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Fahrenheit 11/9 [2018]

Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 2. Juni 2019
Genre: Dokumentation

Originaltitel: Fahrenheit 11/9
Laufzeit: 128 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2018
FSK-Freigabe: ab 6 Jahren

Regie: Michael Moore
Musik: The Hit House, Dani Macchi, Scott Lee Miller, Jesse Voccia
Personen: Donald Trump, Ivanka Trump, Hillary Clinton, Bill Clinton, Barack Obama, Rick Snyder, Bernie Sanders, James Comey, Melania Trump, Jared Kushner, Jeb Bush, Ruth Ben-Ghiat, Alexandria Ocasio-Cortez, Rashida Tlaib, Nancy Pelosi, Mike Pence


Hintergrund:

Am Tag nach der amerikanischen Präsidentschaftswahl im Jahr 2016, dem 9. November (im amerikanisch-englischen Datum 11/9 geschrieben), verfiel ein Großteil der liberalen Bevölkerung der USA – und ebenso der westlichen Welt insgesamt – in eine Schockstarre. Wie konnte es soweit kommen, dass der 70jähriger Reality­‑TV-Star Donald Trump mit radikalen Ansichten Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden konnte?
Vier Monate zuvor hatte Dokumentarfilmer Michael Moore diesen Wahlausgang bereits prophezeit und in seinem Kommentar „5 Reasons Why Trump Will Win“ (zu lesen hier) die seiner Meinung nach entscheidenden Gründe vorab zusammengetragen. Seine Dokumentation beschreibt weniger den Werdegang des inzwischen mächtigsten Mannes der USA, als den Zustand des Landes an sich, der eine Wahl dieser politischen Figur ermöglicht hat. Moore wirft gleichzeitig einen Blick auf die junge Generation, deren Unzufriedenheit mit dem politischen Prozess insgesamt sich nicht mehr in einer Verdrossenheit, sondern in einem unerwarteten Engagement ausdrückt.


Kritik:
In einem Interview meinte der politisch aktive Schauspieler George Clooney noch, es werde „keinen Präsidenten Donald Trump geben“ – er sollte sich, wie viele weitere Beobachter und Experten, irren. In seiner Dokumentation Fahrenheit 11/9 geht Filmemacher Michael Moore den Ursachen auf den Grund, wie ein Geschäftsmann und Reality‑TV-Star zum mächtigsten Mann der Welt aufsteigen konnte. Dabei holt er weit aus und scheint sich im Mittelteil in wenig zusammenhängenden Nebensächlichkeiten zu verlieren. Arbeitet er jedoch Ursache und Wirkung heraus, ist das unumwunden erschreckend.

Die letztendliche Frage jedoch bleibt, was Moore mit seiner Dokumentation überhaupt festhalten möchte. Ist es der Werdegang, die Methode „Trump“ und die Gefahren für die Demokratie daraus, oder ein Bild des Zustandes der amerikanischen Gesellschaft? Zu Beginn von Fahrenheit 11/9 hat es den Anschein, seine Aufarbeitung habe ersteres zum Ziel. Am Ende der überraschend schnell vergehenden zwei Stunden, ist es eher letzteres.
Dabei deckt der Filmemacher viele Bereiche ab, zeigt im Vorbeigehen, wie sich die Demokratische Partei in den USA quasi selbst um den Sieg gebracht hat, dass das Wahlsystem trotz eines von Seiten der Bevölkerung mehrheitlichen Votums nicht das Ergebnis ermöglichte, das die meisten Menschen gewählt haben, und dass trotz aller Ernüchterung eine junge Generation Menschen an Politik interessiert ist.

Das sind eine Menge Themen und trotz eines einheitlichen Nenners wohl zu viele, als dass sie in einer angemessenen Art und Weise in der Kürze der Zeit aufgearbeitet werden könnten. Eine weitere Frage muss am Ende somit auch lauten, ob eine mehrteilige Mini-Serie nicht das geeignetere Format für Fahrenheit 11/9 gewesen wäre. Moore beginnt zwar mit dem Ausgang der 2016er-Präsidentschaftswahl, was seine Dokumentation jedoch vermissen lässt, ist eine erkennbare Struktur. Weder wird der amtierende Präsident Donald John Trump als Person vollständig vorgestellt, noch der Verlauf der Wahlen, sein Konkurrenzkampf gegen die republikanischen Mitbewerber oder die Unfähigkeit der Demokraten, dem etwas entgegen zu setzen, porträtiert. Beinahe losgelöst zeigt der Filmemacher Bilder und Interviewausschnitte Trumps mit bzw. über seine Tochter Ivanka, bei denen einem unzweifelhaft unwohl wird. Nur inwieweit fügt sich das in die Charakterbeschreibung des Präsidenten ein, die Michael Moore aufzeigen will?

Mehrmals kommt die Dokumentation auf einen Skandal betreffend die Wasserversorgung der Stadt Flint in Michigan zu sprechen, der bereits im Jahr 2014 stattfand und durch den die Bevölkerung, darunter zehntausend Kinder, eine Bleivergiftung erlitten hat. Doch statt aufklärerisch darauf hinzuarbeiten, weshalb der republikanische Präsidentschaftskandidat in dem Bundesstaat gewonnen hat, wird dieser Zusammenhang eher im Vorbeigehen geliefert. Dafür schwenkt Fahrenheit 11/9 auf die Schießerei in der Stoneman Douglas High School in Parkland, Florida, was für Moore selbst zweifellos Erinnerungen an seine preisgekrönte Dokumentation Bowling for Columbine [2002] weckt. Doch dieses tragische Ereignis fand deutlich nach der Wahl von Trump zum amerikanischen Präsidenten statt und ist somit eher ein Symptom der gesellschaftlichen Entwicklung insgesamt. Diese erzählerischen Grenzen vermischt der Filmemacher ab der Hälfte zusehends, was nicht heißt, dass seine Aufarbeitung nicht gelungen wäre. Im Gegenteil. Es gibt viele Beschreibungen, Aussagen von Zeitzeugen und „Enthüllungen“, die sprachlos machen und regelrecht erschüttern.

Die Parallelen, die Michael Moore am Ende zwischen der medialen Kontrolle durch Donald Trump, der Diskreditierung der freien Presse und der Machtergreifung bzw. dem Vorgehen der Nationalsozialisten im Deutschland der 1930er-Jahre trifft, mögen weit hergeholt erscheinen, doch der Werdegang totalitärer Machthaber gibt seinen Beobachtungen durchaus Recht. Nur wird so nicht klar, ob Fahrenheit 11/9 eine Analyse des aktuellen Zustands, eine Ursachenforschung, oder eine Mahnung für die kommende Entwicklung sein soll. Filmemacher Moore versucht sich ein wenig an allem und es ist unbestritten, dass er gerade was die Ereignisse in seinem Heimatort Flint anbelangt, mit Herzblut dabei ist. Doch er hat so viel zu erzählen, dass ein anderes Format womöglich die bessere Wahl gewesen wäre.


Fazit:
Bezeichnenderweise verteufelt Regisseur Michael Moore diejenigen Menschen nicht, die Donald Trump ins Weiße Haus gewählt haben. Es kommen überhaupt kaum Personen zu Wort, die sich für eine politische Richtung (Republikaner oder Demokraten) aussprechen. Stattdessen beschreibt Moore den Zustand eines Landes, das abseits von Hochglanzvillen, Glamour und Selfmade-Millionären vor einem Abgrund steht. Seine Beispiele sind erschütternd und sollten selbst diejenigen wachrütteln, die den Ist-Zustand leugnen. Doch seine Verknüpfung zum Ergebnis, dass der aktuelle amerikanische Präsident Donald Trump heißt, ist nur bei genauem Hinsehen erkennbar. Als Zustandsbeschreibung und Mahnung gleichermaßen, an der Situation etwas zu ändern, ist Fahrenheit 11/9 nicht nur gut gelungen, sondern für diejenigen Wirtschaftsnationen, die den USA in ihrem Handeln so begierig nacheifern, sogar ein Warnsignal, das gesehen werden sollte. Die mangelnde Struktur und die schiere Komplexität der Situation machen es jedoch schwierig, sich innerhalb der Dokumentation zurecht zu finden. Dies in kleinere Bereiche im Rahmen einer Mini-Serie aufzuteilen und am Ende zusammen zu führen, wäre vermutlich die geeignetere Entscheidung gewesen.
 


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