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Blog

Der Blog stellt eine Art Internettagebuch dar, in dem die Mitglieder der Redaktion ihre Gedanken mit den Lesern teilen. Er bietet Einblicke in den Alltag und in die Themen, die die jeweiligen Autoren am meisten beschäftigen.
Für den Inhalt sind die jeweiligen Autoren verantwortlich. Auch spiegelt die Meinung eines einzelnen Autors nicht die Meinung der gesamten Redaktion wider.


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Zwischen den Zeilen beginnt die Jagd
Treffpunkt: Kritik Sei es über die Sponsorenvideos vor Ereignissen im Fernsehen, die Markennamen auf Trikots oder die Bandenwerbung auf Bus- und Straßenbahn, wir werden jederzeit manipuliert und gelenkt. Dies geschieht mitunter so subtil, dass es uns nicht auffällt, wie wenn in der Alkoholwerbung im Fernsehen die Fantasie einer feurigen Liebesbeziehung suggeriert wird, oder weniger unterschwellig, wenn der Star eines neuen Kinofilms so lange auf das Handydisplay sieht, bis auch der letzte im Saal den Markennamen entziffern konnte. Die großen Tageszeitungen und Boulevardblätter beteiligen sich ebenfalls an diesem Spiel, bei dem die Gehetzten die Konsumenten sind, der Einsatz die Gedankenfreiheit und der Gewinn die Macht. Wer dabei zwischen den Zeilen liest kann mitunter die Absurdität derselben erkennen und vielleicht gelegentlich aus einem Strudel ausbrechen, von dem die meisten gar nicht wissen, dass er existiert. Dabei sind wir mittendrin.
Die Schlagzeilen werden nicht nur beim Tagesblatt mit den vier Buchstaben meist in Sandwichform verpackt. Will heißen, oftmals wird eine wichtige Nachricht von zwei weniger wichtigen flankiert. Oder aber zwei Meldungen, die sich gegenseitig aufheben werden so aneinander gereiht, dass die unliebsamere zuerst kommt und wenig später dann die öffentlichkeitswirksamere.
Dieses Bild stellt <u>kein</u> registriertes Firmenlogo dar!So geschehen beispielsweise, als vor ein paar Wochen die Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner stolz verkündete, es sei ein Etappensieg, dass Google die gesammelten WLAN-Daten löschen müsse, beziehungsweise Facebook & Co. mehr Datenschutz gewähren wollten. Urplötzlich war davon die Rede, dass die Verbraucher eine gewisse Macht hätten, und Frau Aigner, das selbsternannte Sprachrohr der Verbraucher, einen Sieg über die Lobbyisten witterte. Wenn dabei die CSU von Lobbyisten spricht, weiß man nie so genau, ob dies negativ gemeint ist, oder man nach den kommenden Wahlsponsoren Ausschau hält. Wie dem auch sei, wenig später gestand Frau Aigner ein, sich bei Facebook abmelden zu wollen, wie besser kann sie als Verbraucherschutzministerin den Feind studieren, wie wenn sie ihm den gar nicht mehr in die Augen schaut? Inzwischen ist die Bundesverbraucherschutzministerin aus Facebook ausgetreten, wohnt aber laut ihrer offiziellen Internetseite nicht nur Xing bei, sondern auch meinVZ und Lokalisten, wobei es bei einem der Social Networks Sicherheitslücken gab, die Kundendaten ausspionieren ließen und beim anderen die Beiträge gescannt werden, um personalisierte Werbung anzuzeigen – Frau Aigner versteht es also ausgesprochen gut, ihre Privatsphäre zu schützen. Davon einmal abgesehen, dass sie selbst ohnehin wohl keinen einzigen Eintrag dort vornimmt, sondern von ihren PR-Experten vornehmen lässt. Eine wirkliche Diskussion mit den Internetnutzern, wie sie es gerne verlauten lässt, hat nämlich nie stattgefunden und den Rückhalt, auf den sie sich aus der Internetgemeinde verlässt, mag sie mit einer steifen Brise verwechseln, die ihr entgegenschlägt, weil sie sich ebenso weltfremd wie jeder andere Politiker gegenüber dem WWW verhält.
Wie dem auch sei, der ursprünglichen Meldung, es wäre ein Etappensieg gegen die Großkonzerne errungen worden, folgte eine Schlagzeile, die weitaus weniger Beachtung fand, nämlich dass die hiesigen Innenminister darauf drängen, rasch eine Regelung zu finden, um wieder Zugriff auf Telefonverbindungsdaten zu erhalten. Man erinnere sich, es wurde als Bereicherung für den Schutz der Privatsphäre gewertet, als das Bundesverfassungsgericht die "Vorratsdatenspeicherung" kippte. Nun wird mit Hochdruck daran gearbeitet, das Kind umzutaufen, um es dennoch zuzulassen. Angeblich würde die Strafverfolgung darunter leiden, so die Begründung der Innenminister von Bund und Ländern. Nur wie viele Straftäter denn überhaupt mittels auf dieser Art und Weise beschafften Daten überführt werden konnten, eine Frage, die sich ebenso auf die umstrittene Onlinedurchsuchung anwenden lässt, darüber schweigen sich die Politdamen und –herren aus. Auch Ilse Aigner hat sich über die Datenschutzrechtlichen Auswirkungen einer umgetauften Vorratsdatenspeicherung ausgeschwiegen.

Verstrahlung einmal anders.Da solche Nachrichten beim sensiblen Kern im konsumtauben Volk aber meist unangenehm aufgenommen werden, werden sie mit positiv klingenden, wie Frau Aigners Äußerung, gern übertüncht. Ähnliches ist auch geschehen, als vor kurzem die Ergebnisse der Studie zum Strahlungsrisiko durch Handys veröffentlicht wurden. Während in der Studie so treffende Kernaussagen zu finden sind wie dass die Resultate " wirklich nicht den Schluss [erlauben], dass von der Handy-Nutzung ein Risiko ausgeht", beziehungsweise es wäre "nicht einfach [auszuschließen], dass es keine Auswirkungen gibt" – was im Klartext soviel bedeutet wie man weiß nicht, ob es Auswirkungen gibt oder nicht –, gab selbst die Bundesregierung in einer Stellungnahme zu, dass durch die Versteigerung der Mobilfunkfrequenzen zukünftig "die Strahlenbelastung für die Bevölkerung [...] zunehmen" werde. Gleichzeitig meinte man allerdings, dass der Strahlenanstieg aller Voraussicht nach " nur ein Minimum des gesetzlichen Grenzwertes betragen" werde. Nur wie kann man einen gesetzlichen Grenzwert festlegen, wenn man gar nicht weiß, welche Auswirkungen die Strahlenbelastung überhaupt auf den menschlichen Körper hat?

Im Sinne der Anbieter ist es somit vielleicht, dass viele archivierte Meldungen und Beiträge in Zukunft gar nicht mehr verfügbar sein werden. Der WDR beispielsweise ist bereits dazu übergegangen, sein Internetangebot an Sendungen und Artikeln merklich auszudünnen. Die Bundesländer hatten sich Ende 2008 darauf geeinigt, dass aus dem Internetangebot der Öffentlich Rechtlichen Sendeanstalten TV-Sendungen nach sieben Tagen verschwinden müssten, Sportveranstaltungen sogar schon nach 24 Stunden. Angekaufte Sendungen und Spielfilme dürften gar nicht erscheinen. Wer sich also an eine Dokumentation aus dem letzten Winter erinnert, die seither nie mehr ausgestrahlt wurde, wird sie vermutlich auch nicht mehr online finden. Was dann in der Mediathek der Sendeanstalten überhaupt erhalten bleibt, ist abzuwarten. Das Vorgehen erinnert aber nicht von ungefähr an eine digitale Bücherverbrennung unter dem Deckmantel der Gleichberechtigung der privaten Medienanstalten, deren Bildungsinhalte sich meist auf Promi-Chiuaua-News oder private Schnappschüsse von C-Sternchen beschränken.

Wer dabei wirklich das Zepter in der Hand hält, erkennt man an Meldungen wie dass der Bund gerichtlich an einer Rückzahlungsforderung gegenüber dem Handyhersteller Nokia gescheitert ist. 2004 hatte Nokia noch Fördermittel für das Werk in Bochum in Höhe von 1,3 Millionen Euro erhalten, nur um das Werk 2008 zu schließen. Da allerdings nicht vertraglich festgehalten worden war, dass Nokia eine bestimmte Zeit lang den Standort hätte sichern müssen, wiesen die Richter die Klage auf Rückzahlung ab. Ein weiteres Beispiel für die wahren Machthaber ist ein Kommentar des Deutsche Bank-Chefs Josef Ackermann, der meinte, eine stärkere Regulierung der Banken auf internationaler Ebene, wie sie derzeit geplant ist, um einen weiteren globalen Bankenkollaps zu verhindern, würde Arbeitsplätze und Wachstum kosten – was in anderen Worten so viel bedeutet wie wenn die Regierung eine Regulierung des Finanzsektors beschließt, werden Stellen abgebaut.

Es sind immer wieder kleine, spitze Bemerkungen und Kommentare, die in der Tagespresse nur beiläufig zu finden sind und auch selten auf den ersten Seiten stehen. Doch sind sie es, die unser Leben letztlich am meisten beeinflussen. Manchmal finden sich auch Berichte, die den Nerv der Zeit treffen, beispielsweise wenn ein Journalist von einer Generation spricht, die mit befristeten Arbeitsverträgen zu ständigem Ansporn bis hin zur Selbstaufgabe geknebelt wird. Man findet darin Parallelen zu einer Realität, in der die Menschen mit Terrorwarnungen und Horrormeldungen in ständiger Angst gehalten werden. Immer unter Spannung und kurz, bevor einem die Luft ausgeht – denn wer mit einem Tunnelblick, nur aufs eigene Überleben konzentriert, durch die Welt rennt, der ist leichter zu lenken. Wie soll man bei dem Hintergrundrauschen das Wichtige verstehen?
Umso wichtiger ist, dass wir in einer Zeit von Instant-Status-Updates via Facebook, Twitter und Konsorten, die uns zu einer nicht enden wollenden Aufholjagd mit einer Wirklichkeit verdammen, von der wir öfter nur gern ein Teil wären, als dass wir ein Teil davon sind, die Notbremse ziehen. Es ist Zeit, langsamer zu gehen, um zwischen den Zeilen der überwältigenden Informationsflut tatsächlich diejenigen Elemente herauszufiltern, die überhaupt wichtig sind. Schlimm genug, wenn viel zu oft der Kern einer Aussage im weißen Hintergrundrauschen des übrigen Newsgebrülls untergeht.
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