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Sein letztes Rennen [2013]

Wertung: 5.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 04. August 2014
Genre: Drama / Komödie

Laufzeit: 114 min.
Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2013
FSK-Freigabe: ab 6 Jahren

Regie: Kilian Riedhof
Musik: Peter Hinderthür
Darsteller: Dieter Hallervorden, Tatja Seibt, Heike Makatsch, Heinz W. Krückeberg, Frederick Lau, Katharina Lorenz, Otto Mellies, Mehdi Nebbou, Katrin Saß


Kurzinhalt:
Auch wenn sie es nie wollten, es bleibt Margot (Tatja Seibt) und Paul Averhoff (Dieter Hallervorden) nichts anderes übrig, als ihr gemeinsames Haus mit Obstgarten aufzugeben und in ein Heim zu ziehen. Ihre beruflich eingespannte Tochter Birgit (Heike Makatsch) hat es für sie ausgesucht. In der Einrichtung angekommen, werden die Averhoffs einem neuen Tagesrhythmus unterworfen. Neben festen Essenszeiten gibt es Gruppenarbeiten, die Paul an der Sinnhaftigkeit des Ganzen zweifeln lassen. Auch die Betreuerin Frau Müller (Katharina Lorenz), die immer wieder davon erzählt, dass dies die letzte Station vor dem Ende für die Bewohner sei, trägt dazu bei.
Selbst wenn er lieber gehen wollte, entschließt sich Paul für Margot zu bleiben, doch er beginnt zu trainieren. Einst ein gefeierter Marathonläufer, hat er es sich vorgenommen, beim Stadtmarathon in Kürze mitzulaufen. Dadurch erntet er nicht nur Spott von dem Bewohner Rudolf (Otto Mellies), auch seine Tochter ist am Verzweifeln. Der Pfleger Tobias (Frederick Lau) ist einer der ersten, der ihn unterstützt und auch für die anderen Patienten ist Paul bald so etwas wie ein Silberstreifen am Horizont ...


Kritik:
Dokumentationen und Berichte über die teils schockierenden Zustände in deutschen Alten- und Pflegeheimen gibt es derzeit zuhauf. Manche mehr, manche weniger seriös. Jede konstruktive Kritik hat dabei ebenso ihre Berechtigung wie jedes Lob. Doch statt auf die hygienische oder medizinische Situation, lenkt Filmemacher Kilian Riedhof in Sein letztes Rennen den Blick auf diejenigen, die jene Einrichtungen als ihr Zuhause annehmen müssen. Ihm gelingt ein berührender, ein wichtiger Film.

Auch und vor allem dank seiner beiden Hauptakteure Dieter Hallervorden und Tatja Seibt, die als Ehepaar Averhoff ins Heim kommen, nachdem sich Margot zum wiederholten Mal im Haushalt verletzt hat. Bislang konnten sie ihr Leben in ihren eigenen vier Wänden bestreiten, doch ist das Risiko, dass einem von beiden unbemerkt etwas geschehen könnte, einfach zu hoch. Ganz freiwillig gehen sie nicht, insbesondere der etwas starrköpfige Paul, der eine Legende im Leichtathletiksport war und 1956 in Melbourne bei den Olympischen Spielen den Marathonlauf gewann. Im Heim ist es vorbei mit ihrer Selbstbestimmung, nicht einmal ihre Betten stehen nebeneinander, sondern gegenüber. Dafür wartet der Tagesablauf mit einem Animationsprogramm: Singen, Kastanienmännchen basteln – Beschäftigungstherapie in der Endstation, wie es eine Patientin treffend sagt.

Für Paul ist es wie ein Gefängnis, für Margot die Möglichkeit, die belastende Verantwortung des Alltäglichen abzugeben. Vor beinahe 60 Jahren hat sie ihn zum Ziel in Melbourne geführt, doch seit ihrem gemeinsamen Sieg ist viel Zeit vergangen, sogar ihr gemeinsames Schwarzweißbild hat inzwischen einen Sprung bekommen.
Wer Dieter "Didi" Hallervorden aus seinen früheren Tagen kennt, sich an Nonstop Nonsens [1975-1980] oder Hallervordens Spott-Light [1994-2003] erinnert, der kennt ihn sowohl als treffenden Satiriker, aber auch als pointierten Kabarettist. Insbesondere in den 1980er-Jahren rutschten seine Kinorollen oft in den überdrehten Klamauk ab. Von letzterem ist hier nichts zu sehen. Er nimmt sich in Sein letztes Rennen so elegant zurück, dass die Szenen von Tatja Seibt und Margots Wirkung auf Paul umso greifbarer wird. Pauls Monolog in der Fernsehsendung ist wie ein Befreiungsschlag für eine ganze Generation, die heute in Heimen auf dem Abstellgleis auf den letzten Fährmann wartet und von den Pflegern und der Gesellschaft im Allgemeinen auch so behandelt wird. Ihrem differenzierten, warmen Spiel zuzusehen ist ein Privileg.

Als die übrigen Patienten des Heims erfahren, wer Paul ist und dass er trainiert, um in wenigen Monaten beim Berliner Stadtmarathon mitzulaufen, sind sie zuerst empört, angestachelt von Rudolf (toll gespielt von Otto Mellies), der sich in der Anführerrolle der Bewohner sehr wohlfühlt. Doch als sie merken, dass Paul es ernst meint, kippt die Stimmung und es schart sich eine treue Fangemeinde um ihn. Sie wissen nicht, dass Paul mit dem Laufen nur wieder begonnen hat, um ihm Heim nicht einzugehen. Für Margot ist er trotz gepackter Koffer geblieben, doch sich dem Rhythmus dort anzupassen, würde für bedeuten, dass er aufgeben würde. Das Motto der Averhoffs war dabei "Weiter, immer weiter!".

Mit welchem Stilmittel Regisseur Riedhof den Einfluss Pauls auf seine Mitpatienten unterstreicht, spricht Bände. Keimt in ihnen Hoffnung auf, findet er wieder Sinn in dem neuen Leben, werden die Farben kräftiger, das Bild heller und kontrastreicher. Wird ihnen dieser Ausblick genommen, sei es durch entmutigende Rückschläge oder Kommentare, beispielweise von der Betreuerin Frau Müller, dunkelt sich die Szenerie wieder ab. Glücklicherweise stellt Sein letztes Rennen die Leitung des Heims und die Pflegerinnen und Pfleger nicht als herzlose, profitorientierte Unmenschen dar, sondern unterscheidet auch hier. Selbst bei der jungen Frau Müller, die den Patienten andauernden von der Trostlosigkeit und dem nahenden Tod erzählt, erahnt man, dass die psychische Belastung dieser Umgebung sie schlicht überfordert hat. Eine bewusste Bösartigkeit kann man ihr nicht unterstellen. Ebenso wenig Pauls und Margots Tochter Birgit, die beruflich derart eingespannt ist, dass sie sich nicht um ihre Eltern kümmern kann. Statt mit den üblichen Klischees dieses sensiblen Themas zu arbeiten und mit dem Finger auf andere zu zeigen, verlässt sich der Filmemacher auf die facettenreichen Figuren und Geschichten, die das Leben schreibt. Er tut gut daran.


Fazit:
Gerade die Tatsache, dass die Averhoffs kein 'besonderes' Ehepaar sind, sondern Besonderes erlebt und geleistet haben, macht sie interessant. Wer kann in ihrem Alter keine Geschichten erzählen, keine Erfolge oder Rückschläge vorweisen? Kilian Riedhof begleitet sie in ein Heim, das den Bewohnern ein würdevolles Leben im Alter ermöglichen soll, sie aber gleichzeitig jeder Selbstbestimmung und Individualität beraubt. Das ist ebenso ein Widerspruch wie eine Herausforderung für die Patienten, ihr gewohntes Leben nach vielen Jahrzehnten hinter sich zu lassen.
Dass Sein letztes Rennen nicht in altbekannten Vorurteilen versinkt, liegt an der überlegten, greifbaren Geschichte und der warmherzigen, behutsamen Erzählung, der ihre Figuren wichtig sind. Aber auch an der tollen Bildersprache, der getragenen, angemessenen Musik und nicht zuletzt der hervorragenden Besetzung. Sie machen das stellenweise humorvolle Drama nicht nur für Zuschauer ihres Alters sehenswert, sondern gerade für eine Generation darunter. Schließlich waren auch Paul und Margot einmal jünger. Waren wir das nicht alle. Und werden wir nicht alle einmal wie sie?


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