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Labor Day [2013]

Wertung: 4 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 05. Mai 2014
Genre: Drama / Liebesfilm

Originaltitel: Labor Day
Laufzeit: 111 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2013
FSK-Freigabe: ab 6 Jahren

Regie: Jason Reitman
Musik: Rolfe Kent
Darsteller: Kate Winslet, Josh Brolin, Gattlin Griffith, Tobey Maguire, Tom Lipinski, Maika Monroe, Clark Gregg, James Van Der Beek, J.K. Simmons, Brooke Smith, Brighid Fleming


Kurzinhalt:
Es ist das erste Septemberwochenende 1987, kurz bevor die Schule wieder beginnt. Der 13jährige Henry (Gattlin Griffith) ist mit seiner alleinerziehenden Mutter Adele (Kate Winslet) beim Einkaufen, als ihn ein fremder Mann mit sichtbaren Verletzungen anspricht. Frank (Josh Brolin) macht Adele deutlich, dass sie keine andere Wahl hat, als ihn mit zu sich nach Hause zu nehmen. Er ist gerade aus der Haft geflohen und muss sich verstecken.
Während die Polizei eine großangelegte Suchaktion startet, macht sich Frank im Haushalt nützlich und findet unerwartet Zugang zu der zurückgezogen lebenden Adele. Henry sieht seinen Platz in der Familie bedroht, als er beobachtet, dass sie seine Mutter und Frank sich näher kommen. Dabei sind beide von ihren Erlebnissen so sehr gezeichnet, dass sie füreinander vielleicht die einzige Hoffnung auf einen Neuanfang sind ...


Kritik:
In seinem Liebesmelodram Labor Day erzählt Filmemacher Jason Reitman die Geschichte einer Familie, die sich über den Zeitraum eines Feiertagswochenendes im Jahr 1987 findet und wieder verliert. Basierend auf dem Roman Der Duft des Sommers von Joyce Maynard [2009] packt das Drehbuch viele Entwicklungen zusammen, versucht darin Parallelen und Widersprüche zu finden und scheitert nur dank der herausragenden Darsteller nicht an dem dick aufgetragenen Kitsch, in dem sie sich verfangen.

Dass der Filmemacher (bekannt geworden unter anderem durch Thank You for Smoking [2005], Juno [2007] oder Up in the Air [2009)] ein Gespür für getragene Bilder hat, die mühelos die schwüle Hitze des ersten Septemberwochenendes, des Labor-Day-Wochenendes, einfangen, sieht man bereits am Vorspann. Die Farbgebung, die Perspektiven, allein das Gefühl, mit dem die Leinwand vibriert, lässt keinen Zweifel an der Zeit aufkommen, in der die Geschichte spielt. Auch wenn der Look ebenso in die 1960er Jahre hätte passen können.
Henry erzählt aus dem Off, was an jenem Wochenende geschehen ist, wie er bei seiner Mutter aufgewachsen war und als 13jähriger merkte, dass egal, wie sehr er sich um die zurückgezogene Frau kümmern würde, er ihr nicht all das geben konnte, was sie so schmerzlich vermisste.

Labor Day lässt sich viel Zeit damit, das Trauma, das Adele seit vielen Jahren verfolgt, das sie in die Isolation in ihrem eigenen Haus drängte, aufzuarbeiten. Und wenn es soweit ist, packen die Bilder, die Einblick in Adeles Vergangenheit bieten. Es ist eine Rückblickebene, die Jason Reitman in die Erzählung einarbeitet. Eine weitere wird aus der Sicht von Frank gezeigt, ein entflohener Sträfling, der sich verletzt bei Adele und Henry einquartiert und damit den Status quo, mit dem sich beide bis dahin arrangiert zu haben schienen, deutlich verändert. Urplötzlich ist Henry nicht mehr der Herr im Haus, er ist, nachdem sich Frank und Adele näher kommen, nicht einmal mehr die wichtigste Person in ihrem Leben und wird von ihr nicht mehr in dem Maße gebraucht. Und das in einer Zeit, in der er durch seine Pubertät jeden Tag mehr entdeckt, als er verarbeiten kann. Dass ihm die neu in die Stadt gezogene Eleanor mit ihrer aufgesetzten Abgebrühtheit Flausen in den Kopf setzt, dass Frank ihn aus dem Haus drängen möchte, er zurückgelassen wird, wenn seine Mutter mit dem neuen Mann in ihrem Leben nach Kanada gehen wird, hilft Henry nicht.

Doch hier liegt das Grundproblem der Geschichte, die so dicht gepackt Veränderungen an allen drei zentralen Figuren entwickelt, dass dies über den Zeitraum von nur einem verlängerten Wochenende einfach unglaubwürdig klingt. Sei es bei Adele, die mit dem gesuchten Sträfling im Haus nach kurzer Zeit alle Vorsicht und Angst, die sie wohl gemerkt meist daran hindert, das Haus zu verlassen, über Bord wirft und sich auf eine romantische Beziehung mit ihm einlässt.
Frank auf der anderen Seite entpuppt sich als stiller Gentleman, der Backen und Kochen kann, mit Adele tanzt, das Auto repariert, die Dachrinnen säubert, das Haus in Schuss bringt und den Ofenfilter reinigt – und das alles in weniger als einer Woche. Es ist, als hätten sich zwei Abziehbilder gefunden, um sich zu ergänzen. Dass Labor Day trotz der immens kitschigen Momente, zu denen auch eine Backstunde im Stil der Töpferei aus Ghost - Nachricht von Sam [1990] zählt, nicht in sich zusammenbricht, liegt an der fabelhaften Besetzung. Kate Winslet verleiht Adele in ihrer Haltung, ihrem Blick und ihrem Zögern mehr Nuancen, als Henry im Off-Kommentar beschreiben kann. Und sieht man Josh Brolins wehmütigen, sanften Blick, kann man nur erahnen, welche Wut ihn zu seinem Verbrechen getrieben haben muss.

Franks Rückblenden von Adeles zu unterscheiden gelingt nur, wenn man sich auf die gezeigten Figuren konzentriert. Es ist weder schlüssig, in welchen Momenten Reitman zurückspringt, noch unterscheidet er beide Erzählebenen handwerklich voneinander. Auch behält er sich Antworten zu einigen Schlüsselfragen vor, was allerdings dafür sorgt, dass man sich selbst mehr Gedanken zum Gezeigten macht. Sei es, wer das Wasser in die Badewanne eingelassen hat, oder wer überhaupt dafür verantwortlich ist, dass die Familienidylle einen unerwarteten Ausgang nimmt. Wer den Film gesehen hat, wird wissen, was gemeint ist.
Doch das ändert nichts daran, dass sich Labor Day über weite Strecken anfühlt, als würde man einem lebendig gewordenen Herzschmerzroman beiwohnen, der die bekannten Schalter drückt, um sein Ergebnis zu erzielen, anstatt mit glaubwürdigen Figuren ein Lehrstück irgendeiner Art zu erzählen.


Fazit:
Zur hervorragenden Optik gesellt sich eine unterschwellige Musik von Rolfe Kent, der unterstreicht, wie zerbrechlich das vermeintliche Familienglück tatsächlich ist. Selbst die Nebenfiguren sind toll besetzt, der junge Gattlin Griffith in der Rolle des Henry steht dem in nichts nach. Dass die reißbretthaften Figuren von Adele und Frank und ihre Liebesgeschichte im Schnelldurchgang berührt, liegt an Kate Winslet und Josh Brolin, die nicht nur beiden Charakteren facettenreich Leben einhauchen, sondern auch eine stimmige Chemie entwickeln.
Die kitschigen Momente, von denen es in Labor Day mehr gibt, als dem Film gut tun, können sie allerdings nicht alle überspielen. Die Auflösung ist dabei für ein Melodram zu versöhnlich, soll aber wohl einen Hoffnungsschimmer am Horizont aufzeigen. Regisseur Jason Reitman äußerte im Vorfeld selbst Bedenken, dass ihn das komplexe Drama womöglich überfordern könnte und er diese andere Art Film im Vergleich zu seinen bisherigen nicht beim ersten Mal treffen könnte – damit zumindest hat er Recht behalten.


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