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Hotel Ruanda [2004]

Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 20. Juli 2005
Genre: Drama / Kriegsfilm

Originaltitel: Hotel Rwanda
Laufzeit: 121 min.
Produktionsland: Großbritannien / Italien / Südafrika
Produktionsjahr: 2004
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Terry George
Musik: Rupert Gregson-Williams, Andrea Guerra, Martin Russell
Darsteller: Don Cheadle, Sophie Okonedo, Desmond Dube, Nick Nolte, Hakeem Kae-Kazim, Tony Kgoroge, Joaquin Phoenix, Mathabo Pieterson, Ofentse Modiselle, Mosa Kaiser, Fana Mokoena, Ashleigh Tobias


Kurzinhalt:
Im April 1994 sieht ein großer Teil der Bevölkerung Ruandas endlich friedlichen Zeiten entgegen, Präsident Habyarimana hat einen Friedensvertrag mit den Tutsi-Rebellen unterzeichnet und Paul Rusesabagina (Don Cheadle), dessen Ehefrau Tatiana (Sophie Okonedo) Tutsi ist, hofft auf gute Zeiten für seine Familie.
Doch dann wird der Präsident ermordet, und über Nacht verwandelt sich die Hauptstadt Kigali in ein Moloch der Gewalt und des Hasses. Bei seiner Arbeit im Hotel des Mille Collines, wo Paul als stellvertretender Manager tätig ist, ist von den Unruhen hingegen kaum etwas zu spüren, hier beschützt die UN unter Leitung von Colonel Oliver (Nick Nolte) das verbliebene UN-Personal, die Journalisten und Touristen, die zur Friedensvereinbarung angereist waren. Stündlich gibt es neue Schreckensmeldungen aus den Randgebieten Kigalis und wenige Tage nach den ersten Unruhen, ist klar, dass die Hutu-Milizen nicht nur jeden Tutsi als Feind ansehen, sondern auch Hutus, die den Tutsi freundlich gesinnt sind.
So flüchtet Paul mit seiner Familie ins Hotel, andere Flüchtlinge, Hutu und Tutsi tun es ihm gleich – in der Hoffnung, dass die Milizen vor den UN-Soldaten Halt machen werden. Doch dann bekommt Colonel Oliver den Befehl, alle Ausländer zu evakuieren, und das Land sich selbst zu überlassen. So hat Paul innerhalb weniger Tage ein Hotel voller Flüchtlinge inmitten der von Milizen belagerten Stadt, und keine Waren mehr, um die vor Ort befindliche Hutu-Armee zu bestechen, das Hotel zu beschützen. Dabei haben die Soldaten selbst bemerkt, dass sich die extremistische Miliz in ihrem Blutdurst nicht mehr kontrollieren lässt ...


Kritik:
Ruanda wurde Ende des 19. Jahrhunderts von den Europäern kolonisiert, und abwechselnd hatten sowohl Deutschland, als auch Belgien und Frankreich die Hohheit im Land der Tausend Hügel (französisch "Pays de Mille Collines"), wie Ruanda auch genannt wird – dabei führte Belgien die Teilung der Bevölkerung in Hutu und Tutsi ein, basierend auf einer helleren Hautfarbe mit schlankeren Nasenflügeln (Tutsi) oder dunklerer Hautfarbe mit breiten Nasenflügeln (Hutu), eine Teilung, die sich bis heute gehalten hat. Seine Unabhängigkeit erhielt Ruanda 1962.
Wer am Abend des 6. April 1994 das Flugzeug des ruandischen Präsidenten Juvénal Habyarimana beim Heimflug nach erfolgreichen Friedensverhandlungen abschoss, ist bis heute nicht geklärt. Der Hutu-Präsident, der Ruanda 20 Jahre lang mit einer Militärdiktatur regierte, begünstigte nicht nur die Hutus im eigenen Land, sondern unterstützte auch die Hutu-Mehrheit im Nachbarstaat Burgundi, die jedoch von einer Tutsi-Regierung angeführt wurde. Die von den Tutsi-Rebellen dominierte Partei RPF (Ruandische Patriotische Front) bedrohte die ruandische Regierung dabei ebenso wie Extremisten unter den Hutus, die mit dem Friedensvertrag zwischen Habyarimanas Regierung und der RPF nicht einverstanden waren und ihren Präsidenten als zu schwach empfanden. Über die Hintergründe der Ermordung Habyarimanas gibt es zahlreiche Theorien, doch wer auch immer hierfür verantwortlich, hat den Tod von über 800.000 Menschen in Ruanda zu verantworten.
Bereits einen Tag nach Habyarimanas Tod begann in der Hauptstadt Kigali eine Welle der Gewalt, die sich kaum in Worte fassen lässt. Hutu-Milizen, Teile der Armee und jugendliche Mördertruppen, Interahamwe genannt, schlachteten sowohl Tutsis, als auch Opposition und vermeintliche Verräter unter den Hutus ab – wenige Tage später gibt es eine halbe Million Tote. Die UNO-Soldaten, die als Friedenshalter in Ruanda stationiert waren, hatten von der UN die Anweisung bekommen, nicht einzugreifen und wären gegen die Aufständischen auch hoffnungslos unterlegen gewesen. Inmitten des Chaos und der Gewalt stand das Hotel des Mille Collines, in dem Personal der UNO, Friedensbeobachter und Journalisten untergebracht waren und deswegen von den Milizen weitgehend verschont blieb. Dorthin flüchteten immer mehr Menschen in Kigali, die sich in den Mauern und mit den UNO-Soldaten sicher glaubten – ehe die UN beschloss, alle ausländischen Besucher Ruandas und die Soldaten abzuziehen.

Drehbuchautor und Regisseur Terry George wählt diese zweifelsohne erschreckende Stunde in der Geschichte der UNO, die gleichzeitig eines der dunkelsten Kapitel der modernen Zivilisation darstellt, um eine Geschichte zu erzählen, die zwar einerseits die grauenhaften Verbrechen der Milizen in Ruanda veranschaulicht, aber vor allem eine Zivilcourage in den Mittelpunkt stellt, die kaum jemand in seinem Leben hätte aufbringen können. George erzählt die Geschichte von Paul Rusesabagina, der inmitten des Chaos das Hotel des Mille Collines als eine Oase der Ruhe bewahrte und darin so viele Menschen aufnahm, wie er nur irgendmöglich konnte. Gegen alle Widrigkeiten zum Trotz, unter Bedrohung seines eigenen Lebens und auf sich allein gestellt, kämpft Rusesabagina für das Leben seiner Familie und das der über 1000 Flüchtlinge, die das Mille Collines als Zuflucht nutzen.
Zuschauer werden bemerken, dass die Vorlage dabei sehr wenig auf den Ursprung des Konflikts eingeht, und in der Tat bekommt man die politischen Machenschaften nur am Rande erklärt, wer sich nicht zuvor zumindest im Groben mit der Thematik auseinander gesetzt hat, wird sicherlich Verständnisprobleme bekommen. Auch die Massaker, Massengräber und Schändungen werden nicht in dem Maße beleuchtet, wie es in anderen Produktionen der Fall ist – stattdessen bekommt man den Film aus der Sicht von Paul Rusesabagina geschildert, der über Nacht mit ansehen muss, wie die Hauptstadt Kigali in Unruhen begraben wird, wie sich Tote die Straßenränder säumen und trotz der tödlich-hitzigen Situation über das propagandistische Radioprogramm weiterhin Hetz- und Hassparolen verteilt werden, die den meist sehr jungen bewaffneten Kämpfern jede Hemmung nehmen.
Auf sehr subtile Weise geht das Skript von der anfänglichen Hilflosigkeit der Beteiligten einen Schritt auf das stille, meist unbeachtete Heldentum zu, bei dem sich Paul für die Flüchtlinge einsetzt, ihr Leben von den Hutu-Soldaten erkauft, mit ihnen verhandelt um so viele Menschen wie möglich in Sicherheit zu bringen. Gerade jene Szenen sind es, die einem als Zuschauer einen Schauer über den Rücken jagen, wenn die Figuren im Film über Menschenleben wie eine Ware, ein teures Gut verhandeln – viele Momente in Hotel Ruanda verursachen einen Kloß im Hals des Publikums, und während immer wieder angesprochen wird, dass weder die UNO, noch sonst eine Regierung der Welt in den blutigen Konflikt eingreift (vielmehr Frankreich die Hutus noch mit Waffen versorgt), kommen auch jene zu Wort und werden beleuchtet, die bis zum letzten Moment im Land geblieben sind, auf Drängen der UNO evakuiert wurden und sich zurecht für das Verhalten ihrer eigenen Landsleute im Ausland geschämt haben.
Diese Vorwürfe muss sich sowohl die UNO, wie jedes andere Land der Welt gefallen lassen, sind sie doch historisch nicht zu entkräften. Dank einiger sehr bewegender Szenen und vieler ausgezeichneter Dialoge (insbesondere jene in der zweiten Filmhälfte), gelingt es den Autoren Terry George und Keir Pearson außerdem, auch kleineren Figuren Leben einzuhauchen, ohne jedoch auf Klischees oder bekannte Muster zu setzen.

Den Drehbuchautoren kann man schon deswegen gratulieren, da es ihm gelingt, alle Beteiligten, allen voran Don Cheadle und Sophie Okonedo, zu Höchstleistungen anzuspornen. Cheadle, der für seine Leistung zurecht mit einer Oscarnominierung belohnt wurde, gelingt mit seiner ruhigen, besonnenen und doch zum Ende hin sehr emotionalen Verkörperung des Paul Rusesabagina die zweifelsohne beste Leistung seiner Karriere. Die forderndsten Szenen hat er dabei sowohl am Ende in den Gesprächen mit General Bizimungu, als auch bei Rusesabaginas Zusammenbruch, der einem als Zuseher dauerhaft in Erinnerung bleibt. Vor dem Dreh traf sich der Darsteller außerdem mit dem echten Paul Rusesabagina.
Aber seine Ko-Darstellerin Sophie Okonedo, die bislang hauptsächlich aus britischen TV-Produktionen bekannt ist, steht dem in nichts nach – als Mutter und Ehefrau, den Tutsi angehörend und damit in ständiger Angst, harmoniert sie mit Cheadle vor der Kamera, wie man es sich kaum vorstellen könnte.
Abgerundet wird das Ensemble, neben einem eindrucksvollen, wenn auch verschwindend kleinen Gastauftritt eines französischen Darstellers, durch Nick Nolte, Joaquin Phoenix und eine große Anzahl Nebendarsteller, die aber allesamt hervorragende Arbeit leisten und nie das Gefühl aufkommen lassen, als würde man sich eine Filmumsetzung, sondern vielmehr eine Dokumentation ansehen. Noltes Figur basiert dabei auf dem tatsächlichen General Roméo Dallaire, der zu jener Zeit in Ruanda das Kommando innehatte und sich gegen die Anweisungen seiner Vorgesetzten so weit es ging für die Menschen im Hotel einsetzte – wofür er auch gerügt wurde. Auf Grund schweren Depressionen nach dem Einsatz wurde er 2000 aus der kanadischen Armee entlassen und unternahm zwei Selbstmordversuche, im festen Glauben, er trage eine Mitschuld an dem Genozid in Ruanda. Wenig später veröffentlichte er das Buch Handschlag mit dem Teufel : Die Mitschuld der Weltgemeinschaft am Völkermord in Ruanda [2003], in dem er sich mit seinen Erlebnissen und dem Geschehen in Ruanda auseinandersetzt.
Dass ausgerechnet in einem Independentfilm dieser Größe so viele unbekannte und doch talentierte Darsteller gefunden wurden, überrascht auf den ersten Moment, verdeutlicht jedoch, dass den Produzenten die bestmögliche Umsetzung des provokativen Stoffes wichtig war.
Mehr kann man sich als Zuschauer nicht wünschen.

Inszenatorisch gibt sich Hotel Ruanda zwar sichtlich konservativer, als es bei manch anderen Filmen jener Art der Fall ist, überzeugend ist jedoch allezeit die Perspektivenwahl der Beteiligten, die die Gewalt nicht in Großaufnahme darstellen, und auch bei den emotionsgeladenen Szenen nicht auf das Leid der Beteiligten halten, sondern auch dem Zuschauer genügend Raum gewähren. So gehört auch auf Grund des gelungenen Aufbaus jene Sequenz zu den bestfotografierten, in denen das UN-Personal und alle übrigen Ausländer vom Hotel evakuiert werden und sogar die Missionare der Kirchen die Kinder und Einwohner Ruandas zurücklassen müssen. Die sehr gute, überlegte Schnittarbeit zahlt sich zudem gerade am Ende des Films aus, wenn die Spannung während der Fahrt des Konvoi aus Kigali nochmals angezogen wird.
Handwerklich gibt es bei Terry Georges Inszenierung nichts auszusetzen, auch wenn sein Stil ohne große Überraschungen daher kommt.

Ein wenig enttäuschend ist jedoch die musikalische Untermalung des Films geraten, wobei Komponist Rupert Gregson-Williams, Bruder des bekannten Filmkomponisten Harry Gregson-Williams (Königreich der Himmel [2005]) wohl den größten Einfluss hatte.
Enttäuschend ist der Score insofern, als dass er zwar einige gute Themen zutage fördert, von denen eines (mit einem Chor versetzt) wirklich bewegend geraten ist, aber alles in allem ein musikalisches Konzept vermissen lässt. So gibt es einige Stücke, die sphärisch zurückhaltend sind, in anderen kommt eine dezenter Synthesizer zum Einsatz und das letzt wartet schließlich mit dem erwähnten Chor auf.
Doch die Stücke scheinen gerade in den bewegenden Szenen nicht die notwendige Zugkraft zu besitzen, der Einsatz der Musik wirkt außerdem an einigen Stellen etwas plötzlich, wohingegen an anderen überraschenderweise gar keine Musik zu hören ist. Von den einprägsamen und hervorragenden Themen der jüngsten, thematisch ähnlichen Hans Zimmer-Soundtracks (z.B. Tränen der Sonne [2003]) ist dieser Score jedoch weit entfernt und man könnte ihn gar als das schwächste Element des Films bezeichnen.

Knapp 10 Jahre sind vergangen, seit in Ruanda unter den Augen der Weltöffentlichkeit Hunderttausende Menschen den Tod fanden (die USA, die wie einige andere Staaten auch einen Einsatz der UNO mit ihrem Veto verhinderten, mieden in Presseerklärungen und Veröffentlichungen verständlicherweise das Wort "Genozid", Völkermord, da dies die UNO zum Eingreifen gezwungen hätte) – die UNO, handlungsunfähig durch ein fehlendes Mandat, blickte ihrer dunkelsten Stunde entgegen, während in Ruanda selbst die Menschen hofften, dass die übrige Welt einschreiten würde.
Diesen Konflikt, der auch in unserer Zeit so schnell in Vergessenheit geraten ist und von vielen Menschen gar nicht aktiv wahrgenommen wurde, weil eben nicht wie in Somalia 1993 amerikanische oder internationale Soldaten im Kugelhagel den Tod fanden. Doch weitaus wichtiger, als die Untätigkeit der Welt anzuprangern, gelingt es Hotel Ruanda, die Courage des Einzelnen im Angesicht unvorstellbaren Grauens herauszustellen. Diesen Mut gilt es zu respektieren und er sollte auch bewundert werden – es verdeutlicht neben der Tatsache, dass die Menschen in solchen Zeiten ihre besten, aber auch ihre schlimmsten Seiten zeigen können, zudem, dass die größten Helden nicht zwangsläufig an vorderster Linie stehen und mit Waffengewalt gegen die Angreifer ankämpfen müssen, sondern dass bedeutend mehr dazu gehört, ohne Waffen sein Leben bedingungslos dem Schutz anderer zu widmen.


Fazit:
Für Regisseur Terry George, der zu Recherchezwecken mit dem Ehepaar Rusesabagina nach Ruanda flog, war der erste große Film in beinahe 10 Jahren – dabei dauerte die Vorbereitung von Hotel Ruanda mehrere Jahre. Er selbst gestand ein, die Grausamkeiten, die während des Aufstandes begangen wurden, absichtlich nicht in den Mittelpunkt zu stellen und großteils dem Zuschauer auch vorzuenthalten, sei es nur, um ein größeres Publikum für das Thema zu interessieren.
In der Tat verwundert es auf den ersten Blick, dass das Drama sichtlich persönlicher gehalten wird und auch nur gezeigt wird, was Paul Rusesabagina selbst sieht. Doch genau dadurch gewinnt George den Zuschauer für seine Figuren, die lebensnah gezeichnet sind, exzellent verkörpert werden und weder in ihren Entscheidungen, noch ihren Gesprächen heroisiert scheinen. Dass der Film dabei nicht nur die UNO selbst oder die USA, sondern die gesamte Weltöffentlichkeit, die tatenlos zusah anprangert, ohne jedoch den erhobenen Zeigefinger in den Mittelpunkt zu stellen, ist dem Drehbuch hoch anzurechnen, dem es gelingt, auch ohne historische Beschreibung des Ursprungs des Konflikts seine Auswirkung zu zeigen – und wozu die Menschen in solch außergewöhnlichen Situation in der Lage sind ... sowohl im positiven, als auch leider im negativen Sinn.
Hotel Ruanda ist zwar bereits auf Grund der Thematik empfehlenswert, doch er ist noch weitaus mehr, er ist wichtig und unabdingbar dafür, dass die Menschen durch ihre Untätigkeit ein solches Verbrechen an der Menschlichkeit und Menschheit nicht erneut zulassen.


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