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Willkommen in Marwen [2018]

Wertung: 3.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 18. März 2019
Genre: Drama / Komödie / Biografie

Originaltitel: Welcome to Marwen
Laufzeit: 116 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2018
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Robert Zemeckis
Musik: Alan Silvestri
Darsteller: Steve Carell, Leslie Mann, Eiza González, Merritt Wever, Gwendoline Christie, Stefanie von Pfetten, Leslie Zemeckis, Janelle Monáe, Falk Hentschel, Matt O’Leary, Nikolai Witschl, Patrick Roccas, Alexander Lowe


Kurzinhalt:

Zwei wichtige Ereignisse stehen in Mark Hogancamps (Steve Carell) Leben bevor: In Kürze eröffnet eine Ausstellung seiner Fotografien, mit denen er über die Grenzen seines Wohnorts auf sich aufmerksam gemacht hat. Beinahe zeitgleich findet die Urteilsverkündung der fünf Angreifer statt, die dafür verantwortlich sind, dass er diese Fotografien überhaupt erstellt hat. Bei einem brutalen Angriff lebensgefährlich verletzt, hat Mark in Miniatur-Modellen, die fiktive Szenen des Zweiten Weltkriegs nachstellen, einen Weg gefunden, sein Trauma zu verarbeiten. Oder es zumindest zum Ausdruck zu bringen. Denn während die Angestellte des Hobby-Ladens, Roberta (Merritt Wever), sich ebenso um ihn sorgt, wie Marks neue Nachbarin Nicol (Leslie Mann), kann sich Mark nicht nur nicht vorstellen, seinen Angreifern erneut gegenüber zu treten. Je näher der Termin rückt, umso öfter flüchtet er in die imaginäre Welt von Marwen, in der er als Captain Hogie zusammen mit den Frauen von Marwen die Nazis besiegt …


Kritik:
Die Lebensgeschichte von Mark Hogancamp, der von fünf Männern brutal zusammengeschlagen wurde und sich nach dem verletzungsbedingten Verlust seiner Erinnerungen eine fiktive belgische Stadt im Miniaturmaßstab errichtete, um darin neu geschaffene Erinnerungen zu erzählen, ist nicht nur inspirierend und bemerkenswert. Sie ist es wert erzählt zu werden. Selbiges versucht Regisseur Robert Zemeckis in Willkommen in Marwen, doch ihm misslingt der Versuch auf so vielen Ebenen, dass es geradezu ärgerlich ist.

Die Eröffnungssequenz taucht bereits in die Vorstellung von Hauptcharakter Mark Hogancamp ein, verkörpert von Steve Carell. In einer langen, animierten Sequenz ist ein amerikanischer Soldat zu sehen, dessen Jagdflugzeug während des Zweiten Weltkriegs über Belgien abgeschossen wird. Eine Gruppe von Nazisoldaten umstellt und verprügelt ihn, ehe aus dem hohen Gras sechs Frauen aufstehen, die, schwer bewaffnet, die Angreifer über den Haufen schießen und Mark retten.
Nicht zuletzt die Tatsache, dass sich der Soldat Captain Hogie ein paar hochhackige Frauenschuhe anzieht, ehe er angegriffen wird, auch die Art der Präsentation erscheint durchaus witzig. Doch nur so lange, ehe Filmemacher Zemeckis, ohne es auszusprechen, dem Publikum vermittelt, dass diese Welt, in der Puppen fiktive Szenarien aus dem Zweiten Weltkrieg nachstellen, der einzige Weg für Mark sind, ein traumatisches Erlebnis gleichermaßen auszudrücken und zu verarbeiten. Fängt Mark Hogancamp diese Einblicke mit seiner Kamera ein, gewährt er in den Fotografien ein Blick in eine zutiefst verletzte Seele.

Mark wurde Jahre zuvor von fünf Männern vor einer Bar buchstäblich halbtot geprügelt. Sie ließen ihn zum Sterben zurück, doch nach mehr als einer Woche im Koma sowie Wochen im Krankenhaus wurde er mit einer Hirnschädigung entlassen. Wie er seiner neuen Nachbarin Nicol erzählt, kann er sich an sein Leben vor dem Angriff kaum erinnern. Er soll Illustrator für Comics gewesen sein, heute kann er kaum seinen Namen schreiben. Um das schreckliche Erlebnis dennoch zu verarbeiten, hat er sich den fiktiven Ort Marwen erschaffen, im Maßstab 1:6. Er ist bevölkert von Captain Hogie – eine Version seiner selbst – und einer Handvoll Frauen, die ihm auf dem Weg zurück ins Leben beigestanden haben. Immer wieder werden sie von fünf Nazisoldaten angegriffen, die vor allem neue Bewohnerinnen von Marwen, die sich auf Hogie einlassen, töten. Über allem schwebt Deja Thoris, ein weiblicher Geist, die einerseits vorgibt, auf Hogie aufzupassen, aber gleichzeitig nicht zulässt, dass er anderen Frauen zu nahe kommt.

Die Ausgangslage von Willkommen in Marwen klingt zwar durchaus fantasievoll und ist mit ausladenden Szenen, die in der Miniatur-Welt spielen, in der die Puppen zum Leben erweckt sind, eben so dargebracht. Gleichzeitig wirkt der Blick in Marks Vorstellungskraft, diese Welt, die er sich erschaffen hat und in der er Lektionen lernt, die ihm helfen, in der wirklichen Welt zurechtzukommen, als würden die Macher die Bedeutung des Gezeigten allzu dick unterstreichen wollen. Dabei sind die Aufnahmen der Miniatur-Welt immens detailliert und gelungen. Doch das allein sagt nichts darüber aus, wie wichtig die Abschnitte für die Geschichte selbst sind. Tatsächlich verdeutlichen die vielen Tagträume, die Mark in Marwen verbringt und die zumeist in einer wilden Schießerei zwischen den Frauen von Marwen und den Nazis enden, lediglich Erkenntnisse, die man ohnehin bereits gewonnen hat. Sie dehnen die eigentliche Geschichte damit nur in die Länge, statt sie zu erzählen.

Vor allem beschäftigt sich Regisseur Robert Zemeckis, der auch an der Drehbuchvorlage mitschrieb, kaum mit seiner eigentlichen Hauptfigur. Grundlegende Angaben, wann der Angriff tatsächlich stattgefunden hat oder wie viel Zeit seither vergangen ist, lässt er vollkommen außer Acht. Dass Mark diese Form der Therapie für sich gefunden hat, da er sich keine andere leisten konnte, wird ebenfalls nicht erwähnt. Der Film selbst steuert auf die Urteilsverkündung der fünf Angreifer zu. Während Marks Anwalt ihn dazu überreden möchte, dort auszusagen, scheut sich Mark, aus Überzeugung, dem nicht gewachsen zu sein. Was aus den Angreifern wird, verschweigt Willkommen in Marwen ebenso, wie wer Mark Hogancamp vor dem Angriff gewesen ist. Der Blick in ein Fotoalbum soll dem Publikum diese Person zwar nahebringen, aber dieser flüchtige Moment ist nicht nur für Mark kaum greifbar.
Am Ende bleibt das Gefühl, hier eine dramatisierte Version von wahren Ereignissen zu sehen, die ohne Übertreibung bereits dramatisch genug gewesen wären. Das weckt zwar Interesse an der mehrfach preisgekrönten Dokumentation Marwencol [2010], auf der dieser Film hier basiert, macht diesen zwei Stunden langen Schlamassel aber nicht besser.


Fazit:
Es gibt einen Moment, in dem Steve Carell als Mark Hogancamp innerhalb weniger Sekunden vor der Kamera emotional zusammenbricht, der nicht nur hervorragend gespielt ist, sondern erkennen lässt, was für ein inspirierendes Zeugnis Willkommen in Marwen hätte sein können, hätte sich Regisseur Robert Zemeckis nicht um diesen Abschnitt in der Entwicklung seiner zentralen Figur gekümmert, sondern stattdessen gezeigt, wie er sich nach dem verheerenden Angriff den Weg zurück ins Leben kämpft. Zu sehen, wie er in den Modellen und Puppen eine eigene Welt erschafft, einen Zufluchtsort, sein Trauma zu verarbeiten, wäre hoffnungsvoll und lehrreich gewesen. Man hätte Mark auf seinem schweren Weg zurück in so etwas wie Normalität begleiten können, doch da ist er zu Beginn des Films bereits angekommen. So gut die Erzählung hier gemacht ist, sie ist eher auf zahlreiche Miniatur-Schießereien und Anspielungen an Zurück in die Zukunft [1985] aus und flieht wie Mark regelmäßig in die imaginäre Welt. Damit und mit dem Versuch, dies mit allzu plumpen Charaktermomenten im letzten Drittel wettzumachen, wird Willkommen in Marwen weder Steve Carells Darbietung, noch vor allem Mark Hogancamp oder seinem künstlerisch wie therapeutisch inspirierenden Werk gerecht. Schade.
 


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