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WALL·E - Der letzte räumt die Erde auf [2008]

Wertung: 5.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 28. September 2008
Genre: Animation / Science Fiction / Liebesfilm

Originaltitel: WALL·E
Laufzeit: 98 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2008
FSK-Freigabe: ohne Altersbeschränkung

Regie: Andrew Stanton
Musik: Thomas Newman
Originalstimmen: Ben Burtt, Elissa Knight, Jeff Garlin, Fred Willard, MacInTalk, John Ratzenberger, Kathy Najimy, Sigourney Weaver


Kurzinhalt:
Vor Jahrhunderten verließen die Menschen die durch ihr Handeln lebensfeindlich gewordene Erde. Eine ganze Kolonne von Robotern sollte die Verschmutzung beseitigen. Doch nach so langer Zeit ist lediglich WALL·E (Ben Burtt) übrig geblieben, der durch seine lange Zeit allein eine Neugier entwickelt hat, die ihn weit über seine ursprüngliche Programmierung hebt. Eines Tages trifft ein Raumschiff auf der Erde ein. Die Robotersonde EVE (Elissa Knight) soll untersuchen, ob Leben auf der Erde denn inzwischen wieder möglich ist. Der erste Kontakt zwischen WALL·E und EVE verläuft dabei alles andere als reibungslos, auch wenn sich der Aufräumroboter vom ersten Moment an in die weiter entwickelte Sonde verliebt hat.
Als sie wieder abgeholt wird, folgt WALL·E ihr auf ihre Reise zum Mutterschiff Axiom. Dort sieht er sich zum ersten Mal nicht nur mit Menschen konfrontiert, sondern auch mit vielen verschiedenen Robotern. Doch die Ergebnisse, die EVE beim Besuch auf der Erde gesammelt hat, scheinen an Bord des Schiffs von bestimmten Mächten manipuliert worden zu sein. Selbst der Kapitän (Jeff Garlin) sieht sich unerwartet im Fadenkreuz. Es liegt an WALL·E und EVE, ihre Bestimmung zu erfüllen, um sich selbst und den Menschen eine Zukunft zu sichern …


Kritik:
"Waste Allocation Load Lifter-Earth-class" klingt (auch ohne Interpunktion) weit weniger eingängig als WALL·E. Der jüngste Animationsfilm aus der Trickschmiede Pixar besitzt für Fans dabei gleich mehrere Besonderheiten. Nicht nur, dass Regisseur und Autor Andrew Stanton bereits seit mehr als zehn Jahren an der Geschichte gefeilt hat, wie er in Interviews gestand, es ist auch das erste Mal, dass sich die Pixelkünstler nicht einzig und allein auf computergenerierte Bilder verlassen. In manchen Einstellungen wurden richtige Schauspieler gefilmt und in den Film integriert. Während man am Anfang noch einen Monolog durch Werbehologramme hört, geschieht der erste Dialog erst nach circa 20 Minuten und ehe die ersten Menschen miteinander sprechen dürfen, ist der halbe Film bereits vorbei.
Erzähltechnisch ist dies für die Macher dabei eine Herausforderung. Und auch wenn viele Zuschauer WALL·E kurzum als "Lovestory unter Robotern" beschreiben, haben sie doch nur den halben Film verstanden. Denn hinter den beinahe 100 Minuten versteckt sich weitaus mehr, als gerade jüngeren Zuschauer meist klar wird.

Die Geschichte entwickelt sich erst nach und nach, zeigt einerseits den Tagesablauf des letzten Roboters, der zurückgelassen wurde, um die Erde aufzuräumen. Und lässt einen gleichzeitig vermuten, wie einsam sich WALL·E in den riesigen Weiten der verlassenen Welt vorkommen muss. Der Beginn des Films zeugt somit von einer Melancholie, die man an sich nicht erwartet hätte. Durch die gezeigten Werbetafeln ist für die Zuschauer auch schnell zu erkennen, wie es denn zu diesem Zustand auf der Erde kommen konnte. Wer aber denkt, dass Pixar damit das Pensum an Gesellschaftskritik bereits erfüllt hätte, der irrt. Auch hier haben die Macher noch einiges im Petto.
Sobald dann die neueste Robotergeneration mit EVE vorgestellt wird, wandelt sich die Stimmung im Film. Hauptfigur WALL·E scheint endlich etwas gefunden zu haben, wofür es sich lohnt, überlebt zu haben. Und zu sehen, wie sich eine Beziehung zwischen diesen beiden unterschiedlichen Charakteren entwickelt, ist in der Tat überaus amüsant, für Erwachsene Zuschauer aber gleichzeitig mit vielen subtilen Untertönen versehen, die auch viele Beziehungen der Menschen untereinander widerspiegeln.
Erst, als WALL·E die Erde verlässt, ändert sich die Stimmung des Films, weg von den bedrückenden Bildern einer zerstörten, lebensfeindlichen Welt und hin zu dem modernsten Flaggschiff der geflohenen Menschen. Doch was die Macher hier an Kritik unterbringen, ist weit weniger unterschwellig. Dabei aber nicht weniger wichtig. Dem Drehbuch gelingt es gut, die Vorteile der Technik und ihre Gefahren unterzubringen und dabei ebenso viele Anleihen an bekannte Genrefilme zu verstecken wie offener Slapstickhumor. Mit ruhigen Momenten, einer weitaus weniger hektischen Geschichte, als dies in vielen Filmen heutzutage der Fall ist und mit einem offen erkennbaren Schwerpunkt auf den beiden Hauptfiguren und der sich entwickelnden Beziehung untereinander, ist die Vorlage für junge Zuschauer sicher weit weniger verträglich als für Erwachsene, die sich von den vielen Schichten des Skripts gefangen nehmen lassen. Und dass es Autor und Regisseur Andrew Stanton gelungen ist, so vieles in WALL·E unterzubringen, ist ihm hoch anzurechnen.

Angesichts der Tatsache, dass die Protagonisten selbst nicht sprechen können, beschränkt sich vieles der Figuren auf ihre Gestik und Mimik. Aber auch Sound-Designer Ben Burtt, der für die Geräuschkulisse und Hauptfigur WALL·E verantwortlich zeichnet, trägt nachhaltig dazu bei, allein durch Kleinigkeiten die animierten Charaktere zum Leben zu erwecken. Dass er viele Geräusche auf einem Schrottplatz aufnahm, verwundert dabei nicht. Bei WALL·E selbst gelingt ihm dies durch so viele Kleinigkeiten, dass die Bewegungen und Mimik erst durch die Geräusche vollends lebendig erscheinen.
Auch der langjährige Synchronsprecher John Ratzenberger, der an sich in allen Pixar-Filmen vertreten ist, ist wieder mit dabei. Als Stimme des Schiffscomputers konnte zudem im Original Sigourney Weaver, bekannt aus den Alien-Science Fiction-Filmen, gewonnen werden.
Die Rolle des Autopiloten übernimmt im Englischen das von Apple Computers entwickelte Sprachprogramm "MacInTalk", was allerdings nur eine von vielen Andeutungen an den weltweit erfolgreichen Soft- und Hardwarekonzern darstellt. Angefangen von Geräuschen, die im Film vertreten sind, bis hin zu einer prominenten Platzierung eines Video-iPod ist vieles zu sehen.
Erfreulich überraschend ist dabei, wie gut WALL·E den Sprung ins Deutsche geschafft hat. Abgesehen davon, dass einmal wieder gute Synchronsprecher engagiert wurden, denen es auch gelingt, den Figuren Leben einzuhauchen, hat Pixar sich wieder einmal die Mühe gemacht, abgebildete Schriftzüge, Werbeeinblendungen, Plakate, Plaketten, Konsolenbeschreibungen und vieles Mehr ins Deutsche zu übersetzen. Welcher Aufwand hier gerade im Bildhintergrund betrieben wurde, ist nicht nur überraschend, sondern angesichts der Tatsache, dass diese Szenen komplett neu gerendert wurden und sich somit nahtlos in den Film einfügen für deutsche Zuschauer auch sehr lohnenswert. Dass nicht jedes einzelne Plakat im Hintergrund angepasst wurde, sieht man den Machern gerne nach.

Die Einschätzung der technischen Umsetzung gestaltet sich indes etwas schwieriger. Schon die ersten Momente beeindrucken durch einen bisher nie dagewesenen Grad an Realismus. Was die Pixelkünstler in den verlassenen und mit Müll überfrachteten Gegenden von WALL·Es Erde geschaffen haben ist schlichtweg atemberaubend. Zellophan, das sich im Hintergrund im Wind bewegt, Hochhäuser aus Müll und Schrott, die von dem unermüdlichen Roboter in mühevoller Kleinarbeit aufgeschichtet wurden und eine Landschaft, die so viel Ähnlichkeit mit unserer Welt besitzt, dass es beinahe schon erschreckend ist, zeichnen die ersten Minuten aus. Zusammen mit WALL·E selbst, seinem glaubhaften Design und seiner Erscheinung, hat man nicht das Gefühl, diese Bilder wären künstlich entstanden. Es scheint real. Selbst wenn EVE durch diese unwirtlichen Landschaften fliegt, drängt sich nie der Verdacht auf, die Macher hätten die Welten am Computer entstehen lassen. Beleuchtung, Kamerafokus, Schwenks und Unschärfen hätten in der Wirklichkeit nicht besser nachgestellt werden können.
Zumal auch die eingeblendeten Realaufnahmen richtiger Schauspieler diesen Eindruck noch unterstreichen. Doch wenn die Geschichte die Erde verlässt, man schließlich die menschlichen Figuren zu sehen bekommt und man sieht, dass sie, sicherlich beabsichtigt, comicartig überzeichnet sind, verliert sich jener Realismus. Das macht die dahinterstehende Technik nicht schlechter, und Regisseur Stanton hatte sicherlich seine Gründe, die Menschen in Rückblenden durch richtige Darsteller und im Film später dann durch computergenerierte, überspitzte Figuren zu zeigen, doch ergibt sich dadurch ein ungleiches Bild und WALL·E wirkt nicht wie beispielsweise Ratatouille [2007] aus einem Guss. Interessanterweise stören die Einblendungen der alten Aufzeichnungen, die sich WALL·E ansieht – darunter unter anderem das Musical Hello, Dolly! [1969] – nicht so sehr, und es gibt an den Hintergründen, dem Design und der Umsetzung desselben auch im späteren Verlauf des Films nichts zu bemängeln. Lediglich jener Knick in der Handhabung durch die Macher verwundert und verändert gleichzeitig auch, wie man als Zuschauer auf diese Darstellungen reagiert.

Musikalisch erinnert Komponist Thomas Newman ohne Frage mitunter an seine bisherigen Werke, und auch ein paar Klänge aus Findet Nemo [2003] vermag man herauszuhören. Und doch passt sich seine Musik sowohl in den ruhigen, wie auch in den actionreichen Momenten immer gekonnt den Bildern an, verwundert mit außergewöhnlich malerischen, humorvollen und leichtfüßigen Melodien und gleichzeitig minimalistischen Einsätzen melancholisch-introvertierter Themen.
Dadurch, dass in WALL·E weniger gesprochen wird, als in bisherigen Pixar-Filmen, nutzten die Macher auch die Gelegenheit, viele gesungene Lieder unterzubringen, die zwar im Text nicht übersetzt wurden, sich aber inhaltlich insofern in den Kontext einfügen, als dass sie die Gefühlswelt der Figuren zum Ausdruck bringen, wo manche Zuschauer vielleicht Schwierigkeiten haben dürften, es sich anhand der Mimik und Gestik zu erschließen.
Für Fans ist der Soundtrack somit auch dadurch interessant, dass die gesungenen Stücke ebenso enthalten sind, wie eine recht vielfältige Auswahl aus der Filmmusik selbst.

Dass insbesondere erwachsene Zuschauer weitaus mehr Witze und Anleihen in WALL·E finden werden, als das junge Publikum, zeigt wieder, auf welch hohem Niveau sich das Entwicklerteam bei Pixar bewegt. Dass auch weniger versierten Filmkennern spätestens beim Wiener Walzer Stanley Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum [1968] in Erinnerung gerufen wird, ist zweifellos klar. Dass aber auch der Autopilot AUTO im Aussehen und seinen Verhaltensweisen an den 2001-Bordcomputer HAL erinnert, sollte man nicht übersehen. Dass WALL·E beim Verlassen der Erde als letztes noch den ersten, von Menschenhand geschaffenen Satelliten Sputnik I abfängt, ist sicherlich auch kein Zufall.
Durch die vielen verschiedenen Stilrichtungen, die beim Abspann benutzt werden, um die Geschichte des Films weiterzuerzählen und eine letzte, an sich Hoffnung machende Aussage zu treffen, wollen die Macher womöglich verschiedene Kulturen und Generationen ansprechen. Sie ermutigen, sich nicht unterkriegen zu lassen, sondern für die Zukunft der Welt zu kämpfen. Dass sie so viele Aussagen in einer facettenreichen Liebesgeschichte unterbringen, ist ihnen hoch anzurechnen.
Und doch zeigt sich die wahre Magie der Filmemacher meist in viel unauffälligeren Momenten. Wie menschlich und vertraut einem WALL·E erscheint merkt man beispielsweise erst, als ihm im Verlauf des Films eben jene Charaktereigenschaften genommen werden und man ihn zum ersten Mal als das wahrnimmt, was er eigentlich sein sollte: ein programmierter Roboter ohne inneren Antrieb, ohne Neugier und die Persönlichkeit, die sich daraus entwickelte. Dass er jedoch diese Eigenschaften besitzt macht ihn zu viel mehr, macht ihn letztlich auch menschlich. Denn mehr sein zu wollen, als man ist, sich weiterentwickeln zu wollen, das ist es eigentlich, was das Menschsein ausmacht.

Gewidmet ist WALL·E dem 27jährigen Animationskünstler Justin Wright, der dieses Jahr verstarb.


Fazit:
Mit WALL·E wagen sich die Animationskünstler um Regisseur Andrew Stanton gleich in mehrerer Hinsicht auf neues Terrain vor. Erzähltechnisch weitaus minimalistischer angelegt, als beispielsweise Findet Nemo, ist der Science Fiction-Film mit vielen subtilen aber auch mit weniger unterschwelligen Aussagen gespickt, die sich jedoch hauptsächlich an ein erwachseneres Publikum richten. So haftet dem Film trotz vieler Slapstickmomente grundsätzlich eine traurige Stimmung an, die auch am Ende nicht ganz aufgehoben wird.
Technisch perfekt umgesetzt, mit einem Detailreichtum versehen, den man beim ersten Ansehen gar nicht richtig erfassen kann und mit zwei Hauptfiguren veredelt, deren ungewöhnliche Liebesgeschichte universell verständlich ist, entpuppt sich WALL·E als großes Kino für die ganze Familie. Der Zugang ist dabei ein anderer, als bei den letzten Pixar-Filmen, doch das ist kein Kritikpunkt.
Mit einer Leichtigkeit demonstrieren die Macher hier, durch wie viele Feinheiten sie sich von ihren Genrekollegen unterscheiden, die zwar mitunter tolle Animationen präsentieren, denen jedoch kein rechtes Leben einhauchen können. Hier gelingt dies sogar bei scheinbar leblosen Robotern.


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