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Der Blog stellt eine Art Internettagebuch dar, in dem die Mitglieder der Redaktion ihre Gedanken mit den Lesern teilen. Er bietet Einblicke in den Alltag und in die Themen, die die jeweiligen Autoren am meisten beschäftigen.
Für den Inhalt sind die jeweiligen Autoren verantwortlich. Auch spiegelt die Meinung eines einzelnen Autors nicht die Meinung der gesamten Redaktion wider.


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Krone der Schöpfung
Treffpunkt: Kritik Vierundfünfzig Tage sind vergangen, seit eine der größten ökologischen Katastrophen durch Menschenhand ausgelöst wurde. Wie lange die Zerstörung weiter wüten wird, und wie viele Tier- und Pflanzenarten ihr zum Opfer fallen werden, ist noch gar nicht abzusehen. Es scheint auch nicht mehr zu interessieren. Schlagzeilen wie dass Gewinnshow-Moderatoren im kommenden Jahr Politsendungen übernehmen sollen, oder dass die jüngst gestartete Fußballweltmeisterschaft durch die lauten Tröten in einem nicht enden wollenden Hintergrundrauschen erdrückt wird, scheinen wichtiger. Sie füllen die Titelseiten der Tageszeitungen. Was sich im Golf von Mexiko abspielt, seien es die Schicksale von Flora und Fauna oder dies der Menschen, die dort unermüdlich darum kämpfen, noch Schlimmeres zu verhindern, ist entweder in die Randnotizen verschoben worden, oder im Internet zu finden. Wenn man denn danach sucht. Oder die Augen davor nicht verschließt.
Die Schätzungen, wie viel Öl tagtäglich aus der gesunkenen Ölbohrinsel Deepwater Horizon in den Golf von Mexiko fließt, schwanken stark. Es könnten "nur" drei Millionen Liter sein, es könnten auch über sechs sein. Als BP die Genehmigung einholte, um an jener Stelle nach Öl zu bohren, gaben sie als worst-case-Szenario eine Rate von über 25 Millionen Liter pro Tag an. Die Bohrung wurde dennoch genehmigt, Rückfallventile, welche die Katastrophe hätten verhindern oder eindämmen können, wurden nicht angebracht, weil sie nicht gesetzlich vorgeschrieben sind. Einer mittleren Schätzung nach treten derzeit knapp vier bis fünf Millionen Liter pro Tag aus. Nach knapp zwei Monaten seit dem Unglück übersteigt die Menge an verströmtem Öl damit auch bei weitem das Unglück des Exxon Valdez-Tankers 1989 in Alaska. Damals gelangten mindestens 41 Millionen Liter Rohöl ins Meer – genauere Zahlen gibt es nicht, auch wenn Umweltschützer die Zahl als zu niedrig einschätzen.
Die Gelassenheit, mit der bestimmte politische Parteien in den USA mit dem Bohrunglück umgehen, wenn sie behaupten, das Meer würde sich um alles kümmern, ist verständlich, wenn man sich vor Augen führt, welche Katastrophen die Erde durch die Menschen schon erdulden musste. Im Juni 1979 beispielsweise geschah ein ebenso verheerendes Unglück der Bohrinsel Ixtoc I ebenfalls im Golf von Mexiko. In den zehn darauffolgenden Monaten traten insgesamt 480 Millionen Liter Öl und Gas aus, von denen angeblich aber nur ein Drittel tatsächlich ins Meer gelangte – der Rest sei verdampft oder beim Aufstieg verbrannt, hieß es. Erst nach der Tragödie mit der Exxon Valdez wurde in den USA der "Oil Pollution Act" 1990 eingeführt. Darin steht unter anderem dass BP lediglich mit 75 Millionen Dollar Strafe belangt werden kann – was der Konzern außerdem an Wiederaufbauarbeit leisten wird, ist sozusagen eine "freiwillige" Leistung, die mit Sicherheit auch vor den Gerichten erstritten werden wird.
Die Frage bleibt, ob es denn einen Unterschied machen wird.

Highslide JS
Satellitenaufnahme der Golf-Region durch die NASA.


Eine Luftaufnahme verdeutlicht zwar nur in etwa das Ausmaß der Katastrophe, doch kann man angesichts von Meldungen, die hierzulande gerne verschluckt werden die Beteuerungen BPs über deren Twitter-Konto nicht nachvollziehen, wie viel Öl und Gas denn abgepumpt, beziehungsweise verbrannt wurde.

Das Grundproblem hierbei ist, dass die Quelle jeweils nur BP selbst ist.

Alle Daten und Videos, die Experten zur Auswertung vorgelegt bekommen, oder auch der Live-Feed der Unterwasserkameras werden von der Ölfirma selbst bereitgestellt. Auch unabhängige Gutachter und Experten sind auf das Bildmaterial angewiesen, das BP zur Verfügung stellt. Wie aktuell und umfassend dies ist, sei dahingestellt. Gleichzeitig ist der Konzern auch sehr darum bemüht zu kontrollieren, welche Bilder und Nachrichten die Öffentlichkeit erreichen. So wurde es den Aufräumarbeitern untersagt, Bilder von ölbedeckten Tieren zu machen. Auch dürfen die Arbeiter keine Schutzanzüge tragen, wenngleich die Auswirkungen von der Arbeit mit dem Öl nicht erst seit kurzem bekannt sind und die Langzeitfolgen nicht ausbleiben werden. Selbst Fernsehkameras wurden daran gehindert, Aufnahmen der Strände zu machen, wobei sogar Mitarbeiter Küstenwache zugeben, dass dies die Vorschriften von BP seien und nicht der US-Regierung.

CBS News Videos online ansehen (Englisch)

Die Unvernunft, mit der manche Menschen an die Situation herangehen ist dabei wirklich erschreckend. So gibt es immer noch welche, die in den ölverseuchten Gebieten schwimmen gehen. Vielleicht ist dies aber nur der Fall, weil ihnen solche Bilder vorenthalten bleiben:

Highslide JS
Ölbedeckter Pelikan. Aufnahme AP Photo (Charlie Riedel), gefunden bei Boston.com.
Wirklich tragisch am Schicksal der unzähligen betroffenen Tiere am Golf von Mexiko (von denen unter Wasser, deren qualvolles Verenden niemand dokumentiert abgesehen) ist dabei, dass auch die "geretteten" in den meisten Fällen nicht überleben. So machte sich eine deutsche Biologin kürzlich sehr unbeliebt, als sie vorschlug, die aufgefundenen, ölverschmierten Tiere gleich einzuschläfern. An den Langzeitwirkungen der Ölverschmutzung, beziehungsweise dem Stress, dem die Tiere ausgesetzt werden, sterben 99% aller aufgegriffenen Tiere. Wer sich die zermürbenden Aufnahmen ansieht kann sich kaum vorstellen, dass diese nicht in den Nachrichten zu sehen sind, oder so lange alltäglich auf den Titelblättern anklagen, bis die Situation im Golf von Mexiko endlich geändert wird.

So viel denn auch im Hintergrund passieren mag, man wird in gewissem Sinne das Gefühl nicht los, als wäre kein Interesse da, das Bohrloch endgültig zu verschließen. Immerhin pumpt BP nach wie vor Öl aus dem Leck ab und das riesige Vorkommen an jener Stelle würde versiegen, wenn man zu radikaleren Mitteln greift. Viel eher bekommt man das Gefühl, die Verantwortlichen würden das "Feuer kontrolliert abbrennen" lassen wollen.
Der Grund für diese Taktik ist ganz einfach: sie ist erfolgreich.

Wer erinnert sich heute noch daran, wie die Ölfirma Texaco von den 1960er Jahren bis in die frühen 1990er in Ecuador einfiel und nebst einer ruinierten Landschaft eine Umweltverschmutzung hinterließ, deren Auswirkungen die Menschen dort heute noch treffen? Kontrolliert wurden dort Abfallprodukte in das Ökosystem gekippt, die nicht nur Tier, sondern auch Mensch zutiefst beeinflussten. Ein Prozess wegen einer Schadenersatzforderung läuft seit über 15 Jahren – Chevron, die inzwischen Texaco aufgekauft hatten, scheinen das Ende des Prozesses aussitzen zu wollen. Viele der Kläger sind immerhin schon gar nicht mehr am Leben.

Die preisgekrönte Dokumentation Crude [2009], die sich eben mit jenem Skandal beschäftigt, wurde hierzulande nie gezeigt.
Der Grund hierfür ist einfach: was in Südamerika geschieht, muss uns nicht interessieren. Ebenso wie die wichtigste Frage in hiesigen Diskussionsrunden zu sein schien, ob die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko denn den Sommerurlaubern im Mittelmeer gefährlich werden könnte. Angesichts einer solch kurzsichtigen Ignoranz kann man nur enttäuscht die Augen schließen. Das wahre Ausmaß des immer noch sprudelnden Öls unter Wasser wird derzeit ohnehin nicht erfasst. Wichtiger scheint stattdessen, wie sich der Aktienkurs BPs verhält. Manch einer spekuliert auf einen Zusammenbruch des Konzerns, um selbst daraus noch einen Profit zu schlagen.

Eine Ölbohrung könnte auch Auslöser für jene bei uns unbeobachtete Katastrophe sein, die sich seit vier Jahren in Jakarta zuträgt. Dort sprudelt ein heißer Schlammbrei pro Minute bis zu 1000 Badewannen Material aus der Tiefe und ergießt sich über Ost-Java. Felder und Häuser hat der See bereits unter sich begraben, 25.000 Menschen mussten umgesiedelt werden – ob die Ölbohrung tatsächlich Schuld an der natürlichen Katastrophe ist, sei dahingestellt. Es ist ein weiteres Beispiel dafür, dass wir es in einer globalisierten Welt immer noch nicht schaffen, über den Tellerrand hinauszusehen. Selbst von dem unvorstellbaren, fünfzehn Meter breiten und 20 Meter tiefen Erdloch, das sich mitten in Guatemala aufgetan hat, war in der Presse hierzulande nichts zu erfahren. Dass dieses Phänomen außerdem in Kanada und andernorts schon ganze Häuser samt Familien mit sich gerissen hat, scheint auch nicht zu interessieren. Zugegebenermaßen scheint man auch nach knapp einem Jahr schon vergessen zu haben, wie in Nachterstedt eine riesige Fläche in den angrenzenden See abgerutscht ist.

Angesichts der Ausmaße, die von Menschen geschaffene Katastrophen an irreparablen Schäden anrichten, ist es wichtig, dass wir die Augen nicht vor dem verschließen, was früher geschehen ist und was derzeit geschieht. Auch wenn es uns die Tränen in die Augen treibt. Nur durch den Druck der Öffentlichkeit kann vielleicht eine Notwendigkeit für Sicherheitsvorkehrungen geschaffen werden, damit sich solche Tragödien nicht wiederholen.
Die Politik allein, auf die wohlwollenden und berechnenden Spenden der Industrie angewiesen, ist nicht erst seit zwei Monaten machtlos.

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