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Sie leben! [1988]

Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Dominik Starck  |   Hinzugefügt am 22. September 2005
Genre: Action / Thriller / Science Fiction

Originaltitel: They Live
Laufzeit: 90 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 1988
FSK-Freigabe: nicht unter 18 Jahren

Regie: John Carpenter
Musik: John Carpenter, Alan Howarth
Darsteller: Roddy Piper, Keith David, Meg Foster, George Flower, Peter Jason, Raymond St. Jacques, Jason Robards III, John Lawrence, Susan Barnes, Sy Richardson


Kurzinhalt:
John Nada (Roddy Piper) ist ein von Stadt zu Stadt wandernder Arbeitsuchender, der in Los Angeles auf der Suche nach einer neuen Einkunftsquelle ist. Nach einigen Schwierigkeiten kommt er auf dem Bau unter und freundet sich dort mit Frank (Keith David) an, der ihm einen Schlafplatz in einem Camp von Wohnsitzlosen besorgt.
Johns Weltbild verändert sich jedoch abrupt, als er eine Kiste mit Sonnenbrillen findet und eine von ihnen aufsetzt. Auf einmal bekommt er eine ganz neue Perspektive auf seine Umwelt und erkennt überall versteckte unterschwellige Botschaften in Reklamen, Zeitungen, Nachrichtensendungen. Auch die Menschen sind nicht alle, was sie vorgeben zu sein. Viele von ihnen sehen durch die Sonnenbrille aus wie Zombie-artige, fremde Wesen. John wird klar, dass eine Invasion stattgefunden hat und unbemerkt von der Öffentlichkeit eine außeriridische Macht dank unterschwelliger Gehirnwäsche und Wahrnehmungsveränderung die Menschen kontrolliert.
Schnell werden die Fremden auf Nada aufmerksam und er muss fliehen. Auf seiner Suche nach Unterstützung gegen die schleichende Invasion trifft er auf eine kleine Untergrundbewegung mit einem großen Plan ...


Kritik:
Ein Jahr nach Die Fürsten der Finsternis [1987] brachte Kult-Regisseur John Carpenter (Halloween – Die Nacht des Grauens [1978]) mit Sie leben! seinen nächsten Film in die Kinos, der bei einem relativ bescheidenen Budget von ca. 4 Millionen Dollar immerhin bereits am Startwochenende auf Platz 1 der US-Kinocharts stürmte.

Unter seinem Autoren-Pseudonym Frank Armitage verfasste John Carpenter das Drehbuch zum Film, welches sich grob auf eine Kurzgeschichte von Ray Nelson ("Eight O'Clock In The Morning") stützt, jedoch von Carpenter reichlich neu gestaltet wurde.
Mit Sie leben! präsentierte Carpenter dem Publikum einen durchaus ungewöhnlichen Film. Es ist ein Science Fiction-Film über eine Invasion, die man nicht zu sehen bekommt, es ist ein Actionfilm, der in seiner ersten Hälfte keinerlei Action enthält und es ist eine Gesellschaftsstudie ohne aufgezwungene Moral, aber mit klarer Botschaft.

Carpenter lässt sich viel Zeit seinen Protagonisten – der die Perspektive des Zuschauers einnimmt, und dessen Sicht und Wissensstand man über die gesamte Laufzeit des Filmes teilt – in das neue Umfeld Los Angeles (wo auch gedreht wurde), und vor allem die soziale Umgebung einzuführen. Erst nach und nach wird deutlich, dass hier noch eine andere Macht außerhalb der "normalen" sozialen Probleme am Werk ist. Der Film reflektiert dabei bewusst das Lebensgefühl und die Lebensumstände Amerikas in der Reagan-Ära und die immer größere Spaltung der Bevölkerung in Arbeiterklasse und Oberschicht. Auch die so genannte "Konsumgesellschaft" dieser Zeit wird gekonnt aufs Korn genommen.
Dabei hätte der Film leicht eine moralsaure gesellschaftskritische Milieustudie, oder eine reine Satire auf die amerikanische Konsumgesellschaft werden können. Carpenter verzichtete jedoch bewusst darauf, dem Zuschauer die Moral mit dem Holzhammer einzuprügeln und lässt anstelle dessen die Bilder und die Schilderung der Umstände für sich selbst sprechen, ohne eine eigene Aussage zu treffen. Diese nur indirekte, dabei aber dennoch deutliche Kritik ist eine der größten Stärken des Films, eine subtile Botschaft in einem Film, der sonst eher ein gradliniger Actionstreifen geworden wäre.
Strategisch klug unterlässt es Carpenter zudem, der Druck ausübenden Oberschicht, die sich im Laufe des Films als außerirdische Invasoren herausstellt, ein Gesicht zu geben. Zwar bekommt man die Aliens dank der Sonnenbrille auch in ihrer ganzen Hässlichkeit zu sehen, jedoch sind sich die Zombie-haften Wesen recht ähnlich und es gibt auch keinen klaren Anführer, der zum Feindbild stilisiert wird. Wie auch die Polizisten, welche das Lager der Wohnsitzlosen räumen, sind die Aliens nur eine gesichtslose, anonyme, dunkle Masse, welche dadurch nur noch bedrohlicher wirkt, als wenn man ein klares und personifiziertes Feindbild daraus entwickelt hätte. Zwar werden im weiteren Verlauf der Handlung auch Kollaborateure eingeführt, dies geschieht jedoch recht spät im Film, sodass sie nicht wesentlich zur Personifizierung der Bedrohung beitragen können, sondern lediglich eine tragische Note zu dieser schleichenden Unterwerfung beitragen – ähnlich wie dies in Zombie-Filmen bei der Verwandlung zuvor vorgestellter Menschen in Untote der Fall ist.

Nach der weitgehend sehr ruhigen ersten Filmhälfte zieht Carpenter das Tempo jedoch merklich an, dreht die Spannungsschraube kontinuierlich weiter und liefert einige astreine Actionmomente, bei denen er jedoch nicht einfach sinnlos und ohne Verschnaufpause eine Explosion an die andere reiht, sondern immer wieder kleine Ruhepole in die Handlung einbaut. Besonders im Showdown steigt dann der Bodycount des Films aber rasant an, sodass auch die Actionpuristen unter den Zuschauern am Ende noch ihre Schauwerte geliefert bekommen, während Carpenter sie zuvor dazu "gezwungen" hat sich mit den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen auseinander zu setzen, aus denen der ganze Ärger überhaupt erwachsen ist. Trotz der finalen Schusswechsel ist und bleibt das absolute Actionhighlight des Films jedoch der Kampf zwischen den beiden Hauptfiguren beziehungsweise deren Darsteller Roddy Piper und Keith David zur Halbzeit des Films. Dieser nach über zweimonatiger Trainingszeit entstandene und von den beiden Männern selbst durchgeführte Kampf übertrifft so ziemlich alles, was es an vergleichbaren Nahkämpfen auf Realitätsbasis bisher und auch danach gegeben hat. Dies gilt sowohl für die erstaunliche Länge, wie auch die Härte, aber auch die Qualität des Fights, in den Stilelemente vom Boxen bis zum Wrestling einflossen. Nicht zuletzt dieser durchaus mehrdeutige Kampf (Freund gegen Freund, Schwarz gegen Weiß, Wissender gegen Unwissenden) war mitverantwortlich für die hohe aber gerechtfertigte Altersfreigabe ab 18 Jahren. Carpenter filmte mit bis zu drei Kameras tagelang an diesen Szenen, bei denen Piper seine Geschicke als professioneller Kämpfer einbringen konnte, und auch David einwies, der lediglich ausgebildeter Tänzer war aber eine sehr erstaunliche Leistung zeigte.
Bezugs-, Dreh- und Angelpunkt des Films ist wie bereits erwähnt der auf der Suche nach Arbeit umherziehende John Nada (wie der Name schon ausdrückt ein absoluter Jedermann).
Nada entpuppt sich als typisch Carpenterscher Anti-Held, ein absolut gewöhnlicher Mensch, der unfreiwillig in gänzlich ungewöhnliche Situationen gerät und dabei aus dem Willen zu überleben heraus weit über sich hinauswächst. Wie der Zuschauer wird Nada immer weiter in einen Strudel für ihn unvorhersehbarer Ereignisse gezogen, aus denen er irgendwann keinen anderen Ausweg mehr sieht, als sich zur Wehr zu setzen, in Vigilantismus zu verfallen und einen aussichtslos erscheinenden Krieg zu beginnen.

Beim Thema John Nada kommt man auch sofort auf dessen Darsteller zu sprechen, der als "Rowdy" Roddy Piper jahrelanger Star der Wrestlingszene mit über siebentausend professionellen Kämpfen war. Piper und Carpenter (selbst erklärter Wrestling-Fan) trafen sich bei der "Wrestle-Mania 3" im Vorfeld der Produktion, wo Carpenter die Rolle des John Nada an Piper herantrug. Aufgrund dieses Angebotes wagte Piper, der zuvor einige kleinere Nebenrollen gespielt hatte, den riskanten Sprung von der Kampfarena in eine Filmhauptrolle. Dabei gelangt es ihm unter der kundigen Führung Carpenters als erstem Wrestlingstar, einen Nummer 1-Boxoffice-Hit zu landen, etwas, was seine vielen Nachahmer bis heute nicht mehr erreichen konnten.
Bekanntermaßen entpuppen sich schauspielernde Sportler oder Ex-Sportler nicht unbedingt als darstellerische Wunderkinder. Beispiele dafür sind Legion (man denke nur an Leute wie Brian Bosworth) und so verwundert es kaum, dass Piper da keine große Ausnahme ist. Zwar handelt es sich hier auch um seine erste größere Rolle, sodass man ohnehin zwangsläufig Abstriche hinnehmen muss, aber auch davon abgesehen ist wohl klar, dass er nie eine Auszeichnung für sein besonderes schauspielerisches Talent erhalten wird. Jedoch besitzt er für seine Rolle als "einfacher Mann von der Straße" genau das richtige Maß Ausstrahlung von "gelebtem Leben", welches er mit in den Part einbrachte. Dass er für John Nada auf eigene Erfahrungen auf der Straße und in echten Fights einbringen konnte, war ihm dabei sicherlich hilfreich, eine doch noch solide Darbietung zu liefern. Bis heute sollte diese Rolle auch seine bekannteste bleiben, obwohl er trotz ausbleibender ähnlich großer Erfolge bis heute weiterhin als Schauspieler tätig ist.
Die zweite Hauptrolle wird wie bereits erwähnt von Keith David gewohnt souverän portraitiert. David drehte mit Carpenter zuvor schon The Thing [1982], eines seiner ersten Engagements überhaupt. Bis heute war der arbeitswütige David in über 90 Produktionen von unterschiedlicher Qualität zu sehen, darunter Men at Work [1990], Schneller als der Tod [1995] und Pitch Black – Planet der Verdammnis [2000] – seine dortige Rolle nahm er auch im Sequel Riddick – Chroniken eines Kriegers [2004] wieder auf.
Platz drei in der Hauptrollenliste belegt Meg Foster, die Frau mit den wohl grünsten Augen Hollywoods, die hier als mittelständige Holly Thompson einen Kontrast zu den Arbeiterklasse-Charakteren von Piper und David bietet. Foster, die man unter anderem als Evil Lyn aus dem viel gescholtenen aber sehr unterhaltsamen B-Fantasy-Film Masters of the Universe [1987] kennt, stellt damit die einzige Bezugsperson des Zuschauers zur Oberschicht dar.
Die weiteren Nebenrollen sind allesamt sehr solide gespielt und für die Rollen der wohnsitzlosen Arbeiter im Camp engagierte Carpenter teilweise gar echte Obdachlose.

Für die Musik des Filmes zeichnete wie bei praktisch allen seinen Filmen der Meister selbst verantwortlich, wobei Carpenter hier weniger versuchte, ein eigenständiges und eingängiges Thema, als vielmehr unterstreichende Soundkombinationen zu finden. Dabei arbeitete er erneut mit Alan Howarth zusammen, mit dem er bereits an Filmen wie Christine [1983] und Big Trouble in Little China [1986] gearbeitet hatte. Nach Sie leben! arbeitete Howarth zwar noch an weiteren Halloween-Sequels, jedoch nie mehr für Carpenter als Regisseur.

Die schon etwas ältere Kinowelt-DVD zum Film lässt kaum Konsumenten-Wünsche offen. Den Ton gibt es im originalen Stereo in Deutsch, Englisch und Spanisch mit optionalen mehrsprachigen Untertiteln. Das Bild ist im korrekten und gut erhaltenen (anamorphem) 2,35:1 Widescreen. Darüber hinaus verfügt die DVD noch über einen 2001 exklusiv produzierten Audiokommentar von Carpenter und Piper, der sehr launig und kurzweilig geraten ist und einen guten Einblick in die Entstehung und Begleitumstände von Sie leben! bietet. Dazu gibt es noch eine kurze Original-Featurette und drei versteckte Kurz-Profile, die sich in manchen Punkten allerdings mit der Featurette überschneiden. Dies ist zwar nicht besonders viel an Bonusmaterial, dem Film jedoch angemessen. Ein gelungener Spaß ist auch die Menüführung, denn die einzelnen Menüpunkte entpuppen sich ebenfalls als "versteckte Botschaften", die ihre Bezeichnungen erst durch Anwählen verändern.


Fazit:
Sie leben! ist sicherlich weder John Carpenters bester Film, noch der beste Invasion- oder Actionfilm der Filmhistorie. Dennoch ist er nicht zuletzt aufgrund seiner ungewöhnlichen – aber sehr stimmigen – Dramaturgie, und der guten Botschaft ein gelungener Beitrag zu allen drei genannten Kategorien. Viele bezeichnen ihn als den letzten wirklich guten und erfolgreichen Film Carpenters. Auch wenn dies etwas übertrieben ist und auch Carpenters Spätwerke ihre Qualitäten haben, ist Sie leben! ein wichtiger Beitrag in Carpenters Filmografie, den man nicht unterschätzen sollte. Zwar wird auf Gesellschaftssatire weitgehend verzichtet doch ist dies auch nicht das primäre Ansinnen des Filmes und die eingesetzten Satire-Spuren wohl dosiert.
Die gemächliche Plotentwicklung und der ebenso zaghafte Spannungsanstieg der ersten Filmhälfte wird in der zweiten Hälfte und besonders dem letzten Filmdrittel rasant angezogen und nimmt den Zuschauer völlig gefangen, sodass ihm der Showdown beinahe etwas überstürzt vorkommen mag. Das tolle Ende ist dabei ebenfalls absolut Carpenter-typisch. Wie in eigentlich allen seinen Filmen setzt Carpenter am Schluss noch einmal eins drauf und verabschiedet den Zuschauer mit einer Montage sehr schräger und netter, mitunter auch selbstironischer Gags (man achte gut auf die Ansagen der diversen enttarnten Sprecher). So weicht in den letzten Sekunden die Anspannung einem gewissen Lächeln, das dafür sorgt, dass man den Film in noch besserer Erinnerung behält.
Atmosphärische Bilder, mit Carpenters stimmiger Musik unterlegt, erzählen die Geschichte des Underdogs, der mehr versehentlich als willentlich in einen über das Schicksal der Menschheit entscheidenden Konflikt hineingezogen wird, in dem er über sich hinauswächst.
Sie leben – wir schlafen; aber nicht bei diesem Film! Im Grunde handelt es sich zwar um nicht sehr viel mehr als ein B-Movie, dafür aber um einen richtig Guten. Die finale Wertung ist zwar sehr knapp erreicht und wohlwollend vergeben, jedoch für Fans des Genres absolut gerechtfertigt.
Nicht ganz so versteckt wie die unterschwelligen Botschaften der Invasoren aus dem Weltall lautet daher auch die abschließende Empfehlung an alle Leser dieser Zeilen; seht Euch diesen Film an!


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