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Knives Out – Mord ist Familiensache [2019]

Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 10. Mai 2020
Genre: Krimi / Unterhaltung

Originaltitel: Knives Out
Laufzeit: 131 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2019
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Rian Johnson
Musik: Nathan Johnson
Besetzung: Daniel Craig, Ana de Armas, Jamie Lee Curtis, Michael Shannon, Chris Evans, Don Johnson, Toni Collette, Christopher Plummer, Lakeith Stanfield, Katherine Langford, Jaeden Martell, Riki Lindhome, Edi Patterson, Frank Oz, K Callan


Kurzinhalt:

Der erfolgreiche und reiche Krimiautor Harlan Thrombey (Christopher Plummer) wird am Tag nach seinem 85. Geburtstag tot aufgefunden. Alles deutet auf Selbstmord hin. Den Ermittlungen von Polizist Elliott (Lakeith Stanfield) wohnt der berühmte Privatdetektiv Benoit Blanc (Daniel Craig) bei. Sie führen Befragungen der Familienangehörigen durch, angefangen bei Harlans Kindern, zu denen Geschäftsfrau Linda (Jamie Lee Curtis) und Walt (Michael Shannon) gehören, der Thrombeys Romane verlegt. Auch Schwiegertochter Joni (Toni Collette) soll sich äußern, ebenso wie Lindas Ehemann Richard (Don Johnson) oder ihr Sohn und Harlans Enkel, Hugh (Chris Evans), der mit seinem zweiten Vornamen gerufen wird, Ransom. Bei den Gesprächen werden für Blanc zwei Dinge deutlich: 1. die Familie ist nicht so harmonisch, wie es auf den ersten Blick scheint und 2. viele hätten durchaus ein Motiv gehabt, das Familienoberhaupt zu töten. Für unschätzbaren Wert bei den Ermittlungen ist Harlans Krankenschwester Marta (Ana de Armas), die unmittelbaren Einblick in die Familie hat und Harlans Vertraute war. Dass sie auf Grund einer körperlichen Besonderheit nicht lügen kann, macht ihre Aussage umso wertvoller …


Kritik:
Es gehört durchaus Mut dazu, einen im Kern klassischen Krimi mit einer hochaktuellen politischen Aussage zu verbinden und diese dem geneigten Publikum in einer spritzigen Erzählung zu servieren, die trotz der bekannten Hollywoodstars nicht auf Actionmomente, sondern auf die Figuren setzt. Regisseur Rian Johnson gelingt mit Knives Out – Mord ist Familiensache eine tolle Hommage an die Krimiklassiker von Agatha Christie, mit der er der Gesellschaft gleichzeitig den Spiegel vorhält.

Zu Beginn ist es noch ein Kriminalfall wie jeder andere: Der reiche Autor Harlan Thrombey soll an seinem 85. Geburtstag Selbstmord begangen haben. Die Polizei ermittelt, unterstützt durch den prominenten Privatdetektiv Benoit Blanc, und befragt die für die Trauerfeier versammelte Familie. Die scheint anfangs sehr harmonisch und jeder für sich erfolgreich. Aber schon bei der ersten Befragung ergeben sich Ungenauigkeiten und Abgründe tun sich zwischen den einzelnen Personen auf, die nahelegen, dass viele von ihnen ein Motiv gehabt hätten, Harlan zu ermorden. Dass vor allem die Interaktionen der Figuren untereinander überaus amüsant gestaltet sind, trägt zu dem spürbar leichtfüßigen Flair von Knives Out bei, dessen Besetzung erlesener kaum sein könnte.

In der Hauptrolle des zunehmend selbstdarstellerischen, berühmten Detektivs Blanc spielt Daniel Craig herrlich gegen sein Image als schweigsam berechnender Geheimagent an. Christopher Plummer ist in der Rolle des verschiedenen Familienoberhaupts ebenso fantastisch besetzt wie Jamie Lee Curtis, Don Johnson, Michael Shannon, Toni Collette und Chris Evans, der recht spät die Bühne betritt. Eine weitere zentrale Figur wird von Ana de Armas verkörpert, die als Harlans Pflegerin Marta Cabrera von den zahlreichen Geheimnisse und Streitereien innerhalb der Familie erfahren hat und eine der wenigen Personen war, die Harlan in seine Pläne eingeweiht hat. Marta kommt aus Südamerika und je nachdem, wann dieser Umstand im Film erwähnt wird, wird ein anderes Herkunftsland von den nach außen hin so besorgten Familienmitgliedern genannt. Die betonen stets, wie wichtig Marta für den Patriarchen gewesen sei und gerät die Diskussion am Abend auf die allgemeine Situation der Einwanderer, sind sich die meisten Familiemitglieder einig, dass diese in ihren Ursprungsländern bleiben sollten – wenn sie nicht den „richtigen“ Weg wie Marta wählen und sich durch harte Arbeit einen Platz in diesem Land erarbeiten.
Sieht man sich genau diesen Storyaspekt an, dann ist es geradezu eine Freude zu sehen, wie sich die scheinheilige Freundlichkeit der Thrombey-Familie Marta gegenüber ab einem gewissen Punkt im Film schlagartig wandelt. Die Richtung, in die sich die Story am Ende entwickelt, könnte passender kaum sein.

Diesen gesellschaftskritischen Kommentar bewusst hervorzuheben, gelingt Regisseur und Drehbuchautor Rian Johnson bemerkenswert gut und er prägt die zweite Filmhälfte spürbar. Der Aspekt verleiht der Geschichte eine neue Richtung, wenn die ursprüngliche Frage, was mit Harlan Thrombey in jener Nacht passiert ist, bereits sehr früh beantwortet wird. Zwar behält sich Knives Out noch ein paar Überraschungen für das letzte Drittel vor, das eigentliche Rätsel, ob der Todesfall ein Selbstmord oder ein Mord war, und wenn letzteres, wer der Täter ist, wird schon früh, für die Dramaturgie in gewisser Hinsicht zu früh, gelöst. Was folgt, ist von der herausragenden Besetzung nicht weniger sehenswert gespielt und es ist dank der pointierten Dialoge stets unterhaltsam – aber es lädt nicht mehr zum Miträtseln ein wie noch zu Beginn.
Bedenkt man diesen Umstand, ist der Krimi schlussendlich auch eines: Etwas zu lang. Mit zahlreichen Schauplatzwechseln in der zweiten Filmhälfte, einer Verfolgungsjagd, die zwar zum Schmunzeln einlädt, aber letztlich nicht notwendig ist, verliert der Film einen Teil der Atmosphäre, die ihn anfangs ausgezeichnet hat und die sich merklich an klassischen Krimis orientierte. Das ist angesichts des Gesamtergebnisses aber nur ein kleiner Kritikpunkt.


Fazit:
Die namhafte Besetzung ist spürbar fantastisch aufgelegt und harmoniert auch dann sichtlich miteinander, wenn einzelne Figuren nur wenig in die laufenden Ermittlungen eingebunden sind. Aber gerade um Hauptfigur Benoit Blanc könnte man sich weitere Krimis vorstellen. Die Story selbst legt auf diesen Aspekt anfangs und am Ende mehr Wert, als im Mittelteil. Die nicht ganz subtil eingewobene Sozialkritik hebt den Film auch inhaltlich über das Genre hinaus, entschädigt aber nicht ganz dafür, dass der Rätselspaß selbst zur Hälfte des Films wenn nicht zum Erliegen kommt, sich dann jedoch inhaltlich so weit verschiebt, dass es bedeutend weniger packt. Nichtsdestotrotz ist Knives Out – Mord ist Familiensache ein toll gespielter, clever aufgebauter und klug erzählter Krimi, der nicht von seinen vielen Anleihen an Klassiker des Genres lebt, sondern stattdessen eigene Wege sucht, eine überraschende Geschichte zu erzählen. Dass Regisseur Rian Johnson dies außerdem in stimmungsvollen Bildern und mit einem Gespür für atmosphärischen Szenenaufbau umsetzt, ist gewissermaßen das Sahnehäubchen. Für Krimifans ist Knives Out eine uneingeschränkte Empfehlung, man sollte nur kein rein klassisches Rätselraten nach dem „Wer war es?“-Prinzip erwarten.
 


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