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Millennium: Verblendung [2009]

Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 09. Februar 2012
Genre: Krimi / Thriller / Drama

Originaltitel: Män som hatar kvinnor
Laufzeit: 173 min.
Produktionsland: Schweden / Dänemark / Deutschland / Norwegen
Produktionsjahr: 2009
FSK-Freigabe: ab 16 Jahren

Regie: Niels Arden Oplev
Musik: Jacob Groth
Darsteller: Michael Nyqvist, Noomi Rapace, Lena Endre, Sven-Bertil Taube, Peter Haber, Peter Andersson, Marika Lagercrantz, Ingvar Hirdwall, Björn Granath, Ewa Fröling, Michalis Koutsogiannakis, Annika Hallin, Sofia Ledarp, Tomas Köhler, David Dencik, Stefan Sauk


Kurzinhalt:
Seine Story um den zwielichtigen Industriellen Wennerström (Stefan Sauk) fiel in sich zusammen, darum sieht sich der Journalist Mikael Blomkvist (Michael Nyqvist) einer Verurteilung wegen Verleumdung gegenüber. Dafür wird er drei Monate ins Gefängnis müssen, auch wenn er noch ein halbes Jahr Zeit hat, die Haftstrafe anzutreten. Das Magazin Millennium, für das er geschrieben hatte, steht mit ihm schlechter da, als ohne ihn. Da erscheint ein Anruf des wohlhabenden Henrik Vanger (Sven-Bertil Taube) vom Vanger-Konzern wie ein Geschenk des Himmels. Vanger bittet ihn auf sein Anwesen, wo er ihm ein Angebot unterbreitet: Für eine stattliche Summe soll Blomkvist das Verschwinden seiner Nichte Harriet (Ewa Fröling) vor 40 Jahren klären. 1966 verschwand die damals 16jährige spurlos und seither erhält Vanger jedes Jahr zu seinem Geburtstag eine gepresste Blume, wie Harriet sie für ihn machte. Es scheint, als wolle der Täter den 82jährigen bis in den Tod verhöhnen.
Als Blomkvist mit seiner Arbeit beginnt, gräbt er sich tief in den verzweigten und untereinander zerstrittenen Vanger-Clan ein. Doch aus manchen Notizen aus Harriets Tagebuch wird er nicht schlau. Da erhält er eine E-Mail einer Hackerin namens Lisbeth Salander (Noomi Rapace), die wohl schon seit geraumer Zeit auf seinem Laptop mitliest. Als Blomkvist sie zur Zusammenarbeit bewegen kann, scheinen sie in der Tat voran zu kommen. Doch entdecken sie dabei Zusammenhänge, die nicht den Vanger-Clan betreffen, sondern eine Mordserie an jungen Frauen vor über 40 Jahren ...


Kritik:
Der erste Teil der vielgerühmten und vieldiskutierten Millennium-Trilogie vollzieht beinahe unbemerkt den Wandel von Krimi zu Thriller in einer drei Stunden langen Geschichte, die für beide Hauptdarsteller zu einer Tour der Force wird. Für Noomi Rapace früher, als für Michael Nyqvist, für beide aber nicht weniger fordernd. Insbesondere die damals erst 29jährige Rapace überzeugt mit einer Darbietung, die sie aus dem Stand heraus zum international Star macht. Wie oft versuchen europäische Filmemacher, die großen Vorbilder aus Hollywood nachzuahmen, während es hier bei der Verfilmung von Stieg Larssons international gefeiertem Roman gelingt, das Publikum in einem solchen Sog gefangen zu nehmen, dass Hollywood sich selbst einlud, die Geschichte erneut umzusetzen? Romanautor Larsson starb 2004 an einem Herzinfarkt, seine drei fertig gestellten Bücher wurden postum veröffentlicht. Insgesamt soll er zehn Teile geplant haben, wobei offen bleibt, ob weitere der bereits skizzierten oder begonnenen Werke je das Licht der Welt erblicken.

Hat man immer wieder von Verblendung, Verdammnis und Vergebung [alle 2009] gehört, sich aber nie richtig damit beschäftigt, wird man von der facettenreich schattierten Welt, in die man als Zuseher versetzt wird, durchaus überrascht. Nicht nur, dass sich hier Figuren mit Ecken und Kanten finden, obwohl wir relativ wenig über ihren Hintergrund erfahren, interessieren sie uns. Und das nicht, weil die Geschichte sich Mühe gibt, sie vage und ominös zu halten, sondern weil wir uns fragen, wie sie zu den Menschen geworden sind, die wir kennenlernen. Am offensichtlichsten ist dies bei Lisbeth Salander, der verschlossenen Hackerin, die sich hinter ihrer dunklen Kleidung, den Piercings und ihrem androgynen Auftreten verschanzt. Was immer sie durchgemacht haben muss, hat sie zu der Person gemacht, die wir sehen. Dass sie hochintelligent ist, steht außer Frage, und trotz allem scheint sie sich zu kümmern. Zuerst, weil sie auf den in Ungnade gefallenen Journalisten Mikael Blomkvist angesetzt wird, der von einem Gericht wegen Verleumdung verurteilt wurde, und bis zum Antritt seiner Haftstrafe vom Firmenmagnaten Henrik Vanger engagiert werden soll. Und dann auch, weil sie sich in eine fremde Ermittlung einschält, als ihr ein Hinweis ins Auge springt. Umso mehr fühlen wir uns an ihrer Seite, als sie von ihrem neuen Vormund Bjurman misshandelt wird – und werden später bereitwillig zu ihrem Komplizen.
Der Reporter Blomkvist, der durch die Niederlage vor Gericht in seiner Zuversicht der Wichtigkeit seiner investigativen Arbeit so gekränkt ist, dass er beinahe gebrochen scheint, besitzt ebenso viele Facetten, derer sich das Drehbuch noch gar nicht annimmt. Stattdessen lenkt es den Blick auf die Großfamilie Vanger, deren bekanntestes Oberhaupt Henrik Blomkvist engagiert, einen 40 Jahre zurückliegenden Fall aufzuklären. Seine damals 16jährige Nichte Harriet verschwand eines Tages spurlos. Seither erhält Henrik jedes Jahr zu seinem Geburtstag eine gepresste Blume, wie Harriet sie ihm einst schenkte. Für Vanger ist diese andauernde Verhöhnung durch Harriets Mörder zu viel, er möchte vor seinem Tod Antwort darauf erhalten, was ihr widerfahren ist. Um diesem Geheimnis auf die Schliche zu kommen, taucht Blomkvist – und später auch Salander – tief in den Vanger-Clan ein, der bis hin zu Henriks nazisympathisierenden Brüdern reicht.

Als Herausgeber von Expo, eines antirassistischen Magazins, und als Experte für faschistische, rechtsextreme Bewegungen, lässt Larsson einen erschreckenden Realismus in die Struktur der Familie Vanger und ihrer dunklen Seiten mit einfließen. Was als Nachforschung bezüglich der verschwundenen Harriet beginnt, entwickelt sich in Verblendung auf kaum merkliche Weise in ein charakterbezogenes Drama, das schließlich in einem packenden Thriller mündet. Regisseur Niels Arden Oplev findet eine unaufgeregte, aber ebenso aussagekräftige Optik, die mit ihren kühlen, nicht minder eindrucksvollen Landschaftsaufnahmen und den Gegensätzen zur Großstadt ebenso zur dichten Atmosphäre beiträgt, wie der Kriminalfall, der uns immer wieder auffordert, mitzudenken und mitzurätseln. Dass wie man einen Hinweis deutet ganz entscheidend davon abhängt, was man zu finden hofft, beweist die Geschichte eindrucksvoll. Trotz der enormen Laufzeit ist Män som hatar kvinnor, was übersetzt " Männer, die Frauen hassen" bedeutet, keine Minute zu lang und nutzt jeden Moment, um die Figuren zu vertiefen oder das Geflecht der Vangers um neue Ebenen zu erweitern. Hervorragend gespielt, bleibt der Film aber nicht nur düster und brutal, sondern letztlich beinahe hoffnungslos.
Während die Erinnerung in Sonnenstrahlen badet, hält das Hier und Jetzt ein eisiger Winter im Griff. Auf vielerlei Weise verdeutlicht der Krimi, wie trostlos die Welt um die Figuren geworden ist. Die gezeigte Brutalität trägt dem Rechnung, ist aber für ein nervenschwaches Publikum schwer zu ertragen. Angesichts des so hart erkämpften und erlittenen Kraftaktes der Figuren, insbesondere der beiden Protagonisten, darf all das doch nicht umsonst gewesen sein. Oder doch?


Fazit:
Es ist wie so oft, dass die Vorstellung, dem perfiden Bösen kein Gesicht geben zu können, uns mehr ängstigt, als es letztlich in Person zu sehen. Angesichts des lang anhaltenden Schreckens, der die Menschen in der Region das Fürchten lehrte, ist allein der Gedanke daran, wie groß die verantwortliche Gruppe sein könnte, beunruhigend. Verblendung führt den Zuseher zwar hinters Licht, aber nicht auf eine böswillige Art und Weise. Vielmehr sind es unsere Vermutungen und Überzeugungen, die uns zu den Schlüssen führen.
Mit Bedacht auf die Charaktere und die Geschichte erzählt, ergeben sich Spannung und Atmosphäre aus ihnen, anstatt aus einer fahrigen Umsetzung. Das ist nicht nur erstklassiges europäisches Kino, sondern schlichtweg ein sehr gutes Thriller-Drama, das sich vor Hollywood ohnehin nicht zu verstecken braucht.


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