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Wachgeküsst [1998]

Wertung: 3 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 22. Juli 2002
Genre: Drama / Liebesfilm / Komödie

Originaltitel: Living Out Loud
Laufzeit: 100 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 1997 / 1998
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Richard LaGravenese
Musik: George Fenton
Darsteller: Holly Hunter, Danny DeVito, Queen Latifah, Richard Schiff


Kurzinhalt:
Judiths (Holly Hunter) Leben liegt von einem Tag auf den anderen in Scherben: Ihr Ehemann, ein erfolgreicher Arzt, hat sie nach 16 Ehejahren für eine jüngere Ärztin verlassen, sie selbst ist Krankenschwester und hatte damals ihr Medizinstudium für ihre Ehe abgebrochen. Nun lebt sie allein in dem luxuriösen New Yorker Apartment und sucht nach einem neuen Sinn in ihrem Dasein. Eines Tages trifft sie auf Pat Francato (Danny DeVito), der in ihrem Haus die Aufzüge bedient. Sein Leben sieht nicht viel besser aus, seine Frau hat ihn raus geworfen, seine Tochter ist schwer krank und ihm sitzen auf Grund seiner Spielschulden Geldleiher im Nacken. Zwischen Judith und Pat entwickelt sich eine Freundschaft, die bei jedem falschen Schritt Gefahr laufen könnte zu zerbrechen.


Kritik:
Wenn ein mehrfach nominiertes Drama mit komödiantischen Einlagen erst nach vier Jahren im Fernsehen zu sehen ist, sollte man meinen, dass es sich dabei um ein filmisches Meisterwerk handelt.
Ich kann das von meiner Seite aus leider nicht bestätigen.

Die Geschichte hört sich wirklich interessant an, bietet zu Beginn auch eine vielversprechende Ausgangslage und manche skurril-humorvolle Situationen, allerdings verlagert sich das Gewicht für meinen Geschmack zu sehr auf die falsche Person (nämlich Holly Hunter) und bis auf das allseits bekannte "Eine Frau gegen den Rest der Welt"-Bild hat der Film von ihrer Seite aus nichts zu bieten.

Danny DeVitos Charakter ist ebenfalls sehr interessant angelegt, nur bleiben die guten Ansätze während der schleppenden Erzählweise des Films alle auf der Strecke. Mitunter gibt es in der Hintergrundhandlung sogar regelrechte Sprünge. In der einen Szene ist Pats Tochter im Krankenhaus und schwer krank, zwei Minuten später heißt es, sie sei gestorben, ohne dass man als Zuschauer irgendetwas davon mitbekommen hätte.
Pats Spielschulden, die von den zwielichtigen Gestalten eingetrieben werden sollen, sind von einem Moment auf den anderen vergessen.

Nicht viel besser sieht es auf Judiths Seite aus; ein Nebencharakter, eine ältere Dame, um die sich Judith hin und wieder kümmert, hat zwei Auftritte, ohne dass sie später nochmals erwähnt wird. Ist sie gestorben? Es schien, dass sie Judith immer wieder Ratschläge gegeben hat – was macht sie ohne sie?
Dann trifft sich Judith beim Anwalt mit ihrem Noch-Ehemann und dessen schwangerer neuer Frau und nach ein paar kleinen Gehässigkeiten in der Lobby des Gebäudes ist die Sequenz schon wieder vorbei. Das eigentliche Treffen beim Anwalt hätte sicher genügend Zündstoff besessen, um den Zuschauer zu unterhalten, aber genau das, so scheint es, wollte Richard LaGravenese, der das Drehbuch verfasste und auf dem Regiestuhl Platz nahm, völlig vermeiden.

Mit den Sprüngen versucht der Autor wohl auch darüber hinwegzutäuschen, dass es während den eigentlichen Szenen keine Entwicklung, weder für die Charaktere, noch für die Handlung, gibt. Diese wird sozusagen durch die Handlungssprünge erst herbeigeführt.

Dass man eben diese Geschichten der geschiedenen Ehefrau und des gestrauchelten Vaters schon ein Duzend Mal gesehen hat, wusste Richard LaGravenese offensichtlich. Deshalb versuchte er, der absehbaren Story unvorhersehbare Momente zu verpassen, indem er immer wieder "was-wäre-wenn"-Szenen einstreute. Da entpuppt sich ein einminütiges Gespräch urplötzlich als eine Fantasie der Hauptfigur und so soll der Zuschauer dann immer wieder ermutigt werden, zu überlegen, ob es nun real oder Fiktion ist.

Möglich, dass dies als künstlerisches Stilmittel gedacht ist, um die Situation der Hauptfigur Judith zum Ausdruck zu bringen; ebenso wie die Sprünge als Zeichen für die Schnelllebigkeit und dafür, wie die Zeit verfliegt. Gefallen hat es mir dennoch nicht. Ebenso wenig wie die gesprochenen Gedanken hin und wieder, die wohl das Gefühlsleben der Charaktere deutlich machen sollen.
Dies erinnerte mich viel zu sehr an andere Dramen oder Soap-Opera-Fernsehserien.

Vor allem jedoch, war mir Judiths Charakter an sich nicht wirklich sympathisch, womöglich, weil ich viel zu wenig über ihren Hintergrund erfahren habe; zwar weiß ich, dass sie verheiratet war und geschieden ist, aber was macht sie den ganzen Tag, was sagt ihre Familie, ihre Eltern und Geschwister dazu? Wie nehmen es ihre Arbeitskollegen auf? Bis auf die Tatsache, dass sie sich in einer Situation eine Glückspille gönnt und dann in Visionen sich selbst als junges Mädchen in einer Disco sieht, habe ich nichts über sie erfahren.
Mit Pat ist das ähnlich, wobei er mit seinen Geschäftsideen und seinen Gesprächen mit seinem Bruder Phil (Richard Schiff) mehr Tiefe bekommen hat, als die gebrochene Ehefrau.

Das war meines Erachtens das Grundproblem des Films: wenn ich eine Figur nicht kenne, kann ich keine Beziehung zu ihr aufbauen und wenn ich keinen Bezug zu dieser Figur habe, ist es mir egal, was mit ihr geschieht.
Wer hinter das vordergründig emotional tiefe Drama sieht, wird erkennen, dass es sich bei den Personen um stereotype Pappfiguren aus viel zu bekannten Dramageschichten handelt. Aber vielleicht war das ja genau die Absicht des Regisseurs.

Wirklich ärgerlich ist dies, da der Film zwei herausragende Darsteller bietet, sowohl Holly Hunter, als auch Danny DeVito, die absolut hervorragend spielen und für ihre Darbietungen ansich Auszeichnungen verdient hätten.
Beide verkörpern die Zerbrechlichkeit und Niedergeschlagenheit ihrer Charaktere ebenso glaubhaft wie ihren wiedergewonnenen Lebenswillen und die Stärke, die sie sich gegenseitig geben.
Ohne sie wäre dieses zähe Drama unerträglich gewesen. Über die Drehbuchschwächen können sie allerdings nicht hinwegtäuschen.

Womit ich mich auch nicht anfreunden konnte, waren der Anfang und das Ende von Wachgeküsst. Der Film setzt mitten in einem Gespräch an und wirft den Zuschauer in eine Situation von der er nichts weiß. Vor allem aber endet der Film genau dann, wenn wirklich wichtige Entscheidungen für die Personen anstehen würden und man sich als Zuschauer endlich fragen würde, wie es denn mit ihrem Leben nun weitergehen soll.

Für ein Drama war der Film nicht dramatisch genug, für eine Komödie nicht wirklich witzig – in der Tat musste ich kein einziges Mal richtig lachen, höchstens Schmunzeln – und als Liebesfilm fehlt ihm die zündende Romanze.
So sehr auch der Erzählstil und die erfrischende Komik des Films in der Presse gelobt wurden, ich konnte nicht umhin zu denken, dass diese pseudo-anspruchsvollen Schnittfolgen nur einem Zweck dienten, nämlich über die schwache Story und die hauchdünnen Charakterzeichnungen hinwegzutäuschen; abgesehen davon wird für meinen Geschmack heute viel zu viel als Kult und Kunst angepriesen. Von dem erfrischenden Witz habe ich nichts mitbekommen, es sei denn man zählt alltägliche Vulgärausdrücke dazu, vielleicht geschieht das in Hollywood ja nicht so häufig wie bei normalen Menschen, so dass sich die Glamourstadt daran noch erfreuen kann.


Fazit:
Für Frauen und Männer, die in diese Situationen kommen, ist der Film vielleicht interessant und zeigt womöglich ihre Leidensgeschichte. Alle anderen sollten trotz der herausragenden schauspielerischen Leistungen von DeVito und Hunter die Finger davon lassen. Für mich waren das 100 Minuten zur Kunst deklarierten Langeweile und ich hab schon lange nicht mehr so häufig während eines Filmes auf die Uhr gesehen.
Die interessante Grundvoraussetzung wird in oberflächlichen Dialogen, konfus angeordneten Szenen und einer unvollständigen Handlung verpackt, so dass Wachgeküsst zusammengeflickt und doch unvollständig wirkt. Ein Film, den man nicht gesehen haben muss, gleichwohl die darstellerische Leistung im Gedächtnis haften bleibt.


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