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Der Blog stellt eine Art Internettagebuch dar, in dem die Mitglieder der Redaktion ihre Gedanken mit den Lesern teilen. Er bietet Einblicke in den Alltag und in die Themen, die die jeweiligen Autoren am meisten beschäftigen.
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Asche aus Bits und Bytes
Treffpunkt: Kritik Es ist ein leichtes, im PC ein Digitalfoto mit dem man nicht völlig zufrieden ist zu löschen. Gerade, wenn die Aufnahme schon länger zurück liegt. Ein vergilbtes Foto wegzuwerfen, fällt ungemein schwerer, als hätte man allein auf Grund der Greifbarkeit des Bildes eine andere Bindung dazu. Heutzutage gehören digitale Fotos zum Alltag wie die Sonne und der Wind. Junge Menschen können sich gar nicht vorstellen, dass man für die Entwicklung eines Fotofilms früher eine Woche warten musste. Digitalfotos haben den Vorteil, dass sie schnell verfügbar sind, nämlich im nächsten Moment. Dass man sie verändern kann, wenn etwas nicht so getroffen wurde, wie man es sich vorgestellt hat. Und dass sie die Zeit überdauern, ohne auszubleichen.
Nur ist die Zeit wie ein hinterhältiger Advokat, gerissen und unvorhersehbar. Wer weiß, was sie für uns im Petto hat? Dabei waren die Fotos nicht das erste, was ihr zum Opfer fiel.
Ein vergilbtes Foto.Das erste, was verloren ging, war die Schrift. Die ersten schriftlichen Belege über eine Schreibmaschine gehen 200 Jahre zurück, auch wenn das Konzept wohl schon früher erdacht worden war. Wer hätte sich damals träumen lassen, dass die so gedruckte Schrift eines Tages die Handschrift ablösen würde? Heutzutage sind die Menschen die Tastaturen so sehr gewohnt, dass wenn man einmal einen handgeschriebenen Brief verfassen möchte, einem nach zwei Absätzen die Hände schmerzen. Hat man die schulische Ausbildung abgeschlossen, verliert das Schreiben an Bedeutung.
Ein solcher Wandel bestimmt in allen Lebenslagen unsere Zeit. Ursprünglich gedacht, uns das Leben zu erleichtern, wird er uns früher oder später Teile des Lebens rauben. Was auf der Strecke bleibt ist der Anspruch an sich selbst.

Der Schrift folgte das Geld. Von den Beträgen, die jeden Tag gewechselt werden, findet nur noch ein geringer Teil in tatsächlichen Münzen und Scheinen statt. Das meiste Geld wird elektronisch überwiesen, oder direkt über Karten oder Chips abgebucht. Wem könnte man es also übel nehmen, wenn man den Wert des Geldes gar nicht mehr einzuschätzen weiß? Wie kann man der Jugend einen Vorwurf machen, sie wüssten den Wert des Handys nicht zu schätzen, das sie aus Unachtsamkeit regelmäßig auf den Boden fallen lassen. Immerhin hat es nur einen kurzen Scan des Magnetstreifens und vier Zahlen bei der PIN gekostet. Welcher Wert tatsächlich dahinter steht, kann sich doch kaum jemand mehr vorstellen. Möchte jemand eine größere Anschaffung mit Bargeld bezahlen, werden die Verkäufer meist schon skeptisch – wer trägt denn noch so viel Geld mit sicher herum? Darum werden Managern und Politikern 750 Milliarden Dollar auch nicht wehtun, denn das Geld existiert ohnehin nur auf dem Papier. Was wirklich dahinter steckt, welche Leistung, welche Arbeit, um es zu verdienen, kann man sich doch gar nicht vorstellen, wenn man es nie in materieller Form gesehen hat.
Ist Geld nur etwas wert, wenn man es in der Hand hat?Und dennoch scheinen sich die Menschen heute damit abzufinden. Es wird davon gesprochen, dass Geld, das man nicht bei sich trägt auch niemand stehlen kann. Soweit so gut, nur Geld, das lediglich im Monitor existiert, kann ebenso schnell wieder gelöscht werden. Die Generation, die sich beständig gegen die Zahlung mit Karte gewehrt hat, ist – so makaber es auch klingen mag – vom Aussterben bedroht. Die Zukunft hält für uns ein Einkaufen selbst ohne Plastikkarte bereit, denn wenn es nach der Industrie geht, wird der gekaufte Wert automatisch vom in der Haut eingepflanzten Chip abgebucht. Hatte man ganz früher also noch Waren zum Tausch in der Hand, wurden diese irgendwann durch gepresste Münzen und gedruckte Scheine ersetzt. Diese wichen schließlich der Scheckkarte, ehe uns auch diese genommen wird, bis man schließlich gar nichts mehr in der Hand hat.

Einen ähnlichen Wandel kann man immer noch in der Heimelektronik beobachten, wo früher Sammlungen aus den schweren Vinylplatten bestanden. Die LP war damals die Inbegriff der Qualität und auch der MC auf Grund ihrer Langlebigkeit überlegen. Selbst mit diesen Abkürzungen kann die heutige Jungend nichts mehr anfangen. Die CD versprach eine noch bessere Qualität, kristallklaren Klang und den Ansporn für die Interessenten, ihre Heimanlagen aufzurüsten. Dem Käufer wurde ein Qualitätsmerkmal vorgelebt, das er zuvor in dem Maße gar nicht kannte, aber fortan auch nicht mehr missen wollte. Während der Hochzeit der CD unterschied man nach Kennungen wie AAD oder DDD[1], die Aussage lieferten, ob die Disc aus einer analogen oder digitalen Quelle stammte, beziehungsweise analog oder digital abgemischt wurde. Auch wenn der qualitative Nutzen der Kennzeichnung eher zweifelhaft war, macht man doch daran fest, ob die Disc nun besser klingen würde, oder nicht.
Der Abstieg der CD begann, als aufwändige Kopierschutzverfahren verwendet wurden, um eine unrechtmäßige Vervielfältigung einzudämmen. Denn diese Schutzmechanismen belegen Platz auf der Disc, deren Platz meist schon eingeschränkt ist. Als Folge klingen CDs mit Kopierschutz für audiophile Menschen nicht so klar und voluminös – messbar ist jener Unterschied ohnehin, auch wenn sich dies laut Industrie in einem "nicht hörbaren" Bereich abspielen soll. Als wäre jener Rückschritt nicht genug, wurde der CD als bevorzugtes Musikmedium ohnehin bereits ein Verfallsdatum beschert, in Zukunft sollen die Menschen die Musik online kaufen. Wie wenig Musik man dabei selbst noch von LPs oder CDs hört, und wie oft man der Einfachheit halber eine MP3-Datei öffnet, ist in der Tat erschreckend. Auch hier sollen sich in den höheren Bitraten die Qualitätsverluste für die meisten Menschen in nicht hörbaren Rahmen abspielen, aber da sind sie dennoch. Von der ursprünglichen Haltung der meisten Menschen, niemals auf ihre geliebten CDs verzichten zu wollen, ist nicht viel übrig geblieben. Das belegen die Verkaufszahlen von iTunes, Musicload und Co.

In einem ähnlichen Wandel befindet sich die Filmindustrie, die Konzepte erarbeitet, wie man den Konsumenten an sich binden kann, ohne im dafür etwas in die Hand geben zu müssen.
Der Sprung von VHS auf DVD war damals ein gewaltiger, insbesondere für all diejenigen, die versuchten, eine x-Mal ausgeliehene Videokassette aus der Videothek zuhause abzuspielen. DVD war ein Sprung in eine Richtung, in der Blu-ray knapp ein Jahrzehnt später angekommen scheint. Kristallklare Bilder, ein fein aufgelöster Ton und ein nie dagewesenes Filmerlebnis sind möglich – wenn die Studios dies denn wollen. Für einen nicht zu unterschätzenden Mehrpreis pro Film bekommt der Käufer im besten Fall die bestmögliche Heimkinounterhaltung. Über einen Nachfolger der Blu-ray sprechen die Verantwortlichen aber nur ungern, und das weniger, weil es keine Pläne dazu gibt. Statt die Zuschauer mit noch realistischeren Bildern zu verblüffen, oder einem noch lebensechteren Ton, sollen die Interessierten in Zukunft online ihr (begrenztes) Nutzungsrecht für den Film erwerben. Auch wenn die Downloadbereitschaft in der Bevölkerung noch nicht so groß ist, wie die Verantwortlichen es sich wünschen würden, hat die Vergangenheit mit der Musikindustrie doch gezeigt, dass man Käufer hierzu bewegen kann.
Manche Onlineplattformen werben mit Zusätzen wie "HD", die suggerieren, der Film sei qualitativ so hochwertig wie auf einer der Silberscheiben. Mitunter ist er sogar schon in einer Auflösung von 1080p mit Surround-Sound auszuleihen oder zu kaufen, was nochmals unterstreichen soll, wie ebenbürtig der Download (mit demselben Preis wie die Disc-Version) der normalen Kauffassung sein soll. Nur wenn man genauer hinsieht, muss man feststellen, dass Bild und Ton qualitativ schlechter sind, die Bitrate deutlich niedriger. Den Unterschied soll man laut Betreiber aber nicht spüren, ähnlich wie bei der MP3 nicht. Tatsache ist, dass wenn man lange genug das minder-wertige Bild gesehen, den dumpferen Ton gehört hat, man sich früher oder später daran gewöhnt. Insbesondere, wenn man irgendwann keine Vergleichsmöglichkeit mehr mit einer Disc-Version hat. Eine Erde ohne den Beweis menschlichen Schaffens?Die Vorteile hier sind ähnlich wie bei den Musikdownloads auch: nicht nur, dass der Vertreiber sich das Medium einspart, man kann auch entscheiden, wie oft oder wie lange der Käufer das Erworbene nutzen darf. Auch ist es einfacher, die Nutzungsbedingungen zu ändern, wenn der Konsument keine Ware in der Hand, sondern lediglich einen Download auf der Festplatte hat.

Das neue Medium ist in vielen Belangen das Internet, der Datenhighway in das Zuhause der Menschen. Für diejenigen, die das Internet kontrollieren, muss es ein erhebendes Gefühl sein, zu wissen, was alles darüber vertrieben wird. Bücher, Musik, Filme, Bilder, Kunst – es liegt dort eine Sammlung, die von Tag zu Tag mehr das gesamte menschliche Schaffen umfasst. Diese kann bei Bedarf und gegen Bezahlung eingesehen werden.
Nur was ist, wenn irgendwann jemand den Strom abstellt? Was, wenn es jemandem gelingt, ein digitales Feuer zu legen, das unaufhaltsam alles verschlingt? Ein digitales Foto vergilbt nicht – ebenso wenig wie Bits und Bytes brennen können. Von allem, was die Menschen in Jahrtausenden erarbeitet hatten, bliebe im Bruchteil eines Moments nicht einmal mehr Asche übrig.
Es wäre beinahe, als hätten wir nie existiert. Schon deshalb ist es wichtig, nach wie vor ein Medium in der Hand zu halten. Ein Buch, ein Foto, eine DVD oder eine Blu-ray und auch Geld in physischer Form. Nicht nur, weil man den Wert des Erworbenen tatsächlich sieht und fühlt, sondern weil man auch spürt, wenn es einem genommen wird. Eine Lücke im Bücherregal ist nach wie vor auffälliger, wie ein paar Megabytes mehr Platz auf der Festplatte.


[1] Wikipedia.org: SPARS Code

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