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Der Blog stellt eine Art Internettagebuch dar, in dem die Mitglieder der Redaktion ihre Gedanken mit den Lesern teilen. Er bietet Einblicke in den Alltag und in die Themen, die die jeweiligen Autoren am meisten beschäftigen.
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Die Realität hat viele Schwestern
Treffpunkt: Kritik Es war ein turbulentes 2010 bislang und das in vielerlei Hinsicht. Seien es Politiker, die über frühere Aussagen gestolpert sind und auf Grund dessen ihren Hut nehmen mussten, oder diejenigen, die zwangsversetzt wurden, um ihren Vorgesetzten nicht gefährlich zu werden. Es gab eine Katastrophe in der Natur, die ihres Gleichen sucht, dabei aber von den Verantwortlichen solange zerredet wird, bis sie letztlich gar nie geschehen ist. Und andere Unglücke, die man nie hatte kommen sehen, die im Nachhinein von so vielen aber prophezeit wurden.
Man muss sich mitunter fragen, in welcher Welt die Verantwortlichen leben, wenn sie sich an die Öffentlichkeit wenden mit Äußerungen, die von der Realität nicht weiter entfernt sein könnten. Beinahe, als sähen sie die Wirklichkeit mit anderen Augen. Oder überhaupt eine andere Wirklichkeit.
Nichtraucher haben sich in Bayern durchgesetzt.Realität ist beispielsweise, dass in Bayern seit dem 01.08.2010 ein striktes Nichtraucherschutzgesetz gilt – hierbei ist schon der Name entscheidet, denn wer behauptet, es handle sich um ein Rauchverbot, hat die Volksabstimmung nicht verstanden. Es geht nicht darum, den Rauchern etwas zu verbieten, sondern lediglich um den Schutz derjenigen, die nicht rauchen. Dass dieser Stichtag des ersten August für Unmut und Unstimmigkeiten sorgen würde, war abzusehen. Dass sich die Wirte aber gegenseitig anzeigten, oder einfach über das Gesetz hinwegsetzen würden, verwundert etwas. Nicht nur hatte die angeblich so starke Raucherlobby genügend Zeit, ihre Anhänger zur Abstimmung zu mobilisieren, auch die möglichen Gesetzesänderungen waren bereits vor dem Volksentscheid klar. Auf die ersten Beschwerden musste man freilich nicht lange Werten und prompt musste sich auch das Bundesverfassungsgericht[1] mit der Thematik beschäftigen. Alle Zweifel sind ausgeräumt, das Nichtraucherschutzgesetz in Bayern ist verfassungsgemäß, weitere Querstellungen sind ausgeschlossen und auch die letzten Nischen, in welche sich die Wirte derzeit pressen, werden dagegen nicht ankommen. Kam manch ein findiger beispielsweise auf die Idee, dass bei jedem Namenstag oder Geburtstag kurzerhand eine geschlossene Gesellschaft ausgerufen werden sollte, äußerte sich ein anderer Betreiber im Interview, dass dies insbesondere bei Taufen und (Kinder-)Geburtstagsfeiern kein Problem sei – hieran sieht man zumindest, wie sich die zukünftigen Kunden erzogen werden sollen.
Dabei verdeutlicht das peinlich Debakel, mit dem sich Deutschland und Bayern insbesondere europaweit lächerlich macht (immerhin haben andere Nationen solche Schutzgesetze schon vor Jahren implementiert, ohne dass dort ein Wirtshaussterben begonnen hätte), doch nur, dass solange dem Rauchen das jetzige Image erhalten bleibt, kein Umdenken in den Köpfen der Menschen einsetzen wird. Würde man die Zigarettenindustrie als jenen Drogenlieferanten hinstellen, die sie per Definition des Suchtmittels Glimmstängel sind, die abhängig machende Wirkung des Produkts ebenso herausstellen wie die gesundheitszerstörende, anstatt auf Plakaten das Rauchen als Inbegriff der hippen Freiheit anzupreisen, dann könnte man irgendwann vielleicht erreichen, dass die Menschen vor dem Kauf der Packung zu ihrem Verstand greifen. Nur scheint dies von den Entscheidungsträgern gar nicht gewünscht.

Genauso hat man das Gefühl, dass das derzeitige Wundermittel für volle Kinokassen – das "3D" im Titel – von Verleih und Studios bewusst kaputt gemacht wird. Nicht nur, dass die 3D-Welle erst am aufrollen ist, die überhöhten Ticketpreise trüben ebenso den Spaß wie die inzwischen schon x-Mal recycleten 3D-Brillen, die so viele Kratzer und matte Stellen besitzen, dass die ohnehin abgedunkelte Sicht noch undeutlicher wird. Immerhin: in fünf bis zehn Jahren sollen die ersten Kinosäle mit 3D-Leinwänden ausgestattet werden, sodass keine Brille mehr vonnöten ist. Als wäre das nicht genug, werden verzweifelt alle möglichen Projekte in 3D präsentiert, auch wenn sie sich dafür entweder nicht eignen, oder gar nicht so produziert wurden. Die minderwertige Qualität der nachträglichen Konvertierung in allen Ehren, muss man sich mitunter doch schlicht fragen, ob sich eine Geschichte überhaupt für 3D eignet.
3D haut derzeit nicht von den Socken.Um aber wirklich auch den letzten Rest aus der augenscheinlich unermüdlichen Melkkuh zu quetschen, kommen nun in Deutschland seit langer Zeit wieder analoge 3D-Kinos zum Einsatz[2]. Im Gegensatz zum digitalen 3D-Kino kommen hier nun wieder herkömmliche Filmrollen zum Einsatz, wobei die Projektion nicht so hell ist wie im digitalen Bereich und das Bild zudem unruhiger läuft. Für den Zuschauer bedeutet dies auf Grund der unterschiedlichen Seheindrücke mit beiden Augen zum einen ein unruhigeres Bild, mögliche Kopfschmerzen und Unwohlsein, sowie ein schlechteres räumliches Seherlebnis. Das sieht man aber weder dem Kino, noch dem Ticketpreis im Vorfeld an. Vorteil für die Betreiber ist hier eine günstigere Umrüstung im Vergleich zur Digitalprojektion bei denselben Mehreinnahmen durch den 3D-Zusatz.
In Kooperation mit der Firma Technicolor wurde das Verfahren in Deutschlang mit Für immer Shrek eingeführt. Ob man dafür als Zuschauer aber bereit ist, den Mehrpreis zu bezahlen? Interessanterweise ist man bei Technicolor nicht gewillt, eine vollständige Liste mit allen Kinos anzugeben. Insgesamt bekommt man ohnehin das Gefühl, als hätte das 3D den anfänglichen Schwung schon wieder verloren. Nicht nur, dass Avatar - Aufbruch nach Pandora auch neun Monate später immer noch der Film mit dem besten Einsatz des Verfahrens war, in den jetzigen Produktionen bekommt man auch in 3D nichts zu sehen, was man nicht zuvor schon irgendwo besser gesehen hätte. Und auch wer Avatar seither im Heimkino erneut gesehen hat, wird sich fragen, wieso man die abgedunkelten Farben damals überhaupt nicht als störend empfand.
Die Euphorie der Industrie bezüglich der 3D-Unterhaltung im Heimvideomarkt begrenzt sich derzeit auch sehr stark auf die Industrie selbst, denn auch wenn die Testmuster in den Fachgeschäften im ersten Moment für Staunen sorgen, die unhandlichen Brillen machen die Anschaffung ebenso überlegenswert wie der schiere Preis und die Frage der zukünftigen Kompatibilität – und ob es in sechs Monaten noch genauso reizt wie zu Beginn. Immerhin: bislang wurden 2010 26.000 Geräte in Deutschland schon verkauft[3].

Auch im 3D-Bereich haben die Verantwortlichen den Blick für langfristige Kundenzufriedenheit wohl verloren oder gar nie besessen. Ähnlich ergeht es derzeit vielen renommierten Firmen, darunter oftmals aus der Elektronikbranche. Allen voran Apple, die nach dem wenig rühmlichen iPhone 4-Start mit technischen Problemen zu kämpfen hatten. Da fand man sogar zeitweise als einzige Ausweichmöglichkeit, mit dem Finger auf andere zu zeigen, bei denen es angeblich auch nicht besser sei[4]. Ist das Problem zumindest vorübergehend umgangen, kommen erste Gerüchte über die nächste iPhone-Generation auf, die bereits im Januar erscheinen soll[5] – wer also gerade erst sein neues Telefon eingeweiht hat, ist schon wieder auf einem alten Hut sitzen geblieben.
Aber auch bei anderen Firmen kommen immer wieder Berichte zutage, laut denen massive Ausfallraten aus Kostengründen hingenommen wurden[6]. Nicht im Sinne des Kunden, sondern der eigenen Wertigkeit.

Was, wenn wir die letzte Generation wären?Als normal denkender Mensch, versucht man doch, mit Weitblick durchs Leben zu gehen, für die Zukunft zu planen und Pläne für eine Zeit zu machen, von der noch gar nicht sicher ist, ob sie überhaupt eintritt, und wenn ja, wie. Ganz oft bekommt man heutzutage das Gefühl, die meisten Menschen denken, sie wären die letzten auf der Welt. Ein sehr interessanter Bericht[7] erörtert diesbezüglich, ob es nicht einfacher wäre, wenn wir die letzte Generation auf Erden wären. Wir wären von allen Zwängen befreit, könnten leben, als gäbe es kein Morgen und müssten uns nicht darum sorgen, was wir unseren Nachkommen einmal für Rechenschaft ablegen werden.
Vielleicht gelingt es ja manchen Menschen, sich dieses Szenario so sehr einzureden, dass sie in einer Welt leben, die neben der "normalen" existiert. Dass sie eine Realität wahrnehmen, die allen anderen verborgen bleibt, weil sie ihrer eigenen Phantasie entsprungen ist. Liest man die Forderungen und Vorstellungen vieler Personen und ganzer Gruppen, stellt man fest, dass diese kaum über das hier und jetzt hinaus denken. Wie kann man von denjenigen erwarten, an das Morgen oder gar das Übermorgen zu denken?



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