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Emma [2020]

Wertung: 4.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 1. Februar 2020
Genre: Komödie / Drama / Liebesfilm

Originaltitel: Emma.
Laufzeit: 124 min.
Produktionsland: Großbritannien
Produktionsjahr: 2020
FSK-Freigabe: ohne Altersbeschränkung

Regie: Autumn de Wilde
Musik: David Schweitzer, Isobel Waller-Bridge
Besetzung: Anya Taylor-Joy, Johnny Flynn, Bill Nighy, Mia Goth, Miranda Hart, Josh O’Connor, Callum Turner, Amber Anderson, Rupert Graves, Gemma Whelan, Tanya Reynolds, Connor Swindells


Kurzinhalt:

Anfang des 19. Jahrhunderts lebt die junge Emma Woodhouse (Anya Taylor-Joy) mit ihrem Vater auf einem weitläufigen Anwesen in England. Reich, schön und klug, sehen selbst die übrigen wohlhabenden Familien im Umkreis zu ihr auf. Sie selbst hält sich für die stilvollste, witzigste und talentierteste Frau weit und breit. Und weil ihr alles gelingt, will sie nach der Hochzeit ihrer Erzieherin die junge Harriet (Mia Goth) verkuppeln. Doch ihr Plan geht schief und als wäre das nicht genug, sieht sie sich selbst Avancen ausgesetzt. Dem unorthodoxen Mr. Knightley (Johnny Flynn) ist Emmas Tun ein Dorn im Auge und er wünscht sich, dass sie sich selbst verlieben und die Enttäuschungen des Lebens kennenlernen möge, um an den Erfahrungen zu wachsen. Aber nicht nur, dass Knightley, der Emma insgeheim wohlgesonnen ist, in dem heiratsfähigen und aus wohlhabendem Hause stammenden Frank Churchill (Callum Turner) Konkurrenz bekommt, als Jane Fairfax (Amber Anderson) eintrifft, an deren Schicksal alle interessiert scheinen und die darüber hinaus bedeutend besser Klavier spielt, als Emma, sieht sich die vom Reichtum verwöhnte junge Frau einer unbekannten Situation gegenüber, nicht mehr überall im Mittelpunkt zu stehen. Dabei kommt Jane nicht einmal aus reichem Hause …


Kritik:
Emma ist das Spielfilmregiedebüt der Fotografin Autumn de Wilde, die bereits seit vielen Jahren auch Musikvideos inszeniert. Ihre Adaption von Jane Austens gleichnamigem Roman aus dem Jahr 1815 zeichnet sich einerseits durch eine erstklassige Besetzung und eine tadellose Ausstattung aus, aber auch durch wohlüberlegte Bilder, die für gewöhnlich die Figuren buchstäblich in den Mittelpunkt rücken. Was die Verfilmung dabei vermissen lässt, ist eine handwerkliche Dynamik, die die Dialoge oftmals bereithalten, und eine bissige Aktualität, die dem Stoff zweifelsohne zugeschrieben werden kann.

Werkgetreu angesiedelt zu Beginn des 19. Jahrhunderts, ist die Geschichte aus Sicht der beinahe 21 Jahre jungen Emma Woodhouse erzählt. Die jüngste Tochter des wohlhabenden Mr. Woodhouse wohnt mit ihm auf dem großen Anwesen, etwas mehr als ein Dutzend Meilen außerhalb Londons. Ihr mangelt es an nichts, von Dienerinnen und Dienern umgeben, die sie ankleiden, herrichten, ihr die Lampe dorthin halten, wo sie hingehen möchte, und sogar die Blumen schneiden, auf die sie nur zeigt, ohne sich in irgendeiner Art und Weise körperlich zu verausgaben. Sie ist klug, schön und gibt sich nach außen hin lebenserfahren, ohne je auch nur ansatzweise mit der Not in Berührung gekommen zu sein, die das Leben der allermeisten Menschen prägt. Emma beginnt mit dem Hochzeitstag ihrer Erzieherin Miss Taylor und Emma redet sich ein, diese Ehe verkuppelt zu haben. Für ihren Vater ist dies – wie die meisten Hochzeiten – ein schreckliches Ereignis, zumal er danach auf seine umsichtigste und beste Dienerin verzichten wird müssen. Auf der Suche nach einem Sinn in ihrem Leben und vor allem einer Ablenkung vom wenig packenden Alltag, entscheidet Emma, sich erneut als Kupplerin zu betätigen und sucht sich hierfür die etwas einfacher veranlagte Harriet Smith aus, deren Herkunft nach wie vor ein Rätsel ist. Die glaubt, in der angesehenen Emma eine Freundin gefunden zu haben und lässt sich entsprechend beeinflussen.

Am Ende handelt Emma so, wie bereits die Vorlage, vom Leben und Lieben der englischen Oberschicht zu jener Zeit. Dies jedoch mit feinen Beobachtungen, was die Motivation der Figuren und ihre innere Leere betrifft. Dies kaschiert Filmemacherin Autumn de Wilde zu Beginn mit der sehenswerten Ausstattung in den prunkvollen Anwesen, den weitläufigen Villen und den fabelhaft prächtigen Kostümen, die aber nicht ausufernd ausfallen, wie im späteren, viktorianischen England. Die maßlose Dekadenz wird vielmehr daran deutlich, wie sich die Oberschicht behandeln lässt und wie entrückt man davon ist, dass das eigene Verhalten das Leben der anderen beeinflusst. In den spritzigen Dialogen, die im englischen Original allein durch die Wortwahl bereits eine unvergleichliche Lyrik offenbaren, ergeben sich die unterschiedlichen Auffassungen und auch Abhängigkeiten. Die im Grunde tragischste Figur der Miss Bates, die vom einst angesehen Stand gesellschaftlich immer weiter abgestiegen ist und nur auf Grund ihres Namens noch in den erlauchten Kreis der Woodhouses eingelassen wird, steht hier für das auffallendste Beispiel dessen, wovor die Oberschicht greifbar Angst hat.

Nach außen oberflächlich, schnell abzulenken und nur auf sich selbst bezogen, offenbart die Geschichte einen Blick auf eine abergläubische, ängstliche Klasse, wenn beispielsweise der kommende Schnee als schlechtes Omen gesehen wird. Die Frage aber bleibt, was Emma der Geschichte gerade für die heutige Zeit an sinnvollen Bedeutungen entlockt. Möglichkeiten gäbe es hierzu genug, doch ist die Adaption zu steif in ihrer Umsetzung und gleichzeitig zu sanft, wenn es um ihre Titelfigur geht. Von Anya Taylor-Joy sehenswert verkörpert, überschätzt sich Emma zu Beginn nicht nur selbst, sie manipuliert die Menschen um sie herum als Zeitvertreib und zur eigenen Unterhaltung. Ihr Vater, der von Bill Nighy preiswürdig und überragend zum Leben erweckt wird, ist dieser Phase bereits entwachsen. Seine trockene Gleichgültigkeit sorgt für die besten Momente. Stets missmutig und kühl, verkörpert er alles, was man der herrschenden Klasse vorwerfen kann. Doch obwohl Emma an sich keine erstrebenswerte Person ist, wird sie hier zu nahbar, zu „harmlos“ dargestellt. So lässt die etwas zu lange erste Filmhälfte Bissigkeit auch in den durchaus pointierten Dialogen vermissen. Die kommt erst, wenn bei einem Ausflug die Stimmung von leichtfüßig und amüsant zu verletzend und gemein kippt und Emmas Charakter tatsächlich offenbart wird. Der Moment ist toll umgesetzt und fabelhaft gespielt, nur lässt, was danach geschieht, eine Läuterung der Hauptfigur vermissen.

So wohnt man dem Treiben der Figuren zwar bei und kann sich dank der Dialoge tadellos unterhalten lassen, eine Figur, deren Schicksal einen mitnimmt, findet man hier jedoch nicht. Das heißt nicht, dass Emma als Adaption nicht gelungen wäre, aber ohne der Geschichte einen aktuellen Bezug zu verleihen, scheint sie aus heutiger Sicht zu wenig relevant.


Fazit:
So gut die einzelnen Bilder, gerade bei den Dialogen, ausgewählt sind, während die Gespräche einen Rhythmus, eine Bewegung der Worte beinhalten, bleibt die Perspektive statisch und starr. Eine lebendigere Inszenierung würde nicht nur den Mittelteil weniger lang erscheinen lassen. Dabei sind es gerade die Dialoge, die nicht selten zynisch ausfallen, aber die Qualität der herausragenden Besetzung unterstreichen. Neben Bill Nighy stehen dabei auch Mia Goth und Johnny Flynn hervor, der den vielleicht emotionalsten Moment des Films verkörpern darf. Emma ist toll ausgestattet und seziert gekonnt die innere Leere, die Empathielosigkeit und nicht zu letzt die Unsicherheit der herrschenden Oberschicht. Doch bleibt die Titelfigur zu zahm, wird der Film nie bissig genug und lässt darüber hinaus Aussagen für das Publikum von heute vermissen. Kommt der Moment, da Emma sich selbst erkennt, zu spät im Film, vollzieht sich ihre weitere Entwicklung zu schnell und reibungslos. Das lässt die erste Filmhälfte rückblickend noch länger erscheinen. Wer eine klug geschriebene, toll ausgestattete und sehenswert gespielte Umsetzung von Jane Austens Roman erwartet, wird aber nicht enttäuscht.
 


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