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Shutter Island [2010]

Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 26. April 2010
Genre: Thriller / Drama

Originaltitel: Shutter Island
Laufzeit: 138 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2009
FSK-Freigabe: ab 16 Jahren

Regie: Martin Scorsese
Musik: Robbie Robertson
Darsteller: Leonardo DiCaprio, Mark Ruffalo, Ben Kingsley, Max von Sydow, Michelle Williams, Emily Mortimer, Patricia Clarkson, Jackie Earle Haley, Ted Levine, John Carroll Lynch, Elias Koteas, Nellie Sciutto


Kurzinhalt:
Die U.S. Marshals Teddy Daniels (Leonardo DiCaprio) und Chuck Aule (Mark Ruffalo) werden auf die Psychiatrieinsel Shutter Island gerufen, wo eine hochgradig gefährliche Patientin verschwunden ist. Das Sicherheitspersonal konnte keine Spur der Frau finden, die scheinbar aus einer verschlossenen Zelle entkam. Während die Befragung der Insassen und Angestellten schleppend voran geht, zieht ein Sturm auf, der eine Abreise der Ermittler unmöglich macht.
Dann glaubt Teddy, in dem Arzt Dr. Naehring (Max von Sydow) einen NS-Arzt wieder zu erkennen. Anstaltsleiter Dr. Cawley (Ben Kingsley) scheint ebenfalls mehr zu verschweigen als er an Informationen teilt und auch die Alpträume, die Teddy plagen, sorgen dafür, dass der U.S. Marshal seine Prioritäten in Frage stellt. Immerhin verfolgt auch er auf Shutter Island eigene Ziele, nur regt Chuck den Verdacht, Teddy wäre nicht aus Versehen auf die Insel gelangt. War er vielleicht blind in eine Falle getappt, aus der er nun nicht mehr entkommen kann? Zumindest scheint ihn immer Etwas oder Jemand am Verlassen der Insel zu hindern ...


Kritik:
Als der U.S. Marshal Teddy Daniels nach Shutter Island kommt, ist er bereits auf einer persönlichen Mission. Welche das ist, behält er für sich und verrät sie nicht einmal seinem neuen Partner Chuck. Doch schon kurz nachdem sie auf der ungastlichen Psychiatrieinsel für Gewaltverbrecher angekommen sind, scheint jemand nicht zu wollen, dass sie wieder gehen. Und wenn sich schließlich die Möglichkeit bietet, plagen Teddy die Dämonen, die er aus dem Zweiten Weltkrieg mitgebracht hat, dass er dies hier zu Ende bringen muss. Das schuldet er nicht zuletzt seiner toten Frau. Was sich aus der beunruhigenden Ausgangslage von Shutter Island entwickelt, sollte man durch zu viele Informationen nicht vorweg nehmen. Martin Scorseses Adaption des Dennis Lehane-Romans wurde nach Überarbeitungen zwar bewusst actionreicher gestaltet, doch verkommt der atmosphärisch dicht erzählte Thriller bei weitem nicht zum Actionfilm. Surreal mutet es an, was Teddy und Chuck auf der Insel zu Beginn erwartet: eine Patientin, die aus einem geschlossenen Zimmer verschwunden ist, eine Reihe gewalttätiger Geisteskranker und ein Sturm, der die Ermittler auf der Insel festhält, während Teddy kaum eine ehrliche Antwort auf seine Fragen erhält.
Die Stimmung ist bewusst düster und ominös gehalten, die Musik und die Schnittwechsel erinnern dabei absichtlich an Klassiker aus den 1950er Jahren, in denen der überraschende Thriller auch spielt und wenn das Thema von Shutter Island einsetzt, bei dessen rhythmischen Streichern man sich unweigerlich an Bernard Herrmann (Psycho [1960]) erinnert fühlt, ahnt man auch, dass die Gefahr hinter der nächsten Ecke lauert.

Auf Atmosphäre wird hier vom ersten Moment an Wert gelegt, die stellenweise unwirklich erscheinenden Spezialeffekte sind dabei ebenso absichtlich gewählt wie Schnittwechsel, die zerfahren oder fehlerhaft wirken. So wird der ver-rückte Geist der Insassen der Anstalt verdeutlicht, die sprunghaften Gedanken visuell zum Ausdruck gebracht. Nur stören die aufdringlich vielen Schnittfehler, bei denen von einem Moment auf den anderen die Hände der Figuren wo ganz anders sind, oder die Zigarette mal im Mund, mal in der Hand zu finden ist. In jedem Fall lässt sich das nicht als künstlerische Entscheidung rechtfertigen, sondern wirkt schlicht unsauber choreografiert.
Dabei verwendet Scorsese bewusst viel Zeit auf die Figuren, entwickelt den beinahe besessen wirkenden Teddy als denjenigen, der nicht nur um sein Leben, sondern um seinen Verstand fürchten muss angesichts dessen, was er in der Anstalt aufzudecken gedenkt. Ihm gegenüber steht Dr. Cawley, der immer nur die notwendigsten Informationen von sich gibt und ständig Etwas zurückzuhalten scheint. Auch was es mit dem mutmaßlichen NS-Arzt Dr. Naehring auf sich hat, beschäftigt früh in der Geschichte und immerhin bis zum Schluss. Wer die tatsächlich tragischste Figur auf Shutter Island ist, wird in der Tat erst spät gelüftet und was sie dazu werden ließ dann auch nochmals durchlebt. Es ist der ausgezeichneten Schauspielriege zu verdanken, dass man auch nach dem unerwarteten Haken, den die Geschichte schlägt, den Bezug zu den Personen nicht verliert. Leonardo DiCaprio spielt, als stünde sein Seelenheil auf dem Prüfstand und bringt eine innere Zerrissenheit zum Ausdruck, die einem als Zuschauer schon beim Hinsehen schmerzt. Mark Ruffalo und Ben Kingsley verkörpern die tiefe Enttäuschung ihrer Figuren mit einer Traurigkeit, die einen lange Zeit verunsichert und die man schließlich doch teilt, wohingegen der zeitlose Max von Sydow als Einziger allzeit undurchsichtig bleibt.
Mit Michelle Williams, Patricia Clarkson, Emily Mortimer, Ted Levine, John Carroll Lynch, Elias Koteas und Jackie Earle Haley findet sich in zweiter Reihe eine Darstellerriege wieder, um die eine jede Produktion zu beneiden wäre. Sie alle tragen dazu bei, Shutter Island trotz der illusorischen Elemente authentisch wirken zu lassen. Dabei entpuppt sich der vermeintliche Mysterythriller als Thrillerdrama, dem zutiefst traumatisierte Charaktere zu Grunde liegen. Erscheint Vieles an der Psychiatrieinsel wie aus einem Alptraum entsprungen, ist die wahre Erkenntnis letztlich doch so unfassbar, dass ein jeder Geist daran zerbrochen wäre. Das mag manche enttäuschen, die nicht zuletzt nach den Ankündigungen zum Film etwas Anderes erwartet hatten. Doch gewinnt der Filmemacher dem Genre damit eine zwar nicht neue, aber facettenreiche – und im Hinblick auf die Heimkehrer des Zweiten Weltkrieges und die seelischen Wunden, die sie daraus mitnahmen durchaus nachvollziehbare – Seite ab. Dass der Film dabei gut 15 Minuten kürzer hätte sein können, verzeiht man nicht zuletzt dank der unheilvollen Optik und der ebenso verstörenden Kulissen gern.


Fazit:
Wer würde einem Verrückten glauben, wenn dieser behauptet, er wäre nicht verrückt, sondern alles nur ein Irrtum? Teddy Daniels hat sich ein Ziel gesetzt, das es auf Shutter Island zu erreichen gilt. Herauszubekommen, was dieses ist, und was tatsächlich auf der Psychiatrieinsel vorgeht, macht den Reiz des ungewöhnlichen Thrillerdramas aus. Dabei erweist sich Martin Scorseses jüngste Regiearbeit überraschend als eindringliche Charakterstudie, als Demontage eines Traumas, dessen Ausmaß man erst im letzten Drittel erkennt.
Erstklassig gespielt, im Falle von Leonardo DiCaprio geradezu beängstigend, erweist sich Shutter Island damit als ruhiger, als er beworben wird, bleibt jedoch bis zum Schluss atmosphärisch und dicht erzählt. Nicht zuletzt die Authentizität jener Zeit rundet das Gesamtbild ab, das im Nachhinein tragischer erscheint als im ersten Augenblick.


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