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Gottes Werk & Teufels Beitrag [1999]

Wertung: 5.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 20. Januar 2003
Genre: Drama

Originaltitel: The Cider House Rules
Laufzeit: 126 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 1999
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Lasse Hallström
Musik: Rachel Portman
Darsteller: Tobey Maguire, Charlize Theron, Delroy Lindo, Paul Rudd, Michael Caine, Jane Alexander


Kurzinhalt:
Dr. Wilbur Larch (Michael Caine) leitet, seit er denken kann, ein Waisenhaus im ländlichen Amerika. Dort ermöglicht er zum einen, dass ledige Mütter ihre Kinder zur Welt bringen und zur Adoption freigeben können, zum anderen nimmt er auf Wunsch auch Abtreibungen vor.
Den ruhigen Waisenjungen Homer Wells (Tobey Maguire), den er bereits mehrmals bei Pflegefamilien unterbringen wollte, nimmt er unter seine Fittiche und bildet ihn zum Chirurgen aus. Homer ist ein Stützpfeiler für das Waisenhaus und in gewissem Sinne ein großer Bruder für alle dort lebenden Kinder.
Als der Soldat Wally Worthington (Paul Rudd) mit seine Freundin Candy Kendall (Charlize Theron) zum Waisenhaus kommen – die USA sind gerade in den Zweiten Weltkrieg eingetreten –, um ihr ungeborenes Kind abtreiben zu lassen, verspürt Homer nicht zum ersten Mal den Drang, das Waisenhaus zu verlassen und die Welt zu erkunden. Er lässt sich von den beiden mitnehmen und kann auf der Apfelplantage von Wallys Mutter arbeiten.
Als Wally in den Krieg eingezogen wird, verbringt Homer viel Zeit mit Candy und die beiden verlieben sich ineinander. Währenddessen hat Dr. Larch in seinem Waisenhaus mit ganz anderen Problemen zu kämpfen.


Kritik:
Spätestens seit Spider-Man [2002] ist Tobey Maguire den meisten Kinobesuchern ein Begriff; er hangelte sich als Peter Parker und mutierter Spinnenmann durch die Wolkenkratzer New Yorks und half den Armen und Schwachen.
Wenn man sich seine anderen Filmprojekte bis dahin ansieht, darunter Der Eissturm [1997], Pleasantville - Zu schön, um wahr zu sein [1998] und Wonder Boys [2000], dann verwundert es eigentlich, dass sich die Produzenten der Comicverfilmung diesen jungen Darsteller ausgesucht haben, der durch seine fast schon schüchterne Natürlichkeit viele Fans und Preise, beziehungsweise Nominierungen einheimsen konnte.
Womöglich ist es aber gerade diese Natürlichkeit, aufgrund der er letztendlich die Rolle bekam.

In Gottes Werk & Teufels Beitrag spielt er einmal mehr einen schüchternen, zurückgezogenen jungen Mann, der seinen Platz im Leben finden muss. Dabei hat man erneut nicht das Gefühl, als würde er die Rolle spielen, sondern als hätte er sein Leben weitergelebt und die Kameracrew hätte ihn einfach dabei aufgenommen.
Zu verdanken hat er das sicherlich dem Regisseur Lasse Hallström und der offensichtlich sehr guten Romanvorlage von John Irving, der im Film sogar einen kleinen Gastauftritt hat und das Drehbuch verfasste.

Die Geschichte ist nach wie vor provokativ und für die Zeit, in der der Film spielt (in den 1940ern) beinahe undenkbar: Ein Arzt, der ohne Gewissensbisse Abtreibungen vornimmt und auch dazu steht. Homer muss sich dem Dilemma mehrmals stellen und dabei erkennen, dass die Welt nicht so schwarz oder weiß ist, wie er es bislang geglaubt hatte.
Dabei gelingt es dem Film, den Zuschauer nicht zu einer Antwort hin zu drängen – vielmehr  muss man sich selbst diese Fragen stellen und eine Antwort finden – und auch, keine der Lösungen zu verurteilen.
Ungewollte Kinder in die Welt zu setzen, oder sie abtreiben zu lassen ist ein kontroverses Thema, das in Gesellschaft, Politik und Kirche nach wie vor diskutiert wird und hierzu möchte ich mich auch nicht im Rahmen der Kritik äußern, festzuhalten ist allerdings, dass der Film erfreulich unpolitisch damit umgeht (und das auch und gerade für amerikanische Verhältnisse) und dem Zuschauer nur offenbart, dass es keine einfachen Antworten gibt.

Mit hineingewoben in die Rahmengeschichte sind zahlreiche kleine Schicksale, zum einen das von Candy und Wally, in das Homer mehr oder weniger zufällig hineinstolpert. Einer der größten Streitpunkte ist sicherlich die Nebenhandlung mit dem von Delroy Lindo sehr gut gespielten Arthur Rose und seiner Tochter, die mit großem Taktgefühl und einer grandiosen Schauspielführung erzählt wird.
Als drittes Standbein gibt es noch das Waisenhaus und Dr. Wilbur Larch, der schon seit Jahrem dem Äther erliegt und die einzige Vaterfigur ist, zu der die Kinder aufblicken können. Gleichzeitig ist Homer wie ein Sohn für ihn und als dieser ihn verlässt, bricht für ihn eine Welt zusammen.
Schon die Komplexität der Geschichte und die Verzahnung der einzelnen Erlebnisse verdeutlichen, dass hier eine ausgefeilte Romanvorlage zu Grunde lag, die mit präzisen Charakterstudien und auch -findungen aufwarten kann. Und dahingehend enttäuscht das Drehbuch nicht.

Auch wenn ich die Vorlage nicht kenne, das Drehbuch macht durch die Umsetzung einen vielschichtigen und durchdachten Eindruck; vor allem machte mich der Film auf die Vorlage neugierig, und das ist selten.

Wovon der Film eindeutig lebt, ist das Ensemble, das durch einen grandios spielenden Michael Caine veredelt wird, der völlig zurecht (wie das Drehbuch ebenfalls) den Oscar erhielt.
Er spielt Larch mit einer Intensität und macht das immer weiter erlischende innere Feuer spür- und greifbar, dass es eine Freude ist, ihm zuzusehen und seine pointierten Dialoge zu hören.
Leider ist seine Rolle nicht sehr groß, dafür umso einprägsamer; als Mentor und Ziehvater der Kinder im Waisenhaus, und speziell von Homer Wells, ist ihm eine fabelhafte Vorstellung gelungen.
Dahinter brauchen sich aber die anderen Darsteller nicht zu verstecken: Maguire überzeugt durch seine leicht naive Natürlichkeit, die ihm von der ersten Sekunde an einen ungeheuren Sympathiebonus einbringt und die es in kürzester Zeit schafft, dass der Zuschauer mit ihm fühlt, leidet und fiebert.
Die in Südafrika geborene Charlize Theron kann vollends überzeugen, ebenso Paul Rudd, der allerdings nur kurz zu sehen ist. Sehr überrascht haben mich die beiden Nebendarsteller Delroy Lindo und Erykah Badu, die im Film Lindos Tochter spielt. Sie spielen mit einem Nachdruck und einer Überzeugung, dass es einem kalt den Rücken hinunter läuft.
Ausnahmslos gut sind auch die Kinderdarsteller, allen voran Kieran Culkin (Bruder von Kevin - Allein zu Haus [1990]-Darsteller Macauley), der schon in The Mighty - Gemeinsam sind sie stark [1998] eine fantastische Vorstellung ablieferte und jüngst für den Film Igby Goes Down [2002] eine "Golden Globe"-Nominierung erhielt.

Lasse Hallström gelingt durch Kamera und Schnitt eine eindringliche Photographie des Geschehens, die nicht aufdringlich oder nur der Oscars halber darauf ausgelegt wirkt, sondern durch malerische Bilder die Landschaft, die Stimmung und den Zeitgeist jener Epoche einfängt, und demgegenüber die zum Teil grausamen Schicksale der Personen stellt.
Besonders imponierend sind die bewegenden Szenen, die nicht auf Tränen spekulieren, oder selbige gar erzwingen wollen, sondern in denen sich die Kamera dezent aus der Szene zurückzieht und den Zuseher nicht mit tränenüberströmten Gesichtern überfordert. Mit einem ruhigen und taktvollen Erzählstil, der nie hektisch oder außer Kontrolle gerät, baut der Film eine leise Spannung auf, die sich immer weiter darauf konzentriert, was Homer nun als nächstes tun und wie er sich entscheiden wird.
Es wird darauf verzichtet, dem Zuschauer die meisten Erklärungen vorzukauen, viele Entscheidungen und Sätze bleiben ungesagt, Gesten deuten an, was der Zuschauer im Kopf zuende denken soll, wenn Delroy Lindo zu Tobey Maguire sagt, dass sie "Geschichte schreiben", wenn Homer bei Lindos Truppe, bestehend aus Afro-Amerikanern einzieht, muss der Zuschauer sich selbst denken, dass der Film in den 1940er Jahren spielt und dort die Gleichheit von Schwarzen und Weißen noch für Jahrzehnte nicht gegeben sein sollte.

Mit dem heiklen Thema und der bedachten, ruhigen und doch pointierten Erzählweise, richtet sich der Film ohne Zweifel an ein erwachsenes Publikum und erinnert von der Stimmung und dem Stil her eindeutig an den gleichsam modernen, wie zeitlosen Klassiker Miss Daisy und ihr Chauffeur [1989].
Die Musik von Rachel Portman fügt sich nahtlos in die Reihe der herausragenden Mitbeteiligten der Produktion, man kann ihr zu ihrer Oscarnominierung nur gratulieren, sie war verdient.

Es gibt nicht viele Dramen, die den Zuschauer mit einem hoffnungsvollen Gefühl entlassen, Gottes Werk & Teufels Beitrag ist eines von ihnen.
Trotz der überragenden Darstellerleistungen, der tadellosen und imposanten Inszenierung, der vielschichten Erzählung, die so manche Charaktere blanklegt und der Tatsache, dass die 126 Minuten des Films wie im Flug vergehen, gibt es eines, was man der Romanumsetzung zum Vorwurf machen könnte: Dass viele Geschichten und Nebenhandlungen nicht abgeschlossen werden.
Aber ist es nicht das, was das Buch des Lebens ausmacht? Dass so viele Kapitel kein Ende finden und letztendlich so viele Fragen nicht beantwortet werden?
Wenn Homer Wells Sie einlädt, ihn auf seiner Reise zu begleiten, in deren Verlauf er seinen Platz im Leben finden soll, dann sollte man diese Einladung annehmen; man lernt viel über "sie", "ihn" und "sich selbst".


Fazit:
Ein bewegendes Drama mit ausgezeichneten Darstellern und einem Regisseur, der das Auge für imposante und getragene Kameraeinstellungen hat. An manchen Stellen kommen dem Zuschauer beinahe die Tränen, ein Kloß im Hals ist garantiert, und das obwohl (oder gerade weil) die Kamera nicht in Großaufnahme auf das Leid der Beteiligten hält.
Ein sehenswerter Film, der Hoffnung macht, selbst den Platz im Leben zu finden.


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