als wenig später auch am Jordan College Kinder verschwinden – wie überall im Land – glaubt Lyra zusammen mit ihrem Dæmon Pantalaimon, ein Muster zu erkennen. Kurz bevor sie in die Obhut der bezaubernden Mrs. Coulter übergeben wird, erhält sie einen Alethiometer, einen seltenen, goldenen Kompass, der viel mehr zeigt, als nur die Himmelsrichtungen.
Doch dies ist erst der Anfang von Lyras Abenteuer, das sie ebenfalls weit in den Norden führen wird; dort liegt, so sagen es auch Prophezeiungen der Hexen, das Schicksal eines kleinen Mädchens, ohne das diese Welt dem Untergang geweiht sein wird ...


Kritik:
Immer wieder versuchen sich Autoren im Fantasy-Genre; nach den Welterfolgen von J. R. R. Tolkiens Der Herr der Ringe [1937, 1954-1955], beziehungsweise C. S. Lewis Die Chroniken von Narnia [1950-1956], ist es aber in der Tat schwer, mit neuen Ideen aufzuwarten und auch noch Fuß bei den Lesern fassen zu können, die die neuen Werke immer mit den prägendsten vergleichen werden.
Philip Pullmans erster Roman der His Dark Materials-Trilogie erschien 1995 und konnte innerhalb kurzer Zeit eine große Leserschaft für sich gewinnen. Dabei geht der Autor einen etwas anderen Weg, indem er nicht nur Fantasy-Elemente, sondern auch Science Fiction, Theologie, Physik und andere Genres zu einem vereint. Vor allen Dingen erschafft er in seinem ersten Buch bereits eine Welt, die unserer verteufelt ähnelt – in manchen Bereichen – und doch völlig verschieden ist. Jeder fantasievolle Leser wird sich außerdem in kürzester Zeit für das Konzept der Dæmonen begeistern können. Jene seelenverwandten, tierischen Begleiter eines jeden Menschen, ohne die man nicht überleben kann (und möchte). Aber wo Licht, da bekanntlich auch Schatten, und hier macht Pullman keine Ausnahme.

Inhaltlich verlangt Der goldene Kompass dem Leser einiges an Aufmerksamkeit ab, und dies bereits von der ersten Seite ab. Die Schwierigkeit liegt hierbei weniger im Erzählstil an sich, als an der Tatsache, dass sich Lyras Welt von der unseren nur in vielen Dingen, aber nicht in allen unterscheidet. So kommt es, dass manche Orte gleich heißen, wie hier, manche Technologien auch schon erfunden wurden, in manchen Bereichen aber große Unterschiede bestehen. Dabei versucht der Autor, das Interesse der Leser insofern hoch zu halten, da er nie eindeutig erklärt, auf welchem technologischen Stand die Menschen in jener Parallelwelt sind. Diese Informationen werden beiläufig eingebracht, wie die Benutzung von Zeppelinen und Heißluftballons als fortschrittliches Transportmittel, denen allerdings Erkenntnisse in elementarer Physik an die Seite gestellt werden. Dieser Mix aus Altem und Neuem macht Lyras Welt so interessant wie unvorhersehbar – aber durch die Figuren darin auch unsympathisch.
So ist kaum eine Erwachsenenfigur wirklich sympathisch, es scheint bedeutend mehr Antagonisten als Protagonisten zu geben, und nicht zuletzt der ruppige Umgang mit Kindern setzt einem als Leser schnell zu. Die Aussage Pullmans ist allerdings schnell herausgelesen; ist das Magisterium einmal vorgestellt – eine Institution, die aus dem Papsttum hervorging – und erläutert, wie man dort versucht, alles Wissen anzuhäufen, es der Bevölkerung aber vorzuenthalten, die Kontrolle und Herrschaft vermehren möchte, dabei aber die Freiheiten der Menschen opfert, ist klar, dass der Autor kein Freund der Glaubensgemeinschaften ist. Er propagiert einerseits Mystik und Symbolik, Schicksal und Prophezeiungen, gleichzeitig aber auch die Wissenschaft als Antwortgeber, die in Glaubensfragen jedoch Erklärungen liefert, die der Obrigkeit nicht gefallen mag.
Verpackt sind diese Aussagen in eine grundsätzlich spannende, weil unvorhersehbare Geschichte, die sich aber gerade dann wiederholt, wenn Lyra zum wiederholten Mal gefangen genommen wurde und sich selbst befreien muss. Zudem scheint die Heldin des Romans weniger von einem Abenteuer ins nächste zu stürzen, als von einer Aufgabe zur nächsten. Das alles erinnert etwas an die üblichen "Quests" von Abenteuerspielen, in denen die Hauptfiguren irgendwelche Aufgaben erledigen müssen, ehe sie dann den nächsten Rätselhinweis bekommen.

Die Figuren an sich sind gut gezeichnet und dabei von sich aus bereits in zwei Persönlichkeiten aufgeteilt. Immerhin gehören die Dæmonen untrennbar zur eigentlichen Person, sind gleichzeitig Spiegel und Tröster, Gefährte und Helfer. Sympathisch ist Lyra Belacqua trotz ihrer frechen, vorlauten Art. Mit fiebert mit ihr schnell mit, das vor allem, weil sie weder weiß, auf welches Abenteuer das Schicksal sie sendet, noch dass sie dem Widerstand, der ihr entgegen gebracht wird, gewachsen wäre.
Erwärmen kann man sich dagegen für Lord Asriel nie, auch wenn man ihn nicht auf einer Stufe mit der kühlen, eigennützigen Mrs. Coulter vermuten würde. Selbst der Aëronaut Lee Scoresby, der letztlich nur auf seinen Gewinn aus ist, vermag nicht zu begeistern. Anders wie der Eisbär Iorek Byrnison; mag sein, dass ein so gewaltiges Tier sich als Beschützer für ein kleines Mädchen sich vorzustellen schwierig ist, doch die Art und Weise, wie Philip Pullman diese Beziehung zwischen den beiden Figuren aufbaut, überzeugt.
Insofern ist es schade, dass die an sich sympathischen Gypter recht kurz kommen. In ihnen findet man als Leser endlich Bezugspersonen, zu denen man auch als Erwachsener Vertrauen entwickeln kann.
Bis auf Lyra selbst entwickelt sich aber keine Figur während der 400 Seiten des ersten Romans. Alle übrigen Figuren werden schon zu Beginn als dubios vorgestellt und ihre eigentlichen Absichten lediglich später aufgedeckt. Lyra hingegen lernt, zum ersten Mal Verantwortung für andere zu übernehmen und sich für das Wohl anderer einzusetzen. Dass dies auch Konsequenzen haben kann, muss sie am Ende des Buches selber feststellen. Bleibt abzuwarten, was der Autor mit ihr in den kommenden Büchern vorhat.

Auch wenn bereits recht früh festgehalten wird, wohin Lyras Weg sie führt, wen sie wo befreien muss, ist es der Weg selbst, der den Großteil des Romans ausmacht. Aus den verschiedenen Ablenkungen, den neuen Hindernissen und den Erkenntnissen, die sich aus manchen Situationen ergeben, zieht Der goldene Kompass seine Spannung. Auch die Tatsache, dass man ebenso wie Lyra, die die Welt zum ersten Mal bereist, man als Leser die ungewohnten Bezeichnungen, die Orte und Plätze, die Technologien und Mysterien kennen lernt, zieht einen in seinen Bann.
Es ist eine Welt, die, weil sie nicht völlig unterschiedlich ist, sondern viele Elemente aus unserer besitzt, ebenso fantasievoll, wie glaubhaft geworden ist. Man könnte sich durchaus vorstellen, dass es so eine Welt gibt, in der den Menschen Dæmonen zur Seite gestellt sind, in denen es Hexen und sprechende Bären, aber auch Physik, Schulen, Städte und elektrischen Strom gibt.
Das Finale im Bärenpalast Iofur Raknisons mag dabei nicht so packend sein, wie beispielsweise der Kampf um Bolvangar zuvor, doch es leitet zusammen mit den letzten Seiten gelungen auf einen zweiten Roman über, für den sich all diejenigen interessieren werden, die sich bereits in der fantasievollen Geschichte des ersten verloren haben. Dabei hätten die Actionmomente ruhig weiter ausgearbeitet sein können, statt der langen Vorbereitung, aber der nur kurzen Umsetzung.

Sprachlich gestaltet sich der Roman überraschend anspruchsvoll für diejenigen, die ihn zumindest im englischen Original lesen. Auch wenn die Wortwahl an sich nicht über der eines gewohnten Jugendbuches liegt, stellen die vielen unbekannten Wörter, die der englischen Sprache entlehnt, aber abgewandelt wurden, durchaus eine Herausforderung dar. Viele Bezeichnungen klingen ähnlich, oder erhalten einen ganz neuen Namen, was beim Leser Fantasie erfordert und die Fähigkeit, sich diese neuen Begriffe auch zu merken. Man muss Bezug zu den Dingen in der wirklichen Welt herstellen, um sie manchesmal überhaupt verstehen zu können.
Davon einmal abgesehen ist weder die Syntax, noch der Wortschatz so ausgefallen, dass man sich nicht zurecht finden würde.

Bereits 1995 wurde Der goldene Kompass in Großbritannien mit der "Carnegie Medal" für Kinderbelletristik ausgezeichnet; erst letztes Jahr wurde der Roman von den Vorsitzenden der "Carnegie Medal" als eines der zehn wichtigsten Jugendbücher der letzten 70 Jahre geehrt.
Ob eine solche Heldenverehrung typisch britisch ist, muss jeder für sich entscheiden. Zwar überzeugt Northern Lights, wie der erste Teil der Trilogie im britischen Original genannt wird (in den USA wurde er dann auch unter dem Titel The Golden Compass vertrieben), durch ein sehr detailreiches Universum, und nicht zuletzt die Idee hinter den Dæmonen verblüfft und verzaubert zugleich. Doch die etappenhafte Erzählung, die an sich nicht wirklich sympathischen Figuren und die äußerst kurz beschriebenen Actionmomente, die alle schon früh absehbar sind, trüben ein wenig den Lesespaß.
Unterhaltsam ist es dennoch und für eine jugendliche Leserschaft mit Sicherheit noch minder interessant, als für Erwachsene.


Fazit:
Man stelle sich vor, man hätte immer einen Gefährten, ein Wesen, das mit einem auf wundersame Weise verbunden ist, die Seele eins – gleichzeitig Beschützer und zu beschützender. Durch das Äußerliche, das der Tierwelt entlehnt ist, und die Verwundbarkeit der Dæmonen gelingt Autor Philip Pullman schon nach wenigen Seiten der größte Coup des Buches. Die Idee dahinter ist so brillant und fesselnd, dass man nicht umhin kommt, sich einen solchen Gefährten für unsere Welt zu wünschen.
Die eigentliche Geschichte ist dagegen zwar packend und unvorhersehbar, aber durch die unterkühlten Figuren nicht so mitreißend, wie man sich hätte vorstellen können. Und während Die Chroniken von Narnia ganz offen Elemente der christlichen Glaubenslehre vereint, verteufelt der Autor in Der goldene Kompass die Religion so oft und stellt sie als Urheber allen Leides der Menschen dar, dass sein Bemühen selbst wie ein Kreuzzug anmutet. Dass Pullman ein ausgesprochener Atheist ist, verwundert also nicht.
Dass seine Fantasiewelt so verzaubert liegt schon daran, dass vieles unserer Welt gleicht, und doch ganz unterschiedlich ist. Insofern zog mich das Erkunden jener Welt, zusammen mit der Beziehung zwischen Mensch und Dæmon, eher in seinen Bann, als die Geschichte um Lyra, auch die einzige Figur zu sein scheint, die sich tatsächlich entwickelt. Jene Lobeshymnen kann ich bislang noch nicht bestätigen, die Northern Lights zuteil wurden. Doch vielleicht ändert sich dies mit den kommenden Romanen noch. Und zum weiterlesen animiert der erste Teil der His Dark Materials-Trilogie allemal.


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