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Die Bucht - The Cove [2009]

Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 28. Oktober 2009
Genre: Dokumentation

Originaltitel: The Cove
Laufzeit: 92 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2009
FSK-Freigabe: ab 6 Jahren

Regie: Louie Psihoyos
Musik: J. Ralph
Personen: Joe Chisholm, Mandy-Rae Cruikshank, Charles Hambleton, Simon Hutchins, Kirk Krack, Isabel Lucas, Richard O'Barry, Hayden Panettiere, Roger Payne, John Potter, Louie Psihoyos


Kurzinhalt:
Der vom Delphintrainer zum Delphinbefreier gewandelte Richard O'Barry lenkt die Aufmerksamkeit von bekannten Meeresaktivisten auf ein Treiben, das sich von September bis Mai jedes Jahr in einer Bucht in Taiji, Japan zuträgt. Hier werden pro Jahr mehr als 20.000 Delphine auf ihrer Reiseroute in eine Bucht getrieben, um dort entweder verkauft oder geschlachtet zu werden.
Vom moralischen Dilemma einer Massentötung bei den intelligenten Meeressäugern abgesehen, verbirgt sich in dem mitunter inkognito verkauften Delphinfleisch ein hohes Gesundheitsrisiko. Doch um der Welt zeigen zu können, was sich dort abspielt, mussten sich die Filmemacher etwas einfallen lassen, denn die Sicherheitsvorkehrungen machen Augenzeugenberichte beinahe unmöglich. Und so wissen nicht einmal die Menschen in Japan, was hier tatsächlich vor sich geht ...


Kritik:
Als Die Bucht vor ein paar Wochen auf einem japanischen Filmfest gezeigt werden sollte, weigerten sich die Veranstalter, die brisante Dokumentation vorzuführen. Erst als der Druck zu groß wurde, zeigten sie den Film. Der Grund hierfür ist einfach. Auch wenn daraus, was Fischer in einer Bucht in Taiji täglich veranstalten grundsätzlich kein Geheimnis gemacht wird, davon zu hören, dass dort von September bis ins Frühjahr täglich Delphine gefangen, und diejenigen, die sich nicht an Vergnügungsparks und Zoos verkaufen lassen dann abgeschlachtet werden, und diese Bilder letztlich zu sehen ist ein großer Unterschied. Und das zumal Delphine auch in unserer Gesellschaft einen ganz besonderen Stellenwert einnehmen – wie alle Meeressäuger. Doch nachdem der Walfang seit über 20 Jahren offiziell verboten ist und die darauf ausgerichteten japanischen Fischereibetriebe stets behaupten müssen, sie würden die Tiere zu wissenschaftlichen Zwecken fangen und schlachten, suchten jene Fischereien einen Ersatz und aus irgendeinem unverständlichen Grund gilt das Walfangverbot nicht für kleine Wale: Delphine.
The Cove, so der Originaltitel, beschäftigt sich aber nicht nur mit jenem Treiben in der täglich blutrot gefärbten Bucht, sondern stellt die den Menschen offensichtlich zugetanen Meeressäuger genauer vor, wirft einen kurzen Blick hinter die Kulissen der Delphinarien und die Auswirkungen jener Gefangenschaft, die die Tiere früher oder später in den Tod treibt. Hauptakteur hierbei ist Richard O'Barry, der für jenes Treiben indirekt mit verantwortlich ist. Als Tiertrainer der erfolgreichen Fernsehserie Flipper [1964-1968] machte er jene Meeressäuger einem breiten Publikum zugänglich und ebnete dabei den Weg für eine Multimilliarden Dollar Industrie. Seit mehr als 30 Jahren versucht er nun, jenes Gewerbe zu zerstören, doch abgesehen von respektablen Erfolgen und vielen Verhaftungen, bleibt ihm der Durchbruch bislang verwehrt. Mit Die Bucht sollte der Weltöffentlichkeit ein Einblick dahingehend gewährt werden, was zehntausende Delphine jedes Jahr erleiden müssen. Doch darüber allein würde sich eine Dokumentation nicht eineinhalb Stunden lang füllen lassen. Schon deswegen nicht, weil es hierzu keine Insiderinformationen gibt. Selbst Menschen, welche in den japanischen Behörden beschäftigt sind, schweigen sich zu dem Thema aus, sofern sie überhaupt Bescheid wissen.
Schon deswegen widmet sich Filmemacher Louie Psihoyos in der Dokumentation auch dem Entstehungsprozess des Films und der Techniken, welche die Crew – zusammengestellt aus Aktivisten und Meeresexperten – ergreifen musste, um zum ersten Mal Bilder vom Treiben innerhalb der Bucht vorstellen zu können.

Herausgekommen ist ein Plädoyer für das Leben der Meeressäuger und das Anerkennen jener nach wie vor rätselhaften Tiere, die sich ihrer Selbst und ihrer Umgebung bewusst zu sein scheinen. Im Vorfeld häufig als ein ebenso belastendes Martyrium für die Zuschauer beschrieben, konzentriert sich das tatsächlich gezeigte Material jener schwimmenden Schlachtbank glücklicherweise auf knapp fünf Minuten. Zuvor wird den Zuschauern vielmehr vermittelt, wie jene Industrie entstand, wie ihre Existenz und ihr Treiben vertuscht wird, und weswegen es ungesund ist, Delphinfleisch oder Walfleisch zu essen – immerhin wurde das Delphinfleisch in Taiji kostenlos an Schulen verteilt und ist unter anderen Bezeichnungen auch im Handel erhältlich.
Hält man sich vor Augen, dass die Delphine selbst unter den Meereslebewesen eine Sonderstellung einnehmen und ihre Intelligenz unumwunden nachgewiesen ist, dreht sich einem beim Anblick jenes Massakers unweigerlich der Magen um. Bedenkt man allerdings, dass überall anders auf der Welt bedeutend mehr Tiere jeden Tag für den Verzehr durch Mensch und andere Tiere abgeschlachtet werden, sollte man sich doch mit ein wenig Abstand die Frage stellen, wo denn hierbei der Unterschied liegt. Auch wenn jene Argumentation von einem japanischen Fischereivertreter nur herangezogen wird, um von sich selbst abzulenken, auf eine solche Frage geht Die Bucht gar nicht ein.
Das alles ändert jedoch nichts an der Aussagekraft der Dokumentation, der es gelingt, die Zuschauer von der ersten Minute an für die Thematik zu interessieren. Ohne Zweifel wird die Kernaussage mit den Beschreibungen zu den Drehs in die Länge gezogen, wenn die Bilder jener getöteten Delphine jedoch zu sehen waren, sind jene Kritikpunkte meist vergessen. Außerdem zählt auch das zum Stil des investigativen Journalismus. Letztlich berührt The Cove auf eine emotionale Weise, ohne aber mit unendlich langen Einstellungen vom Leiden jener Tiere die Zuseher abzuschrecken. Was man sieht bleibt haften, und ein jeder sollte sich Gedanken machen, ob ein solches Gemetzel jeden Tag in jener Bucht vonstatten gehen muss, und was man dagegen tun könnte. Nur wenn, dann jener Respekt vor dem Leben der Tiere bei den Delphinen nicht aufhören.

Als kleine Randnotiz sei erwähnt, dass entgegen der ursprünglichen Ankündigung Die Bucht in den deutschen Kinos nicht im Original mit Untertiteln gezeigt wird, sondern in einer synchronisierten Fassung, bei der nur stellenweise mit Voice-Over gearbeitet wird. Meist sind die Menschen gar vollständig synchronisiert. Auch wenn dies die Dokumentation einem breiteren Publikum zugänglich machen mag, verliert sie dadurch doch ein gewisses Maß an Authentizität. Denn gerade, wenn bekannte Sprecher den Menschen ihre Stimmen leihen, fühlt man sich mitunter stark an einen Spielfilm, denn an eine Tatsachenbeschreibung erinnert.


Fazit:
Aufgemacht wie ein Wirtschaftskrimi und mit einer ähnlichen Musik von Komponist J. Ralph unterlegt, unterscheidet sich Die Bucht - The Cove allein in der Erzählstruktur grundlegend von anderen Dokumentationen. Hier wird nicht nur das Team hinter der Kamera vorgestellt, sondern auch, wie jene Bilder von der Massentötung der Delphine entstanden sind, wird beleuchtet. Der Dreh selbst wird so zum Ereignis und schweißt das Team und das Publikum zusammen. Herausgekommen sind 90 Minuten von bekannten und neuen Informationen, die in jedem Fall aber fesseln und mit Richard O'Barry auch ein prominentes Gesicht besitzen.
Glücklicherweise hält sich Regisseur Louie Psihoyos zurück, wenn es um die Grausamkeiten gegen die Delphine geht, bereitet seine Zuschauer lange Zeit über Berichte und Erzählungen vor, ehe man schließlich mit der ungeschönten Wahrheit konfrontiert wird. Das ist zweifellos nicht einfach zu ertragen, aber doch wichtig und hätte in seiner Ungeschöntheit grauenvoller gezeigt werden können. So sei jedem vor dem nächsten Sea Life-Besuch Die Bucht empfohlen. Ob es gerecht ist, für zwei Stunden im Vergnügungspark die in Gefangenschaft lebenden Tiere leiden zu lassen, wird dann einfacher zu beantworten sein. Die Augen vor der Behandlung der Meeressäuger zu verschließen, wird die Ungerechtigkeiten nicht besser machen oder gar verhindern.


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