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Kim Stanley Robinson: "Blauer Mars" [1996]

Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 30. Januar 2009
Autor: Kim Stanley Robinson

Genre: Science Fiction

Originaltitel: Blue Mars
Originalsprache:
Englisch
Gelesen in: Englisch
Ausgabe: Taschenbuch
Länge: 761 Seiten
Erstveröffentlichungsland: USA
Erstveröffentlichungsjahr: 1996
Erstveröffentlichung in Deutschland: 1999
ISBN-Nr. (gelesene Ausgabe): 0-553-57335-7


Kurzinhalt:
Es war eine dramatische Situation, die den Menschen auf der Erde klar machte, wie zerbrechlich ihre Welt doch ist – und wie überbevölkert. Dass sich ein ähnliches Ereignis auf dem Mars im Kleinen widerspiegelte, schweißt die Planeten aber nicht zusammen, im Gegenteil. Unter Nadia und Art entsteht so zur rechten Zeit eine Verfassung des Mars, mit deren Hilfe eine Regierung gewählt wird, die sich als geschlossene Front der überfrachteten Erde präsentiert.
Doch der ausgehandelte Vertrag mit dem Mutterplaneten ist zerbrechlich, das Gleichgewicht der Roten und Grünen Fraktionen auf dem Mars ebenso, und während Sax, Maya, Michel und Ann mit ansehen müssen, wie der Mars durch das Terraforming immer weniger dem ähnelt, was sie bei ihrer Landung vor so langer Zeit vorfanden, machen sich auch die Nebenwirkungen des unnatürlich langen Lebens der Menschen durch die lebensverlängernde Behandlung bemerkbar.
Während Nirgal mit einer Delegation zur Erde reist, reißt Jackie auf dem Mars die Macht der Parteien an sich, um den Mars stärker von der Erde losreißen zu können. Doch das ist ein Unterfangen, das nur mehr Gewalt zwischen den Planeten heraufbeschwört. Es liegt an den Überlebenden der ersten 100 Kolonisten, dem Mars zu jener Zukunft zu verhelfen, die sie vor so vielen Jahren im Sinn hatten, und von dessen Ziel sie so stark abgekommen sind ...


Kritik:
Das Einzige, was die Menschen davon abhält, zum Mars zu fliegen, ist die Scheu vor den finanziellen Kosten. Doch dabei birgt der rote Planet ein solches Potential. Er würde den Menschen laut Kim Stanley Robinson einen Neustart ermöglichen, um dieses Mal alles richtig zu machen. Die Lehren zu ziehen aus allen Regierungsformen und Verfassungen, das Beste zu destillieren und jene Fehler nicht mehr zu begehen, die die Menschheit seit Jahrhunderten daran hindert, über ihre Möglichkeiten hinauszuwachsen.
Wie es aussehen könnte, wenn eine solche Kolonisierung des Mars begonnen wird, beschreibt Robinson in Roter Mars [1993]. Welche Möglichkeiten sich aus der theoretischen Durchführbarkeit einer Anpassung der Lebensbedingungen des erdnahen Planeten ergeben würden, und wie diese realisiert werden könnten, führt er in Grüner Mars [1994] aus. Doch dass es damit allein nicht getan ist, dass es ein ständiges Ringen zwischen der alten und der neuen Welt sein würde, und dass die eine ohne die andere nicht überleben könnte, diese Vision erforscht er im Abschluss seiner preisgekrönten Trilogie, Blauer Mars.

Inhaltlich knüpft er dabei nahtlos an seinen Vorgänger an, verlässt nach langer Zeit auch einmal wieder die Marsoberfläche und kehrt mit der Geschichte nicht nur auf die Erde zurück, sondern besucht auch andere Kolonien der Menschen im Sonnensystem, die ausgehend vom marsianischen Modell ebenfalls versuchen, eine zukünftige Gesellschaftsform aufzubauen, die gerecht und unvoreingenommen sein könnte. Der Autor verlagert den Schwerpunkt auf die sozialen Strukturen, deren Vor- und Nachteile aus den verschiedenen Perspektiven der unterschiedlichsten Protagonisten erörtert werden. Zwischen so vielen Standpunkten Kompromisse zu finden ist in der Tat sehr schwer und offenbart, welchen Schwierigkeiten sich ein solcher Schmelztiegel gegenübersieht, bei dem die unterschiedlichsten Kulturen und die extremsten Ansichten aufeinanderprallen. Am offensichtlichsten wird dies bei der Konfrontation der Roten und der Grünen Aktivisten, die einerseits den Mars in seiner ursprünglichen Form beibehalten wollen (ein Unterfangen, das ab dem Moment zum Scheitern verurteilt war, da der Mars als Kolonisierungsplanet auserkoren war), beziehungsweise den Mars so sehr wie möglich zu einer lebensfähigen Atmosphäre verhelfen wollen.
Dass es Kim Stanley Robinson dabei gelingt, Sympathien für beide Ansichten beim Leser zu wecken ist erstaunlich und verdeutlicht nur, wie fundiert und nachvollziehbar er die Argumente der einzelnen Gruppen vorbringt. Spätestens, wenn die fortgeschrittenen Erfolge des Terraforming flüssiges Wasser auf der Marsoberfläche ermöglichen – daher auch der Romantitel –, oder gar Tiere in der urtümlichen Landschaft gesichtet werden, muss man als Leser mit trauriger Gewissheit erkennen, dass der Rote Planet nicht mehr existiert. Und dass der Mensch alles, was er berührt, in gewissem Sinne auch zerstört.
Blue Mars beinhaltet so viele Elemente, die nicht nur den Werdegang der Menschheit auf der Erde betreffen, sondern auch die sozialen Strukturen der Menschen auf dem Mars und wie sich diese in den Generationen nach den ersten Kolonisten verändern, dass es schwierig ist, alles unter einen Hut zu bekommen. Von den Auswirkungen des durch die gerontologische Behandlung stark verlängerten Lebens der Protagonisten ganz zu schweigen, die immer wieder zum Kern der Thematik heranreifen.

Die einzelnen Teilabschnitte des Romans werden einmal mehr aus der Sicht der verschiedenen Figuren geschildert, deren Entwicklung zu neuen Ansichten und Meinungen Kim Stanley Robinson auch geschickt verpackt. Schleichend verwebt er Änderungen im Verhalten und der Gesinnung bei Schlüsselfiguren wie Maya Toitovna oder Ann Clayborne. Auch wie sich Michel Duval wandelt, ist so überraschend wie deprimierend. Es gelingt dem Autor innerhalb der knapp 800 Seiten, die Figuren auf eine Art und Weise weiterzuentwickeln, dass man sich in der Tat als ein Begleiter ihres Lebens fühlt. Schon deswegen leidet man mit, wenn Jackie Boone einen schweren Verlust erleidet, oder wenn sich Nirgal für ein Leben entscheidet, das so gänzlich anders ist wie die Zukunft, die man dem charismatischen Mann zugeschrieben hätte.
Und eben weil man viele Figuren seit der ersten Minute an kennt, weil man ihre Entwicklung in den letzten beiden Romanen verfolgt hatte und miterlebte, wie unscheinbare Charaktere wie Nadia oder Art zu Schlüsselfiguren bei der Bildung einer neuen Gesellschaftsform heranreiften, trifft es einen umso mehr, wenn auf Grund der unnatürlichen Lebensspanne manche Persönlichkeiten ihren Glanz oder gar all das verlieren, was sie ausmacht. Es scheint eine gestohlene Zeit, die die ersten Hundert Kolonisten und ihre Nachfahren leben, eine Zeit, deren Preis sie damit bezahlen, dass sie sich irgendwann an das eigene Leben nicht mehr erinnern können. Und wie die ruhigste und damit vielleicht am ehesten dem Leser entsprechende Figur des Sax Russell einmal feststellt: Was ist das Leben ohne Erinnerung?

So detailliert und packend die Charakterbeschreibungen, so abstrakt scheinen mitunter die Schilderungen der Umgebung und der Gedankengänge mancher Figuren. Auch Blauer Mars gestaltet sich damit wieder schwer zu lesen und bietet keinen leichten Zugang für Gelegenheitsleser. Die detaillierten und dennoch grob umrissenen Landschaftsbeschreibungen erfordern nicht nur einen hohen Grad an Phantasie, sondern auch eine gute Fachwörterkenntnis. Selbstverständlich erschließt sich der Roman damit besonders jenen Lesern, die sich auch die Zeit nehmen, jenes grenzenlose Unterfangen der Menschheit zu erkunden und verblüfft mit Hintergrundinformationen und Beschreibungen, die man in einer solchen Genauigkeit nicht erwartet. Doch die verschachtelten Sätze, die abschnittsweise Aufzählungen darstellen und einen richtigen Lesefluss verhindern, machen einem den Zugang nicht leicht.

Dass man auch diesen Roman hätte straffen können, steht völlig außer Frage. Autor Robinson verlagert die Gewichtung von der Zukunft des Roten Planeten weg und hin zur Zukunft der Menschheit als Spezies. So bildet auch ein solcher Schlüsselmoment das Finale des Romans, das deswegen aber nicht weniger packend geraten ist. Schon allein auf Grund der Länge, des Umfangs und des Detailgrads definiert sich der Roman als episches Werk, doch nicht nur deshalb allein. Er stellt wie alle wichtigen Science Fiction-Beiträge Fragen, die zwar in jenem Rahmen dargebracht werden, sich aber auch außerhalb dessen als existenziell wichtig erweisen.
Symptomatisch dafür ist beispielsweise, dass Vieles von dem, was auf dem Mars Bestand haben wird, erst von Generationen umgesetzt werden muss, die die Erde weder als Feind, noch als Heimat ansehen, sondern vielmehr als Mahnmal, wie man es nicht machen sollte. Ihre Vorhaben werden allerdings zuerst von den übrigen der ersten Hundert Kolonisten auf den Weg gebracht. Diese kamen Jahrhunderte zuvor auf den Mars, um einen Neubeginn zu wagen. Und wenn so etwas, wie Robinson es anführt, auf einem anderen Planeten möglich sein soll, weshalb dann nicht auch hier?
Wie es aussehen könnte, und welche Möglichkeiten sich darin offenbaren würden, dafür steht die Mars-Trilogie. Und wer sich darauf einlässt, wird mit Sicherheit die ein oder andere Anregung mitnehmen, zu deren Umsetzung ein Menschenleben eigentlich ausreichen sollte. Selbst ein normal langes.


Fazit:
Die letztendliche Erkenntnis von Blauer Mars, so viel sei verraten, ist überaus einfach zu verstehen. Nämlich dass es mitunter ein ganzes Leben dauert, ehe man erkennt, was man schon so lange direkt vor Augen hatte. So finden die Menschen auf dem Mars, zumindest diejenigen, die ursprünglich von der Erde kamen, dort letztlich sich selbst. Das ist im ersten Moment nicht viel, aber doch alles, was sie ursprünglich mit sich gebracht haben. Wie Autor Kim Stanley Robinson seine Geschichte im Abschluss der Trilogie weiterführt, erinnert weniger an einen Entdeckungs- oder Abenteuerroman, als an eine in eine weite Zukunft fort gesponnene Studie der Entwicklung der sozialen Gesellschaftsformen. Sei es nun der Mars selbst oder die verschiedenen anderen Kolonien der Menschen im Sonnensystem, sie alle dienen nur dem Zweck, dass die Menschen eine Möglichkeit finden, ein erfüllendes und gerechtes Miteinander zu schaffen. Ohne den Ballast der Erde. Kein Wunder also, dass dies erst gelingt, wenn eine Generation an die Macht kommt, die die Erde nicht mehr als Heimat ansieht.
Robinson zeichnet das Schicksal der Menschheit als von ihnen selbst bestimmt, solange – und dies ist vielleicht der interessanteste Beitrag – diejenige Generation, die die Vorbereitungen für ein Goldenes Zeitalter trifft, auch bereit ist zu akzeptieren, dass es erst beginnen kann, wenn sie nicht mehr da sind. Insofern haftet dem epischen Roman so etwas wie eine hoffnungsvolle Melancholie an, die man mitunter bei Menschen gehobenen Alters erkennen kann. Blue Mars steht dabei den Vorgängern in nichts nach, übertrifft sie allerdings auch nicht. Der Roman überschreitet stellenweise eine metaphysische Grenze, die ihn nur schwer zugänglich macht, und die mitunter nicht wirklich notwendig ist. Und doch ergibt sich nur so das Gesamtbild einer Trilogie, die tiefgründiger kaum sein könnte, und die doch gleichzeitig mit so vielen Erkenntnissen gespickt ist, dass man meinen könnte, der Autor habe es so erlebt, um es so lebhaft und facettenreich wiedergeben zu können.
Für mich ist die Mars-Trilogie damit ein wichtiger Meilenstein im Science Fiction-Genre. Und mehr noch, ein Wegweiser dafür, wie sich die menschliche Gesellschaft weiterentwickeln könnte, wenn sie nicht an ihren eigenen Errungenschaften zugrunde geht. Ob die gerontologische Behandlung dafür notwendig ist, bietet zumindest Stoff für Gedankenspiele. Immerhin ist sie wie von Kim Stanley Robinson beschrieben ebenso Fluch wie Segen. Wie ein Zwillingspaar, das unweigerlich zusammen gehört. Wie die Erde – und der Mars.


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