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Hautnah - Die Methode Hill: "Bittere Tränen" [2004]

Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 09. November 2004
Genre: Drama / Krimi

Originaltitel: Wire in the Blood: "Still She Cries"
Laufzeit: 91 min.
Produktionsland: Großbritannien
Produktionsjahr: 2004
FSK-Freigabe: ab 16 Jahren

Regie: Andrew Grieve
Musik: The Insects
Darsteller: Robson Green, Hermione Norris, Tom Chadbon, Alan Stocks, Mark Letheren, Elaine Claxton, Caitlin Mottram, Amber Batty


Kurzinhalt:
Als es dem Psychologen Tony Hill (Robson Green) endlich gelingt, dass seine Patientin, die mehrfache Kindermörderin Maggie Thomas (Elaine Claxton) der Polizei gesteht, wo sie die Leichen vergraben hat, finden die Suchkräfte an der Stelle nichts – die Suche wird in kürzester Zeit abgebrochen und die Freundschaft von Hill und der Polizistin Carol Jordan (Hermione Norris) trägt sichtliche Spuren davon, da Hill mit der übereilten Entscheidung nicht einverstanden ist.
Doch als mehrere junge Frauen, zuletzt Hattie Davis (Caitlin Mottram), entführt werden, müssen Hill und Jordan zusammenarbeiten, um einen Serientäter dingfest zu machen. Der Fall entpuppt sich als komplizierter, als zunächst angenommen, zum einen ist Hattie eine Freundin von Hills Studentin Laura (Amber Batty), die mit dem Psychologen am Fall Maggie Thomas gearbeitet hat, zum anderen spielt der Täter mit der Polizei ein Spiel nach seinen Regeln – bei dem die Opfer wie die Polizei nur verlieren können.


Kritik:
Mit Mein ist die Rache [2002] verabschiedete sich die noch recht junge britische Krimi-Serie Hautnah – Die Methode Hill vor nicht allzu langer Zeit in die Staffelpause. Die Erwartungen waren also recht hoch, als die vom Hauptdarsteller mitproduzierte Reihe nun ihren Einstand in der zweiten Staffel feierte. Darin erwarten den Zuschauer vier neue Fälle, die jedoch nicht alle auf einer Romanvorlage von Autorin Val McDermid beruhen. Und bereits mit der ersten Episode der neuen Season, Bittere Tränen, zeigt das Format, was in ihm steckt: Mit interessanten, komplexen und lebensnahen Figuren, einer bedrückenden und intelligenten Kriminalstory und viel charakterlichem Tiefgang hebt sich Hautnah wohltuend vom Rest der Masse ab, nicht zuletzt dank des wirklich guten Skripts.

Drehbuchautor Alan Whiting greift gleich zu Beginn eine Story auf, die Fans der Reihe bekannt vorkommen wird und bringt in den 90 Minuten neben dem eigentlichen Fall auch noch den der Kindermörderin Maggie Thomas zum Abschluss, die hier eine gewichtige und passende Rolle spielt. Das Hauptaugenmerk liegt diesmal jedoch wieder auf dem Hauptcharakter selbst. Tony Hill in seiner häuslichen Umgebung zu beobachten, seine fast schon autistische Verhaltensweise und sein Unvermögen, trotz aller psychologischen Raffinesse die einfachsten Bedürfnisse der Menschen um sich herum wahrzunehmen, macht die Figur nur noch sympathischer. Seine Reaktionen sind allzeit nachvollziehbar, und auch dass sich der Fall diesmal um Carol Jordan und nicht um ihn dreht, muss man dem Autor anrechnen.
Er vermittelt in wenigen Minuten das bekannte Gefühl der bisherigen Krimis und das, obwohl fast zwei Jahre zwischen der Produktion der ersten und der zweiten Staffel liegen. Die Dialoge sind pointiert und hintersinnig, die Spannung zieht der Krimi sowohl aus den einzelnen Szenen, als auch durch die Motivation und die Verhaltensweisen des Mörders, der erschreckenderweise so unvorstellbar gar nicht ist.
Mit einem konstanten dramaturgischen Aufbau, der in einem nicht übertriebenen, dafür umso kürzeren Finale mündet und die Figuren in den letzten Minuten nochmals zum Zug kommen lässt, erweist sich das Skript als durchdacht und ausbalanciert, verbindet die Stärken der Krimireihe, ohne dem Zuschauer die Auflösung des Falls zu schnell nahe zu bringen. Whiting hat eine wirklich gute Arbeit geleistet und der zweiten Staffel der Reihe einen gelungenen Start beschert.

Getragen wird der durch die soliden und grundsympathischen Darsteller, allen voran Robson Green, der für seine eindringliche und intime Darstellung des introvertierten Psychologen zweifelsohne eine Auszeichnung verdient hätte. Seine ruhigen Szenen kommen dabei ebenso gut zur Geltung wie die Dialoge mit Hermione Norris oder seine Konfrontation mit Maggie Thomas.
Ihm steht Norris jedoch in nichts nach, die hier deutlich mehr zu tun hat, und das offensichtlich auch genießt. Die Reibereien zwischen ihrer Figur und Hill wirken dabei natürlich, aber nicht überspitzt und ihre Zweifel an Hills Vorgehensweise (die sie bislang nicht gehegt hat) nimmt man ihr ohne Umschweife ab.
Alan Stocks und Mark Letheren haben hier leider keine großen Auftritte, ebenso wenig wie Tom Chadbon, die jedoch souverän ihre Rollen meistern. Vermissen werden Fans Doreene Blackstock, die leider nicht mehr mit von der Partie ist.
Ihren vermeintlich letzten Auftritt hat Elaine Claxton, die die mehrfache Kindermörderin Maggie Thomas so eindrucksvoll zur Geltung bringt, dass man ihr auch die schwierigsten Momente abnimmt und sogar die Sympathie von Tony Hill ihr gegenüber beinahe verstehen kann. Am meisten zu tun hat abgesehen von ihr noch Amber Batty, die als Hills Studentin einige sehr schwere Szenen zu meistern hat, diese aber problemlos besteht.
Sie alle leisten ihren Teil, um der Geschichte um einen Serientäter die notwendige Glaubwürdigkeit zu verleihen und sind sehr gut ausgewählt worden.

Inszenatorisch setzt Regisseur Andrew Grieve, der im britischen Fernsehen kein Unbekannter ist, auf einen ruhigen, besonnen Stil, der ohne einen ausschweifenden Einsatz von Handkameras auskommt und gerade in den ruhigen Bildern zu Beginn und am Schluss die englische Landschaft ausnutzt, um ein tristes, fast schon melancholisches Bild zu zeigen. Auch in den Gesprächen wahrt der Regisseur immer die Übersicht, kann jedoch bisweilen nicht auf den Einsatz einiger Tricks verzichten, um besonders im Dunkeln aufgenommene Szenen auch gut zur Geltung zu bringen. Hier wird der Kontrast künstlich nach oben geschraubt, wodurch schwarze Flächen ein unruhiges Rauschen aufweisen und nicht mehr einfarbig schwarz wirken.
Zwar wirken gerade diese Szenen nicht künstlich ausgeleuchtet, dem einen oder anderen wird das grieselige Aussehen der Einstellungen jedoch auffallen. Abgesehen davon fallen hin und wieder Zeitlupen ins Auge, die von Grieve eingestreut, die Erkenntnisse der Figuren unterstützen und den Zuschauer nicht verwirren.
Insgesamt leistet der Regisseur eine gute Arbeit, um mit interessanten Kamerawinkeln und einer übersichtlichen Schnittarbeit den Zuseher zwar in denselben Raum wie die Akteure zu versetzen, ohne den Realismus mit übertriebenem Dokumentarstil erzwingen zu wollen. Die wenigen Zeitlupen stören nicht weiter und die Optik ist dem Inhalt des Krimis immer angemessen, ohne je aufgesetzt zu wirken.

The Insects liefern auch weiterhin die musikalische Untermalung für die Krimireihe und beweisen weiterhin ein glückliches Händchen, wenn es um atmosphärische, ergreifende Klänge geht. Nicht nur, dass Hills Thema gekonnt eingewoben wird, gerade in den wichtigen Situationen und den ausgefeilten Katz-und-Maus-Szenen mit dem Täter baut die Musik mit ihrem tiefen Bass und ihren unheilvollen Melodien eine unbehagliche Stimmung auf, die dem Krimi den letzten Schliff gibt.
Das erinnert zwar bisweilen stark an den Kult-Thriller Sieben [1995], passt in diesem Fall jedoch hervorragend zum Flair der Serie, auch wenn die Musik kaum bei einer anderen Produktion stimmig erscheinen würde.

Mit Bittere Tränen meldet sich die Reihe aus der Staffelpause zurück und überzeugt gleich in den ersten 90 Minuten mit einem charaktergetriebenen und sehr gut umgesetzten Krimi, der sich vor Hollywood-Vorbildern nicht zu verstecken braucht. Die Umgebung in England wird gekonnt genutzt, um die Stimmung der Serie zu verdeutlichen und auch darstellerisch schwappt vom großen Teich nicht unbedingt Besseres herüber. Dass sich die Krimireihe zudem auf vier Episoden à eineinhalb Stunden beschränkt, anstatt den Zuschauer mit ganzen 26 Episoden pro Staffel (wenn auch nur 45 Minuten) zu überfluten zeigt, dass die Macher mit dem ungleichen und doch treffsicheren Duo noch viel vorhaben. Die ungewöhnlichen, beängstigenden und bisweilen sehr kuriosen Methoden, die Tony Hill anwendet, um sich in den Verstand des Täters hinein zu denken, sind dabei so interessant wie selbstverständlich, immer jedoch überraschend und mitreißend.
Man kann nur hoffen, dass die Macher dieses Niveau halten, derzeit ist Die Methode Hill der beste britische Import, den das deutsche Fernsehen zu bieten hat – und das beschränkt sich nicht nur aufs Fernsehen.


Fazit:
Es ist Hauptdarsteller und Produzent Robson Green zu verdanken, dass man sich als Zuschauer in wenigen Minuten wieder in bekannten Umgebungen wieder findet. Der verschlossene und doch brillante Psychologe steht hier dem Abschluss eines langjährigen Falles gegenüber und gleichzeitig muss er sich in den Geist eines anderen Täters hinein versetzen, der ebenso kaltblütig wie berechnend ist. Hills Methoden sind dabei zwar nicht neu, insbesondere für Kenner der Reihe, aber dem Darsteller vor der Kamera zuzusehen ist eine Freude und die spannende Inszenierung tut ihr übriges, dass die 90 Minuten wie im Flug vergehen.
Der Regisseur spickt den Krimi mit interessanten Einfällen und einer professionellen Optik, die Story selbst könnte dabei ohne Zweifel einen Kinofilm füllen und die Figuren wirken so interessant wie eh und je.
Bittere Tränen markiert einen sehr guten Start in die zweite Staffel und macht Lust auf mehr, der ernste Grundton des für Erwachsene gedachten Thrillers geht einem dabei wirklich unter die Haut.


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