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Vice: Der zweite Mann [2018]

Wertung: 4.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 10. März 2019
Genre: Biografie / Drama / Komödie

Originaltitel: Vice
Laufzeit: 132 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2018
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Adam McKay
Musik: Nicholas Britell
Darsteller: Christian Bale, Amy Adams, Steve Carell, Sam Rockwell, Alison Pill, Eddie Marsan, Justin Kirk, LisaGay Hamilton, Jesse Plemons, Bill Camp, Don McManus, Lily Rabe, Shea Whigham, Stephen Adly Guirgis, Tyler Perry


Kurzinhalt:

Im Jahr 1963 wird Richard Bruce Cheney (Christian Bale) zum zweiten Mal wegen Trunkenheit am Steuer verhaftet. Sein Studium schließt er nicht ab. Erst eine Ansage seiner Freundin Lynne (Amy Adams) bringt ihn zur Vernunft. Keine zehn Jahre später ist ‚Dick‘ Cheney in Washington D.C. und Teil des Teams um Stabschef Donald Rumsfeld (Steve Carell). Doch es dauert weitere 20 Jahre, in denen Cheney unter anderem im Repräsentantenhaus und als Verteidigungsminister agiert sowie in der Privatwirtschaft Fuß fasst, ehe er auf dem Höhepunkt seiner politischen Karriere ankommt: Als Vizepräsident von George W. Bush (Sam Rockwell) in den Jahren 2001 bis 2009. Dabei nutzt er die angespannte politische Situation nicht nur, um seine Macht weiter zu vergrößern, sondern auch, seine eigenen Ziele zu erreichen. Mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln …


Kritik:
Es gibt viele Dinge an dem biografischen Drama Vice: Der zweite Mann um den ehemaligen amerikanischen Vizepräsidenten Dick Cheney, die überaus gelungen sind. Sei es die umwerfende Maskenarbeit, durch die Hauptdarsteller Christian Bale vollständig in dem Charakter über einen Zeitraum von mehr als vier Jahrzehnten aufgeht. Oder auch die Verbindungen, die Regisseur Adam McKay zwischen verschiedenen Ereignissen über den genannten Zeitraum herstellt. Aber so bemerkenswert diese Elemente sind, die Art wie Cheneys Werdegang erzählt wird, erscheint entweder ziellos improvisiert, oder so bewusst künstlerisch anspruchsvoll, dass man sich beim Zusehen mehr belehrt aus aufgeklärt vorkommt.

Das beginnt bereits damit, dass Vice: Der zweite Mann mit zwei verschiedenen Prolog-Sequenzen aufwartet. Einmal im Jahr 1963 und im Jahr 2001, unmittelbar nach den Anschlägen auf das World Trade Center. Es dauert sehr lange, ehe überhaupt der Filmtitel eingeblendet wird. Die vielen Sprünge innerhalb der Zeitlinie sind ein Merkmal, das Filmemacher McKay bis zum Ende aufrechterhält. Es gibt einen Erzähler, der nach einiger Zeit sogar zu sehen ist und sich unmittelbar an das Publikum wendet – ebenso wie die Hauptfigur selbst am Schluss. Wer sich mit dieser doch recht unkonventionellen Erzählweise nicht anfreunden kann, sei bereits vorgewarnt: Mitten im Film beginnt ein Abspann, als wäre die Geschichte schon zu Ende, nur um dann noch weiterzugehen. Ein Dialog wird gar in Shakespeare-Manier vorgetragen. Wieso? Weil der Erzähler zuvor meint, dass man nicht genau wisse, was in diesem Moment gesagt worden sei, es aber schwerfalle, sich ein Dialog in Shakespeare-Manier für diesen Augenblick vorzustellen.

Man könnte vermuten, dass Adam McKay subtiler Humor nicht liegen würde, dabei wartet Vice: Der zweite Mann mit vielen unterschwelligen Momenten auf. Es ist vielmehr, als wollten die Macher regelmäßig über die Stränge schlagen, um den gezeigten satirischen Ton zu unterstreichen. Das ist als Stilmittel legitim, wirkt aber nicht erst bei der Szene während des Abspanns, wenn sich der Film selbstbewusst als liberaler Beitrag bezeichnet, und ein republikanisch-konservativer Studienteilnehmer mit Gewalt reagiert, beinahe verkrampft auffällig. Vielleicht soll es darüber hinwegtäuschen, dass sich Vice weder genau festlegt, was er porträtieren will, noch seine Figur im Zentrum tatsächlich charakterisiert.
Zwar wird Dick Cheneys Werdegang von 1963 bis in die Amtszeit von US‑Präsident Barack Obama geschildert, doch was ihn überhaupt bewog, eine politische Karriere anzustreben, wird nie erörtert. Seine Frau Lynne, fantastisch gespielt von Amy Adams, wird als diejenige Person vorgestellt, die ihn antrieb, mehr aus seinem Leben zu machen. Aber inwieweit seine Ambitionen auf Macht und Einfluss sein Handeln bestimmten, darin gewährt die Biografie keinen Einblick.

Stattdessen zeigen die Macher, welche Kontakte Cheney sowohl im politischen Washington D.C. als auch in der Privatwirtschaft knüpfte, ehe er 2001 bis 2009 Vizepräsident der Vereinigten Staaten wurde. Auch hier vergrößerte er seinen Einfluss, ließ sich sämtliche Informationen zukommen und lenkte im Hintergrund, soweit er konnte. Aber weshalb? Was war sein Ziel? Es sind Fragen, auf die Adam McKay keine Antwort liefert und auch keine Theorie vorstellt. Er präsentiert Dick Cheney stattdessen als Schurke der modernen amerikanischen Geschichte, ohne ihm eine Motivation zu verleihen. So hervorragend Vice: Der zweite Mann ausgestattet ist, so akribisch der Film recherchiert sein mag, hier verpasst die Biografie eine große Chance.

Arrangiert man sich mit der Erzählweise, die zu sehr hin und her springt, um am Ende ein zusammenhängendes Bild der Person Dick Cheney zu erzeugen, gibt es handwerklich nichts zu bemängeln. Die Inszenierung passt sich der jeweiligen Zeit an, in der sich die Geschichte gerade befindet, Ausstattung und Detailfülle auch bei den Diagrammen und Plakaten im Hintergrund sind schlicht beeindruckend und Christian Bales Darbietung ist eine seiner besten. Das ist eine Aussage, die man bei einem der aufopferungsvollsten Mimen seiner Generation nicht leichtfertig tätigt. Er verleiht der Filmfigur Dick Cheneys eine stets strategische Weitsicht, ein planerisches Merkmal, das der Film selbst gar nicht offenbart. Die übrige Besetzung ist nicht weniger eindrucksvoll, nur verleiht sie, ebenso wie Bale selbst, dem Film nur bedingt an Tiefe.


Fazit:
Zieht Filmemacher Adam McKay, der auch das Drehbuch lieferte, direkte Verbindungen zwischen Überlegungen, die Dick Cheney im politischen Amt in den 1970er-Jahren anstellte, und seinen Handlungen, die er Jahrzehnte später als Vizepräsident in die Tat umsetzen sollte, ist das ebenso erschreckend wie beeindruckend. Auch weltpolitische Entwicklungen, die hier präsentiert werden, führen bestimmte Zusammenhänge vor Augen, die man im täglichen Nachrichtendschungel nicht gesehen haben mag. Doch das wiegt nicht auf, dass die Biografie ihre Hauptfigur lediglich beschreibt, ohne deren Handlungen zu erklären. Cheney wird als Antagonist seiner eigenen Lebensgeschichte dargestellt, ohne ihm eine Motivation zu verleihen. Dass dies im ersten Moment nicht auffällt, mag auch an der Art und Weise liegen, wie der Film erzählt wird. Die vielen inhaltlichen und zeitlichen Sprünge, dass entscheidende Momente als Collagen verschiedener Handlungsstränge dargestellt werden, oder die Tatsache, dass ein paar Figuren die vierte Wand durchbrechen und sich unmittelbar an das Publikum wenden, all das sind gut umgesetzte Stilmittel. Aber sie bieten mehr für die Sinne, als dass sie dem Thema dienen. Die Besetzung von Vice: Der zweite Mann ist schlicht brillant, angeführt von einem beängstigend wandlungsfähigen Christian Bale. Er verleiht dem biografischen Drama selbst dann eine Vielschichtigkeit, wenn die Charakterbeschreibungen diese vermissen lassen. Das allein ist bereits sehenswert.
 


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