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Stewart O'Nan: "Das Glück der anderen" [1999]

Wertung: 6 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 13. Januar 2010
Autor: Stewart O'Nan

Genre: Drama

Originaltitel: A Prayer for the Dying
Originalsprache:
Englisch
Gelesen in: Deutsch
Ausgabe: Gebundene Ausgabe
Länge: 221 Seiten
Erstveröffentlichungsland: USA
Erstveröffentlichungsjahr: 1999
Erstveröffentlichung in Deutschland: 2000
ISBN-Nr. (gelesene Ausgabe): 3-498-05028-1


Kurzinhalt:
Nach den grausamen Bürgerkriegsjahren genießt Jacob Hansen das Leben in der Kleinstadt Friendship. Seine Frau Marta ist nach der Geburt der kleinen Amelia beinahe wieder bei Kräften. Es ist Hochsommer und während die vor Hitze flimmernden Felder bestellt werden, geht Hansen, der gleichzeitig Gesetzeshüter, Pfarrer und Leichenbestatter ist, seinem Alltag nach. Außerhalb der Stadtgrenzen werden Stimmen laut, ein Feuer würde sich den Weg in die Richtung der Kleinstadt bahnen. Doch dann wird Hansen durch einen schrecklichen Fund aus seiner Monotonie gerissen.
Ein Durchreisender liegt tot auf dessen Lagerfeuer. Für den Arzt in Friendship steht fest, es ist Diphtherie, die sich je nach Bevölkerungsdichte schnell verbreitet und oftmals tödlich verläuft. Wenig später sind auch die ersten Erkrankungen zu beobachten und schon bald muss Hansen hilflos mit ansehen wie die Bevölkerung schwindet. Ob eine Quarantäne zu diesem Zeitpunkt nicht schon zu spät ist? Und wohin mit den Kranken und den anderen, wenn das Feuer kommt? Es ist der Beginn eines lebendig gewordenen Alptraums ...


Kritik:
Wie viel kann ein einzelner Mensch ertragen, ehe er seinen Glauben verliert? Oder seinen Verstand?
Jacob Hansen hat die Gräueltaten des amerikanischen Bürgerkrieges überstanden, bei denen nicht nur die Reittiere den hungrigen Soldaten zum Opfer fielen. Er gab damals Gott, an welchen er glaubt, das Versprechen, er werde ihm dienen. Nach Kriegsende ist er in der Kleinstadt Friendship ist der junge Familienvater nicht nur Sheriff, sondern auch der Pastor und für viele weitere Tätigkeiten zuständig. Eines Tages treten unerwartete Krankheitsfälle auf. Die Diagnose des Arztes ist erschütternd: Diphtherie. Die (damals) nicht heilbare Krankheit rafft für gewöhnlich die Hälfte der Einwohner dahin. Gleichzeitig wird Friendship von einem riesigen Feuer bedroht, das ganze Landstriche verwüstet. Für Jacob ist dies die zweite Hölle auf Erden, diesmal umso mehr, weil seine Frau Marta und Tochter Amelia sich ebenfalls in Gefahr befinden. Daran, dass immer mehr Bewohner erkranken, kann er verzweifeln. Daran, dass er selbst nicht krank wird, wird er zerbrechen.

Der amerikanische Autor Stewart O'Nan konfrontiert den Leser bei Das Glück der anderen mit einer Reihe sehr unangenehmer Fragen. Das schon aus dem Grund, da der Roman nicht wie gewöhnlich in der ersten oder der dritten Person erzählt wird, sondern in der zweiten. Mit dem "Du" involviert O'Nan den Leser auf eine ganz andere Art und Weise wie man erwarten würde. Wenn es heißt "Du gehst", "Dir gefällt" oder "Du zweifelst", dann wird man angehalten, sich über die derzeitige Handlung im Roman Gedanken zu machen, es scheint beinahe, als würde der Autor einen intimen Blick in die Gedankenwelt des Lesers werfen und lediglich festhalten, was er dort sieht. Das Ganze wirkt umso persönlicher, da Jacob Hansen nach Ausbruch der Krankheit in Friendship eine Reihe falscher Entscheidungen trifft, die zwar allesamt in ehrbarer Absicht getroffen sein mögen, die aber letztlich unausweichlich zu einer Katastrophe führen, deren Ausmaß unvorstellbar bleibt. Das macht Jacob gleichzeitig zu einer sehr tragischen Figur und wer hofft, der Roman würde mit einer positiven Note enden, der wird seine Hoffnungen nicht erfüllt sehen. Das Glück der anderen zählt zu den direktesten und deprimierendsten Werken, die man sich als Leser vornehmen kann. Gleichzeitig ist es eine Errungenschaft des Autors, was hier in Worte gefasst wird und anspruchsvolle Leser werden es schwer finden, das Buch wieder aus der Hand zu legen.
Vom ersten Moment an, da O'Nan Friendship und die trockene, heiße Jahreszeit im vorindustriellen Amerika vorstellt, wird man von den bildhaften Beschreibungen gefangen genommen. Man bekommt die drückende Hitze, in der selbst Töne schwerfällig zu werden scheinen, zu spüren. Ebenso die flirrende Atmosphäre, wenn Jacob gen Horizont blickt. Wenn die hoch ansteckende Krankheit die Gesellschaft dezimiert, Jacob als Leichenbestatter an seine Grenzen und darüber hinaus gebracht wird und die Tragödie auch Menschen erfasst, die Jacob (und damit dem Leser) am nächsten stehen, ist beinahe vergessen, welches Unheil mit dem verheerenden Feuer erst noch bevorsteht. Stewart O'Nan erzählt die Geschichte eines Mannes, der nicht mit seinem Schicksal hadert, sondern vielmehr all dies auf sich nimmt, was ihm aufgebürdet wird. Seine Persönlichkeit droht daran zu zerbrechen, ebenso wie seine Menschlichkeit und sein Verstand. Nur stellt sich dann die Frage, ob der Glaube, der ihn vor seinem Zusammenbruch bewahrt, etwas Erstrebenswertes ist, oder ob man sich wünschen würde, Jacob würde ebenfalls erlöst. Er ist eine schwierige Figur, deren Vergangenheit ebenso schwer wiegt wie seine Entscheidungen in der Gegenwart. Die Selbstzweifel, die an ihm nagen erinnern den Leser mitunter daran, wie man selbst die eignen Entscheidungen hinterfragt. Gleichzeitig muss man sich aber auch vor Augen halten, ob man an seiner Stelle so gehandelt hätte – und wie man nun mit den Konsequenzen umgehen würde.

Aufwühlend und im letzten Drittel durchaus verstörend, wartet Das Glück der anderen mit einem letzten Akt auf, der einen als Leser beinahe ebenso körperlich und emotional mitnimmt, wie den Hauptcharakter. Bei der Auflösung scheint der Autor jenes emotionale Band schließlich wieder zu zerreißen, so dass Jacob Hansen, seine Taten, sein Erlebtes und seine Zukunft einem wie ein Echo erhalten bleiben. Das ist nicht einfach zu lesen und es darf vielfältig darüber spekuliert werden, welche Aussagen Stewart O'Nan zum Thema Glauben treffen möchte. Doch bleibt der ungewöhnliche Roman gerade deshalb haften und überzeugt auf eine ganz unerwartete Art und Weise.


Fazit:
Bislang ist Das Glück der anderen der einzige Roman, den ich von Autor Stewart O'Nan gelesen habe und das, obwohl ich ihn schon zum zweiten Mal las. Es ist ein Werk, das mich erneut mit einer emotionalen Wucht traf, die einen gleichzeitig in die Geschichte zieht und einen doch von Hauptfigur Jacob entfremdet. Sein Martyrium mitzuerleben erfordert ebenso viel Kraft, wie seine Entscheidungen durch den Erzähler in der zweiten Person notgedrungen mitzutragen. Sprachlich ist dem Autor damit ein meisterhaft formuliertes Kunststück gelungen, das auch beim mehrmaligen Lesen fesselt. Die Landschaftsbeschreibungen, die Vorgehensweisen und die Figuren selbst wirken authentisch und lebendig. Ihr Schicksal dadurch jedoch nur noch tragischer.
Mit der höllengleichen Feuersbrunst im letzten Drittel des Romans wird der Leser über die Seiten gehetzt und erkennt schließlich das ganze Ausmaß der Katastrophe, die in Friendship Einzug gehalten hat. Dem macht- und hilflos beizuwohnen ist zermürbend und auch die Aussagen, die O'Nan hier trifft zu deuten, gestaltet sich schwierig. Aber gerade deshalb fühlt man sich den Personen, wenn auch nicht auf eine angenehme Art und Weise verbunden. Bewegend.


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