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Up in the Air [2009]

Wertung: 5.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 21. Februar 2010
Genre: Drama

Originaltitel: Up in the Air
Laufzeit: 109 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2009
FSK-Freigabe: ohne Altersbeschränkung

Regie: Jason Reitman
Musik: Rolfe Kent
Darsteller: George Clooney, Vera Farmiga, Anna Kendrick, Jason Bateman, Amy Morton, Melanie Lynskey, J.K. Simmons, Sam Elliott, Danny McBride, Zach Galifianakis, Chris Lowell


Kurzinhalt:
Ryan Bingham (George Clooney) hat einen undankbaren Beruf: er wird in Firmen geholt, in denen Personal entlassen werden muss, um diese unangenehme Aufgabe zu übernehmen. Die Firma, für die er arbeitet, versucht gleichzeitig, den Entlassenen eine neue Arbeitsstelle zu vermitteln. In Zeiten der Wirtschaftskrise hat Ryan Hochkonjunktur.
Doch Natalie Keener (Anna Kendrick), frisch von der Universität, hat neue Pläne, die Ryans Firma viel Geld sparen sollen. Es wird getestet, wie per Internetchat die Entlassungsgespräche geführt werden können – damit würde das für Ryan so angenehme Reisen entfallen. Um Natalie auf den Alltag vorzubereiten, soll Ryan sie auf seine nächste Tour mitnehmen. Dabei prallen Generationen aufeinander.
Als beide zudem auf Ryans Reisebekanntschaft Alex (Vera Farmiga) treffen, beginnt Bingham nach Natalies Andeutungen mehr in der Zweckgemeinschaft der beiden Geschäftsreisenden zu sehen. Anfangs glaubt er, es wäre wider seine Natur oder ist seine Einstellung widernatürlich ...


Kritik:
Ryan Bingham ist ein "career transition counselor". Er fliegt quer durch die Welt, um in Firmen, die er nicht kennt Menschen zu entlassen, denen er nie zuvor begegnet ist oder je wieder begegnen wird. Dafür wurde er von den jeweiligen Firmen engagiert. Die Firma, für die er selbst arbeitet verdient zuerst dadurch Geld und dann durch die Vermittlung der arbeitslos gewordenen Menschen, wenn diese denn vermittelt werden können. Bingham genießt seine Arbeit nicht, aber er lässt auch nicht zu, dass sie ihn emotional einnimmt. Er würde von sich aus keinen Tag, an dem er zwei Dutzend Menschen über ihre Kündigung informiert hat als einen erfolgreichen Tag bezeichnen, aber er würde deswegen abends nicht auf eine Party verzichten. Er sieht es als Beruf, wenn auch nicht als Berufung und ist sich durchaus darüber im Klaren, dass er den Menschen in ihren schwersten Stunden gegenüber sitzt. Vielmehr aber bietet seine Arbeit ihm die Möglichkeit, an über 300 Tagen im Jahr zu reisen und so wenig Zeit wie möglich Zuhause verbringen zu müssen. Sein Leben passt in seinen Trolley und in Seminaren, die er gibt, erzählt er davon, um wie vieles leichter das Leben zu schultern ist, wenn man sein Gepäck nicht unnötig mit Habseligkeiten füllt – oder mit Menschen und Beziehungen. Sein größtes Ziel ist es, so viele Flugmeilen zu sammeln wie möglich. Einfach, weil es vor ihm noch nicht viele Menschen geschafft haben. Ryan Bingham ist mit seinem Leben zufrieden. Nicht zuletzt deswegen, weil er davor wegläuft. Stehenbleiben würde für ihn den Tod bedeuten, wie er selbst sagt. Oder zumindest die Möglichkeit, wenn nicht schon die Notwendigkeit, das eigene Leben einmal anzusehen und festzustellen, dass da gar nichts ist.

Als Regisseur Jason Reitman (Thank You for Smoking [2005], Juno [2007]) 2002 begann, die Romanadaption Up in the Air zu schreiben, stand die größte Wirtschaftskrise der Neuzeit erst noch bevor. Dass der Film folglich einen ganz anderen Ton bekommen hat, als ursprünglich angedacht war, ist verständlich. Erstaunlich daran ist, dass Reitman ohne den erhobenen Zeigefinger der Welt einen Spiegel vorhält, in der eine Branche dadurch boomt, dass überall Stellen abgebaut werden. Als Fachbegriff findet man hierzu auch "Outplacement", das eben beschreibt, wofür Ryan Bingham verantwortlich ist. Es ist ein milliardenschwerer Wirtschaftszweig. Es viele Momente in Up in the Air, in denen man still vor der Leinwand sitzt und mit ansieht, wie Menschen reagieren, denen die Nachricht überbracht wird, ihren Arbeitsplatz würde es in Zukunft nicht mehr geben. Dennoch wird Ryan, eindringlich und trotz dieser Profession greifbar verkörpert von George Clooney, von Reitman nicht als personifizierter Teufel dargestellt. Trotz seiner trockenen, analytischen Art ist er nie herablassend seinen "Kunden" gegenüber, oder gar zynisch. Auch wenn es ihn emotional kalt lässt, jene Schicksale mitzuerleben oder gar zu verursachen, scheint er doch darum bemüht, das Gespräch für das Gegenüber erträglich zu machen. Man hat beinahe den Eindruck, als wäre seine ablehnende Haltung gegenüber dem Fortschritt, den Natalie Keener mit ihrem internetbasierten Entlassungsprojekt anstrebt, kein reiner Selbstschutz, sondern tatsächlich im Sinne der Betroffenen. Was er womöglich hat kommen sehen, zeigt Jason Reitman ebenfalls.
Er vermittelt aber gleichzeitig einen Eindruck davon, was in Ryan Bingham vor sich geht, weswegen er so ist, wie er ist. Oder aber, warum er nur so die Arbeit tun kann, die er tut. Als er schließlich durch die Hochzeit seiner Schwester gezwungen wird, langsamer zu treten, offenbaren sich ihm schließlich auch Weisheiten, die er bislang leugnete oder nur zu beschäftigt war zu sehen. Wird ihm dies in seinem Alltag nützen oder eher behindern? Ist es für ihn ein Segen, mit seiner eigenen Familie so vertraut zu sein wie mit seinen "Kunden", oder ist es ein Teil seines Lebens, den er gern ungeschehen machen wollte?

Up in the Air zeigt die Entwicklung von Ryan Bingham, ohne dass sie übertrieben oder gestellt wirken würde. Der Regisseur stellt in Natalie Keener, die ebenfalls hervorragend von Anna Kendrick gespielt wird, eine junge Absolventin vor, die in Alex Goran (subtil und glaubhaft durch Vera Farmiga verkörpert) erkennt, wie sie selbst in einigen Jahren enden könnte. Als Teil einer Gesellschaft, in der Träume und Wünsche früher oder später von der Realität eingeholt werden, in denen das Erwachsenwerden mit einer Desillusionierung gleich kommt. Auch wenn jener Gedanke erschreckt, ist er in der heutigen Welt leider nicht von der Hand zu weisen. Nur ist es einem jeden selbst überlassen, mit seinen Entscheidungen den eignen Maßstab für sein Leben festzusetzen. Hat man ihn so hoch angesetzt wie Ryan Bingham – und das erkennt er vielleicht zu spät – ist es eine einsame Aussicht über den Wolken. In den Momenten, die man als schönste Erinnerung behält, war man nicht allein. Nur muss man für diese Momente auch erst einmal stehen bleiben.


Fazit:
Es wäre sehr hoch gegriffen, einen Film wie Up in the Air, der davon handelt, wie Menschen auf eine industrielle Art und Weise entlassen werden, auf einer positiven Note enden zu lassen. Regisseur Jason Reitman ist auch nicht anmaßend und spricht den Betroffenen Mut zu oder gar sein Mitgefühl. Vielmehr hält er den Zuschauern einen Gesellschaftsspiegel vor, der in seinen unterkühlten und mitunter sarkastischen Schlussfolgerungen lockere Momente besitzen mag, letztlich aber dafür sorgt, dass einem das Lachen im Halse stecken bleibt.
Unaufgeregt gefilmt und mit einem Ensemble veredelt, das über alle Zweifel erhaben für sich selbst spricht, finden sich verschiedenste Charaktere auf dem künstlerischen Seziertisch wieder. Das ist unbequem, aber nie rührselig oder darauf aus, Mitleid zu erwirken. Vielmehr ist es mutig und auf erschreckende Weise lebensnah.


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