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Der Distelfink [2019]

Wertung: 3.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 10. September 2019
Genre: Drama

Originaltitel: The Goldfinch
Laufzeit: 149 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2018
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: John Crowley
Musik: Trevor Gureckis
Besetzung: Ansel Elgort, Oakes Fegley, Jeffrey Wright, Nicole Kidman, Willa Fitzgerald, Aneurin Barnard, Finn Wolfhard, Ashleigh Cummings, Aimee Laurence, Denis O’Hare, Luke Wilson, Sarah Paulson, Ryan Foust, Boyd Gaines, Luke Kleintank


Kurzinhalt:

Theo (Oakes Fegley) ist 13 Jahre alt, als er seine Mutter bei einem Bombenanschlag in einem Museum in New York verliert. Er kommt vorübergehend bei einer Pflegefamilie unter, wo ihn Mrs. Barbour (Nicole Kidman) aufnimmt. Es dauert lange, ehe Theo sich mit den anderen Kindern dort anfreundet und als es soweit ist, wird er von seinem Vater Larry (Luke Wilson) nach Las Vegas geholt. Jahre später erinnert sich Theo (Ansel Elgort) an jene Zeit, in der er Boris (Finn Wolfhard / Aneurin Barnard) kennenlernte und zu dem Restaurator Hobie (Jeffrey Wright) nach New York zurückkehrte. Vor dem Anschlag hatte er Pippa (Aimee Laurence / Ashleigh Cummings) im Museum getroffen, die bei Hobie wohnte und für Theo die Verbindung zu einer Welt darstellt, in der alles noch Sinn ergeben hatte. Sie und ein Geheimnis, das er seit jenem schrecklichen Tag stets in seiner Nähe behält: Das Gemälde eines winzigen Vogels aus dem Museum, das für ihn gleichermaßen Hoffnung verkörpert wie die stete Erinnerung an das, was er verloren hat …


Kritik:
Angesichts so vieler gelungener Elemente bei John Crowleys Romanverfilmung Der Distelfink, ist es umso erstaunlicher, wie wenig diese zusammenpassen. Im Zentrum der Erzählung steht Theo Decker und wie das Titel gebende Gemälde des niederländischen Künstlers Carel Fabritius aus dem Jahr 1654 ihn auf seinem Werdegang begleitet. Der führt von einem traumatischen Schicksalsschlag quer durch die USA und in eine Welt aus Drogen und Betrügereien. Wie dies mit einem Gemälde zusammenhängen soll, klingt fragwürdig und wirft tatsächlich mehr Fragen auf, als der Film beantwortet.

Der im Jahr 2013 erschienene, gleichnamige Roman von Donna Tartt zählt zu den erfolgreichsten jenes Jahres und wurde darüber hinaus mit dem Pulitzerpreis geehrt. Ob die erzählerischen Schwächen, die sich in dem filmischen Drama finden, daher rühren, dass versucht wurde, die Struktur der Vorlage für die Verfilmung zu übernehmen, können nur diejenigen beantworten, die damit vertraut sind. Tatsächlich erscheint die Erzählung auf zwei Ebenen, einmal in Theos Kindheit und viele Jahre später, wenn er bereits erwachsen ist, als entstamme sie einem Buch. Nur funktioniert die Aufteilung im Film nicht. Nach einem Prolog, in dem die Hauptfigur aus dem Off ohne genau zu werden, zusammenfasst, was das Publikum erwartet, wird Der Distelfink im ersten Drittel aus Sicht des jungen Theo erzählt, der bei einem schrecklichen Anschlag seine Mutter verliert und bei der überaus wohlhabenden Pflegefamilie Barbour untergebracht wird. Dort freundet er sich mit einem der Kinder an und auch Mrs. Barbour scheint einen guten Draht zu ihm zu haben.

Doch als sein erfolgloser Vater auftaucht und Theo aus dieser behüteten Welt nach Las Vegas in eine Straße am gefühlten Ende der Welt mitnimmt, wechselt die Erzählung zum erwachsenen Theo, der bei dem Antiquitätenhändler und -restaurator Hobie untergekommen ist. Dessen Geschäftspartner kam beim selben Anschlag ums Leben wie Theos Mutter, doch seine eigentliche Verbindung ist die bei dem Angriff schwer verletzte Tochter von Hobies Partner, Pippa. Man könnte damit rechnen, dass Pippa und Theo im Erwachsenenalter ein Paar wären – oder werden. Doch so einfach macht es Der Distelfink seinen Figuren nicht, auch wenn sich zwischen dem von Ansel Elgort toll gespielten Theodore und der von Ashleigh Cummings nicht minder beeindruckend verkörperten Pippa eine der besten Dialogszenen des Films abspielt. Stattdessen ist der erwachsene Theo verlobt – mit einer Tochter von Mrs. Barbour, die nach eigenen Schicksalsschlägen stärker gealtert ist, als man vermuten würde.

Da auch Theos Verlobte nicht ganz unbefangen ist, gäbe es an sich genügend emotionale Zerwürfnisse, die Der Distelfink aufarbeiten könnte, doch stattdessen springt die Erzählung wieder in Theos Kindheit und schildert, wie er über einen neuen Freund, Boris, mit Drogen und Alkohol in Kontakt und schlussendlich auf die Schiefe Bahn kommt. Über allem schwebt das Geheimnis, das Theo bei sich trägt, etwas, das er nach der Explosion in jenem Museum an sich genommen hat, obwohl es ihm nicht gehört. Auch hier hält die Geschichte eine Wendung bereit, die Theo unter Druck setzt.
Allerdings gelingt es Filmemacher John Crowley nicht, herauszuarbeiten, weshalb das Gemälde des Distelfink für Theo von so zentraler Bedeutung ist. Ebenso wenig, wie sich das genau äußert. Mit den zeitlichen Sprüngen scheint es, als wollte der Film den tatsächlichen Werdegang Theos nachzeichnen, aber nicht nur, dass dieser viele Lücken aufweisen, die Tatsache, dass die Abschnitte überaus lang geraten sind, macht es schwer, sich auf eine der beiden Figuren, Theo als Kind oder als Erwachsener, tatsächlich einzulassen.

So fällt es am Ende auch schwer, einzuordnen, was Der Distelfink überhaupt sein möchte. Ob es ein Drama um Verlust und Schuld sein soll, um die Wirrungen des Lebens, das aus zufälligen Begegnungen besteht, oder eine Geschichte über das Erwachsenwerden, wenn Theo jegliche Orientierung fehlt, wird nie richtig klar. Mit der überdeutlichen Aufteilung bei der Familie Barbour zu Beginn, dem Mittelteil bei Theos Vater, bei dem sich für ihn keine Entwicklungen ergeben, die nachhaltig wichtig erscheinen, und einem letzten Drittel, das mit einer „Mission“ in den Niederlanden endet und was die Stimmung anbelangt, gar nicht zum Rest passen mag, macht es der Film seinem Publikum ausgesprochen schwer. Schwer, mitzufiebern, schwer sich auf diese Figur einzulassen, bei der man nie weiß, was in ihr vorgeht und ob sie ihr Trauma je verarbeitet hat.
Es schmälert nicht die durchweg beeindruckende Machart und die erlesene Besetzung, von denen alle Beteiligten glänzen dürfen. Es macht das Gesamterlebnis jedoch auch keineswegs packender.


Fazit:
Es mag sein, dass die meisten Fragen, die sich einem trotz der zweieinhalb Stunden Laufzeit aufdrängen, im Roman beantwortet werden. Doch das ändert an der filmischen Umsetzung der Geschichte nichts. Mit den (zu) ausgedehnten Passagen in Theos Kindheit bzw. im Erwachsenenalter, die beinahe ein halbes Dutzend Mal wechseln, aber dennoch nicht parallel erzählt werden, scheint die Struktur des Dramas ein vollkommener Schlamassel. Dass die Figuren am Ende alle in der Luft hängen und keine Reise wirklich abgeschlossen ist, mag beabsichtigt sein. Dass jedoch auch Theo die Konsequenzen seiner Entscheidungen nicht tragen oder sich ihnen stellen muss, passt nicht recht zur Atmosphäre des Films. Trotz der tollen Darbietung und der ständigen Kommentare aus dem Off, wird nie deutlich, was in seinem Kopf vor sich geht. Der Distelfink ist hervorragend fotografiert, toll ausgestattet und fantastisch gespielt. Der Geschichte haftet eine Größe und eine Bedeutsamkeit an, der die Erzählung selbst allerdings nie gerecht wird. Irgendwo hier drin liegt eine tolle und auch in filmischer Form erzählenswerte Story, wenn nicht sogar zwei. Es gelingt John Crowley jedoch nicht, diese auch zu Tage zu fördern. Dabei hätte er nicht nur im Mittelteil Vieles herausnehmen können – oder sollen.
 


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