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Lord of War – Händler des Todes [2005]

Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 30. April 2006
Genre: Unterhaltung

Originaltitel: Lord of War
Laufzeit: 122 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2005
FSK-Freigabe: ab 16 Jahren

Regie: Andrew Niccol
Musik: Antonio Pinto
Darsteller: Nicolas Cage, Bridget Moynahan, Jared Leto, Ethan Hawke, Shake Tukhmanyan, Jean-Pierre Nshanian, Ian Holm, Yevgeni Lazarev, Eamonn Walker, Sammi Rotibi


Kurzinhalt:
Für Yuri Orlov (Nicolas Cage), der im Kindesalter zusammen mit seinem Bruder Vitaly (Jared Leto) und seinen Eltern aus der Ukraine nach Amerika, ist es prinzipiell nur das Verhältnis von Angebot und Nachfrage: Seit jeher bekriegen sich die Menschen auf der Welt und benötigen dafür Waffen – also ist auch immer eine Nachfrage hierfür vorhanden, und genau davon könnte auch er profitieren.
So steigt Yuri zu Beginn der 1980er Jahre in den Waffenhandel ein und weitet zusammen mit Vitaly das Geschäft ständig aus – bis der drogenabhängige Vitaly auf Entzug muss, und Yuri zum Einmannbetrieb wird. Auch wenn sich sein Leben in etwa entwickelt, wie er es sich vorstellt, inzwischen mit seiner Jugendliebe Eva (Bridget Moynahan) verheiratet, kommt der große Boom im Waffenhandel erst mit dem Fall des Eisernen Vorhangs. Doch die Konkurrenz schläft nicht, und so sieht sich Orlov immer häufiger mit Simeon Weisz (Ian Holm) konfrontiert, der vor vielen Jahren Yuris Bitte um Beteiligung am Geschäft ausgeschlagen hat; während sich Yuris Geschäftssinn gerade hier auszahlt und er Weisz immer einen Schritt voraus ist, ist ihm der Interpol-Agent Jack Valentine (Ethan Hawke) immer dichter auf den Fersen und sucht fieberhaft nach einer Möglichkeit, den Waffenschieber dingfest zu machen ...


Kritik:
Mit seinem erstaunlich aktuellen und hintersinnigen Science Fiction-Thriller Gattaca [1997] als Regiedebüt sorgte der damals 33jährige Andrew Niccol für Aufsehen; für sein zweites Projekt ließ sich der gebürtige Neuseeländer einige Jahre Zeit und präsentierte mit S1m0ne [2002] eine Mediensatire, die damals vielleicht noch etwas vor ihrer Zeit erschien.
Es ist kaum vorstellbar, dass ein so namhafter Regisseur Probleme haben sollte, ein neues Projekt in Hollywood zu finanzieren, zumal mit Nicolas Cage, Jared Leto, Ethan Hawke und Bridget Moynahan einige sehr bekannte und auch erfolgreiche Darsteller verpflichtet waren. Und doch musste Lord of War gänzlich mit Geldern aus dem Ausland finanziert werden, kein US-Studio wollte in das auf Tatsachen basierende Projekt investieren. Aus diesem Grund spalten sich auch die Verleihrechte im Kino wie im Heimvideomarkt weltweit zwischen einem Dutzend Firmen auf, von wem Niccols Film hierzulande auf Video veröffentlicht werden wird, ist derzeit nicht absehbar – und der überaus sehenswerte Film deswegen noch nicht einmal angekündigt.

Als Autorenregisseur behält Andrew Niccol nicht nur die künstlerische Kontrolle bei der Ausführung des Films, sondern steuert auch die Vorlage selbst bei; für die Erschaffung seiner Hauptfigur griff Niccol auf fünf tatsächliche Waffenhändler zurück, die er unter anderem bei seinen Recherchen zum Thema studierte. Auch der Militärdiktator Liberias basiert auf dem wirklichen ehemaligen Anführer des Landes, Charles Taylor.
Dass sich der Filmemacher somit mit seiner doch recht eindeutig bezogenen Position zum Thema Waffenhandel nicht besonders beliebt machte, ist verständlich; andererseits kosten ihn auch Zitate wie die Tatsache, dass die fünf größten Waffen exportierenden Länder die ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrates sind, Sympathien in den eigenen Reihen. Nichtsdestoweniger schildert Niccol auf ebenso erschreckende, wie eindrucksvolle Weise den Aufstieg des Waffenhändlers Orlov und den gleichzeitigen Abstieg der menschlichen Seite der Figur, ohne aber in Klischees zu verfallen, oder aber mit erhobenem Zeigefinger auf die moralische Verwerflichkeit der Situation hinzuweisen. Vielmehr soll man sich als Zuschauer selbst entscheiden, auf welcher Seite man Position beziehen möchte, auch wenn Niccol nicht verheimlicht, welche eigentlich die Richtige ist.
Die Verlagerung des Drehbuchs von der anfänglichen Satire hin zum handfesten Drama am Schluss erfolgt sehr gekonnt und unauffällig. Zudem hält der Filmemacher das hohe Niveau der pointierten und hintersinnigen Dialoge, was einen als Zuschauer gerade durch die trockenen "Lebensweisheiten" Orlovs immer wieder an die Absurdität dieser Thematik erinnert. Schade ist allerdings, dass das gesamte Geschehen aus Orlovs Sicht erzählt wird, und man gerade am Schluss etwas vermisst, dass die Geschichten der übrigen Figuren, wie Orlovs Frau Eva oder Interpol Agent Valentine, arg vernachlässigt wurden – angesichts der Länge des Films und des Informationsgehalts, wäre mehr aber auch kaum möglich gewesen.
Das Thema Gewalt behandelt Andrew Niccol sehr behutsam, versteckt es dabei aber ebenso wenig, wie er es in den Mittelpunkt der einzelnen Szenen stellt. Er ergründet vermeidet dabei bewusst, zu ergründen, woher die Gewalt rührt, schildert allerdings, mit welchen Mitteln sie ausgeübt wird und wer davon profitiert.
Dank der sehr gut umgesetzten Thematik, den überraschend vielschichtigen Charakterzeichnungen und den bemerkenswerten Dialogen lässt Lord of War nie Zweifel daran aufkommen, auf welcher Seite die Filmemacher Stellung beziehen, überlässt die Entscheidung aber doch dem Zuschauer selbst – und erzählt nebenbei die erschreckend realistische und deswegen so deprimierende Karriere eines Menschen, der mit dem Tod anderer sein Geld verdient.

Nicht nur, weil seine Figur in beinahe jeder einzelnen Szene zu sehen ist, wird Nicolas Cage in der Rolle des Waffenhändlers Orlov gefordert, wie sehr selten in den letzten Jahren; er bewahrt dem Filmcharakter dabei einerseits das menschliche Antlitz, zeigt aber gleichzeitig den immer tieferen Fall der Persönlichkeit dahinter und bringt dennoch in denjenigen Momenten, die Orlovs Schicksal in dem Sinne besiegeln auf subtilste Weise die Bedenken, den Kampf der Figur zum Ausdruck. Dass er für diese Rolle bei sämtlichen Auszeichnungen kategorisch übersehen wurde, liegt wohl weniger an seiner Leistung, die über jeglicher Kritik erhaben ist, als in der Natur des Films begründet, der bei Preisverleihungen ebenso gemieden wurde, die Studios bei der Produktion vor ihm zurück schreckten.
Seltener zu sehen, aber nicht weniger überzeugend spielt Bridget Moynahan, von der man gerade am Schluss gerne noch einen Auftritt gesehen hätte, die aber im Laufe des Films immer mehr an charakterlicher Tiefe gewinnt und für die Rolle exzellent besetzt wurde. Ebenso Jared Leto, der ebenso als Beispiel dafür dient, wie Yuri hätte aussteigen können, wie dafür, was aus ihm hätte werden können, wäre er derselben Sucht wie Vitaly verfallen.
Als Gegenspieler zum Waffenschieber Orlov wartet Ethan Hawke mit einer ebenso charismatischen wie tragischen Verkörperung des Interpol Agenten Valentine auf, der mit sämtlichen legalen Mitteln darum bemüht ist, Orlov das Handwerk zu legen. Hawke ist dabei Cage glücklicherweise vollauf gewachsen, was die Dialoge zwischen den beiden Figuren zu den Höhepunkten des Films werden lässt.
Der Kurzauftritt von Ian Holm ist ebenso gelungen, wie überraschend wieder vorbei; bemerkenswert ist dabei vor allem, welch unterschiedliche Rollenauswahl der inzwischen 75jährige trifft. Er agiert gewohnt routiniert und veredelt seine Szenen gekonnt.
Erschreckend realistisch mimen zudem Eamonn Walker und Sammi Rotibi, die als Liberianische Militärdiktatoren im Gedächtnis bleiben.
Der Cast ist, wie nicht anders zu erwarten, hervorragend ausgesucht und durch die mutige Vorlage auch entsprechend motiviert, die Figuren zum Leben zu erwecken – gerade bei diesem schwierigen Thema ist das eine Aufgabe, die besonderes Fingerspitzengefühl erfordert, und das alle Beteiligten eindrucksvoll unter Beweis stellen.

Bei der Umsetzung musste Filmemacher Niccol einige äußerst seltsame Überraschungen hinnehmen, so zeigten sich tatsächliche Waffenhändler überaus kooperativ und stellten der Filmcrew sogar echte Waffen und Panzer zur Verfügung – die Panzer-Reihe, die im Film zu sehen ist, wurde kurz danach von dem Besitzer an ein anderes Land verkauft. Die echten AK-47-Gewehre auszuleihen kam überdies billiger, als Attrappen anfertigen zu lassen. Bevor die besagte Szene mit der Panzer-Garnison gedreht wurde, informierten die Filmemacher wohlweislich die NATO, ehe die Verantwortlichen anhand der Satellitenbilder davon ausgehen würden, es würde tatsächlich eine Panzer-Armee für einen Militäreinsatz mobilisiert.
Weder mit Cutter Zach Staenberg (beteiligt an der Matrix-Trilogie), noch mit Kameramann Amir M. Mokri (Sag' kein Wort [2001]) arbeitete der Regisseur bislang zusammen, und doch harmoniert gerade die Optik auf bestechende Art und Weise, was man unter anderem bereits an dem einfallsreichen und sehr gelungenen, weil überraschenden Vorspann zu sehen bekommt. Auch im Film selbst überzeugt die Umsetzung durch exzellent eingesetzte Zeitlupen und wohl überlegte Perspektiven, die stellenweise eine bemerkenswerte Bildersprache sprechen. Handwerklich gibt es weder etwas zu bemängeln, noch besser zu machen; so wird Lord of War auch nie langatmig und gar langweilig, und das, obgleich sich die Action erfreulicherweise sehr im Hintergrund hält.

Selbiges gilt auch für die erstklassige Musik von Antonio Pinto, von dem einige außergewöhnliche Themen vor kurzem auch in Collateral [2004] zu hören waren. Pinto gelingt es einerseits, das Flair des jeweiligen Landes einzufangen, in dem sich Yuri Orlov gerade befindet, die Musik aber dennoch auf die Personen zuzuschneiden und doch die zeitgemäße, passende, gesungene Musik mit einfließen zu lassen.
In den notwendigen Momenten zieht der Score sowohl das Tempo an, und verdichtet sich gekonnt in den atmosphärischen Momenten. Für Fans ist die erschienene Soundtrack-CD damit durchaus einen Blick wert. Im Zusammenspiel mit den sehr guten Bildern hätte man sich keine passendere Musik wünschen können.

Dass es an der handwerklichen Umsetzung durch Andrew Niccol nichts zu bemängeln gibt ist zwar überaus erfreulich, angesichts seiner bisherigen Werke aber nicht verwunderlich. Viel interessanter und auch schwerer abzuschätzen war, wie sich Lord of War inhaltlich entwickeln würde; dabei gelang dem Regisseur und Autor das Kunststück, die Geschichte von Yuri Orlov zwar zu chronologisieren, dem Zuschauer im Laufe dessen auch diejenigen Momente aufzuzeigen, an denen sich die Zukunft des Waffenschiebers änderte, seinen immer tieferen Fall aufzuzeigen, ohne ihn aber sympathisch erscheinen zu lassen oder gar Mitleid für ihn zu wecken. Gleichzeitig wird er aber auch nicht als unmenschliches Monster hingestellt, sondern lediglich als moralfreier und gewissenloser Geschäftsmann – und derer gibt es weltweit leider viel zu viele.
Erstklassig verkörpert von Nicolas Cage und mit einem ebenso motivierten wie engagierten Cast an seiner Seite mag man der Vorlage den Vorwurf machen, dass das Geschehen ausschließlich aus Orlovs Sicht gezeigt wird, und damit unter anderem nicht klar wird, wie Orlovs Mitmenschen ihn unter anderem empfinden, die dieser Kritikpunkt fällt nicht zuletzt durch mutigen und entmutigenden Schluss nicht ins Gewicht.
Ein kühner Film mit einem ernsten Thema, aufbereitet für ein erwachsenes, reifes Publikum. Und nicht nur deswegen eine uneingeschränkte Empfehlung.


Fazit:
Antihelden finden sich in Filmen immer wieder, und bauen gerade dadurch eine Beziehung zum Publikum auf; es ist allerdings sehr gewagt, eine Figur in den Mittelpunkt zu rücken, die sich entweder jenseits des Gesetzes bewegt, oder aber in einer Grauzone – von dessen Moralvorstellungen einmal gänzlich abgesehen.
Erstaunlicherweise versucht Lord of War weder, Yuri Orlov als Sympathieträger einzubinden, noch ihn zu verteufeln. Dass man sich Andrew Niccols überaus sehenswerte und tadellos umgesetzte Waffenschieber-Satire dennoch vermutlich nicht sehr häufig ansieht, liegt einerseits in der grundlegend deprimierenden Thematik begründet, andererseits in dem zusätzlich zermürbenden Aspekt der Geschichte: Nicht nur, dass es rund um den Globus Menschen gibt, die dadurch ihren Reichtum vergrößern, dass sie den Ärmsten der Armen Waffen zur Verfügung stellen, sondern all diejenigen, die den Mut fassen, Orlov ändern oder aufhalten zu wollen, scheitern im Endeffekt.
So realistisch dies ist, es lässt einen als Zuschauer mit einem Gefühl der Hilflosigkeit zurück, dem man sich nur ungern aussetzt, und das man sich noch viel seltener eingestehen möchte.


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