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Selma [2014]

Wertung: 4.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 12. Juli 2017
Genre: Drama / Biografie

Originaltitel: Selma
Laufzeit: 128 min.
Produktionsland: Großbritannien / USA
Produktionsjahr: 2014
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Ava DuVernay
Musik: Jason Moran
Darsteller: David Oyelowo, Carmen Ejogo, Tom Wilkinson, Giovanni Ribisi, Lakeith Stanfield, Tim Roth, Tessa Thompson, Common, Lorraine Toussaint, Wendell Pierce, André Holland, Oprah Winfrey, Stephan James, Trai Byers, E. Roger Mitchell, Dylan Baker, Cuba Gooding Jr., Alessandro Nivola


Kurzinhalt:

Kurz nachdem der Bürgerrechtsaktivist Dr. Martin Luther King, Jr. (David Oyelowo) den Friedensnobelpreis empfangen hat, findet er sich mit weiteren Anhängern seiner Bewegung im Jahr 1964 in Selma, Alabama ein. Ihr Ziel mit weiteren Protestmärschen ist das Ende Diskriminierung von Afroamerikanern, denen in Selma das Wahlrecht verweigert wird. Während Gouverneur Wallace (Tim Roth) den brutalen Sheriff gewähren lässt, verweigert sich Präsident Lyndon B. Johnson (Tom Wilkinson) Kings Forderung, ein Bundesgesetz zur Klarstellung des Wahlrechts zu erlassen. Die unterschiedlichen Bürgerrechtsbewegungen teilen Kings Meinung nicht, mit einem friedlichen Protest ihr Ziel erreichen zu können, zumal es immer wieder zu Toten auf Seiten der Protestierenden kommt. Die Situation spitzt sich schließlich bei einem Protestmarsch zu, bei dem den Aktivisten bewaffnete Polizisten gegenüberstehen, die die Bewegung mit allen Mitteln niederschlagen sollen ...


Kritik:
Trotz der wichtigen Aussage und der angemessenen Umsetzung durch Regisseurin Ava DuVernay ist das Historien-Drama Selma, um die unter anderem von Dr. Martin Luther King, Jr. geführten Protestmärsche in Alabama zur Durchsetzung des Wahlrechts für Afroamerikaner, nicht so gelungen, wie man es erwarten würde. Auch wenn viele Momente unter die Haut gehen und die politischen Verstrickungen zur Geltung kommen, der Film beleuchtet ausgerechnet die Hauptfigur viel zu wenig.

Inhaltlich angesiedelt nach der bedeutsamen "Ich habe einen Traum"-Rede, die in die Geschichtsbücher einging, akzeptiert Dr. King zu Beginn den Friedensnobelpreis. Zwar steht er für den Fortschritt, den die farbige Bevölkerung in den USA in Bezug auf die Gleichstellung mit den Weißen nach dem offiziellen Ende der Rassentrennung erlangen konnte, doch insbesondere in den Südstaaten hat sich die Situation mancherorts nicht verbessert. Einer Frau wird beispielsweise verweigert, sich ins Wählerregister eintragen zu lassen, so dass sie nicht wählen kann. In Birmingham werden vier Mädchen bei einem Bombenanschlag des Ku Klux Klan auf eine Kirche ermordet.
Es sind Momente, die mehr als nur betroffen machen – sie machen wütend. Finden Berichte über Polizeigewalt gegenüber der afroamerikanischen Bevölkerung heute zumindest den Weg an die Öffentlichkeit, mag man verzweifeln angesichts der Tatsache, dass sich in mehr als einem halben Jahrhundert kaum etwas geändert hat. Aber ich ich schweife ab.

Die "Southern Christian Leadership Conference" (oder kurz: SCLC), der Martin Luther King angehört, entscheidet sich, nachdem sie mit ihren Protesten mitgeholfen hat, den Civil Rights Act von 1964 durchzusetzen, der eine Diskriminierung auf Grund von Rasse, Hautfarbe, Sexualität oder Nationalität untersagt, für die Stadt Selma, Alabama als ihren nächsten Startpunkt.
Regisseurin DuVernay zeigt dabei, welche verschiedenen Bürgerrechtsbewegungen für die Rechte der Farbigen zu kämpfen versuchen. Der in seinen Ansichten, die Gleichstellung von Weißen und Farbigen zu erreichen, deutlich radikalere Malcolm X hat sogar einen Gastauftritt, bleibt jedoch nicht die einzige Gegenstimme zu Martin Luther Kings Vorgehensweise des gewaltfreien Protests.

Doch wird hier auch ein Problem deutlich, dessen sich Selma nicht annimmt: Für all diejenigen, die mit der Geschichte der Bürgerrechtsbewegungen in den USA nicht vertraut sind, die den Werdegang insbesondere von Dr. Martin Luther King, Jr. nicht kennen, hält das Drama viel zu wenige Informationen bereit. Unbestritten präsentiert die Filmemacherin keine Biografie Kings, doch machen es die wenigen Hintergründe der unterschiedlichen, zentralen Figuren schwierig, ihrem Schicksal und ihren Entscheidungen folgen zu können. Will sich die Erzählung dagegen auf die Geschehnisse in der Stadt Selma selbst konzentrieren, erscheinen die familiären, privaten Hintergründe des Nobelpreisträgers, die immer wieder in Gesprächen mit seiner Frau Coretta eingestreut werden, einfach unnötig.

In der zentralen Rolle von Martin Luther King gelingt David Oyelowo ein vielschichtiges Porträt eines Mannes, dessen Überzeugung der Gewaltfreiheit angesichts der Ungerechtigkeiten, denen er sich gegenübersieht, stets auf die Probe gestellt wird. Inwieweit die widerwillige Haltung der US-Regierung, das Wahlrecht der afroamerikanischen Bevölkerung mit einem Bundesgesetz zu gewährleisten, hier korrekt wiedergegeben wird, sei dahingestellt. Tom Wilkinson macht seine Sache ebenso gut wie Tim Roth als Gouverneur Wallace von Alabama, der die Rassentrennung hier öffentlich befürwortet. Die Besetzung auf Seite von Kings Unterstützern ist nicht weniger gelungen, allen voran Lakeith Stanfield, Lorraine Toussaint, E. Roger Mitchell und Oprah Winfrey.

Dass ihnen allen daran gelegen ist, die historisch wichtigen Ereignisse mit Leben zu füllen, ist unbestritten. Sieht man sich die Art und Weise an, wie King für die Durchsetzung der verfassungsmäßigen Rechte kämpft, dann ist das heute ebenso inspirierend wie damals. Dennoch verblasst die Wirkung in Selma, wenn einem als Zuseher die zahlreichen Figuren auf Seite des ikonischen Anführers Dr. Martin Luther King, Jr. nicht vorgestellt werden. Die kurzen Text-Erläuterungen am Ende des Films helfen insofern nur bedingt, da man über sie im Vorfeld zu wenig erfahren hat. Das schmälert nicht, was sie alle errungen haben, lässt aber ihr Porträt hier umso unvollständiger erscheinen.


Fazit:
Den unverhohlen offenen Rassismus zu sehen und zu hören ist ebenso schockierend wie die tödliche Gewalt die denen entgegen gebracht wird, die sich für ihre verfassungsgemäßen Rechte einsetzen. So gibt es nicht wenige Momente in Ava DuVernays Selma, die unter die Haut gehen und sieht man den langen Protestmarsch und welche Wirkung er nicht nur bei den Menschen vor Ort entfaltet hat, dann macht das Mut, dass ein friedlicher Protest etwas bewirken kann. Doch ebenso sehr wie die Auswirkungen dieser Konfrontation steht in dem Drama die Figur von Martin Luther King im Mittelpunkt. Statt ihn umfassend vorzustellen, erfährt das Publikum nur rudimentäre Informationen, weswegen auch der Einblick in sein Privatleben skizzenhaft erscheint. Was ihn antreibt, weswegen er sich der Forderung mancher Mitstreiter nach Waffengewalt entzieht, wird nie angesprochen. So bleibt er zumindest für all diejenigen, die sich mit ihm und der Bürgerrechtsbewegung nicht zuvor bereits auseinandergesetzt haben, ebenso unnahbar wie die Schicksale, von denen Selma erzählt.
 


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